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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 24. November 1786, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1786

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id483
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date24. November 1786
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 244mm x 186mm; 5 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, 81-82 (paraphrasierter Text); Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 21, 91-96
IncipitIch bin gestern in Berlin angekommen
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 24. November 1786 Berlin den 24ten November. 1786. Ich bin gestern in Berlin angekommen, und heute ist es mein erstes, mein heiligstes und mein liebstes Geschäft, an Sie, theure, einzige Freundinn, an Sie zu schreiben, da es [xxx] mir nun aufs Neue - und Gott weis, auf wie lange - versagt ist, mit Ihnen zu sprechen. Damals, bey unsrer ersten Trennung war mir der Gedanke, Ihres herzerquickenden Umgangs beraubt zu seyn - sehr bitter - O meine Freundinn ! - Was, was soll er mir jetzt seyn ! - Verlaßen von meinen besten Hoffnungen, einsam, allein in der Welt, in einer Welt, die mir misfällt, mit allen meinen ehmaligen Empfindungen, mit aller meiner alten Herzenswärme, - aber ohne Stoff ohne Gegenstand, an den ich mich halten, den i c h glücklich machen könnte aus der überfließenden Fülle meiner Seele, mit mir selbst im sonderbarsten Widerstreit, aus Neigung warm und froh und hoffnungsvoll, aus Vernunft kalt und trübe und mistrauisch, - was bleibt mir übrig in diesem allgemeinen Tumult außer mir und in mir, in dieser kalten, fast todten Unzufriedenheit mit allem, was mich umgiebt, was bleibt mir übrig - als Sie ? - Nur: "Bey allem was dir heilig ist - - - - von d i e s e r Stelle, - - Verjage mich von d i e s e r Stelle nicht" Was soll mir in Berlin die Freuden, und den Trost Ihres Umgangs ersetzen ? Alles was ich dazu auffordre, bleibt zurück: so oft ich I h r e Gesellschaft suche, finde ich mich allemal allein. Erst mußte ich mich dieser Empfindungen, die während meiner ganzen Reise so mächtig in mir gewirkt <haben>, gegen Sie, meine Theure, liebe Freundinn, entladen, ehe ich Ihnen ein Wort von meiner Reise, und von meiner Ankunft in dieser glänzenden Stadt sagen konnte. Ich kan Ihnen von einer einförmigen, langweiligen Winterreise, keine Merkwürdigkeiten mittheilen, zumal, da sie durchaus glücklich von Statten gieng: ich habe des Nachts auf dem Postwagen gut und sanft genung geschlafen: am Tage mit gleichgültigen Menschen geplaudert und gegähnt: zuweilen - und das waren die besten Stunden - über die Verhältniße meines Lebens nachgedacht, oder im Emil gelesen. Oft, sehr oft haben Sie, gute Graunin, mir Gesellschaft leisten müßen: manche Stunde haben Sie neben mir geseßen, und manchen Ausbruch meines vollen Herzens, habe ich an Ihren mir allgegenwärtigen Schatten gerichtet. // Endlich kam ich denn gestern früh um 10 Uhr, sehnlich erwartet, und freundlichst empfangen in meiner guten Eltern Hause an. Die Freude war doppelt, weil ich gerade [xxx] zu der auf den Abend festgesetzten Familien-Fête zurecht kam, wodurch meines Vaters GeburtsTag gefeyert wurde. Ich blieb, ohne eine Minute zu schlafen, den ganzen Tag in Bewegung und wohnte zum großen Erstaunen aller Anwesenden, des Abends der Gesellschaft bis 12 Uhr munter