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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Königsberg, 10. April 1785, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1785

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id5037
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationKönigsberg
Date10. April 1785
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item4 Bl., F: 234mm x 192mm; 5 ½ eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 4, 26-32; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 7, 19-24
IncipitDas denke ich nicht mehr Ihnen
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Königsberg, 10. April 1785 Theure, Verehrungswürdige Freundinn ! Das denke ich nicht mehr Ihnen betheuern und beweisen zu dürfen, daß wenige Menschen in der Welt, an dem, was Sie und Ihr Schiksal betrift, einen aufrichtigern und herzlichern Antheil nehmen können, als ich. Sie wißen längst, wie ich gegen Sie denke, wißen längst, daß Ihre Freundschaft Eins der liebsten und kostbarsten Güter ist, womit ich in dieser Welt prahlen kan, und daß ich nun schon seit geraumer Zeit, Sie für meine erste und würdigste Freundinn - ich möchte fast sagen für meine einzige -, nicht nur in Königsberg sondern auf der Erde überhaupt halte. Denn ich habe nur Eine Geliebte, nur Eine Mutter, nur Einen Freund, und - wol mir, daß Sie mir das erlauben zu sagen - nun auch nur Eine Freundinn; Gottlob, daß es eine solche ist, an der ich für mein ganzes Leben genung habe ! - Sie sind heute 24 Jahre alt; und ich fühle, daß Ihr Geburtstag kein gleichgültiger Tag für mich ist; ich habe kaum 5 Feyer:Tage im Jahre - denn Ostern und Pfingsten kan ich immer nicht recht behalten - der heutige glänzt unter diesen festlichen Tagen; ich freue mich, daß der Tag, der Sie in die Welt brachte, mir nicht unbekannt geblieben ist, freue mich über den Gedanken, daß man eifriger, wärmer, herzlicher als ich Ihnen den vollsten reichsten Seegen des Himmels und alles Glük der Erde wünsche, ohnmöglich an diesem Tage für Sie bitten oder wünschen kan. Aber was soll ich Ihnen denn eigentlich wünschen ? Ich könnte bey jeder andern Person leicht antworten: Alles was Sie Sich Selbst wünschen, bey Ihnen, meine theure Freundinn, geht es nicht an. Und warum nicht ? - weil ich auf die Frage, was Sie Selbst Sich wünschen mögen, keine andre Antwort geben könnte, als, ich weis es nicht, und sie weis es vielleicht selbst nicht - Und in der That, wißen Sie wol, was Sie eigentlich noch in der Welt verlangen ? Ich glaube, Sie würden um ein gut Theil ruhiger seyn, wenn Sie Sich das bestimmt sagen können. Kommen Sie, beste Frau, laßen Sie uns die Quellen menschlicher Glük//seeligkeit und menschlichen Elends entdecken, und sehen, was uns wol auf Erden noch beschieden seyn kan. Es giebt offenbar zwey ganz verschiedne Seiten das menschliche Leben zu betrachten, die sich deutlich genung absondern und angeben laßen. Die Eine zeigt uns wie es unsern Neigungen unsern Wünschen, und wir können oft dreist hinzusetzen unserm Bestreben und unserm Wohlverhalten nach gehen s o l l t e; die andre, wie es nach dem Laufe der Natur würklich g e h t. Die Menschen bey denen diese beyde Linien die fast immer Meilen-Weit v o n einander obgleich beständig n e b e n einander fortlaufen, oft zusammentreffen, nennen wir g l ü k l i c h e Menschen. Und es ist Ihnen gewiß so klar als es mir ist, daß es ohnmöglich mehr als zweyerley Arten und Wege zum Glük giebt, e n t w e d e r, wir müßen unsre Neigungen und Wünsche erfüllt sehen, das ist, der Lauf der Natur muß sich nach unserm Intereße richten o d e r, wir müßen es dahin bringen, daß wir unsre Neigungen dem Lauf der Natur unterwerfen, und alles das, was geschieht, als gut und nöthig annehmen, genießen, und bewundern. Kein Moralist kan zwischen diesen beyden Wegen einen dritten ausfindig machen. Der erste Weg - Ach ! meine Freundinn ! - Sie wißen was wir von ihm zu halten haben. Sie wißen wie selten es geschieht, daß die Begebenheiten unsers Lebens, und ihr Zusammenhang, den wir Schiksal nennen, so geordnet wären, wie wir es wünschen und wollen - das Glük, was ich erfahren habe, ist ein seltnes, ungewöhnliches Glük; Tausende verschmachten in den Qualen einer