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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 6. Mai 1785, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1785

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id5029
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date6. Mai 1785
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 228mm x 190mm; 4 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, 32-34 (Auszüge); Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 8, 24-30
IncipitIch bin endlich an dem Punkt
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 6. Mai 1785 Beste, Verehrungswürdigste Freundinn ! Ich bin endlich an dem Punkt, wo ich im Stande bin, Ihnen zu schreiben; möchten Sie doch, wenn Sie bisher an mich gedacht, mich vielleicht oft getadelt und in allerley Verdacht gehabt haben, das immer bedacht haben, daß ich an Sie nicht so etwa kurz vor dem Abgange der Post, oder in einer von andern Verwirrungen halbgestohlnen Stunde schreiben kan, sondern daß ich dazu durchaus Ruhe und Geistes-Stille nöthig hatte, die man doch wahrlich in den ersten 8 Tagen des Aufenthalts in Berlin, nachdem man zwey Jahre nicht darin gewesen ist, nicht zu vermuthen hat ! Ich habe sie jetzt in einer stillen, heitern, frühen Morgen-Stunde, und da soll mich denn auch Nichts verhindern, sie mit Ihnen zu genießen. Sie wißen und fühlen mehr als ich es Ihnen beschreiben kan, was Sie mir in Königsberg waren, meine erste, meine einzige Freundinn in guten, und b ö s e n Tagen, meine erfreulichste und einzige Gesellschaft, zu einer Zeit, wo ich der Allgewalt meiner zu starken Empfindungen, ohne Ihren Umgang gewißlich untergelegen hätte, meine große Wohlthäterinn in Ansehung der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens. Ueberdem war das schon eine Kette, die mich auf Ewich an Sie feßelte, daß Sie mich so gut kannten, wie schwerlich 3 Menschen in der Welt mich noch kennen, daß Sie an dem Guten, was Sie in meinem Charakter fanden, Geschmak fanden, und seine Fehler übersahen oder entschuldigten, daß sich bey dieser genauern Bekanntschaft sogar verschiedne auffallende Ähnlichkeiten zwischen Ihrem Charakter und dem Meinigen zeigten, die unser gegenseitiges Vertrauen auf einander immer fester gründeten, und unsre Freundschaft unzerstöhrbar machten. Sowohl eine Folge, als auch hernach wieder eine neue Befestigung dieser Freundschaft war es, daß Sie selbst mich zum Vertrauten Ihres Herzens machten, meinen Rath in wichtigen Verhältnißen Ihres Lebens anhörten und annahmen, und meinen Umgang vor dem Umgange mit Tausend Andern vorzogen. Sagen Sie mir, meine beste, vortreflichste Graunin ! wäre es möglich, daß in einem Herzen, wie Sie es mir zutrauen, nach einem so genauen, so festem Freundschafts-Bunde, wie er vielleicht oder gewiß, nur höchst selten zwischen zwey jungen Leuten von verschiednem Geschlecht existiert hat, jemals Gleichgültigkeit oder Laulichkeit entstehen könnte ? Kan ein Mensch, dem man nur überhaupt Fähigkeit zur Freundschaft einräumt, seine beste, seine erste Freundinn vergeßen ? Auf der Reise, und nach der Reise, in Braunsberg, Ostrometzke, Cüstrin und Berlin, an meinem Schreibe-Pult, und in dem fatalen Wirrwarr von Visiten-Empfangen, und Visiten-Abstatten, habe ich daher unabläßig, an Sie, meine allertheuerste Freundinn, gedacht, in jedem glüklichen, und in jedem weniger glüklichen Augenblik mir [xxx] vorgestellt, was ich Ihnen wol darüber was ich empfand, erfuhr oder that, sagen würde, wenn ich bey Ihnen wäre, was Sie mir antworten, wie Sie Sich mit mir freuen, wie Sie mich ausschelten, wie Sie mich aufrichten, kurz wie Sie Alles thun würden, was ich von Ihrer Freundschaft erwarten könnte. Und ohne in Koenigsberg zu seyn, habe ich Ihnen alle Tage meinen freundschaftlichen Morgen-Besuch richtig abgestattet. Ach ! was haben wir für glükliche Stunden mit einander verlebt, was war das für ein Umgang, da wir uns so verstanden, daß wir kaum ausreden durften, um uns einander unsre Empfin//dungen, und unsre geheimsten Gedanken auszudrücken ! was für ein zwar mattes, aber doch sanftes und erquickendes Licht warf die Aehnlichkeit unsrer Schiksale über unser ganzes Verhältniß, und wie vereinigte uns das zu Einer Zeit, da Sie mich für werth hielten Ihre ganze Zuflucht in meiner Freundschaft zu suchen, und als ich schlechterdings außer der Ihrigen keinen Trost