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Gentz ; Dietrichstein, Franz Joseph Fürst von
An Franz Joseph Fürst von Dietrichstein, Teplitz, 6. Juni 1810, Mährisches Landesarchiv, Brünn. FA Dietrichstein, G 140, Karton 571, Inv.-Nr. 2426 1810

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id5315
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Dietrichstein, Franz Joseph Fürst von
AusstellungsortTeplitz
Datum6. Juni 1810
Handschriftl. ÜberlieferungMährisches Landesarchiv, Brünn. FA Dietrichstein, G 140, Karton 571, Inv.-Nr. 2426
Format/Umfang7 Bl., F: 226mm x 190mm; 13 eighd. beschr. Seiten
IncipitEs wäre unnütz, Theuerster Fürst
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz Joseph Fürst von Dietrichstein Teplitz, 6. Juni 1810 Teplitz den 6ten Juny 1810. Es wäre unnütz, Theuerster Fürst, Ihnen versichern zu wollen, daß Ihre gütige Einladung nach Libochowitz bey mir nicht auf unfruchtbaren Boden fiel, und daß ich sie mit Freuden annehmen würde, wenn nicht wesentliche Hindernisse mich davon abhielten. Seit dem Tage meiner Ankunft in Teplitz war das Wetter so schlecht, und besonders so kalt, daß ich an den Gebrauch der Bäder nicht denken konnte; und doch hatte meine rheumatische oder arthritische Beschwerde dergestalt zugenommen, daß ich wirklich nach dem Augenblick seufzte, wo ich zum Baden gelangen würde. Heute ist es mir endlich zum erstenmale so gut geworden; denn ein Paar frühere vergebliche Versuche haben mir mehr geschadet als genutzt. Ambrosi ermahnt mich, die Cur nun mit Ernst fortzusetzen. Eine Reise // zu Ihnen würde wenigstens eine Unterbrechung von drey Tagen veranlaßen. Hiezu kan ich mich ohne dringende Nothwendigkeit nicht entschließen; und Sie Selbst, Mein Fürst, würden mir, wenn Sie hier wären, und die ganze Lage der Dinge in Ueberlegung nähmen, nicht dazu rathen. Das Opfer ist empfindlich; es giebt nichts, gar nichts hier, das mich nur irgend dafür schadlos halten könnte. Obgleich viele sogenannte Badegäste angekommen sind, so ist doch vor der Hand an eigentliche Gesellschaft nicht zu denken; und, wenn ich nicht noch Wintzingerode hier hätte, so wäre ich ganz auf meine Bücher und Papiere reduzirt. Da Sie, und mein Freund Buol, das s o g e n a n n t e Memoire über die Finanzen, welches mir beynahe des letztern Ungnade zugezogen hätte, noch immer nicht vergessen können, so übersende ich Ihnen hier dies höchst // unbedeutende Stück, mit dessen Ursprung und Geschichte ich Sie jedoch, da Sie es einmal sehen wollten, kürzlich bekannt machen muß. Graf Philipp Stadion gab die Veranlaßung dazu. Zu ihm hatte ich längst einen geheimen Proselyten für meine Lehre. Nach O'Donnel's Tode redete er [xxx] mir dringend zu, dem Kayser meine Gedanken über das, was jetzt zu thun wäre, zu übergeben. Ich sperrte mich dagegen aus allen Kräften, und aus Gründen, die m i r wenigstens sehr triftig schienen. Einer von denen die ich am meisten geltend zu machen suchte, war mein Projekt, alles, was zu diesem Gegenstande gehört, in einer eignen Schrift auseinander zu setzen. Dies veranlaßte Stadion, darauf zu bestehen, daß ich dem Kayser wenigstens die R e s u l t a t e vorlegen, und ihn zugleich [darauf] auf jene Schrift vorbereiten mögte. Ich warf endlich den Aufsatz aufs Papier, den Sie hier erhalten. So, wie er ist, hätte ich ihn nun schon // nie übergeben; und, obgleich Stadion versicherte, daß er durch Wrbna bereits mein Vorhaben eingeleitet habe, so schwankte ich doch immer noch sehr. Zuletzt versprach ich, in Teplitz das Weitre auszuarbeiten, und vor der Abreise des Kaysers nach Prag zu schicken. Aber gerade am Tage meiner Abreise erschien das Patent wegen der Wahl der Mitglieder der Deputation. Dies machte allen weitern Zweifeln ein Ende, und bestimmte mich, für jetzt k e i n e n S c h r i t t zu thun, und also auch nicht einmal zur weitern Ausarbeitung der höchst unvollkommnen Skizze zu schreiten, die, statt des erwarteten M e m o i r s Ihnen hier zu Gesicht kömmt. Daß m e i n e Vorschläge über kurz oder lang doch noch zur Tages-Ordnung gelangen werden, und daß die Ueberzeugung von der Unausführbarkeit aller andern Systeme, uns in dies einfachste von allen mit Gewalt zurückdrängen wird, glaube ich steif und // fest. Der O'Donnelsche Plan k a n nicht bestehen; und, wenn noch zehn