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Gentz ; Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
An Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha, Troppau, 8. November 1820, Ungarisches Staatsarchiv, Budapest. FA Esterhazy, P 136, Bl. [?] 1820

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4541
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
AusstellungsortTroppau
Datum8. November 1820
Handschriftl. ÜberlieferungUngarisches Staatsarchiv, Budapest. FA Esterhazy, P 136, Bl. [?]
Format/Umfang7 ½ eighd. beschr. Seiten
IncipitIch schrieb Ihnen, Mein Fürst
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha Troppau, 8. November 1820 Troppau 8 November Ich schrieb Ihnen, Mein Fürst, vor geraumer Zeit - ich weiß selbst nicht mehr was; vermuthlich auch nichts wichtiges; ich weiß aber, daß Sie mir nicht antworten; und vielleicht haben Sie auch nicht ganz Unrecht. Man schreibt eigentlich doch nur, damit einem wieder geschrieben werde; und was können m e i n e Briefe Ihnen groß helfen ? Mir aber genügt, Ihre Depeschen, und zuweilen Ihre Privat-Briefe an den Fürsten (wenn letztre nur etwas menschlicher kalligraphirt wären) zu lesen. Plagen will ich Sie aber doch von Zeit zu Zeit. Z. B. Ich weiß jetzt positiv, daß es, trotz der Celebrität von Brockman und Langdon b e s s r e Bleystift-Fabrikanten in London giebt. Wäre es // Ihnen nicht vielleicht möglich, durch einen Ihrer dienstbaren Geister f o l g e n d e n auftreiben zu laßen: J a c o b L e v i e t E l l s. Auf jedem Bleystift dieser vortreflichen Fabrik steht Warranted good; sie sind etwas dicker als die gewöhnlichen. Wenn Sie mir ein Dutzend schwarzer und ein Dutzend Rother Bleystifte, wenigstens zum Weynachtsgeschenk schicken wollten, würden Sie mich sehr verbinden. Was in Troppau vorgeht, wißen Sie vollständig, und können darüber von mir nichts Neues erfahren. Ich verspreche mir wenig von diesen Verhandlungen. Nur auf einem einzigen Wege hätten sie einen großen Charakter erlangen können; wenn nehmlich Oesterreich und Rußland solche // Maßregeln unter einander beschlossen, und solche Worte gesprochen hätten, daß ganz Europa hätte aufhorchen müßen, alle ehrliche Leute erweckt und electrisirt, alle Liberales [xxx] nieder-gedonnert, Frankreich, halb aus Furcht, halb aus Eitelkeit, mit hingerissen, ja selbst England - das ehmals so große, jetzt so erbärmliche England - zuletzt noch aus Scham zur Besinung gekommen wäre. Und dergleichen w ü r d e geschehen seyn, wenn der Kayser Alexander nicht zum Unglück der Welt ein doppelter, oder dreyfacher, oder zehnfacher, oder Gott weiß wie vielfacher Mensch wäre. Daß es an uns nicht gelegen hat, wißen Sie. Er kam hieher in unvergleichlichen Dispositionen; in diesen ist er auch n o c h; da er aber, um sie p r a k t i s c h geltend zu machen, // - denn was er in Privat-Gesprächen äußert zählt nicht - eines Organs bedarf, und dieses Organ Capodistrias heißt, und [dieses Organ] der Kayser, aus Gründen, die ich erst jetzt recht verstehen gelernt habe, sich dieses Organs nicht entschlagen w i l l, noch k a n - so nehmen seine besten Vorsätze sobald sie ins Geschäft, also ins Leben übergehen sollen, eine falsche, schielende, unreine, Auge und Kopf verwirrende Farbe an, und lösen sich in Wortklauberey, Sophismen, und Schikanen auf, die den tapfersten und geschicktesten Minister <der mit ihm traktiren soll,> zuletzt entwaffnen müßen. Einem solchen Manne hat der Kayser uns überliefert. Anstatt durchgreifende und entscheidende Schritte zu verabreden, stehen wir auf einer ängstlichen Defensive, und zittern von einer Stunde zur andern, vor endlosen Discussionen // oder treulosen Genickstößen. Die Wahrheit ist, daß [xxx] wir die Unterhandlung fortsetzen, nicht weil wir große positive Resultate davon erwarten, sondern weil wir sie fortsetzen m ü ß e n, um großen Uebeln vorzubeugen. Bey dem allen habe ich die geheime Ahndung, daß die ganze hiesige Sache doch noch auf eine unerwartete Art glücklich endigen kan, daß, wenn endlich der Kayser Alexander - vielleicht nach 2 oder 3 Monaten saurer Kämpfe - inne wird, wie er alles, was er eigentlich wollte, mit L e i d e n s c h a f t wollte, verfehlt, und warum er es verfehlt hat, die Verzweiflung ihm irgend einen kühnen Entschluß eingiebt, der, von uns benutzt und befruchtet, Troppau in der Geschichte verewigen würde. Auf dem gewöhnlichen Wege bringen wir hingegen nichts als de l'eau claire heraus. Wenn heute im Englischen // Ministerium ein großer Mann wäre, ein Charakter wie C h a t h a m, vielleicht nur wie B o l i n g b r o k e, oder der verstorbne B(?) M e l v i l l e, welchen herrlichen Ausweg aus dem ganzen schmutzigen Labirint böten ihm die Continental-Angelegenheiten dar ! Es ist zum Lachen, oder zum Weinen, wenn man hören muß, die c o n s t i t u t i o n e l l e n F o r m e n gestatteten den Englischen Ministern nicht, an den Maßregeln der Alliirten Theil zu nehmen ! Sie kennen diese Formen wenigstens so gut wie ich. Sie wißen also, daß kein Parlament, und keine Opposition die Minister verhindern kan, 40 Linien-Schiffe ins Mittelländische Meer zu schicken, 10 Traktate abzuschließen, und als Gesetzgeber, Vermittler, Friedensstifter vor Europa aufzutreten. Die Verantwortlichkeit // kömmt freylich h i n t e r h e r; wer aber so wenig zu verlieren hat, wie die jetzigen Minister, der kan wohl den Rest aufs Spiel setzen. Und welches Schrecken würde die ganze verfluchte Rotte ergreifen ! Und, wenn der Erfolg glücklich wäre, wie schnell würden sich alle andre Krankheiten heilen ! Wie würde der National-Stolz erwachen ! Wie würde man die nichtswürdige Creatur, vor der man heute zittert, und alles Gesindel das ihr anhängt, vergessen ! - -Es ist ein wahres Glück daß ich aufhören muß. Sonst hätten Sie meine Romane vielleicht noch mehrere Seiten hindurch verfolgt. - Erlauben Sie mir, theuerster Fürst, den Glauben zu nähren, daß, wenn Sie mir auch nicht schreiben - // wovon ich Sie in allem Ernst dispensire - mein Nahme bey Ihnen fortdauernd gut angeschrieben steht; und nehmen Sie die Versicherung meiner treusten Ergebenheit an. Gentz. H: Ungarisches Staatsarchiv, Budapest. P 136: FA Esterházy, x Bl., F: ; 7 ½ eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.