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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 6. Oktober 1789, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1789

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4991
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Garve, Christian
AusstellungsortBerlin
Datum6. Oktober 1789
Handschriftl. ÜberlieferungDurch Kriegseinwirkungen zerstört
DruckorteSchönborn, Briefe, Nr. I, 1-7; Wittichen/Salzer, Briefe, II, Nr. 35, 142-145
IncipitEine Reihe unvermuteter, dringender, zum Teil
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Cristian Garve Berlin, 6. Oktober 1789 Berlin, den 6. Oktober 1789. Eine Reihe unvermuteter, dringender, zum Teil verdrießlicher Geschäfte hat mich in den ersten Wochen nach meiner Zurückkunft so fest gehalten, und zugleich so stumpf gemacht, daß ich es für strafbar gehalten hätte, an Sie, unschätzbarer, vortrefflicher Mann, den mein Geist mit so tiefer Ehrfurcht seinen Lehrer nennt, und den mein Herz so gern seinen Freund möchte nennen dürfen, auch nur wenige Zeilen zu schreiben. Jetzt habe ich seit 14 Tagen erträgliche Muße, und hätte mich nicht ein Antrag der Herren Spaldings, die mir einige Briefe zur Einlage an Sie geben wollten, hernach aber ihr Vorhaben geändert haben, aufgehalten, so hätte ich längst einen Teil dessen, wovon meine ganze Seele voll ist, gegen Sie laut werden lassen. Mein Aufenthalt in Breslau hat, so kurz er auch war, doch einen sehr lebhaften, und, wie ich jetzt bemerke, auch sehr dauernden Eindruck auf mich gemacht. Noch, dünkt mich, wandle ich in diesen Straßen, die ein alter dunkler, und ein neuer sehr erklärbarer Reiz mir doppelt wert machten, umher, noch sehe ich den Ausdruck der Freundschaft und des // Wohlwollens auf den Gesichtern so mancher liebenswürdigen Personen, deren Bekanntschaft ich dort gemacht, oder erneuert habe: noch höre ich Ihre unvergeßliche Stimme, und die Tränen, die ich erstickte, als ich nach jener letzten wohltätigen Unterredung mit Ihnen, den Garten verließ, dringen jetzt mit gedoppelter Kraft hervor, und lassen mich recht ernsthaft fühlen, was ich verloren habe. O ! daß ich es nur sagen dürfte, in welchem Grade mir die Stunden, die ich in Ihrem Umgange zubrachte, kostbar waren ! Daß ich es doch nur einmal ausdrücken könnte, welch eine herrliche Empfindung von Beruhigung und innrer Selbstzufriedenheit, der Gedanke, von Ihnen gekannt, und nicht ganz von Ihnen gemißbilligt zu sein, in mir erregte ! Daß ich es Ihnen nur lebhaft genung beschreiben dürfte, was mir Ihre Gesellschaft war - ach ! und was sie mir sein würde, wenn ich sie beständig genießen könnte ! Zum Glück für mich sind Sie von der Wahrheit meiner Empfindungen und von der Übereinstimmung derselben mit meinen Reden - wenn es ein Verdienst wäre, das einzige, was ich zu besitzen glaube - überzeugt: und dies ist in einem Fall, wo die höchste Achtung sogar das Protestieren gegen den Verdacht der Übertreibung oder Schmeichelei als unschicklich ausschließt, ein nicht geringer Gewinn. Lassen Sie mich also ein für allemal, zur Erleichterung meines Herzens, Ihnen sagen, was mich eigentlich so glücklich machte, da es mir vergönnt war, mit Ihnen umzugehen, und was ich entbehre, da ich Sie entbehren muß. Ich kannte Sie längst auf die ehrenvolle Art, wie jeder Deutsche, der denken und lesen kann, Sie kennt. Auch sogar den moralischen Charakter des Schriftstellers, den tausend Bücher gar nicht verraten, und den wir aus den wenigen, welche ihn hervorschimmern lassen, nur so unsicher und mit so großer Gefahr zu irren, bestimmen können, auch sogar den moralischen Charakter des Schriftstellers entwarf und vollendete ich mir aus Ihren Schriften, und war dreist genung zu glauben, daß ich mich schlechterdings nicht irren könnte. Daß ich, als ich mit Ihnen zusammenkam, fand, was ich nach dieser Abstraktion vermutet hatte, das war die erste Quelle eines unbeschreiblichen Wohlgefallens für mich. Daß hernach dieser Mann, den ich von der Seite des Verstandes so bewunderte, von der Seite des Charakters so verehrte, sich mir näherte, daß ich es wagen durfte, mir zu sagen: du bist ihm nicht ganz gleichgültig, das war es, was so ganz mein Herz zu Ihnen zog, // und was mich in den beiden letzten Tagen meines Aufenthalts in Breslau, nachdem ich von Ihnen Abschied genommen hatte, fast bei keinem andern Gedanken mehr verweilen ließ, als bei dem traurigen: du hast ihn gesehen, und siehst ihn nicht mehr. Ich bin einsamer und verwaiseter, als