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Gentz ; Gentz, Elisabeth
An Elisabeth Gentz, Wien, 18. September 1830, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39595 1830

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id891
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Gentz, Elisabeth
LocationWien
Date18. September 1830
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39595
Size/Extent of item11 ½ eighd. beschr. Seiten
Places of printEckardt, Staatsschriften und Briefe, II, 277-282
IncipitMein heutiger Brief wird Dich
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Gentz Wien, 18. September 1830 Wien den 18ten September Meine Gute, liebe Schwester ! Mein heutiger Brief wird Dich in nicht geringe Verwunderung setzen; er wird Dir aber, was Du auch von seinem Inhalt denken magst, als ein Beweis meines liebevollen Vertrauens gewiß nicht unangenehm seyn. In acht Tagen werden in Berlin zwey Tänzerinnen vom hiesigen Oper-Theater - die Demoiselle Therese und Fanny Elssler ankommen, die auf Zwey Monate, unter sehr honorabeln Bedingungen, für das Königliche Theater in Berlin engagirt sind, demnächst aber nach Wien zurück kehren. Ich höre Dich gleichsam // fragen: Was hat das mit dem feyerlichen Eingange Deines Briefes zu thun ? Was gehen Dich diese Tänzerinnen an ? - Eben das ist es, worüber ich mich gegen Dich erklären will. Die jüngste dieser beyden Schwestern, Fanny, ist seit dem vorigen Winter der Abgott meiner Seele. Um dir dies nur erst b e g r e i f l i c h zu machen, muß ich einige Bemerkungen vorausschicken. Dir ist nicht unbekannt daß ich trotz meiner sehr vorgerückten Jahre, stets eine jugendliche Einbildungskraft, und ein jugendliches Herz behalten habe. Du weißt auch aus meinen Briefen, und andern Traditionen, daß ich mich, seit der fast wundervollen Wiederher//stellung meiner Gesundheit, (die eine eben so wundervolle, <von> allen meinen Freunden mit Erstaunen bemerkte Verjüngung meines Aeußern zur Folge gehabt hat) wieder in das gesellschaftliche Leben, dem ich durch so viele Jahre fremd geworden war, geworfen hatte. Neben meinen großen und wichtigen Beschäftigungen bedarf ich nothwendig wenn ich mich erhalten soll, einer Aufheiterung dieser Art, und alle, die mir wohl wollen, wünschten mir zu meinem Wieder-Eintritt in die Welt aufrichtig Glück. Indessen ward ich bald inne, daß ich <in> den, wenn gleich sehr angenehmen und ausgezeichneten Zirkeln, in denen ich lebte, nicht d a s Interesse finden konnte, was ich eigentlich suchte; // kein Verhältniß das mich fesselte, kein Herz, das ausschließend dem meinigen entsprach. In dem Zeitpunkt, wo dies Gefühl mich ergriff, lernte ich F a n n y kennen. Ihre Reitze und ihre Talente bezauberten mich Anfangs auf dem Theater. Durch einen höchst sonderbaren Zusammenfluß von Umstände, die hier zu erzählen nicht der Ort ist, machte ich ihre persönliche Bekanntschaft. In kurzer Zeit gewann ich sie lieb. Ich fand in ihr, was ich nimmermehr erwartet hatte - eine einfache, edle, zuverläßige, von aller Koketterie in einem fast unglaublichen Grade freye Person, die auch in dem Umgang mit mir den höchsten Stolz, und das höchste Glück ihres Lebens setzte. // Daß sie, außer ihrer Schönheit, Eigenschaften besitzen mußte, die einen vertrauten Umgang m ö g l i c h machten, daß sie etwas anders als eine gewöhnliche Tänzerin seyn mußte, wirst Du Dir leicht vorstellen können. Ich kan Dir nur mit kurzen Worten sagen, daß ich diesem Mädchen seit sechs Monaten eine Summe von Glückseligkeit verdanke, die ich in meinen Jahren durchaus nicht mehr erreichbar geglaubt hatte, und daß ich nahmentlich unter den heftigen Gemüths-Erschütterungen, welche die furchtbaren Begebenheiten dieser Zeit in mir bewirkten, unausbleiblich zu Grunde gegangen wäre, wenn s i e nicht wie ein schützender Engel mir zur Seite gestanden, meinen Geist und mein // Herz erfrischt, und auch mit dem Leben versöhnt hätte. Und das Merkwürdigste dabey ist, daß ich dieses Verhältniß in seiner ganzen Fülle genießen konnte - ohne meiner Geschäfts-Thätigkeit den geringsten Abbruch zu thun - ohne mich mit der Höhern Gesellschaft, die ich aus Politik nicht aufgebe, und die mich immer gleich gern sieht, zu brouilliren - und ohne die Meynung und Achtung meiner Freunde, irgend aufs Spiel zu setzen ! Ob ich dies der Gunst des Schicksals, oder meiner eignen Geschicklichkeit, oder dem Verdienst meiner Geliebten, [xxx] oder allen diesen Umständen gemeinschaftlich zuschreiben muß, will ich nicht weiter untersuchen. Daß ich Dir, liebe Schwester, dieses Bekenntniß ablege, dazu // habe ich zwey Gründe. Der erste ist, daß Fanny in Berlin sicher einiges Aufsehen erregen, und daß dabey von meinem Umgange mit ihr, der in Wien kein Geheimniß ist, höchst wahrscheinlich gesprochen werden wird. Wenn Dir dergleichen zu Ohren kommen sollte, so weißt Du nun, wie es sich damit verhält, und darfst Dir meinetwegen keinen Kummer machen. Der andre Grund interessirt mich noch mehr. Ich wünschte nehmlich, daß Du diese Fanny, wenn es auch nur ein einziges Mahl wäre, außer dem Theater s e h e n mögtest. Was mir diesen Wunsch eingiebt, kanst Du aus dem bisher gesagten leicht erklären. In wie fern Du diesen Wunsch erfülen k a n s t, erfüllen zu wollen Lust hast, vermag ich nicht zu bestimmen. // Ob Du von einer Tänzerin Notiz nimmst, ob Du überhaupt das Theater besuchst, ob es Dir nicht widersteht, mit einer Theater-Person Bekanntschaft zu machen, ob D e i n e gesellschaftlichen Verhältnisse es erlauben, ob Du [Dich] Selbst noch jugendlichen Gemüthes genug bist, um Dich in m e i n Verhältniß hinein zu denken, nicht vielmehr meine seltsame Liebschaft verlachen, bemitleiden, oder in den Bann thun wirst - das alles vermag ich nicht zu beurteilen. Du wirst überdies (ihr liebes Gesicht, und ihre Schöne Gestalt bey Seite gesetzt) nichts Glänzendes, nichts ausgezeichnetes <an ihr> finden; denn sie ist höchst einfach, still, bis zur Schüchternheit bescheiden, und man muß sie so kennen, wie ich sie kenne, um zu // verstehen, wie man sie so lieben kan. Genug aber, Du sollst sie m i r zu Gefallen, wenn auch nur eine Viertelstunde lang, in der Nähe sehen; und dies, wie verrückt es Dir auch scheinen mag, wirst Du nicht unbedingt verwerfen. Ich will Dich noch auf etwas aufmerksam machen, was ein kleines Gewicht in die Wagschale meines Wunsches legen kan. Sie besitzt nehmlich ein vor kurzem gemahltes, und vollkommen ähnliches Portrait von mir. Dieses Portrait wird Dir nicht allein zeigen, wie ich heute w i r k l i c h aussehe, sondern auch zu einer Vergleichung mit meiner Figur, wie sie vor 5 oder 6, oder 10 Jahren war, dienen, die allerdings zu meinem Vorteile, aber gewiß auch zu Deiner Zufriedenheit ausfallen wird. Jetzt weißt Du alles. - Und jetzt sey so gut, diesen tollen // Brief sogleich zu beantworten. Aus Deiner Antwort will ich erst schließen, ob ich weiter gehen soll, oder nicht. Nimmst Du meinen Antrag an, so werde ich der Fanny eine kleine Commission für Dich geben, mit welcher sie sich bey Dir anmelden laßen soll; und Du kanst sie alsdann zu Dir einladen laßen. Bist Du hingegen nicht geneigt, sie zu sehen, so schreibe es mir ohne allen Umschweif; il n'en sera plus question, und ich werde Dich deshalb nicht weniger lieben. Da die Elsslers zwey Monat in Berlin bleiben, so haben wir Zeit genug, eins oder das andre zu beschließen. Ich bin einigermaßen verwundert, daß Du mir so // lange nicht geschrieben hast, da doch die schrecklichen Revoluzionen, die sich seit den letzten July-Tagen ereignet haben, Dir meinetwegen Besorgnisse geben mußten. Du aber wirst noch weit mehr verwundert seyn, in einem solchen Zeitpunkte von mir einen Brief, wie der (eine halbe Zeile ausgeschnitten) u erhalten. Du kanst (fast eine Zeile ausgeschnitten) diable n'y (ungefähr 6 Zeilen des Briefes ausgeschnitten) entsetzlichen Zeit, ein Gegen-Gewicht des Friedens und der Heiterkeit zu schaffen, warum sollte ich D i r verbergen, wie in meinem // sonderbar-bewegten Leben, sich das Gute mit dem Bösen vermählt ? In jedem Falle wirst Du in meinem heutigen Schreiben den besten Beweis meiner unveränderten Gesinungen, und meiner immer gleichen brüderlichen (Rest des Briefes ausgeschnitten). H: Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39595.x Bl., F: ; 11 ½ eighd. beschr. Seiten. Adresse auf Briefumschlag: A Madémoiselle / Madémoiselle de Gentz / à / B e r l i n. D: Eckardt, Staatsschriften und Briefe, II, 277-282.