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Gentz ; Schlegel, August Wilhelm
An August Wilhem Schlegel, Prag, 27. August 1813, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. [?] 1813

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id5115
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Schlegel, August Wilhelm
LocationPrag
Date27. August 1813
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. [?]
Size/Extent of item6 Bl., F: 226mm x 182mm; 11 eighd. beschr. Seiten
Places of printNeue Zürcher Zeitung, Fernausgabe Nr. 332, Samstag, 3. Dezember 1966, Bl. 20-20v
IncipitIch schreite endlich zur Tilgung
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn August Wilhelm Schlegel Prag, 27. August 1813 Prag den 27ten August 1813. Ich schreite endlich zur Tilgung einer alten und schweren Schuld. Ihre überaus interessanten Briefe, Mein Theurer Freund, sind mir sämmtlich zugekommen; der erste noch in Wien, der zweyte während der Periode, wo ich mit Graf Metternich von einem Böhmischen Schlosse zum andern, in großer Ungewißheit des endlichen Ausganges, herumwanderte; der dritte - vom 6ten Juny - äußerst spät, erst vor 8 Tagen, unter einem solchen Getümmel und Wirrwarr von Menschen und Geschäften, daß ich mich durchaus nicht erinnern kan, w e r mir ihn eigentlich gegeben hat. Vermuthlich war es der Schwedische Binder, den ich bey seiner Durchreise nach Wien nicht gesehen hatte, und der jenen Brief wieder aus Wien zurückgebracht haben mag; welches ich jedoch näher zu prüfen vergaß. Ich habe in den letzten Zwey Monaten großen Theil an den schwierigen und verwickelten // Verhandlungen gehabt, welche der erklärten Theilnahme unsers Hofes an dem großen Kriege, voran gingen. Seit dem 8ten Juny bin ich von Wien entfernt; vier bis 5 Wochen habe ich zwischen Gitschin, Opotschna, Ratiborziz, Reichenbach, und wie alle die obscuren Orte sonst lauten, die durch eine sonderbare Verkettung von Umständen einen Monat lang wichtiger geworden waren, als die ersten Residenzen von Europa, zugebracht. Dann war ich in Prag während der ganzen Dauer des Mock-Congresses, wie [mit] der Engländer es nennen würde, und in der kritischen und furchtbaren Periode, wo eigentlich das Entscheidende zur Reife kam. Seit dem 21ten dieses Monats bin ich allein in Prag. An diesem Tage ging Graf Metternich dem Kayser nach; und ließ mich, meinem sehnlichen Wunsche gemäß, hier, als eine Art von Intermediär-Posten zwischen dem Krieges-Schauplatz und Wien, in einer angenehmen Lage, und mir äußerst willkommnen Bestimmung zurück. // Ich bin nun zwar nichts weniger als unthätig <oder frey>; aber doch in einem gewissen Grade Herr und Meister meiner Zeit-Verteilung; und besonders wieder Herr meines eignen Kopfes, über welchen ich in den letzten Wochen, von ungeheuren Verhältnissen, Sorgen, und Geschäften fast erdrückt, beinahe jede Gewalt, mit andern und klarern Worten, d i e B e s i n n u n g verloren hatte. Diesen Zeitpunkt comparativer Ruhe benutze ich, um Ihnen zu schreiben. Warum ich Ihnen Deutsch schreibe, werden Sie aus dem Inhalt meines Briefes bald errathen.Ihre erste große Depesche erhielt ich zu einer Zeit, wo über das von Oesterreich ergriffne politische System nothwendig noch ein Schleyer verbreitet bleiben mußte. Graf Metternich dem ich diese, so wie die beyden folgenden mittheilte, und der sie, welches ich Ihnen bestimmt versichern kan, mit großer Aufmerksamkeit gelesen hat, wollte schon aus dieser Ursach nicht, daß ich Ihnen damals antworten sollte. Hiezu kam, daß weder Er, noch [nicht zu] ich, zu jener Zeit mit unsern Ideen // über den Kronprinzen aufs Reine gekommen waren, daß wir das Norwegsche Projekt durchaus mißbilligten, und daß wie S i e im Verdacht eines zu weit getriebnen Enthusiasmus hatten. Der letzte Umstand wurde durch einige an mich gerichtete, mehr noch platte, als rasende Briefe der Frau von Stael - denn so muß ich sie [nicht] noch jetzt charakterisiren - und durch Ihre enge Verbindung mit General Neipperg, den wir, bey allen seinen rühmlichen Eigenschaften, auf einer sehr falschen diplomatischen Linie glaubten, und mit welchem wir äußerst unzufrieden waren, mehr, als durch Ihre eigne directe Aueßerungen begründet. Nichts desto weniger fand ich Ihre Schrift über das Systême continental, bis auf ein Paar Stellen, die ich