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Münster, Graf Ernst Friedrich Herbert zu ; Gentz
Von Graf Ernst Friedrich Herbert zu Münster, London, 2. Januar 1821, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv, Hannover. Nachlass Graf Herbert zu Münster, Dep. 110, A 122, Nr. 1 1821

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id753
Issuer of letter
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Münster, Graf Ernst Friedrich Herbert zu
Addressee of letter
Gentz
LocationLondon
Date2. Januar 1821
Handwritten recordNiedersächsisches Hauptstaatsarchiv, Hannover. Nachlass Graf Herbert zu Münster, Dep. 110, A 122, Nr. 1
Size/Extent of item4 Bl., 7 Seiten von zwei Schreiberhänden, F: 333mm x 198mm
IncipitEwr. p. Schreiben vom 6ten Dec.[ember] habe ich
Type of letterBriefe an Gentz
Digital item: TextVon Graf Ernst Friedrich Herbert zu Münster London, 2. Januar 1821 Abschrift confidentiel London den 2ten Jan. 1820 [!] Ewr. p. Schreiben vom 6ten Dec.[ember] habe ich mit dem größten Interesse und mit der Aufmerksamkeit gelesen, die alles das verdient, was aus Ihrer Feder kommt. Fürst Esterhazy hat mir das Memoire mitgetheilt auf welches Sie sich beziehen. Ich habe keine Hofnung daß es die Entschlüsse des hiesigen Cabinets über eine nähere Tehilnahme an den jetzigen Verhandlungen in Troppau ändern werde. Wenn man in der Lage ist, jede seiner Handlungen mit Bosheit und Hinterlist engegriffen zu sehen, und sich vor einer Nation vertheidigen zu müssen, deren Begriffe in der That so irre geleitet sind, wie die der Englischen; so findet man leicht aus, daß das Unterlassen, auch wenn es weit schädlicher in seinen Folgen als das Handeln seyn sollte, unendlich leichter als dieses zu vertheidigen ist. Das eigene Interesse (welches man denn so gern mit dem des Staats identificirt) leitet daher nur zu leicht auf ein Isolirungs-System, von dessen Wahrheit man sich bald (wie der durch seine Geschichten berühmt gewordene Münchhausen von seinen Lügen) überzeugt, weil man sie sich selbst eingepredigt hat. Ich war so fest von der Nützlichkeit und von der Möglichkeit einer Theilnahme Englands an den gegen Neapel zu nehmenden Maßregeln überzeugt, daß ich meinen geringen Einfluß angewandt habe, um dieselbe zu bewürken, aber vergebens. Alle Argumente finden hier am Ende eine in den Augen der Engländer vollgültige Widerlegung in der Versicherung, daß man dieses oder jenes im Parlament nicht würde durchsetzen können. Wenn man dagegen sagt, daß Pitt Coalitionen gegen Frankreich geschlossen habe, welche die Zahlung von Millionen und die Kosten großer Rüstungen erfordert hätten; so findet man in dem Eroberungs-Geist der französischen Revolution einen Grund des Unterschiedes gegen die in Frage stehenden Fälle, bei welchen das Umsichgreifen des revolutionairen Geistes und Würkens nicht in Anschlag gebracht wird. Haben Sie die Güte eine Depesche, die ich am 21. Dec.[ember 1820] (mit einem russischen Courier) an Hardenberg schrieb, anzusehen. Da mir Fürst Esterhazy eine Abschrift abgefordert hat; so werden Ew. E.