und vergnügt, und bis auf den letzten Mann bey, welches man nach einer 8Tägigen Reise auf der ordinairen Post, etwas viel fand. Mir lag an diesem frohen und wichtigen Tage nichts mehr am Herzen, als eben der Gegenstand unsrer Freude. Auch machte es einen sonderbaren Contrast, daß mein Vater in unsrer ersten Unterredung, Nichts wißen wollte, als wie mir es gegangen wäre, und ich hingegen, aus wahrer inniger Empfindung Nichts anders that, als ihm zu seinem Geburtstage, Glück wünschen, woran mir in diesen glücklichen Augenblicken mehr lag, als an meiner ganzen vereitelten Heyraths-Geschichte. Meine Freundinn ! Es giebt keine Glückseeligkeit ohne Tugend, keine wahre Ruhe in Leben und Tode, ohne das Bewustseyn, gut gehandelt zu haben. Diese alte, aber so unendlich wichtige Maxime sehe ich an meinem Vater in einem recht seltnen Lichte aufgeklärt. Nicht ohne eine heilige Bewunderung können - Menschen, wie w i r - diesen Mann, der gestern 60 Jahr alt geworden, übrigens aber noch im Besitz aller seiner Kräfte, und einer recht starken Gesundheit ist, von seinem Tode, und der wahrscheinlichen Annäherung deßelben reden hören. Er hat gewiß keine Ursach den Tod zu wünschen, auch ist er weit entfernt davon: aber er spricht darüber mit einer Gelaßenheit, mit einer unaffektirten, großen, ruhigen Freymüthigkeit, gleich als wenn wir davon sprächen, daß wir in 8 Tagen ausziehen wollten. Sie können denken, daß ich dergleichen Aeußerungen nicht ohne Wehmuth anhören kan, und sie beständig unterbreche: indeßen überfällt mich denn dabey doch der Gedanke recht lebhaft: so zu leben, so sterben zu können, als er. Meine Eltern haben mein ganzes Betragen in Königsberg gebilligt: wie wol mir dabey ist, weis ich am Besten. Zu meinem Erstaunen höre ich, daß die Auflösung dieser unglücklichen Geschichte in Berlin schon sehr bekannt ist. Ich, meines Theils, habe es mir zur unverletzlichen Regel gesetzt, einige meiner intimsten Bekannten ausgenommen, gar nicht darüber zu sprechen. Ich könnte Nichts Gutes darüber sagen, und ich habe mir fest vorgenommen, die Schwinken zu schonen. Ich versichre Sie: ich wollte, ich könnte jedes ihr // nachtheilige Wort, was ich in Königsberg, durch Unmuth und höchst verzeihliche Erbitterung getrieben, ausgestoßen habe, zurücknehmen. Es ist wirklich u n t e r mir, mich auf eine so g e w ö h n l i c h e Art zu rächen - Mit der nächsten fahrenden Post schicke ich ihr alle ihre Briefe zurück: oben auf habe ich ihr Portrait von Sennewalt gelegt - ich fand es noch in dem nehmlichen Papier eingewickelt, in dem sie es mir geschickt hatte - Ein Schauer überfiel mich, als ich es eröfnete - Unwillkührlich, unwiderstehlich zog es mich, folgende Worte darauf zu schreiben, die ich ihr auch richtig übersenden werde, als d a s T e s t a m e n t e i n e r g r o ß m ü t hi g e n S e e l e: und das wird und kan meinem Herzen nie Schande machen. Ich habe auf die eine Seite der Hülle inwendig geschrieben: "Höre, Vater im Himmel, höre das aufrichtige, tiefe Gebet, eines r a c h e f r e y e n Herzens: Laß dieses Mädchen, die meine unendliche Liebe übel belohnt hat, laß sie ihre künftigen Tage so froh, so glücklich durchleben, als ihr gutes, wenn gleich schwaches und leicht verführtes Herz es verdient ! - Laß nie ihr Schicksal so unglücklich werden, daß sie den, den sie verstieß, zurückwünschen müßte ! Deine Kinder, guter Vater, sind alle, alle, schwach. O ! weil