ständische Deputationen ernannt würden, und der Kayser durch wirkliche Inspiration geleitet, einen Finanz-Minister wählte. Da die Combinationen in dieser Sache unerschöpflich sind, so will ich wohl zugeben, daß noch irgend ein [andres] Projekt, woran bisher Niemand gedacht hat, ans Licht treten kan, ob ich gleich fortdauernd zweifle, daß ein s i n n r e i c h e r - zusammen gesetztes, als das von O'Donnel war, so bald wieder erfunden werden wird. Aber folgende Sätze haben für mich nun schon beynahe mathematische Evidenz: 1, P a p i e r - G e l d a m o r t i s i r e n - ist ein [Oekonomisch-] Politisch-Oekonomischer Solecismus, gegründet auf dem fundamentalen Irrthum, daß P a p i e r - G e l d eine S t a a t s s c h u l d sey. 2, P a p i e r - G e l d kan neben k l i n g e n d e r M ü n z e nur [dann] in so fern circuliren, als es in Bezug auf diese bloßes H ü l f s g e l d ist; Metallgeld hingegen kan nie n e b e n Papier-Geld circuliren. 3. Die Verminderung der Banco-Zettel, mag also versucht werden, durch welche Mittel man wolle, // und getrieben bis auf welchen Grad man wolle - sie kan immer nichts andres bewirken, als daß der Nominal-Werth [xxx] der Banco-Zettel in einer kleinern Zahl ausgedrückt wird; die klingende Münze wird durch k e i n e Verminderung der Banco-Zettel in den Umlauf gebracht werden. 4. Wenn einmal Papier-Geld zu der Masse angewachsen ist, und sich von der klingenden Münze in dem Grade losgerissen hat, wie heute in der Oesterreichischen Monarchie, so giebt es nur noch z w e y consequente Systeme. Man muß sich entweder entschließen, das Papier-Geld mit einem Schlage zu vertilgen [folglich], zu diesem Ende aber freylich auch gegen die mit einer solchen Operation verknüpften Gefahren Mittel in Bereitschaft halten, - o d e r, man muß das Papier-Geld, ohne alles weitre Herumfuschen unter halben, illusorischen Tilgungs-Projekten, ohne alles weitre Capituliren mit der sogenannten öffentlichen Meynung, [xxx] für das einzige gesetzmäßige Landesgeld erklären, und // seine ganze Staatswirtschaft darauf basiren. Ich hatte von Wien ein großes Manuscript von Kolbielsky mitgebracht; wenigstens 250 Bogen stark, dessen Lectüre ich mir absichtlich auf die Zeit, wo ich in Teplitz seyn würde, versparte. Dieses Manuscript habe ich nun durch und durch gelesen. Wahrscheinlich ist es Ihnen nicht unbekannt. Es enthält nehmlich zuerst eine sehr ausführliche Beantwortung von 14 Fragen, die ihm im Jahr 1804, aus dem Cabinet, und zwar, wie ich aus dem ganzen Zusammenhang ersehe, durch Stahl, [mit] unter Sanction des Ministers Colloredo vorgelegt worden waren. Zu dieser Beantwortung, die allein an 150 Bogen beträgt, gesellt sich nun der Plan einer R e i c h s - B a n k, in welchem, nach dem Verfasser, nicht nur die einzig mögliche Cur für alle vorhandne Finanz-Uebel, sondern auch die reichste Quelle aller Arten von Macht und Wohlstand für die Zukunft liegen soll. // Bisher hatte ich Kolbielsky nur als L i b e l l i s t e n gekannt. Diese Arbeit aber hat mein Urteil über ihn fixirt. Er ist ein Mann von außerordentlichen p r a k t i s c h e n Fähigkeiten, von einer seltnen Gewandheit in allem, was G e l d - Geschäfte betrift, und von sehr ausgebreiteten Kenntnissen in diesem Fache. So lange er nicht von Leidenschaften besessen ist, herrscht in seinen Ideen Ordnung und Methode, in seiner Darstellung große Klarheit, in seinen einzelnen Bemerkungen Witz und Scharfsinn. T i e f e Blicke in das Innre großer Verhältnisse spreche ich ihm ganz ab; in d e r Sphäre aber, in welcher die praktischen Staats-Geschäfte gewöhnlich verhandelt werden, und werden müßen, halte ich ihn für so ausgezeichnet brauchbar, daß es mir jetzt ganz unbegreiflich ist, wie man einen solchen Menschen zehn Jahre im Lande haben konnte, ohne je auch nur den mindesten Nutzen von ihm zu ziehen. Er ist mir ein neuer sprechender Beweis, der Trägheit, der Apathie, der stupiden Gleichgültigkeit gegen alles, // welche im Grunde die letzte Quelle des Verfalls dieser Monarchie constituiren. Nachdem ich nun seine Beantwortung der 14 Fragen, mit großem Interesse, und ich muß hinzusetzen, nicht ohne mannichfaltige Belehrung gelesen hatte, und endlich an das Werk, das nun das Ganze krönen sollte, an den Plan zur Reichsbank gelangte, so fand ich