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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, zweite Hälfte des Jahres 1791, 1791

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id685
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Datezweite Hälfte des Jahres 1791
Places of printDorow, Wilhelm (Hrsg.): Erinnerungen für edle Frauen von Elisabeth Stägemann. Nebst Lebensnachrichten über die Verfasserin und einem Anhange von Briefen, II, Leipzig 1846, 190-197; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 29, 113-117; Olfers, Magarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 74-78
IncipitEs gab einst eine furchtbare Verabredung
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, zweite Hälfte des Jahres 1791 Es gab einst eine furchtbare Verabredung unter uns, theure Freundin, die meine Verdammniß, meine unwiederbringliche Verdammniß entschied, wenn ich in einem Termin, den ich längst gar weit überschritten habe, Ihrer zu vergessen scheinen sollte - es liegt außer dieser Verabredung in der Natur der Dinge, daß der Empfang dieses Briefes, außer dem Gefühl einer gewissen Verwunderung über das Unerwartete, kein ander lebhaftes Gefühl in Ihnen rege machen wird: aber ich m u ß ihn schreiben, wenn Sie auch seiner gar wohl entbehren könnten und wie Sie ihn auch immer aufnehmen mögen, ich weis sehr wohl, wie ich ihn schreibe. Es war eine Zeit wo unsre Herzen sich verstanden, auf leise Winke verstanden, eine Zeit, wo Sie in meinem Umgang fanden, was Ihnen rund um Sie her versagt war, und wo ich mein Daseyn nur achtete, weil ich es wagen durfte, Sie gränzenlos zu lieben. Sie wissen, wie diese reine, innre, heilige Liebe unter so manchen Schlägen meines sonderbaren Schicksals, und sogar unter den heftigsten Stürmen der wildesten Leidenschaft, in die nur je der Zauber der Sinne ein beßres Herz verwickelt hat, im Glück und im Elend, in der Verzweiflung und in der Wonne, gleich wahr und schön und mächtig, wuchs, und gedieh, und den edlern Theil meines zerrißnen Wesens belebte, stärkte und erhielt. Sie wißen, was Sie mir waren, Sie wißen, daß wir tausendmal - o ! und wie unendlich, wie ewig wahr ! - wenn wir unsre Verhältniße, und die Verhältniße der Menschen um uns her berechneten, dem kalten, dem unerbittlichen Schicksal vorhielten, daß es uns nicht für einander geschaffen hatte. Sie sind das einzige Wesen in der ganzen Schöpfung was alle Revolutionen in mir überlebt, alle Perioden meiner Existenz in ungeschwächtem Glanze durchwandert hat. In den fünf Jahren die seit unserer Trennung verfloßen, hat der Maaßstab, mit dem ich die Menschen meße, gewaltige Alterationen erlitten, er ist zuletzt, ich leugne es nicht, durch die immer wachsende Entwicklung meines innern Menschen, zum Theil auch durch einige Modelle hoher, vollendeter Menschlichkeit, die ich auf meinem Wege fand, so groß geworden, daß ich jetzt das Meiste von dem, was mich sonst befriedigte, verachte, und, so stolz und hart es auch klingen mag, fast alle Gegenstände meiner ehmaligen Bewunderung, selbst in den Menschen, die ich noch jetzt nur aus andern Gesichtspunkten schätze, mit Füßen trete. Sie allein sind mir nicht allein groß, göttlich und liebenswürdig geblieben, sondern Sie sind es mir auch in gleicher und unveränderter Gestalt geblieben. Wenn ich so, wie ich jetzt bin, Ihren Werth zum erstenmahle erblickte, so würden Sie, das ist die erstaunenswürdige Ausnahme die Sie in dem Gange der Begebenheiten meiner innern Welt machen, eben den schönen, und eben den frischen und lebhaften Eindruck auf mich machen, den Sie ehmals in mir hervorbrachten, und den jetzt mir gar wenig Wesen dieser für mich entzauberten Erde hervorbringen können. Es ist mir eben darum aber ganz unglaublich, daß ich Ihnen gleichgültig geworden seyn könnte. Es dünkt mir kaum einmal Vermeßenheit, zu zweifeln, ob Sie irgendwo für das, was Sie an mir - nicht verlohren haben, aber doch zu verliehren glaubten, vollen Ersatz gefunden haben. Ich weis nicht, oder beßer, ich weis gar wohl, wie es zugeht, daß es mir