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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 26. April 1798, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1798

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id5169
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date26. April 1798
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. XI, 106-109; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 45, 208-211
IncipitIch preise mich recht glücklich
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Christian Garve Berlin, 26. April 1798 Berlin, den 26. April 1798. Ich preise mich recht glücklich, teuerster Garve, daß ich Ihrem Wunsche wegen des Aristoteles zur Stelle Genüge leisten kann. Sie erhalten ihn hiebei: und möchte doch - mit welcher lebendigen Sehnsucht sage ich es ! - möchte doch Ihr körperlicher Zustand Ihnen noch oft und // lange den Genuß desselben, und noch viele ähnliche Genüsse verstatten ! Ihr vorletzter Brief hat mich sehr niedergeschlagen: aber in dem letzten atmet wieder ein Mut, der mich aufrichtet. Nachdem ich ihn gelesen hatte, ergriff mich das Verlangen, mit Ihnen in einer Stadt zu leben, Ihnen wenigstens jeden Tage eine halbe Stunde vertreiben zu helfen, die Minuten aufzusuchen, wo Ihnen der Umgang mit Menschen erfreulich oder doch erleichternd wäre - auf einmal so warm und lebhaft, daß ich nur unabhängig sein dürfte, um, anstatt dieses Briefes, sogleich mich selbst nach Breslau zu versetzen. In meiner äußern Lage hat sich eine höchst unangenehme Veränderung zugetragen. Der Minister Hoym hat, wie Sie wissen, das südpreußische Departement verloren, und es ist dem Minister Voß zu teil geworden. Diese Revolution ist in Rücksicht auf meine Freiheit, auf meine Ruhe, auf die Gestalt meiner Dienstverhältnisse, selbst auf meine Einkünfte eine der fatalsten, die mich treffen konnte. Der Graf Hoym hat mich, besonders seit einem Jahre, mit einer Gunst, oder vielmehr mit einer Freundschaft behandelt, die ich vergebens bei einem andern Minister suchen werde. Es war ein wirkliches persönliches Attachement, welches zuletzt in unbegrenztes Vertrauen überging. Ich habe ihm einige wesentliche Dienste, besonders unter der jetzigen Regierung geleistet: er hat mich aber stets mit königlicher Großmut belohnt. Ich verdanke ihm mehr, als irgend jemand ahndet, und ich werde auch trotz der Departementsveränderung mich immer als seinen Schuldner betrachten, und betragen. Aber hier werde ich nun in ein gehässiges Joch gespannt: von allem, was ich an Hoym liebte, besitzt sein Nachfolger nicht allein nichts, sondern das Gegenteil: die Jahre, die ich ehemals unter ihm zugebracht habe, sind die unangenehmsten meines Lebens gewesen: viel hat sich freilich seitdem geändert, aber es bleibt noch Übles genug zurück. Hiezu kömmt, daß selbst meine bisherige Verbindung mit dem Minister Hoym, wenngleich der Herr von Voß weder den ganzen Umfang, noch die charakteristischen Umstände dieser Verbindung kennt, nicht dazu beitragen wird, mich bei diesem beliebt zu machen. Doch das alles muß die Zeit näher entwickeln. Ich habe // unterdessen den Entschluß gefaßt, meine Sommerwohnung in Schöneberg, wohin ich mich sonst noch in drei Wochen nicht begeben hätte, übermorgen zu beziehen, damit ich, wenn die neue Administration anfängt, in possessione dieser Prärogative gefunden werde. So ruhig, wie vorigen Sommer werde ich sie indessen nicht genießen: unter drei Besuchen in der Stadt möchte ich wohl wöchentlich nicht abkommen. Sonst ist der Gang meiner Beschäftigungen ganz derselbe, den ich Ihnen in frühern Briefen geschildert habe. Die politischen Begebenheiten fesseln mich wieder ausschließend. Das gegenwärtige Jahr ist, in Rücksicht auf die Entwicklung der (immer noch von der Vollendung weit entfernten) gesellschaftlichen Revolution, seit 89 das merkwürdigste. Wir haben große Dinge erlebt, aber größre stehen uns bevor: das Schicksal der Expedition gegen England entscheidet das Schicksal von Europa. Gelingt sie, und es bricht nicht in sechs Monaten ein neuer allgemeiner Landkrieg aus (wozu sich wirklich Annäherungen zeigen), so schreitet die Revolution, ehe das 18. Jahrhundert zu Ende geht, vom Rhein bis an die Weichsel, und vom Po bis an die Karpathen fort. Die feste Überzeugung hievon ist das Resultat eines anhaltenden und fleißigen Studiums der jetzigen politischen Lage von Europa, und wenigstens als solches nicht ganz zu verachten. Ich habe eine Menge englischer Broschüren: ich glaube aber nicht, daß Ihnen damit gedient sein würde. Kennen Sie die demokratische Miß Williams ? Von dieser ist eine ganz neue Reise in die Schweiz erschienen, die ich Ihnen mitteilen kann, wenn Sie sie verlangen. Macartneys Reise nach China habe ich mit großem Interesse gelesen. Von Burkes Posthumis ist nichts weiter erschienen. - In Frankreich // kömmt weder Buch noch Broschüre mehr ans Licht. Der Preßzwang ist so groß, daß er selbst die Lust zum Schreiben erstickt ! Und durch den unglücklichen Gang des neusten Wahlgeschäfts ist die höllische Tyrannei dieser verfluchten Regierung wieder auf ein Jahr gegen alle Gefahren gesichert. Den Meßkatalogus habe ich heute zum erstenmal gesehen. Nächstens ein mehreres davon. Vieweg, der von Paris zurückgekommen ist, hat mir interessante Briefe von Humboldt, Brinkmann und Cramer mitgebracht. Auch stehe ich jetzt in fortwährender politischer Korrespondenz mit Mounier in Weimar und d'Ivernois in London. Wenn Sie Lust haben sollten, von diesen verschiednen Korrespondenzen etwas zu lesen, so werde ich herzlich bereit sein. Bald sollen Sie wieder hören von Ihrem treu ergebenstenGentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. XI, 106-109. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 45, 208-211.