anders gewünscht hätte, vortreflich; und Graf Metternich dem ich den grösten Theil derselben vorlas, trat, ungeachtet eines kleinen Vorurteils, welches jene Stellen, auf die er gerade zuerst gefallen war, ihm eingeflößt hatten, zuletzt meiner Meynung vollkommen bey. Sie werden bey Ihrer Ankunft in Deutschland unstreitig gehört haben, daß die Urteile über diese Schrift, die allenthalben große und gerechte Sensation gemacht // hat, sehr verschieden waren, und daß einige bedeutende Stimmen, worunter sich selbst die Ihres Bruders befand, Ihnen aus der Publication derselben einen Vorwurf machten. Die Majorität, [xxx] und zwar die der Competentesten Richter war aber auf Ihrer Seite; und ich habe mich bey jeder Gelegenheit laut und stark dafür erklärt. Unter andern fand ich sie meisterhaft geschrieben, welches mich denn schon entscheidend besticht. Für eine erste politische Arbeit, und obendrein in einer fremden Sprache, verdiente sie Bewunderung; das nil molitur inepte war mir lange nicht so anschaulich geworden; und ich habe mich mit Ihrem Bruder einige Mahle darüber gezankt, daß er über der Schönheit des Ganzen, seine - vielleicht nicht ganz ungegründeten - Beschwerden gegen einzelne Stellen nicht vergessen wollte. Auf Ihre zweite Depesche weiß ich mich nicht mehr genug zu erinnern, weil ich sie, nach einer ersten flüchtigen Lectüre, dem Graf Metternich zugestellt, und von diesem, bey dem herumirrenden Leben, welches wir damals führten, und einiger davon unzertrennlichen Unordnung // unter den Papieren, nie wieder zurück erhalten konnte. Das weiß ich wohl, daß gerade die Seite, die auch in dem Briefe des Grafen Münster besonders berührt war, uns eben nicht sehr ansprach. Wir fanden das Mißtrauen gegen eine Macht, die noch auf lange Zeiten hinaus, mit ihrer eignen Wiederherstellung viel zu sehr beschäftiget seyn wird, um ungebührliche Ansprüche gegen Andre geltend machen zu wollen, eben so grundlos als gefährlich. Wir glaubten darin einen neuen Keim zur Zwietracht unter den Alliirten zu bemerken, der uns nicht wenig erschreckte. Wir wusten außerdem über diese - wenn es mir erlaubt ist, sie so zu bezeichnen - Ultra-Hanöversche Politik gewisse Dinge, die höchst wahrscheinlich nie zu Ihrer Kenntniß gelangt sind, und begriffen daher den Münsterschen Brief, der uns sonst in Erstaunen gesetzt haben würde, nur gar zu gut. - Das Benehmen Ihres Prinzen, den Sie fortdauernd bis zum Himmel erhoben, erschien gerade in jenem Zeitpunkte in einem bedenklichen Lichte; und es wird Ihnen nicht unbekannt seyn, wie im Russischen und Preußischen Cabinet, wo man früher // mit so großer Vorliebe von ihm geredet hatte, d a m a l s über ihn gedacht wurde. Diese zweyte Depesche schien uns im Ganzen die Schutzschrift eines geschickten Advokaten, der eine ihm selbst einigermaßen zweifelhaft-scheinende Sache, mit wohlgewählten Argumenten verteidigt. Seit den Conferenzen zu Trachenberg ist nun alles aufgeklärt, berichtigt, harmonisch geordnet. Von der einen Seite hat der Prinz dort seine Grundsätze, Ansichten, und Motive, mit so vieler Freymüthigkeit, und zugleich mit so vieler Weisheit und Mäßigung ausgesprochen, daß Oesterreich eben so zufrieden nit ihm seyn mußte, und wirklich gewesen ist, als alle übrigen verbündeten Mächte. Von der andern Seite ist bey jenen Conferenzen ein ächt-militärischer, wirksamer, groß-gedachter Operations-Plan festgesetzt worden, der die schönsten Resultate verspricht. Was Sie in Ihrem Schreiben vom 6ten <Juny> über die Ursachen der Unthätigkeit des Kronprinzen bis zum Waffenstillstande sagen, ist, für mich wenigstens, vollkommen befriedigend. Auch war ich längst Ihrer Meynung über die Unzulänglichkeit der Mittel, und den Leichtsinn, mit welchem die Expedition nach Hamburg entworfen und unternommen wurde. // S o l c h e Operationen konnten einen einsichtsvollen General der weiter sieht, als bis zum morgenden Tage, unmöglich zur Theilnahme reitzen. Ich habe neuerlich auch Ihre Schrift über die Deutsche Politik gelesen. Ich würde den Verfasser erkannt haben, wenn ich auch nicht auf Graf Stadions Exemplar Ihre Schriftzüge erblickt hätte; sie ist von Anfang bis zu Ende höchst beyfallswürdig, wahr und stark, (mit Ausnahme der Kritik der letzten Sendung des Grafen Bernstorff nach England, weil man 1, seine Bedingungen in London gar nicht