scheint, als müßte allen den Menschen, die Sie (während meiner langen Vernichtung für Sie) zum Umgange wählten, wie geistreich, wie gefühlvoll, wie durchdrungen von Ihrer Herrlichkeit sie auch sein mochten, etwas abgehen, was nur in mir liegt, und was für Sie von Wichtigkeit ist, Nein, so hat noch keiner Sie empfunden, so hat noch keiner an Ihnen gehangen, als ich. Nach einem Stillschweigen von zwey Jahren klingt es fast wahnsinnig, was ich Ihnen sagen werde, aber ich sage es doch: wenn Sie meine Stelle in Ihnen irgend einem andern vergeben hätten, es wäre eine unaussprechliche Ungerechtigkeit gewesen. Uebrigens sage ich Ihnen mit einem wahren Triumphs-Rausch, denn hier ist der Stolz das Vorgefühl der höchsten Seeligkeit, daß ich Ihrer Freundschaft werth bin. Was Sie auch seit meiner Abwesenheit für Gerüchte von mir gehört haben mögen, glauben Sie mir, mir, der ich Ihnen nicht lügen würde, und wäre ich ein Bösewicht, glauben Sie mir, mir, der ich mich und die Menschen kenne, der ich mich mit unbarmherziger Strenge richte und Resultate über Menschenwerth zu ziehen weiß, ich bin in den fünf Jahren die ich von Ihnen bin mit unaufgehaltenem Schritt zur Vollkommenheit gegangen: mein inneres Wachsthum ist, selbst durch mißliche und gefahrvolle Lagen, in die ich mich stürzte, durch manche Handlungen, die, selbst in dem vernünftigern Sinn der Welt, Fehler waren und durch unsägliches stilles, nagendes Elend, was diese Fehltritte über mich häuften, ununterbrochen und nur um desto kräftiger gewesen. Das war es gerade, was mich bilden mußte. Im Glück wäre meine weiche Seele verzärtelt worden, ich hätte mich nie zur Höhe und Stärke eines einzigen meiner jetzigen Gedanken, meiner jetzigen Ideen über die Welt und die Dinge emporgeschwungen, wenn ich nicht gelitten, nicht durch eigne Schuld, fast sagte ich aus eigner Wahl viel gelitten hätte. Ich durfte keiner einzigen schweren Stunde entgehen, ich mußte selbst so fehlen, wie ich gefehlt habe, wenn das aus mir werden sollte, was aus mir geworden ist. Die Glückseeligkeit ist ein süßer, aber ein unnützer Traum und dabei ein fliehender Schatten, wenn die Brust nicht gestählt, der Gesichtskreis der Beurtheilung nicht erweitert, die Kraft, die da fühlt und wieder zurück wirkt, nicht gesichert, der Einfluß der äußern Wesen nicht - ohne Verlust für die Empfänglichkeit der Seele - in seine gerechte Schranken gewiesen ist. Der Enthusiasmus für Schönheit und Würde mag immer bleiben, aber er muß nur für das Höchste glühen, und gemeine Menschen müssen wie gemeine Freuden Staub in der Schaale werden. Die Empfindlichkeit für den Schmerz soll nicht ausgerottet seyn, aber die armseeligen Uebel des physischen Lebens und so manches, worüber man in der Kindheit der Erfahrung seufzt und verzweifelt, muß mit Hitze und Kälte in eine Klasse geworfen werden, und die selbstständige Kraft keinen Augenblick in der Fülle ihrer eigenthümlichen Wirksamkeit stöhren. Dies ist das Ideal, das ich mir vorgesetzt hatte, das ich mit unverwandtem Auge verfolgt habe; mit ungleichen aber nie mit zurückweichenden Schritt bin ich auf der Bahn gewandelt, an deren Ziel, diese Leuchte der Vortrefflichkeit, dieses Eine, was Noth ist, stand, habe oft unter dem Beyfall der Menschen gezittert, ob ich auch fortschritte, oft von ihrem Tadel wie in dickem Nebel eingehüllt, meinen herrlichsten Progreßen, eignen, selbstlohnenden stillen und sichern Preis zugeflüstert. Jetzt bin ich es werth, mit Ihnen zu leben, und jetzt würde mein Umgang zuverläßig nicht ohne Süßigkeit für Sie seyn. Ich habe unendlich gewonnen und fürchte mich gar nicht einst aus Ihrem richtenden Munde zu hören, mit wieviel Recht ich dieses kühne Urtheil über mich aussprechen durfte. Meine Kraft ist nicht vermindert, nur meine Bildung hat unsäglich zugenommen. Sie werden viele ganz neue Seiten an mir finden, werden sich freuen, wie so viele mangelhafte gehoben sind, wenn Sie mich nach meiner sauern, schrecklichen, aber nur dem Sinn, nicht dem Geist schrecklichen, jener aber auch w a h r h a f t schrecklichen