[xzellenz] p. dieselbe vielleicht beim Fürsten Metternich finden. In dieser Depesche habe ich auf die wahren Schwierigkeiten aufmerksam gemacht die einen unbedingten Beitritt Großbritanniens zu den damals in Antrag seyenden Maßregeln entgegen stehen. Meine in jener Depesche an den Tag gelegte Überzeugung kann ich auch noch nicht ändern. Ich bin weit entfernt, die Rücksichten gering zu schätzen, welche den Fürsten von Metternich unter den jetzigen Umständen sehr vorsichtig machen müssen. Die innere Lage Englands, das jetzige System seines Cabinets, in Beziehung auf innere und äußere revolutionaire Umtriebe, die Verhältnisse des Russischen Cabinets zum Liberalismus, der bedenkliche Einfluß de Caze noch auf seinen Hof auszuüben scheint (der sich sowohl in der plötzlichen Veränderung der ansichten Frankreichs, über die Italiänischen Unruhen, als durch den aufallenden Antrag einer Mediation verrathen hat) alle diese Umstände machen einen raschen in allen Rücksichten sonst so wünschenswerthen Angriff auf das Regiment der Carbonari vielleicht bedenklich. Ixh kann nicht entscheiden ob ein solcher rascher Schlag dennoch nicht, wenn einmal ausgeführt, eben so ruhig hingenommen seyn würde, als die letzten Beschlüsse über den deutschen Bund, die auch für gewisse Höfe nicht schmackhaft waren. Noch jetzt aber würde unstreitig die durch die Alliirten zu bewerkstelligende Unterdrückung der Neapolitanischen Revolution kräftiger würken als alle Erklärungen über künftige ähnliche Fälle und als alle Verträge, deren A u s f ü h r b a r k e i t von u n v o r h e r z u s e h e n d e n Umständen abhängen muß, daß sie die Revolutionairs nicht abschrecken und die Regierungen nicht schützen werden. Welcher Fall kann je eintreten der die Intervention Oesterreichs oder der Alliirten bestimmter rechtfertigen, dessen Augang weniger zweifelhaft seyn könnte, als der Neapolitanische ! Welcher Ausgang läßt sich aber jetzt von der Zusammenkunft in Laibach, von der Intervention des Pabstes und von den übrigen Moyens de Negociation erwarten, die man noch erschöpfen will ? Der alte König kömmt, nachdem er seine früheren geheimen Widersprüche gegen das Geschehene durch neue Eide entkräftet, und sich selbst fester gebunden hat ! Auf allen Fall hat er d i e S t r a l o s i g k e i t d e r R e b e l l e n und d e r C a r b o n a r i selbst verbürgt ! Diesen Punct sehe ich für höchst wichtig an, und der Fürst Metternich hat in seinem ersten Memoire der Bestrafung jener Menschen als n o t h w e n d i g erwehnt. Die einräumung der den Neapolitanern zugesagten Constitutionellen Puncte ist weniger gefährlich, vielleicht rathsam. Aber die Straflosigkeit der Verbrecher, ja die Belohnung einiger der bösesten hat seit 1814 unendlich dazu beigetragen den Revolutions-Geist zu verstärken. Die Liberalen spielen ein Spiel bei dem sie ungeheuer gwinnen können, und bei dem fast noch keiner verloren hat, denn Vermögen haben sie selten einzubüßen. Der einzugehende neue Vertrag wird sie von künftigen Versuchen nicht abschrecken, denn ich sehe bis jetzt nicht ein, welche neue Garantie dadurch gegeben wird ? Der Inhalt der Briefe, welche die in Troppau vereinigte Souverainen an den König von Neapel geschrieben haben, zeigt deutlich, daß sie die aus der Allianz von 1814. -1815. und 1818. fließenden Verbindlichkeiten nicht auf die bloße Garantie der geographischen Gränzen beschränken. Das allgemeine Völkerrecht giebt auch unstreitig jedem unabhängigen Staat das REcht sich in die innern Angelegenheiten anderer Staaten zu mischen, die seiner eigenen Sicherheit gefährlich seyn müssen. Der neue Tractat schaft also keine n e u e Rechte für die alliirten Mächte, aber er läßt neue Schwierigkeiten besorgen