wir M e n s c h e n sind, Vater, laß sie glücklich seyn, und rechne ihr ihre Schwachheit nicht zu. Höre meine heiße, unverstellte Bitte: Laß sie glücklich seyn, bis ans Ende ihrer Tage; und wenn sie jemals eine Thräne weinen soll, so weine sie sie jetzt - über mich. -" Auf die Gegenüberstehende Seite schrieb ich: "Höre Vater im Himmel, höre das aufrichtige, tiefe Gebet eines n e i d l o s e n Herzens ! Laß den, der dies Bild einst nach mir besitzen wird, es so verdienen, wie i c h es verdiente. Vor dir gilt keine Prahlerey, kein eitler Stolz; d u gabst mir das Herz, wodurch ich es verdiente: du hast meine Vorsätze, meine stillen Wünsche, meine Gedanken alle, gesehen und gezählt ! - Laß ihn das Mädchen glücklich - wäre es möglich - unaussprechlich glücklich machen. Vater ! der alle seine Kinder liebt ! laß ihn ihre Fehler ertragen, ihre Vorzüge recht schätzen, für sie, und nur für sie leben; laß ihn behorchen und erfüllen, alle, alle ihre Wünsche, bis zum letzten Hauch dieses Mundes, den ich - trotz allem, was ich g e l i t t e n habe - doch jetzt - zum letzten Mahle mit meinen heißen Thränen benetze ! Höre meine heiße, unverstellte Bitte ! Laß keinen Unwürdigen die Stelle ersetzen, die man mir raubte: und dann gieb es zu - daß sie mich auf ewig vergeße -" Ich weis nicht liebe Graunin, was Sie zu diesem, wirklich unter heißen Thränen geschriebnen Ausbruch meiner Empfindungen denken werden: noch weniger weis ich, was Sie dazu sagen werden, daß ich dies Papier der Schwinken wirklich schicken will. Indeßen glaube ich beynahe, daß Ihr Urtheil, welches ich sehr begierig bin zu hören, für mich günstig ausfallen wird. Denn: // daß ich die Worte wirklich aus vollem Herzen schrieb, das werden Sie mir wol glauben, und sollten Sie auch einen starken Rest von L i e b e darin finden. Daß ich mich ihrer nicht schämen darf, weis ich daher, [daß] weil ich, indem ich sie schrieb, die beruhigende, erquickende Wollust empfand, die in mir allemal das Zeugniß und die Begleiterinn einer guten Handlung ist. Daß ich sie ihr überschicke, dadurch kan ich mir keinen Schaden thun: wodurch aber könnte ich wol meinen Zweck, ihr die Trennung von mir bitter, vielleicht, heilsam-bitter zu machen, sichrer erreichen, als durch diesen großmüthigen Abschied. Wirkt der Nichts mehr auf sie - so ist sie moralisch todt. Diese Geschichte ist noch kaum zu Ende, und Siehe - es kommen mir schon wieder, die - Gott verzeih's mir - verwünschten Heyraths-Vorschläge von allen Seiten entgegen. Daß weis der T....... was die Leute an mir heyrathsfähiges finden müßen. - Ihr Mann wird Ihnen vermuthlich erzählt <haben>, auf welch eine ehrenvolle Art mir der Müntzmeister beym Abschiede seine Tochter angetragen hat. - Kaum komme ich hieher, so höre ich schon, daß man (aber nicht etwan von Seiten meiner Eltern) eine andre Heyrath für mich aufs Tapet gebracht hat, wofür sich eine ganze, ansehnliche Familie sehr intereßirt. Alle aeußerlichen Vorzüge sind vorhanden: das Mädchen ist die Tochter eines Geheimen Finantz-Raths, 18 Jahr alt, reich, schön, und nicht dumm. Aber - o Himmel ! was geht das m i c h an ! Ich werde in meinem nächsten Briefe an Ihren Mann (denn mein heutiger [wird] an ihn wird ohnedies lang) ihm, da er die Familie sehr gut kennt, die nähern Umstände dieses Projekts eröfnen, die Sie Sich dann von ihm mögen erzählen laßen. Denn ich versichre Sie: wenn ich an S i e schreibe, so