Wanderung durch diese fünf unvergeßlichen Jahre wieder in der Nähe beobachten sollten. Ich muß Ihnen schlechterdings besser gefallen als sonst. Nach diesem langen für Sie aber gewiß intereßanten Urtheil über mich selbst, will ich nun noch, so schwer es mir auch werden muß, einige Worte über Sie sagen. Schwer wird es mir, weil alle Data mir fehlen. Was Sie sind, darüber bin ich in gar keiner Verlegenheit; der Grund-Charakter Ihres Wesens, die eigentliche Physiognomie Ihrer Seele ist mir immer noch so klar, wie jemals. Aber ich möchte gern ein Wort über Ihre Lage sprechen, und ich kenne Ihre Lage eigentlich gar nicht. Diese Unwißenheit ist sogar einer der Gründe gewesen, die mich so lange zurückgehalten haben, Ihnen zu schreiben. Ich konnte z. B. über Graun weder sprechen, noch schweigen. Ich hörte das Widersprechendste Zeug reden, wenn ich die albernen Menschen, die ab und zu aus Königsberg kamen, über Sie befragte. Ich wußte schlechterdings nicht mehr, woran ich war, und, weil das doch auch ungesagt, supplirt werden würde: ich war zu sehr mit meinen eignen Angelegenheiten beschäftigt, um mir in diesem Wirwar Ordnung und Tag zu verschaffen. Jetzt kann ich dreister reden, theils weil ich mich überhaupt von Tage zu Tage weniger zu reden fürchte, wo es gut ist, zu reden, theils weil vieles entwickelter, folglich einfacher und klarer geworden ist. Graun habe ich seit 2 Jahren nicht anders als im Vorbeygehen gesehen. Er war nie Ihrer werth; er ist es hier, bey Gott, nicht mehr geworden. - - Ich mag sein Ankläger nicht seyn. - - Es giebt weniger Uebel, es giebt auch weniger Fehler, als man denkt. S i e nicht zu achten, ist ein ungeheurer, weil er so in die Mitte trifft, so unleugbar das im Menschen voraussetzt, was ärger ist, als tausend einzelne Vergehungen, die den edelsten Charakter beflecken können. Diese Sünde ist ihm längst im Gericht der beßern Menschen angerechnet. Was er hier gethan hat, ist im Grunde nur eine andre Form dieser alten Sünde, nach meiner Berathung eben deshalb nicht wichtig, und ganz unbedeutend, wenn die Welt nicht anders rechnete, anders urtheilte, und in ihrer Blindheit je über das Kleid wegsehen könnte. Blos in der letzten Betrachtung hat sein jetziges Leben - eine gewiße widrige Wichtigkeit - - - Glauben Sie mir: der einzige Weg, auch das schlimmste Schicksal zu überwinden, ist, ihm dreist in's Angesicht zu sehen. Heute zu thun, was doch Morgen gethan werden m u ß t e, die Kraft der Seele ungekränkt, und ungeschwächt, den schwersten Leiden auf dem geradesten Wege entgegen tragen, lieber, als in den unnützen Versuchen auf Seitenwegen zu entschlüpfen, und in den Foltern fruchtloser Bangigkeiten und Zweifel, die Essenz der Widerstands-Fähigkeit, das wahrhaft-balsamische eines wackern Entschlußes verfliegen zu laßen. Wollen Sie von mir nähere Auskunft haben, verlangen Sie meine Mitwirkung, meinen fernern Rath, gebieten Sie über mich, wie über ein Glied Ihrer eignen Maschine. Ich bin von ganz andrer Brauchbarkeit, als ehmals, und Sie können unbeschränktes Vertrauen in mich setzen. Besonders aber, schreiben Sie mir in jedem Fall bald. Ich habe jetzt wenig Bedürfniße und brauche wenig Menschen, weil ich mit mir leben kann. Aber nach einem Briefe von Ihnen sehne ich mich, wirklich mit Schmerzen der Seele. Schreiben Sie mir von Ihrem Leben, von Ihren Beschäftigungen, von Ihren Hoffnungen, von Ihren Planen; schreiben Sie mir, wie Sie gegen m i c h sind, was ich Ihnen bin. Ich wollte, ich könnte alle Ueberzeugungskraft, die je in der Welt war, zusammendrängen, um Ihnen so anschaulich vorzustellen, als es in mir liegt, daß Sie so in keinem zweyten Herzen leben als in dem meinigen. - Sie können mich nicht vergeßen. Gentz. H: Nicht ermittelt. D: Dorow, Wilhelm (Hrsg): Erinnerungen für edle Frauen von Elisabeth Stägemann. Nebst Lebensnachrichten über die Verfasserin und einem Anhange von Briefen, II, Leipzig 1846, 190-197. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 29, 113-117. Olfers, Magarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 74-78.