indem er deren Anwendung von unvorherzusehenden Umständen abhängig bleiben m u ß. Wodurch soll uns denn eine neue Allianz zur Aufrechterhaltung der bestehenden Verfassungen dem erwünschten Ziel, der Befestigung der Ruhe, näher führen, da man genöthigt ist, im Augenblick da man sie eingehet, von frei schrecklichen Revolutionen zwei ganz ungerügt zu lassen, und sich in Ansehung der dritten, in Negociationen über politische Grundsätze und politische Verbrechen einzulassen, über die nie transigirt werden sollte ! Es sind die vielen Ausnahmen die gegen die Würkung der neuen Allianz eintreten müssen, die ihrem Eindruck für die Revolutionssüchtigen schwächen wird. Es liegt im menschlichen Geiste auf die A u s n a h m e n zu seinem Besten zu rechnen. Wer würde so thörigt seyn in der Lotterie zu spielen, wenn man nicht hoffte der glückliche zu seyn ? Würde man hemals Freiwillige zum Erstürmen einer Bresche finden wenn man gewiß wüßte, daß alle fallen müssen ? Einige pflegen durchzukommen und deshalb findet man in allen Armeen Freiwillige. Sie werden sagen, daß der in Vorschlag gebrachte Tractat die Sachen wenigstens nicht schlimmer stellen könne, als sie stehen. Ich glaube ja. Die Anwendbarkeit des aus dem allgemeinen Völkerrecht herzuleitenden Eimischungs Rechts in fremde Unruhen ist unbestimmt - et ignota pro magnificis habentur. Der Tractat muß die Fälle präcisiren, und das im Augenblick da zwei Revolutionen dessen allgemeinen Anwendbarkeit Trotz biethen. Dann hindert der Tractat das zeitige Zuschlagen oder die schnelle Dazwischenkunft einzelner Mächte und mit dem Zeitverlust ist gemeiniglich alles verloren. Ich wiederhole was Tacitus sagt. Ceterum ex distantibus terrarum spatiis, consilia post res afferebantur. Da ich auf den Punkt der Ausnahmen komme, so erlauben sie mir noch folgende Bemerkung. Ihr Mémoire erwehnt sehr richtig des Falls der Einmischung der Alliirten in solche Staats-Umwälzungen, die mit Einwilligung des Souverains herbeigeführt werden, die aber für auswärtige Staaten Gefahr drohen. Soll in einem solchen Fall die Intervention erst dann Statt finden, wenn die Revolution ausgebrochen ist; so wird man dem Arzt gleichen, der den Kranken erst dann behandeln wollte, nachdem er gestorben oder wenigstens Schein-Todt wäre - Und doch wie können die Alliirten früher einwürken ? Nehmen wir das Beispiel Spaniens, wo die unbegreiflichsten Fehler der Regierung die Revolution fast unvermeidlich gemacht haben; würden die Alliirten sich mit Erfolg jenen Absurditäten widersetzt haben ? Oder werden sie sich je so in die Englischen Angelegenheiten mischen, weil eine grundverderbte Presse den geringen und zum Theil den vornehmen Pöbel lenkt und die Verfassung in Gefahr bringt ? Wie sehen jetzt den Fall einer revolutionairen Maaßregel die uns in Norwegen bedroht vor Augen, und diese Maßregel wird der Verfassung g e m ä ß vielleicht unvermeidlich seyn ? Der Storthing hat auf Abschaffung des Adels angetragen; der König hat den Antrag verweigert; wenn nun der Storthing denselben in der nächsten Sitzung wiederhohlt, so wird er eo ipso zum Gesetz. Wie wird man hier die präventiven Maßregeln in Anwendung bringen ? Und och wie heilsam könnten sie wirken, wenn s i e m ö g l i c h wären ! Liberaler Könige nicht zu gedenken, lassen Sie uns unsern Blick auf 5. oder 6. Kron-Prinzen richten, die zum Theil würklich schon mit Jacobinern (und