unglüklichen Liebe, ehe das Schiksal Einem so zu Hülfe kömmt, wie es mir geholfen hat. Und: was w i r denn [zu] auf diesem Wege zu unserm Glük t h u n können ? Nichts, Nichts, meine Beste, das wißen Sie. Der Mensch hat keine oder doch nur eine sehr eingeschränkte Gewalt über die U m s t ä n d e; von der Wiege an hängen wir von den Launen und Fehlern unsrer Ammen, unsrer Eltern, unsrer Lehrer, unsrer Ehe-Gatten, unsrer Kinder, ab, die Alle auf unser Schiksal würken, es bestimmen, ohne daß wir entgegen arbeiten können, uns in Regeln zwingen, die wir gern überschritten, uns Lebens-Arten vorschreiben, die uns verhaßt sind, uns Fehler und selbst Laster bey bringen, die unsrer Natur sonst nicht anhängen würden uns unsre Neigungen verwünschen, unsre schönsten Plane zerreißen und - unsre liebsten Wünsche ins Grab werfen heißen - // Es ist also ausgemacht, daß dieser Weg zum Glük, so sanft und leicht er auch für die ist, die das Schiksal begünstigt, doch nicht der allgemeinste, oder, um genauer zu reden, der sicherste ist; denn Sie werden mir zugestehen, daß es nur Ein Einziges giebt, was wir auf diesem Wege zu unserm Glük t h u n können, und das ist: A b w a r t e n. Aber was ist trostloser und niederschlagender als das ? Ja ! wenn wir nicht sähen, daß Tausende vergeblich warten, daß der bittre harte Tod, fast Alle übereilt, ehe sie ihre Wünsche erfüllt sehen, daß - Ach ! meine beste, füllen Sie dies letzte, d a ß, aus, womit Sie wollen, allenfalls, mit - Unmöglichkeit, mit unübersteiglichen Hindernißen, mit dem - was oft Ihr armes, weiches Herz drükt, und die stille Thräne ins Auge preßt, die ich oft in unsern einsamen Unterredungen darin glänzen sah ! - Also bleibt uns noch unser zweyter Weg übrig, nehmlich, die Neigungen und Wünsche dem Lauf der Welt zu subordiniren, zu sagen: Willst du mir folgen, mein Schiksal ? - du willst nicht ? - Wolan ! Dein Wille soll geschehen. Ob wir hier weiter kommen werden, als auf dem ersten Wege ? - Ja, Ja, meine Theuerste, das werden, das wißen wir, so lange wir glauben, daß die Tugend kein Possenspiel und keine Chimäre leerer Köpfe sey. Der Mensch kan selten oder nie die U m s t ä n d e ä n d e r n; was bleibt übrig ? - Er kan s i c h s e l b s t ä n d e r n. Er kan durch Aufmerksamkeit auf sich selbst und durch ernsthaftes und thätiges Bestreben seine übertriebne Neigungen dämpfen das pochende von Leidenschaften volle Herz besänftigen; kan durch Uebung und Ausdauer, die Beschwerlichkeiten des Lebens erdulden, die Lasten die seine Neben Menschen , seine Freunde, seine Brüder auf ihn wälzen ertragen, und sich in die traurige Nothwendigkeit gelaßen ergeben lernen, daß wir oft zu gleicher Zeit unsre kostbarsten Wünsche u n e r f ü l l t, und das, was uns zuwider ist, was unsern innersten Neigungen, unser Denkungs-Art unserm Charakter entgegen ist, uns aufgebürdet sehen. Kurz: durch Tugend kan er, obgleich langsamer und schwerer, aber wahrlich viel sichrer eben dahin kommen, wohin unter Tausenden Einer durch Umstände und Glück geführt wird. Für Sie, meine werthe Freundinn, ist es mit den Hoffnungen auf günstige Fügungen der Umstände zu einem neuen glüklichen Leben, wie Sie // es Sich vielleicht mahlen möchten, so gut, als vorbey. Es ist hart, daß ich das so uneingeschränkt sage; aber dieselbige Freundschaft die mich in den Falten Ihres Herzens [diese] jene geheimen Wünsche lesen ließ, berechtigt mich auch Ihnen zu sagen, was Sie ohnedies längst wißen, daß sie eitel sind. Ihnen bleibt also, um zur Glükseeligkeit, die doch Ihr Herz wahrhaftig verdient, zu gelangen, kein andrer Weg mehr übrig, als [xxx] der Entschluß, Sich Selbst glüklich zu machen. Können wir das Kleinod, wonach wir in der Welt ringen, nicht erstreben, so laßt uns in uns selbst ein Andres suchen; Ruhe, Ruhe und Friede in der Seele, ist das nicht das köstlichste Kleinod das uns bescheert seyn kan ? Können wir den Sturm der über uns tobt, nicht besänftigen, o ! so laßt uns unsre Hütte zumachen, fest verschließen, uns in dem verborgensten Kämmerchen am ruhigen Kamine gelaßen mit ansehen, wie er gern die Erde zertrümmern möchte ! - Sie, meine liebe Graunin, haben zur Glükseeligkeit die man auf diesem edeln, glorreichen Wege, auf dem Pfade der Tugend erlangt, einen