Gelegenheit, mich von neuem zu überzeugen, welche seltsame Fatalität doch über allen zur Verbesserung unsers Finanz-Systems ausgesonnenen Projekten waltet. Derselbe Mensch, der die jetzige Lage der Finanzen so klar und richtig beurteilt, und dessen praktischer Blick durchaus nur auf Realitäten gerichtet scheint, verfällt nun auf einmal in ein solches Labyrint von Schimären, daß er mit einem Capital von 48 Millionen Gulden, (die er übrigens erst im Auslande borgen will) eine Bank zu stiften gedenkt, [die] in welcher bloß der // K a y s e r u n d s e i n e F a m i l i e, schon nach 15 Jahren, und zwar lediglich von e i n b e h a l t n e n D i v i d e n d e n, eines b a a r e n Fonds von 134,659,200 B a n k - T h a l e r n oder ungefähr 320 Millionen Gulden besitzen würde, die a l l e A b g a b e n überflüßig machen, und aus der in 100 Jahren, [für] dem S t a a t ein zinsbar-belegtes Capital von 500 Millionen - der R e g i e r e n d e F a m i l i e ein Fonds in Aktien von 1200 Millionen, und außerdem ein zinsbar belegtes Capital von 800 bis 1000 Millionen - der N a z i o n ein zinsbar belegtes Capital von 5 bis 600 Millionen - erwachsen soll, während der Bankfonds selbst 2 4 0 0 M i l l i o n e n betrüge ! - Gegen dergleichen Luftschlösser war das Lawsche System nur ein Zwerg. Und dies alles verkündigt er mit einem Ton von Zuversicht und Anmaßung, als wenn er ganz eigentlich den Stein der Weisen gefunden hätte. Die Idee dieser Reichsbank ist an und für sich keinesweges verwerflich. - // Wenn heute durch ein Wunder alles Papiergeld plötzlich verschwinden könnte, würde ich selbst dafür stimmen, den Kolbielskyschen Plan ernstlich in Deliberation zu nehmen, und denselben - freylich mit großen Modificationen - auszuführen. Aber [xxx] die Circulation des baaren Geldes wieder h e r z u s t e l l e n, ist ein solcher Plan schlechterdings unfähig; und mit 1000 Millionen Banco-Zetteln im Umlauf, eine R e i c h s b a n k stiften zu wollen, welche "die erste G e l d m a c h t E u r o p a' s werden soll" - ist eine vollkommen lächerliche Idee. Zu e i n i g e r Entschuldigung gereicht freylich dem Urheber dieses abentheuerlichen Planes, daß im Jahr 1804 die finanzielle und politische Lage der Dinge noch um ein gut Theil besser war, als heute. Unterdessen bleibt es dabey, daß ein Mann, wie Kolbielsky nicht ungenutzt vermodern sollte, und daß, wie schlecht er auch sonst seyn möge, ein Finanz-Minister, der sich seiner nicht auf eine oder die andre Weise zu // bedienen weiß, seinen Vorteil nicht versteht. - Sie werden aus diesem Urteil ersehen, Mein Fürst, daß ich mich nie blinden Antipathien, oder fremden Meynungen Preis gebe, sondern einem [xxx] Jeden Gerechtigkeit widerfahren laße, wie und wo sie ihm gebührt. Haben Sie die Gnade mir zu melden, wenn Sie nach Wien zurück zu kehren gedenken; und sobald Sie etwas bestimmtes von der Ernennung eines Finanz-Ministers wissen, so theilen Sie es mir mit. Ich bin begierig zu erfahren, was aus der Anleihe von 30 Millionen in Frankreich und Holland, werden wird, mit welcher Metternich so groß thut ! Das Beste ist, daß die Deputation schon a m 1ten J u l y anfangen soll, zu manövriren, da doch, wie es mir scheint, noch in keinen drey Monaten 20 Millionen klingender Münze zur Aufrechtshaltung der Einlösungs-Scheine beysammen seyn können ! - Ich fürchte, wir erleben vor Ende des Jahres eine Katastrophe, [xxx] von welcher kein Zichy, und auch kein Baldacci heute noch träumt. - Indessen suspendire ich mein // End-Urteil bis 4 Wochen nach dem Eintritt eines neuen Hof-Kammer-Präsidenten. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir den beykommenden Aufsatz durch den Boten wieder zurückschickten; es sey denn, daß Sie mir in einigen Tagen, und ehe Sie Libochowitz wieder verlaßen, durch einen andern Boten zu schreiben geruhen wollten. Nur nicht durch die Post ! - In jedem Falle hoffe ich auf einige Zeilen Antwort. Eichler überschickt das mitfolgende Paket. - Herzlich bedauernd, daß ich Ihnen nicht mündlich die Versicherung meiner unwandelbaren Ergebenheit erneuern kan, empfehle ich mich in Ihr huldreiches Andenken Gentz H: Mährisches Landesarchiv, Brünn. FA Dietrichstein, G 140, Karton 571, Inv.-Nr. 2426. 7 Bl., F: 226mm x 190mm; 13 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.