angehört hat, und 2, keinesweges erwiesen ist, daß sie "überspannt und lächerlich" gewesen wären) in dem Haupt-Punkte - der Darstellung und Würdigung der Dänischen Neutralität - durchaus siegreich, und unendlich schön geschrieben. Mit allem Respect für Ihre jetzige Lage, wünschte ich Ihnen doch einen höhern, und centralern Standpunkt; Sie sind ganz unverkennbar zum ersten politischen Schriftsteller unter uns berufen. Mit Oesterreich werden Sie hoffentlich jetzt zufrieden seyn. Ich mögte wissen, ob Frau von Stael sich nicht etwas schämt, wenn es ihr einfällt, in welchem // Tone sie über die Oesterreichische Politik gesprochen und geschrieben hat, und mit welcher b l i n d e n Hartnäckigkeit sie meine wohl-gemeynten Fingerzeige - die ich damals nicht deutlicher machen d u r f t e - in den Wind geschlagen hat. Ihre Aeußerungen über Graf Metternich kan sie in der That vor Gott nicht verantworten; denn bey so großen und verwickelten Fragen schweigt man doch wenigstens, wenn man sie in Dunkel gehüllt sieht, und vermißt sich nicht, sie durch ein Paar erbärmliche Gemeinsprüche, und noch erbärmlichere bon-mots für abgethan zu halten. Auch Neipperg ist ein großer Sünder gewesen. Doch es gab ja deren Tausende selbst in Wien, selbst in der Classe, wo man mit ganz gewöhnlicher Bescheidenheit längst hätte ahnden sollen, daß das System des Hofes etwas ganz andres war, als Pfantasten und unwissende Declamatoren glauben machten. Graf Metternich ist einer von den Charakteren, die um so schwerer zu entziffern sind, je leichter man sie beym ersten Anblick fassen zu können vermeynt. Es ist in seiner Feinheit eine Tiefe, die selbst geübten Augen entgeht, und in seiner Ruhe etwas Undurchdringliches, was // alle leidenschaftliche Gemüther zur Verzweiflung bringen muß. Wie oft habe ich selbst, wenn [ich] die abgeschmacktesten und ärgerlichsten Urteile über ihn circulirten, und ich wuste, daß es in seiner Gewalt stand, sie mit einem Worte zu Boden <zu> schlagen, ihn dringend gebeten, dies Wort, [xxx] manchmal ein ganz harmloses, von sich zu geben. "Laßen wir sie reden; das Werk muß den Meister loben" - dies war seine beständige Antwort. Glauben Sie mir: man muß wissen, welch ein Kunststück es war, aus Oesterreich in sechs Monaten zu machen, was es jetzt geworden ist, um diesem Minister Gerechtigkeit widerfahren zu laßen. Der Feldzug ist aufs glänzendste eröfnet, Napoleon vollständig in die Irre geführt, zu ungeheuren Resultaten ein guter Grund gelegt. Es wird zeitig genug heißen, dies sey alles Moreau's Verdienst. Ich aber sage Ihnen, daß der Operations-Plan vollkommen festgesetzt, ja zur Hälfte schon ausgeführt war, als Moreau in Prag erschien. Wie dieser Plan eigentlich entstanden ist, wird man dereinst nicht ohne Verwunderung erfahren. Uebrigens hat diesmal - bis jetzt wenigstens - J e d e r seine Schuldigkeit gethan; und darum werden wir auch siegen.//Sie wißen nun, Mein Theurer Freund, wo ich zu finden bin. Schreiben Sie mir recht bald; unsre Correspondenz soll fernerhin nicht einseitig bleiben. Vielleicht führen günstige Umstände uns früher oder später auf einen und denselben Punkt. Denn, wenn der Krieg recht glücklich geht, und sich weit von Prag entfernt, so ist meines Bleibens hier nicht. Ich habe übrigens, in den letzten Monaten das Interessanteste und Gröste erlebt, was ich mir je denken konnte; und nachdem die Nacht - wo den Franzosen der Krieg erklärt worden, und der Tag - wo die drey Souverains auf dem Prager Schlosse zusammen kamen - und einige frühere Nächte und Tage - die diese großen Begebenheiten vorbereiteten, vorüber waren, [beinah] ging in mir das Gefühl einer gewissen Sehnsucht nach Ruhe, das mir schon ganz fremde geworden war, wieder auf, und ich sehe nun, obschon mit höchstem Interesse, doch mit einem [gewissen] sehr behaglichen Gleichmuth, der Auflösung dieses großen Dramas, die mir kaum mehr zweifelhaft ist, entgegen. Leben Sie wohl, und erfreuen Sie uns oft mit den Werken Ihres Geistes. Sie, nicht ich, mögen über das künftige Schicksal Deutschlands schreiben. Vergessen Sie aber nicht, daß <dies> eine überaus kritische Aufgabe ist ! G. H: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 6 Bl., F: 226mm x 182mm; 11 eighd. beschr. Seiten. D: Neue Zürcher Zeitung, Fernausgabe Nr. 332, Samstag, 3. Dezember 1966, Bl. 20-20v.