herrlichen Grund in sich; Ihre sanfte fühlbare Seele müßte Sie unausbleiblich glüklich machen, wenn Sie es immer dahin bringen könnten, daß sie mit Ihrem hellen und richtigen Kopfe in [Vor] Harmonie stünde. Dadurch, daß Sie stärker empfinden als hundert Andre Menschen sind Ihnen soviel Andere unbekannte Freuden- Quellen geöfnet, dadurch daß Sie nachdenken können über Menschen und Begebenheiten, sind Sie schon so sehr von Tausend Andern unterschieden, daß es nur auf einen herzhaften Entschluß ankäme, um Ruhe und Glükseeligkeit zu erlangen. Ich weis recht gut, daß es leicht ist, so zu predigen; weis recht gut, daß Sie mir gegen alle diese Vorschläge hundert Schwierigkeiten und Hinderniße setzen können; aber ich weis auch eben so gut, daß die Grundsätze zu einem festen Gebäude von Glükseeligkeit, die ich Ihnen hier angegeben habe durch Nichts in der Welt umgestoßen werden können; es sind die unwandelbaren Grund Pfeiler der Tugend, nur der, der an der Tugend selbst zweifelt, kan daran scheitern, wen aber Zweifel an der Tugend selbst beunruhigen, für den ist schlechterdings alle reelle Glükseeligkeit verlohren und verschwunden. // Denken Sie Sich den großen Gedanken: Wenn Sie in Zeit von einem Jahre es blos durch innre Kraft und Anstrengung dahin brächten, daß Sie Ihren Mann mit seinen Fehlern, die er, wie alle andre Menschen hat, nicht nur immer gern ertragen sondern auch lieben könnten, daß leNoble Ihnen ein Ihrer Freundschaft und Achtung sehr würdiger, aber in Ansehung Ihres Herzens und der Liebe ganz gleichgültiger Mensch würde, daß Sie jeden Augenblick, den Sie jetzt auf unnütze Wünsche verwenden für die Zukunft, lieber gebrauchten um Sich das Leben gegenwärtig zu versüßen, kurz, daß Sie durch Bemühung und Tugend zu demselbigen Grade von Glükseeligkeit gelangten, zu dem mich in dieser Zeit mein günstiges Schiksal führt und daß wir, die wir so freundschaftlich und brüderlich unser Unglück zusammengetragen haben, dann uns am Ziele worauf uns unsre verschiednen Wege führten, in dem Hafen der Glükseeligkeit wieder zusammen träfen - denken Sie Sich diesen schönen Gedanken, und fühlen Sie mit mir, was uns beyden im Grunde unser Verstand tausendmal gesagt hat, daß es doch wahrlich der Mühe werth ist, w e i s e zu seyn. Bleiben Sie meine Freundinn; ich verlöhre zuviel, wenn ich auch jemals nur einen kleinen Theil Ihrer Freundschaft verlöhre, obgleich die große unverkennbare Harmonie unsrer Seelen mich ziemlich dagegen sichert. Bedenken Sie immer daß ich ein Mensch bin, der sich eben so gut über jeden Fortschritt den Sie auf dem Wege zum Ziele was Sie wünschen, machen, herzlich freuen, als über jedes Hinderniß über jeden Irrweg, worauf die Gewalt der Umstände, oder Ihr zu fühlbares Herz Sie führt, herzlich um Sie trauern kan, daß man Sie nicht genauer kennen, und a l s o - (das werden Sie doch wol für keine Schmeicheley ansehen ? Wie geriethe die hieher ?) - auch schwerlich mehr lieben kan, als ich Sie liebe.Die Correspondenz, die Sie mir versprochen haben, wird Eins meiner liebsten und intereßantsten Geschäfte in Berlin seyn, und ich werde mich gewiß herzlich freuen, wenn Sie mir so oft Sie Lust und Trieb dazu <fühlen> die Lage Ihrer Seele schildern und an Ihrer Situation // mich theilnehmen laßen, da mich weniger Menschen Schiksal so sehr intereßiren kan, als das Ihrige. Beschleunigen Sie den Zeitpunkt der Ihnen Ruhe und Zufriedenheit schenkt, damit Sie ihn noch in den glüklichen Jahren genießen können, wo alle unsre Kräfte leicht und frey würken, wo die Welt noch schön für uns ist, wo die Rosen noch frisch um uns her blühen. In diesen Jahren weise seyn, das ist wahre Weisheit. Möchte doch jeder Ihrer künftigen Geburtstage Sie immer um ein gut Theil glüklicher finden, und jedes Jahr Ihres Lebens mit dem Genuß dieser immer zunehmenden Glükseeligkeit bezeichnet seyn. Denken Sie dann in jeder frohen Stunde so wie in den trüben die Ihnen noch begegnen werden, an Ihren aufrichtigsten und theilnehmendsten Freund. Den 10ten. April. 1785. Gentze. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 4 Bl., F: 234mm x 192mm; 5 ½ eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 4, 26-32. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 7, 19-24.