wie die, jenen ähnlichen Secten hassen mögen) sich compromittirt haben, oder deren Grundsätze höchstverdächtig sind ? Daneben haben wir in Schweden einen König der wenigstens ein Revolutionair gewesen ist, und dessen Person, so wie die seines Erben, nothwendig den Soldaten Stand an den Spruch erinnert: que le premier des Rois fut un Soldat heureux. Da wäre also ein weites Feld für präventive Maßregeln. Niemand wird aber glauben, daß der neue zu schliessende Bund jene Maßregeln zur Anwendung bringen werde. enn aber sein Nutze[n] (meines Erachtens) höchst problematisch bleibt; so ist der Nachtheil der daraus entstehen kann, eine wahrscheinlichere Folge. Zwey Verträge die für die Ruhe Europas wichtig sind, die quadruple (oder quintuple) Allianz und der deutsche Bund können dadurch gefährdet werden - Die erwähnte Allianz, weil eine neue, mit Ausschluß zweyer mächtigen Theilnehmer, entsteht, und weil aus diesen verschiedenen Verhältnissen unter den Alliirten bei den wichtigsten politischen Fragen Collisionen entstehen müssen. Der Deutsche Bund aber scheint gefährdet zu werden, wenn mehrere seiner wichtigsten Mitglieder bei einem Gegenstand der die innere Ruhe ihrer eigenen und andern Staaten betrift, von den festen Grundbestimmungen des Bundes-Vereins durch andere Vereinbarungen abgezogen werden, welche die nothwendigen Bedingungen nicht zu lassen, die nur in einem föderativ Verhältnisse möglich sind. Sollte nicht gar von einer gewissen Seite (die bei jenen deutscher Bestimmungen Bedenken gefunden hat) auf deren Ausdemwegeräumung, durch einen neuen Vertrag, Bedacht genommen seyn ? Unsere Wiener Verabredungen schlossen Undeutsche Einmischungen aus; Jetzt will man sie vertragsmäßig herbeiführen. Ich habe keinen Zweifel, daß Fürst Metternich, daß Graf Bernstorff und Sie selbst diese Zweifel vorher erwogen, und daß Sie triftige Gründe gehabt haben werden, über selbige hinwegzugehen. Ich weiß sie nur von meinem hiesigen entfernten Standpunct nicht zu heben, und halte mich daher verpflichtet, selbige, bei dem unbeschränkten Vertrauen welches ich für Ihr Cabinet hege, frey an den Tag zu legen. Selbst bei der Gefahr Sie eben so sehr gegen mich aufzubringen als damals wie ich mich selbst in Wien eines Crypto liberalismus verdächtig anklagen mußte ! Ewr. Hochwohlgebohrene Ansichten über die jetzige Lage Englands, theile ich auf das Vollkommenste. Man sagt hier, daß die gesunde Vernunft zurückgekehrt; wenn es gegründet ist, so ist doch die Heilung partiel und langsam. Machen Sie sich keine Hofnung darauf, daß die hochverrätherischen Ränle der Königin ihren verdienten Lohn erhalten werden. Das höchste wovon man spricht, ist ein Vote of Censure von Seiten des Unterhauses: aber auch dafür ist die Hofnung schwach. Das Grund-Übel liegt im Erlöschen eines richtigen politischen Ehrgefühls, und dies läßt sich sobald nicht herstellen. Ich will Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen und schliesse mit der Bitte um meine angelegentlichste und gehorsamste Empfehlung an den Herrn Fürsten von Metternich und Grafen von Bernstorff. Mit besondrer Hochachtung verharre ich Ewr. p Graf v.[on] Münster. An den Herrn Hofrath v.[on] Gentz. H: Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv, Hannover Nachlaß Graf Herbert zu Münster, Dep. 110, A 122, Nr. 1 4 Bl., 7 Seiten von zwei Schreiberhänden, Format: 333mm x 198mm D: bisher ungedruckt.