auf Erden hatte. Das Andenken d i e s e r Zeit ob es gleich mit Stacheln und trüben Vorstellungen durchwebt ist, bleibt doch ewig rührend, und wichtig für mein Herz, und wäre hinreichend, um meine wahrhaftige Verehrung, und die ganz ungewöhnliche Freundschaft, die ich für Sie habe, ganz unauflöslich zu machen - Aber wir haben Zeiten erlebt, die für Mich glüklicher waren, und auch die haben Sie mir genießen - haben Sie mir e r t r a g e n helfen. In eben dem Auge hat die Thräne der Freude über mein unaussprechliches Glük geglänzt, das vorher über mein unglükliches Schiksal geweint hatte. Wenn ich mir dann in ruhigen Stunden der Ueberlegung dachte, was Sie für Eine Frau sind, über Ihren hohen Werth und den Zusammenfluß aller der liebenswürdigen Eigenschaften erstaunte, dann erstaunte ich zugleich über mein wirklich erstaunenswürdiges Glük, und dachte mir den Gedanken: diese, diese Frau ist deine wahre, deine Herzens-Freundinn, als eines der schönsten Glieder, in der großen Kette der Glükseeligkeiten meines Lebens. Das wißen Sie, Beste, Beste Freundinn, das habe ich Ihnen tausendmal, das habe ich Ihnen bey jeder Unterredung gesagt. Ich fieng von dem Augenblik an, da ich sah, daß ich mit Ihnen in solchem Grade harmonirte, an mich lieber zu gewinnen; ein verzeihlicher ein erhabner Stolz kam über mich, wenn ich so merkte, wie oft unsre Seelen sich einander näherten, wie gern Sie mich bey Sich sahen, und wie unaussprechlich glüklich ich bey Ihnen war. Ueberdem kannten Sie alle meine kleine Schwachheiten, kannten und beförderten alle meine große und kleine Wünsche, lasen in der Tiefe meiner Seele, und ließen mich wieder in der Ihrigen lesen. Das ist ausgemacht: die Stelle, die Sie in mir ausfüllten, wird nie, nie wieder besetzt; Sie wißen wol, daß ich meine Coelestine viel zu sehr liebe, als daß dieser Ausspruch ihr zum Nachtheil gereichen könnte. Ich bin überzeugt, daß sie mir Alles, Alles seyn wird; das wißen Sie so gut, als sie es selbst weis. Aber das ist ausgemacht: wenn sich Fälle in meinem Leben ereignen sollten, wo ich irgend einen geheimen Gram [ihr] weder ihr selbst, um ihr unglückliche Stunden zu ersparen, noch auch meiner Mutter mittheilen wollte, dann wird es mir an einer solchen Freundinn fehlen, wie Sie waren, o beste, beste Frau ! - Aber fehlen ? Warum sollten Sie mir fehlen ? Hängt denn nicht eben der blaue Himmel noch über Ihnen, der über mir hängt ? Soll eine Entfernung, eine nichtswürdige Entfernung von 80 Meilen zwey Seelen trennen, die so nahe, so nahe verwandt sind ? Die Hoffnung, uns wieder zu sehen, die glükliche Hoffnung einst in Einer Stadt zu leben, ist da; und wir sollten dann nicht, unsre Freundschaft so warm, so frisch erhalten haben, als sie bis jetzt geblüht hat ? Geschworen sey es, wie ich es oft vor Ihnen gethan habe, daß auf meiner Seite die Entfernung keine Aenderung hervorbringen soll; o versichern Sie mir doch, daß ich von // Ihnen dasselbige zu erwarten habe, daß Sie mir Ihre Achtung und Ihre Freundschaft, worauf ich so stolz bin in eben dem Grade erhalten wollen, als ich sie sonst genoß, und mir immer unter den Menschen, die Sie vorzüglich lieben, einen Rang einräumen wollen, daß Sie oft an mich denken, und oft an mich schreiben wollen. Berlin ist todt, todt für mich; Sie glauben gar nicht, liebe Graunin, wie öde es ist. Ich wäre sicher: -[xxx]- Wenn nicht noch einer Mutter Hülfreicher Arm mich hielt, nicht noch Ein Freund Die Leere füllte - trotz dem Lärm des Haufens Verlaßen wie ein Eremit. - w i e ich es damals sagte. Mein Gott ! Was fehlt mir hier Alles ! C o e l e s t i n e und S i e. Das ist es. Das schließt Alles in sich. Das macht mir Berlin so gleichgültig, so schal, so abschmekigt, ob ich gleich wol einsehe, daß es noch Salz genung hätte, wenn man mir nur die Speise z u b e r e i t e n könnte. Daß ich die Schwinken in dem Grade liebe, wie ich sie wirklich liebe, habe ich - sollten Sie es glauben ? - wahrlich erst hier erfahren; denn alle Mädchens, die schöne, ausnehmend schöne Mamsell Jungen, und die kluge, gelehrte Mamsell Beguelin, und die allgemein beliebte talentvolle Mamsell Raehmeln, mit eingeschloßen, sind mir - wie Putzstöcke, - Gott und die lieben Mädchen mögen mir den Ausdruck verzeihen ! - Was mich noch an Berlin freut, ist daß man von Ihnen, meine beste, so gut, so vortheilhaft denkt und spricht, nicht nur meine Eltern die