Sie glauben mögen. Für mich ist es ein wahres Bedürfnis, ein Bedürfnis der Schwachheit, mit v o r t r e f f l i c h e n Menschen umzugehen. Ich bin jung, und habe viele Fehler. Wenn ich immer mit mir selbst zufrieden sein und immer so handeln sollte, wie man zu diesem Zweck handeln muß, so müßte ich einen Mann, wie Sie, oft vor mir haben, und oft hören können. Die gewöhnlichen Menschen um mich her, sind mir von der Seite der Theorie nicht immer gewachsen genung: die Gründe, die man mir in bedenklichen oder wichtigen Fällen vorlegen möchte, um gut zu handeln, sind für meinen raisonnierenden Geist und für meinen sophistischen Kopf größtenteils zu schwach, und schlechte Gründe können bei mir der guten Sache oft so sehr schaden, daß ich sogar die Lust verliere, auf die echten Gründe, die ich in meinen Prinzipien finde, zu hören, und daher aus einem eigensinnigen und tadelhaften Stolz, nicht aus Torheit oder Irrtum gut zu sein, fehle. Ein Muster vor Augen zu haben, welches mich oft und lebhaft daran erinnerte: daß die ehrwürdigen und herrlichen Grundsätze der Moral nicht bloß kalt bewundert, sondern auch ausgeführt werden können, daß man mit dem größten und hellsten Kopfe der Tugend und der Pflicht ebenso strenge und gewissenhaft anhängen kann, als man ihr zuweilen aus frommer Eingeschränktheit, und abergläubischer Schwärmerei anhängt: und daß die beste Philosophie am Ende auch, wenn sie praktisch wird, die reinsten und schönsten Früchte hervorbringt: das wäre ein unschätzbarer Vorteil für mich, und darum behaupte ich, daß ich für meine Besserung ebensoviel gewinnen würde, als für meine Erleuchtung und Belehrung, wenn ich bei Ihnen beständig sein könnte. Jetzt muß ich mich begnügen, aus der Erinnerung den Trost zu schöpfen, den ich nicht um mich und neben mir haben soll, und einzelne Strahlen dieser wohltätigen belebenden Klarheit aufzufangen, an der ich eine Zeitlang meine Begriffe läutern, und meine Handlungen prüfen konnte. Gönnen Sie mir, unvergeßlicher Mann, eine Stelle in Ihrem Herzen, und in Ihrer Freundschaft. Lassen Sie mich von Ihnen lernen, da ich nicht mit Ihnen leben darf. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zuweilen die Resultate meiner wissenschaftlichen Beschäftigungen, meines // Lesens und meines Denkens vorlege, daß ich Sie um Rat bitte, wenn ich einen neuen Weg betreten will, und Ihre Leitung auffordre, wenn ich auf der gebahnten wandle. Wäre nicht dieser Brief schon so lang, daß ich in Unbescheidenheit verfiele, wenn ich ihn ausdehnte, so würde ich die Freiheit, die ich mir erbat, sogleich gebrauchen, um über einige Gegenstände, die schon in den Unterredungen, deren Sie mich würdigten, vorkamen, meine Gedanken Ihnen vorzulegen. Aber ich verschiebe es. Ich verlange nicht, was man eine förmliche Korrespondenz nennt, mit Ihnen zu errichten: ich d a r f es nicht verlangen. Nur die einzige, herzliche Bitte habe ich, daß Sie mir in wenigen Zeilen, nach denen ich mich äußerst sehne, Ihr Andenken und die Fortdauer der gütigen Gesinnung versprechen, die mir mehr als alles andre meinen breslauischen Aufenthalt so sehr versüßt hat. Diese Bitte werden Sie mir gewähren, ich fühle es: und gibt es sonst etwas, was ich Ihnen in Berlin ausrichten kann, irgendeinen Auftrag, zu dem meine Kräfte hinreichen, so hoffe ich, Sie werden mich lieb genung haben, um mir keine Gelegenheit zu beneiden, bei der ich Ihnen meine Dankbarkeit, meine innigste Hochachtung, meine reinste Freundschaft an den Tag legen kann. Empfehlen Sie mich doch Ihrer würdigen Frau Mutter aufs angelegentlichste, und versichern Sie diese treffliche Frau, die freilich an die Achtung so vieler schätzbaren Menschen längst gewöhnt ist, die aber auch meinen kleinen Tribut nicht verschmähen wird, von meiner unbegrenzten Verehrung und Ergebenheit. Meine Eltern empfehlen sich ihr, und Ihnen. Sie sind zufrieden mit ihrem Sohne, und zufriedner als jemals, weil sie sich schmeicheln, daß er Ihren Beifall zu verdienen suchen, und vielleicht bei fortgesetzten Bemühungen verdienen wird. O wäre doch diese ihre Hoffnung, die zugleich die größte aller meinigen ist, gegründet ! Wenn das Herz Ihre Freundschaft verdienen kann, so können Sie sie dem nicht versagen, der mit einer ganzen Seele voll Hochachtung und zugleich voll warmer Zärtlichkeit unaufhörlich sein und bleiben will Ihr ganz ergebenster und aufrichtigster Verehrer, Freund und Diener Gentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. I, 1-7. Wittichen/Salzer, Briefe, II, Nr. 35, 142-145.