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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 20. Januar 1787, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1787

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id749
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date20. Januar 1787
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 238mm x 180mm; 4 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 10, 83-86; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 22, 97-100; Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 66-69 (tlw.)
IncipitAus dieser großen, furchtbaren Einöde
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 20. Januar 1787 Berlin den 20ten Januar. 1787. Aus dieser großen, furchtbaren Einöde der Welt, hebe ich mein Haupt und meine Stimme endlich einmal zu Ihnen auf, theure, erste, einzige, unvergeßliche Freundinn, und sehe - ach ! mit Thränen, die mich fast vom Schreiben hindern, auf den - unermeßlichen - Zwischenraum, der uns trennt. U n s ? - U n s ? - Nein ! U n s trennt Nichts. Unsre Seelen hängen zusammen, und keine Ewigkeit zerreißt dies himmlische Band: aber die Maße von Staub mit der sie verbunden wurden, und die Umstände, in die sie geworfen - oft geschleudert sind, o ! meine Graunin ! - die sind mächtiger, scheinen mächtiger zu seyn, als wir. A l s w i r ? - Sollte das seyn ? Glauben Sie nicht - o ! bey dem Schimmer von Glückseeligkeit worauf Sie vielleicht noch hoffen - glauben Sie nicht etwan in einer unglückseeligen Stunde der Verblendung, daß ich Sie vergeße, und daß ich glücklich bin. Ich bin es nicht. Ich werde es nicht seyn. Ohne Sie glücklich seyn - ich würde roth werden vor Scham, wenn der alberne Gedanke mich ergriffe. Ich konnte und sollte nur mit Ihnen glücklich seyn. - Ich werde nie glücklich werden. Aber in diesem unaufhörlichen kraftlosen Streben nach einem Schattenbild von Glückseeligkeit, das mich täuscht, verirrt sich mein elender, zerrütteter Geist, in tausend Labyrinthe, elender, geschmackloser Beschäftigungen, und falscher, jämmerlicher Freuden. Meine schönen Gefühle werden stumpf: meine kostbaren Ideale verfliegen, meine herrlichen Thränen vertrocknen: ich soll, ich soll ein Alltags-Mensch werden; aber der Uebergang zu dieser elenden Verwandlung, ist mit Wehen verknüpft, die bey der Auflösung meines Wesens oft nicht schmerzhafter seyn könnten, und ich bin in Gefahr, das einzige Gut <zu verliehren>, was mir noch aus der schönen Welt, die ich verlaßen soll, mitzunehmen erlaubt ward, - den Verstand, den die wohlthätige Natur mir gab. // Wundern Sie Sich noch, daß ich Ihnen so lange nicht schrieb ? Was sollte ich Ihnen schreiben ? Sind Sie glücklich ? - Fort ! Sie schicken Sich nicht für mich ! - Sind Sie unglücklich ? Bey mir wächst kein Trost für Ihre Wunden: ich habe mit Akten und mit Berlinschen Narrheiten zu thun. Wo könnte ich Zeit für meine Freunde haben ?Angebetete, göttliche Frau ! Sie allein, Sie, Sie hätten der Schutz-Engel meines Lebens seyn müßen. War es mir vergönnt, mit Ihnen - abscheulicher Gedanke j e t z t ! - nein ! nur b e y Ihnen, nur unter Ihren Augen meine Tage hinfließen zu sehen, ich weiß es, ich weiß es: dann wäre ich glücklich gewesen. Meine köstlichsten Gefühle nähren und stärken, meine moralischen Ideen realisiren, meine herzliche Liebe zur Tugend b e l e b e n und halten, das konnten nur Sie ! - Ich werde nie glücklich seyn. Es vergeht kein Tag, keine Stunde keines Tages, wo ich nicht an Sie, vortreflichste Freundinn, mit Wärme und Lebhaftigkeit dächte. Aber was hilfts ? Ich sehe, ich höre Sie nicht: ich weiß nicht einmal, wie Ihr Schiksal mit Ihnen umgeht. Wenn sie todt wären, wäre ich nicht unglüklicher. Nicht unglücklicher ? - Das fehlte noch, um meine Verirrung, meine Raserey vollständig zu machen. Nicht unglücklicher, wenn der letzte Strahl von Hoffnung, der letzte, chimärische Funke von Licht in der Ferne, ausgegangen wäre, wie die letzte Lampe im dunkeln Kerker ? Nicht unglücklicher, wenn ich auch nicht den trocknen, matten, traurigen Trost mehr hätte: zu denken, daß ich mit Ihnen in Einer Welt lebe ? - Erhabne Vorsicht ! rechne mir unter meinen andern Thorheiten auch diese, gnädig, nicht zu, daß ich glaubte, ich könnte nicht u n g l ü c k l i c h e r werden ! Was schließen Sie aus dem, was Sie bisher lasen ? Was Sie wollen, alles, was Sie wollen, nur nicht, daß ich Ihrer nicht werth wäre. Nein ! wer Sie so verehrt, wie ich, verdiente - ja ! - einen der ersten Plätze in Ihrem Herzen. Ich