außerordentlich von Ihnen eingenommen sind, sondern auch eine große Menge Andrer Leute, selbst Ihre Frau Schwiegermutter spricht von Ihnen in den Ausdrücken die ich billige, wenn man von I h n e n spricht. Das weis der Himmel, daß man mir immer meine Honig-Bißen giebt, wenn man Sie lobt. Ich erkenne mich alsdann selbst in Andern und wer sieht sich nicht gern im Spiegel ? Wie steht es um Ihr Herz ? Ich denke unzählige Mahle: Was mag die liebe, liebe Frau machen ? wie mag sie mit ihrem Manne, und wie mit leNoble stehen ? - Schreiben Sie mir doch recht bald und laßen Sie Sich hübsch über diesen Gegenstand aus, das wird unsrer Correspondenz Stoff und Leben geben. Denn von Berlin aus kan ich Ihnen gar Nichts schreiben, was Sie intereßieren könnte, außer daß ich in jedem Briefe eine kleine Schilderung meiner Lage vorausschicke, die aber auch vermuthlich allemal mit einem andern Titel wird beehrt werden können, nehmlich: K l a g e - L i e d ü b e r L a n g e w e i l e u n d S e h n s u c h t. Trösten Sie mich durch Briefe, durch lange Briefe; schreiben Sie mir, was Sie wollen; was aus Königsberg kömmt, ist mir intereßant; schreiben Sie mir von meinem Mädchen - wenn Sie Nichts Neues von ihr wißen, so erzählen <Sie> mir was Altes, erzählen Sie mir, wie ich mich oft bey Ihnen über meine Glükseeligkeit gefreut, wie ich mit ihr bey der Mama am Fenster und auf dem Sopha geseßen hätte. Sagen Sie mir - zeigen diese Forderungen Ihnen nicht ganz deutlich, daß ich noch eben derselbige - bin ? Aber im Ernst: Nehmen Sie Sich meiner Liebe an, meine große, große Wohlthäterinn einzige, unschätzbare Freundinn meiner herrlichsten Jugend-Jahre ! So oft Sie das über Alles geliebte Mädchen sprechen, so demonstriren Sie ihr doch, wie groß, wie ernstlich, wie // geprüft, wie voll und rein meine Liebe zu ihr ist; und schreiben Sie mir jeden guten, Gedanken, jedes vortheilhafte Wort, was sie von mir gesagt hat, damit ich meine Seele daran labe, in dieser Wüste. Denn ich mag gehen, in welche Region dieser prächtigen Stadt ich will, so bin ich immer gleich dem Manne, der von Dan bis Berseba reiste und ausrief: Es ist alles oede. Ich habe heute einen Brief von meinem Bruder [zu] bekommen, der mir unter andern Neuigkeiten schreibt, daß er am vorigen Mittwoch mit Ihnen nach dem Sprint gegangen, Sie aber äußerst m ü r r i s c h und v e r d r i e ß l i c h gefunden hätte. Geben Sie mir doch die erste Probe Ihrer fortdauernden Freundschaft dadurch, daß Sie mir die Ursache dieser grämlichen Stimmung gestehen. Seyn Sie mit Ihrem Kummer nicht geitziger gegen mich, als Sie es mit Ihrer Freundschaft gewesen sind. Ich will Alles mit Ihnen theilen, wenn Sie nur meine Freundinn bleiben wollen. Schreiben Sie mir bald, beste, vortrefliche Freundinn, ich schmachte nach einem Briefe von Ihnen, um nur die glükliche Ueberzeugung zu haben, daß Sie noch eben So denken, ebenso gegen mich gesinnt sind, wie Sie es ehemals waren. Ich glaube nicht, daß Sie diesen Brief außer etwa Ihren Geschwistern, irgend Jemanden zeigen werden, darum schicke ich ihn auch durch leNoble an Sie. Wenn Sie ihn Ihrer Schwester zeigen, oder wenn Sie überhaupt sagen daß ich Ihnen geschrieben habe, so empfehlen Sie mich doch tausendmal Ihrer vortreflichen, unschätzbaren Mutter, die mir so unzählige Freundschafts-Dienste erzeigt, so viele tausend glükliche Stunden verschafft hat. Ich werde sowohl an sie, als an Ihre Geschwister, nächstens schreiben. Daß ich es noch nicht gethan habe, ist, Gott weis es, nicht meine Schuld gewesen. Wo ich aus dieser herrlichen, liebenswürdigen Familie Einen vergäße, so müßte meine Zunge meinen Nahmen vergeßen. Das sagen Sie ihnen Allen von mir. Und nun leben Sie wol, und Glük, und Ruhe und Freude kröne und seegne Ihre Lebenstage. Sie verdienen es; um mich allein haben Sie ja schon den halben Himmel verdient. Ich schließe mit der Hoffnung, recht bald von Ihnen einen Brief zu bekommen, und mit der Versicherung, die S i e doch wol für keine Schmeicheley von m i r annehmen werden, daß ich unzählige Mahl an Sie denke. Denken Sie nur halb so oft an Ihren aufrichtigsten, wärmsten und herzlich ergebnen Freund, Berlin. den 6ten May. 1785. Gentze. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 228mm x 190mm; 4 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, 32-34 (Auszüge). Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 8, 24-30.