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Gentz ; Nassau, Herzog Wilhelm von
An Herzog Wilhelm von Nassau, Wien, 6. Juni 1831, 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4985
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Nassau, Herzog Wilhelm von
AusstellungsortWien
Datum6. Juni 1831
IncipitEwr. Herzoglicher Durchlaucht huldreiches Schreiben
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Herzog Wilhelm von Nassau Wien, 6. Juni 1831 Durchlauchtigster Herzog ! Gnädigster Herr ! Ewr. Herzoglicher Durchlaucht huldreiches Schreiben hat meinem, seit einiger Zeit sehr gesunknen Gemüth einen neuen Schwung gegeben, und es würde mir schwer werden, Höchstdenselben für die mir dadurch widerfahrne Aufmunterung, so wie für das gnädige, und mir äußerst willkommne Geschenk, in angemessnen Worten zu danken. Meine täglichen Conferenzen mit Baron Münch sind fast ausschließend dem wichtigen Gegenstand gewidmet, der mich längst, da er uns näher liegt als jeder andre, ernsthaft und anhaltend beschäftigte, und den Ew Durchlaucht mir von neuem, in Ausdrücken, die ich nie vergessen kan, ans Herz zu legen geruhten. Ich kan, leider, nicht sagen, Gnädigster Herr, daß unsre gemeinschaftliche Erörterungen uns bis jetzt dem Ziele viel näher gerückt hätten. Wir sind gleichmäßig überzeugt - und Fürst Metternich theilt diese Ueberzeugung - daß zum Besten der Reform, von welcher das künftige Schicksal Deutschlands, die fernere Existenz des Deutschen Bundes, und die Erhaltung der Souveränität sämmtlicher Deutscher Fürsten abhängt, nicht eher irgend ein wirksamer Schritt gethan werden kan, als bis wir die Ansichten des Preußischen Hofes über die große und schwierige Unternehmung kennen, und die Frage entschieden ist, ob und in wie fern wir auf den Beystand dieses Hofes rechnen dürfen. Der Augenblick einer Ministerial-Veränderung in Berlin schien uns nicht der geeignetste, die Sache in Anregung zu bringen; und wenn Baron Werthern, wie wir (seiner anfänglichen Weigerung ungeachtet) jetzt für wahrscheinlich halten, das Portefeuille annimmt, so muß sich dann erst ergeben, wie man unter seiner Leitung über die Deutschen Angelegenheiten denken wird. Fürst Metternich hat das Projekt, eine kurze Zusammenkunft mit dem Könige in Teplitz zu veranstalten; und wenn er dies, wie ich sehr wünsche, ausführen kan, und den König in irgend guten Dispositionen findet, so soll demnächst Baron Münch eine Reise nach Berlin machen, und dort weitre Verhandlungen einleiten. Baron Münch ist überdies der Meynung, daß man den Schluß der Bayerschen und Badenschen Stände-Versammlungen abwarten müße, bevor man nur das geringste von einem Plan zur Reform der constitutionellen Gesetzgebung verlauten ließe. Denn die Furcht vor der Verweigerung des Budget ist allenthalben so groß, daß die Fürsten schwerlich den Muth haben würden, der Opposition der Kammern, auf deren heftigsten Ausbruch man gefaßt seyn muß, die Spitze zu bieten. Entschlossne Regenten, wie Seine Durchlaucht der Herzog von Nassau, sind in Deutschland sehr selten geworden ! Was die Form betrift, so ist Fürst Metternich der Idee eines F ü r s t e n - R a t h e s zugethan. Münch und ich finden darin unbesiegbare Schwierigkeiten, und stimmen daher für einen M i n i s t e r i a l - C o n g r e ß. Daß wir mit dem Bundestage, und der b e s t e h e n d e n Bundes-Gesetzgebung nicht ausreichen würden, sieht Münch heute eben so ein, wie ich. Wir bedürfen einer c o n s t i t u i r e n d e n Behörde, die nur, als unmittelbarer Ausfluß des vereinten Willens der Souverains gedacht und geschaffen werden kan. Unwidersprüchlich gewiß ist, daß der jetzige Stand der Dinge in Deutschland nicht länger geduldet werden darf, wenn nicht alles zu Grunde gehen soll. Daß aber die Mittel zur Aushülfe schwierig sind, und große Ueberlegung erfordern, leuchtet uns mehr und mehr ein, je tiefer wir in die Aufsuchung derselben eindringen. Baron Münch, der nicht vor dem 15ten oder 18ten d. M. Wien verlaßen wird, hat es übernommen, zuvor eine Art von Prospectus der Maßregeln, die wir als die dringendsten betrachten, zu entwerfen. Ich werde ihn aus allen meinen Kräften unterstützen; und ich bitte Ew. Herzogliche Durchlaucht, an dem Eifer und der Beharrlichkeit, womit ich mich überhaupt allem, was dieser hoch--wichtigen Sache förderlich seyn kan, unterziehen werde, nicht im Geringsten zu zweifeln. Das höchst ehrenvolle und schmeichelhafte Vertrauen eines Fürsten von Ihrer wahrhaft erhabnen und Fürstlichen Denkart würde allein ein hinreichend mächtiger Sporn für mich seyn, wenn ich nicht ohnehin das Gefühl hätte, daß die Rettung Deutschlands aus den Klauen der Revoluzion vielleicht noch das einzige Werk ist, woran ein Mensch in meiner Lage, bey dem gänzlichen, heillosen Verfall aller alten Ordnungen in Europa, noch mit e i n i g e r Hoffnung des Erfolges Hand legen kan. Münch wird, bey seiner Rückkehr nach Frankfurt, Ew. Durchlaucht von dem Wenigen, worüber wir uns vereinigt haben werden, Bericht abstatten. Beglücken Sie mich fernerhin, Gnädigster Herr, mit Ihrer Gnade, Ihrem Vertrauen, und Ihren Befehlen. Nichts in der Welt kan mir erwünschter seyn, als jede Gelegenheit, meine treue Anhänglichkeit an Ihre Person, und die tiefe Ehrfurcht an den Tag zu legen, womit ich Lebenslang seyn werde, Ewr. Herzoglichen Durchlaucht untertäniger Diener Wien den 6ten Juny 1831. Gentz