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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Königsberg, 10. November 1786, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1786

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4819
Briefaussteller
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Gentz
Briefempfänger
Graun, Elisabeth
AusstellungsortKönigsberg
Datum10. November 1786
Handschriftl. ÜberlieferungJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Format/Umfang2 Bl., F: 247mm x 189mm; 2 ¼ eighd. beschr. Seiten
DruckorteSchlesier, Schriften, I, Nr. 9, 78-81; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 18, 87-89; Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 64 (tlw.)
IncipitSchon seit geraumer Zeit habe ich Sie
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Elisabeth Graun Königsberg, 10. November 1786 Am 10ten November. 1786. Schon seit geraumer Zeit habe ich Sie, Theure, liebe, unschätzbare Frau, in der vollkommensten und lautsten Uebereinstimmung meines Herzens und meines Verstandes, selbst in der Epoche, wo mir meine Glückseeligkeit durch die Liebe so glänzend, und - ach ! - so befestigt schien, in einem sehr richtigen Sinn des Ausdrucks, meine e i n z i g e F r e u n d i n n genannt. Schon zwey Jahre lang haben Sie mich durch eine unübersehbare Reihe wahrer Freundschafts-Dienste aller Art, durch eine beständige Theilnehmung an meinem Schicksal, und vorzüglich, durch eine höchst seltne und auffallende, mir eben so süße und trostreiche, als heilsame und ehrenvolle Harmonie Ihrer Empfindungen mit den meinigen, und Ihrer Denk-Art mit der meinigen so unauflöslich an Sie gekettet, daß das, was ich gegen Sie fühle, ohnmöglich eher und anders als mit meinem Tode in mir aussterben kan. - Jetzt aber, jetzt mehr als jemals, - jetzt, da die glänzendste meiner Hoffnungen vorübergerauscht ist, wie eine Welle vor dem Nordwinde, da ich mich getäuscht, gekränkt, verwundet in den empfindlichsten Stellen meiner Seele fühle, da mit dem Vertrauen auf das Mädchen, der ich so viel, so viel vertraute, zugleich so manche meiner angenehmsten Verbindungen, und meiner reitzendsten Freundschafts-Bündniße zu Grunde gehen, und mein Glaube an Treue und Moralität und Menschen-Güte einen Stoß leidet, wodurch er fast gänzlich scheitern möchte, jetzt sind Sie in einem noch eigentlichern Sinn des Wortes, meine e i n z i g e F r e u n d i n n, nicht blos, weil Sie es in einem so vorzüglichen Grade sind, sondern, weil Sie es wirklich nur allein sind. Sie wißen Selbst in was für einem Verhältniß ich gegen alle meine hiesige Bekannte, und ehemals so genannte Freunde stehe: Sie kennen ohngefähr meine Berlinsche Verfaßung. Ich glaubte an Meschkern genung zu haben: ich hätte mich in ihm auch nie geirrt: aber er hat geheyrathet: der Strom seiner Freundschaft, seiner Theilnehmung, seines Umgangs ist also zertheilt: ich kan ihn nur halb genießen: sein Verhältniß mit mir ist nur das zweyte im Range: er liebt und beglückt seine Frau. Außer ihm habe ich vor keinem Sterblichen, alle die geheimen Falten meiner Seele so ausgewickelt, als vor Ihnen. Sie kennen mich ganz: Sie // wißen um alle meine Schwachheiten, Sie belohnen mit Ihrem Beyfall das Gute in mir, was die Welt nicht einmal kennt. Wenn ich mit mir selbst zufrieden bin, so kan ich darauf rechnen, daß auch Sie meine Handlungen billigen: und wenn ich fehle, wünsche ich mir keinen andern Richter, und wenig, vielleicht keinen so guten Wegweiser, als Sie, weil Sie fast an eben den Krankheiten oft darnieder liegen, die mich drücken, weil der schwache Punkt in Ihnen und in mir auf derselbigen Stelle liegt. Den Platz, den Sie also in meinen Augen und für mich in diesem Leben behaupten, kan außer Ihnen, kan n a c h Ihnen - wenn mich das harte Schiksal träfe, nach Ihnen noch zu leben, - Niemand mehr ersetzen. Auf der andern Seite sehe ich denn doch auch offenbar, und mit wahrer inniger Freude, daß Ihnen meine Freundschaft werth und wichtig ist. Alle Schmeicheleyen eitler Männer, alle feurige Liebes-Lobsprüche entflammter Anbeter, und der laute Beyfall der thörigten Menge, kan für eine solche Frau, wie Sie in Ihren r u h i g e n Stunden sind, ohnmöglich befriedigend seyn. Es ist für Menschen von einer gewißen höhern Denkungs-Art ein nothwendiges Bedürfniß, wenigstens von Einigen, wäre es auch nur von Einem ganz und vollkommen gekannt zu seyn. Eine einzige Stunde mit einem solchen Menschen verlebt, eine einzige Unterredung, worin unsre ganze Seele spricht, worin sich Alle, selbst die geheimsten Behältniße des Herzens aufschließen, und unser wahrer unverstellter, weder übertriebner noch verkürzter Werth dem Andern ganz und klar vor Augen liegt, kan den, der es weis, was Glückseeligkeit ist, für eine ganze Kette langweiliger Tage, und schaaler, unschmackhafter Vergnügungen entschädigen. Sie haben einen Sinn für diese Art von Lebens-Genuß, und ich bin überzeugt, daß ich unter die Menschen gehöre, an deren Beyfall Ihnen mehr liegt, als am Affen-Lobe des Haufens. Sie haben Vertrauen auf mich gesetzt, und Sie fühlen, wie ich es fühle, daß ich dieses Vertrauens nie ganz unwerth werden kan. Unsre Freundschaft muß also ewig und unwandelbar seyn: Würde sie mir entrißen, oder erkaltete sie, so sänke in dem ruinen-vollen Gebäude meiner Liebe zum menschlichen Geschlecht, die letzte Stütze, und ich würde recht lebhaft und herzlich wünschen - daß für mich die Sonne niemals aufgegangen seyn möchte. Sehn Sie das, was ich bisher gesagt habe, nicht etwan als die Vorrede des noch folgenden an: nein ! es ist bey weitem das Wichtigste. // Blos als einen Beweis, [diese] was diese reine, hohe Freundschaft im Stande ist zu thun, will ich Ihnen jetzt mit einer Offenherzigkeit, zu der mich sonst in der Welt Nichts bewegen könnte, m e i n e V o r s ä t z e über einen wichtigen Theil meines künftigen Lebens eröfnen. Ich übergebe sie Ihnen aber nicht zur Prüfung: ich habe sie mehr als hinlänglich selbst geprüft: und, Ihr Mund, und Ihre Feder mögen dagegen sagen, was Sie wollen, ich weiß doch, daß Sie mir im Herzen - Recht geben müßen.Ich habe eine traurige Erfahrung gemacht: fast hätte sie mich um meine ganze Lebens-Glückseeligkeit gebracht (Rest des Manuskripts verschollen) H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 247mm x 189mm; 2 ¼ eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, Nr. 9, 78-81. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 18, 87-89. Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761- 1835, Leipzig 1937, 64 (tlw.).