ekelt mir davor, die Zeit mit dergleichen Narrenspoßen zu verderben: Sie wißen einmal meine Vorsätze und meinen Plan ! Was soll ich in jedem einzelnen Fall, protestiren, appliciren, und schwatzen ? Wenn die Leute mich recht genau kennten, so würde ihnen die Lust vielleicht vergehen, mich auf diesem Wege mit Gewalt glüklich machen zu wollen ! Noch Eins, liebe Graunin, ehe denn ich für heute schließe. Ich vermiße unter meinen Briefen an die Schwinken verschiedne, die ich mich erinnre, in Händen gehabt zu haben: ich muß [also] sie also noch bey Ihnen gelaßen haben: wenn Sie sie haben, oder finden, so bewahren Sie sie sorgfältig, und versäumen Sie ja nicht, sie mir durch Laval zurükzuschicken: auch sagt meine Mutter, sie vermißte eines meiner Oberhemden und einige Schnupftücher: ich glaube nun zwar gern, daß ich die letztern unterwegens verlohren habe: das erste müßte denn doch aber noch bey Ihnen seyn, falls meine Wäscherinn es sich nicht zu Gemüthe geführt hat. Schreiben Sie mir doch, ob Ihnen davon, oder von den Schnupftüchern etwas vorgekommen ist.Die große und aeußerst vorzügliche Idee, die meine Eltern bisher von // Ihnen gehabt haben, ist durch das Gute, was ich jetzt wieder von Ihnen sagen m u ß t e, und durch meine Erzählung, von dem, was Sie, unvergeßliche Frau, in meiner diesmaligen Anwesenheit, für mich gethan haben, aufs neue bestärkt und befestigt worden. Es ist wahr: wären Sie nicht die, die Sie sind, müste ich Ihnen den dreywöchentlichen Aufenthalt in Ihrem Hause, wo Sie in der Zeit nur für mich zu leben schienen, als eine e i n z e l n e Wohlthat verdanken, so müßte ich erschrecken vor der Verbindlichkeit, vor der nie erschöpften Dankbarkeit, die Sie mir aufgelegt haben. So aber verliehren sich alle diese freundschaftlichen Dienste, in dem großen Ganzen unsrer Freundschaft, und unsrer unauflöslichen Herzens-Vereinigung, und meine Dankbarkeit zerfließt mit in die allgemeine Empfindung, daß ich Sie in jedem Augenblick meines Lebens über Alles liebe und verehre. Ich erwarte bald einen Brief von Ihnen. Was mich betrift, ich halte Wort. O ! wie gern, wie gern ich Wort halten werde ! In meinem nächsten Briefe will ich mehr von Ihnen sprechen: in diesem habe ich fast blos von mir selbst gesprochen. Grüßen Sie Ihre Schwester, Ihre Mutter, Ihren Bruder und Dengels, bestens von mir. Wen sollte ich sonst noch durch Sie grüßen laßen. Sehn Sie ! so wird das Register unsrer Freunde täglich kürzer, und je mehr wir uns dem Grabe nähern, je weniger Ursach finden wir, uns nach der Welt zu sehnen. Der Don Carlos gehört I h n e n. Laßen Sie Sich ihn von meinem Bruder, wenn er ihn nicht mehr braucht, zurückgeben, und wenn Sie ihn lesen, so denken Sie manchmal an mich. Leben Sie wol, beste Frau. M e i n e F r e u d e u n d m e i n R u h m i n d e r W e l t l i e g t j e t z t d a r i n, d a ß i c h m i c h I h r e n F r e u n d n e n n e n d a r f. Gentze. N.S. Schreiben Sie mir doch, wie Ihr Mann mit meinem Briefe zufrieden gewesen ist. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn nach seinen Wünschen, einzurichten. Und dann bitte ich auch - Sich nicht über die Postskripte zu moquiren ! - Sie verstehen mich doch ? H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 244mm x 186mm; 5 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, 81-82 (paraphrasierter Text).Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 21, 91-96.