habe ihn, ich weis es, ich habe ihn, und ich will ihn nicht verliehren, so lange ich mich selbst noch nicht ganz verlohren habe. // Auch den Schluß sollen Sie nicht aus meinen bittern Klagen ziehen, daß ich unter dem Druck äußerlicher Umstände oder Unglücksfälle litte, noch weniger, daß meine tiefe, entsetzliche Unzufriedenheit die Strafe des Gewißens für begangne Sünden wäre. Nein ! Meine Lage ist glücklich - wie etwa Gossow, der Münzmeister [xxx] das Wort nehmen - meine Aussichten sind so glänzend daß ich vielleicht in einem halben Jahre KriegsRath seyn werde - und mein Gewißen ist rein, weil ich, wenn gleich nicht nach strenger Moralität, doch auch nie so handle, daß ich mich mit großen Vorwürfen beladen sollte. Aber mein unaufhörlicher Kummer, und mein unabläßiger Vorwurf ist das: daß ich den Geschmack an wahren Vergnügungen, weil ich ihn nicht cultiviren kan, verliehre, daß ich hier kein Herz, daß ich in der ganzen Welt kein Herz finden kan, was so mit mir harmonirt, als das Ihrige: daß ich oft die Freude suche, wo ich sie nicht finde, bey jedem fehlgeschlagnen Versuch muthloser werde, daß ich nicht Kraft genung habe, blos mir zu leben, nicht l e b e n d i g e Ueberzeugung genung, daß ich die Glückseeligkeit, die nicht in mir liegt nirgends anders antreffen werde, und daß ich mich daher oft in einem Wirbel falscher Freuden, zweckloser Beschäftigungen, und grundleerer Hoffnungen verstricken laße, woraus mich Nichts ziehen könnte, als ein Gespräch von einigen Stunden mit Ihnen. Daß ich glücklich seyn k a n, daß mein Sehnen nach Glückseeligkeit nicht etwa leere, hypochondrische Grille eines nimmersatten Herzens ist, das mitten im gewünschten Genuß nach Veränderung seufzte, das habe ich bewiesen, weil ich bey Ihnen glücklich gewesen bin, weil ich Nichts zu begehren übrig hatte, als ich bey Ihrer Herzens-Ergießung in dem stillen Hause Ihrer Mutter, bey dem freundlichen Frühstück, durch Ihre Hand bereitet und geheiligt, bey so manchen [glatte] herrlichen Stunden, durch Ihre bloße Gegenwart geheiligt, fühlte, daß ich d a z u gebohren wäre, weil ich jetzt mit herzlicher Wollust daran zurückdenke. Ich konnte also glücklich seyn. Ich werde nie glücklich werden. Wären Sie immer bey mir gewesen - ehmals, eh ich Sie kannte - so hätte ich mir die Dehmüthigung erspart, ein Mädchen // zu lieben, die nicht werth war, daß ich ihr Freund war, weit unter mir in allen wahren Vorzügen, die mich elend gemacht hat, da sie nicht einmal verdiente, mich glücklich zu machen. Wären Sie jetzt bey mir, so würde ich nicht so oft meines Rangs in der Schöpfung vergeßen, und aus Verzweiflung meine Freundschaft - und Gott gebe nur nicht meine Liebe - verschleudern, weil ich sie nicht nach Würden verschenken kan. Ich habe seit dem Augenblick unsrer letzten Trennung nur einen einzigen Brief von Ihnen gesehen. Er war 5 Wochen alt. Laval brachte mir ihn. Verantworten Sie Sich darüber, warum Sie mich so lange schmachten ließen. Gute Frau ! wie kan i c h das verlangen, da ich es selbst nicht im Stande bin. Aber aus Großmuth, aus Freundschaft: Schreiben Sie bald an mich ! Ich höre von Ihrer Schwiegermutter, daß Sie bald aufs Neue Mutter seyn werden. Wenn das vielleicht die Ursach ist, warum Sie so lange nicht an mich schrieben, so ist Ihre Entschuldigung ehrwürdig, aber vollkommen gültig ist sie doch nicht. Sehen Sie, theure liebe Frau, diesen Ausbruch starker und drückender Empfindungen nicht etwa für den Brief an, den ich Ihnen schuldig bin. Nein ! er ist blos die Einleitung dazu. Ich werde ihn nächstens anfangen und dann auch in einem Strich vollenden. Ich habe das gegenwärtige Blatt durch George bestellen laßen, weil ich hoffe, daß er seinen Auftrag prompt und gut erfüllen wird. Das kan er ja wol recht gern thun, um sich ein klein Verdienst bey einer Person zu erwerben, die er anbetet.Leben Sie wol, einzige Freundinn ! Ihr Freund ist sehr krank, und wer weis, wenn Sie und der Himmel ihn nicht retten, ob er je wieder genesen wird. Aber gesund, krank oder todt, für Sie wird er immer leben, und wenn alle Bilder der Welt schon vor seinen Augen verschwinden, so wird ihn das Ihrige nicht verlaßen, das seine Freude und sein Trost in der Welt war. Ihr ewig ergebenster Gentze. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 238mm x 180mm; 4 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 10, 83-86. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 22, 97-100. Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761- 1835, Leipzig 1937, 66-69 (tlw.).