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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 19. Februar 1791, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1791

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4289
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date19. Februar 1791
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. VIII, 72-82; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 42, 187-194
IncipitDie Besorgnis, die Sie in
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Christian Garve Berlin, 19. Februar 1791 Berlin, den 19. Februar 1791. Die Besorgnis, die Sie in Ihrem letzten Schreiben äußerten, daß Ihr Paket verloren gegangen sein möchte, ist zwar durch den Erfolg nicht gerechtfertigt worden, weil ich es wirklich erhalten habe: sie scheint mir aber an und für sich nichts weniger als ungegründet gewesen zu sein, weil dieses Paket, der Himmel weiß durch welche Schicksale sechs oder acht Wochen in der Welt herum getrieben haben muß, ehe es mir zugekommen ist: denn als ich Ihren letzten Brief erhielt, hatte ich den erstern und folglich das Paket noch nicht acht Tage in Händen gehabt, und aus der Überschrift des Briefes sehe ich, daß er im Monat Dezember geschrieben ist. // Dem sei wie ihm wolle; genung, Ihr Aufsatz ist hier, und war eben an Biester abgeliefert, als ich Ihr zweites Schreiben bekam. Herr Spalding hat diesen Aufsatz so äußerst gemäßigt gefunden, daß er mir ausdrücklich aufgetragen hat, Ihnen seine Verwunderung darüber zu bezeugen, daß Sie noch Skrupel dabei haben konnten. Daß ich nach diesem Gutachten keinen Augenblick zögerte, den Aufsatz an Biester zu befördern, können Sie leicht glauben. Mein eignes Urteil, insofern es von der ganz entschiednen eigentümlichen und innern Vortrefflichkeit der Schrift abstrahiert, und nur auf die äußern Verhältnisse gerichtet ist, fällt, wie Sie ebensowohl erraten, als begreifen werden, dahin aus, daß ich viel geneigter bin, diesen Aufsatz zu furchtsam, als zu dreist, oder gar gefährlich zu finden. Und in der Tat: ich fürchte weit mehr, daß er Ihnen den Vorwurf, daß Sie immer das Alte (der Himmel verhüte nur, daß es nicht wieder heiße, das K a t h o l i s c h e) verteidigen, als die Beschuldigung der Neuerungssucht zuziehen wird. Wer die Wahrheit liebt, wer den Schriftsteller im Werke herauszufinden versteht, noch leichter freilich, wer Sie kennt, wird Ihnen keinen von beiden Vorwürfen machen. Ich meinesteils habe die reinste Bewunderung für die nüchterne und weise Unparteiligkeit, die in dem ganzen Laufe der Untersuchung herrscht, unablässig gefühlt: ich habe das Ganze im höchsten Grade ganz, meisterhaft einfach, und doch alles Erhebliche umfassend, mithin sehr zweckmäßig und belehrend, und außerdem vieles Einzelne, wie gewöhnlich sehr anziehend und sehr glücklich dargestellt gefunden. Doch bekenne ich frei, daß nur das eigentliche Pro und Contra, das heißt, der Teil des Aufsatzes v o r der Konklusion meinen unbegrenzten Beifall hat. Nicht, daß ich das letztre nicht in sich sehr wahr und gut fände, nicht, daß ich wähnte, die Stimme der Weisheit müßte sich in jedem Munde zur Harmonie mit meinem jetzt wirklich etwas revolutionssüchtigen Geistesdrange bilden, und das Wort des Friedens, wenn es ein erkannter u n e i g e n n ü t z i g e r Freund der Menschheit und // ihrer Rechte ausspricht, verachtete: ich glaube nur, daß dies ganze Stück an der Stelle, wo es hier steht, nicht den vollen Eindruck macht, den es sonst machen würde, und daß es hinwiederum den Eindruck des vorhergehenden schwächt. Alles dies aber kann leicht ganz allein in meinem Gefühl, und in meiner Ansicht der Sache liegen, zumal da ich keinen recht reellen Grund, um dieses Stück auszuschließen, oder auch nur seinen Zusammenhang mit den beiden ersten anzutasten, anzugeben imstande wäre. Vermutlich wird dieser Aufsatz in zwei oder drei Abschnitten erscheinen. Biester ist mit Aufsätzen, die er aus K o n v e n i e n z abdrucken muß - und mich dünkt man spürt es in den neuern Stücken der Monats Schrift - überhäuft, und nur I h r N a m e bewegt ihn, den Ihrigen ins nächste Stück aufzunehmen. So hat er mir wenigstens gesagt. Ich habe selbst seit November vorigen Jahres einen Aufsatz bei ihm, den er von Monat zu Monat einrücken lassen will. Jetzt habe ich ihm stillschweigend bis zum April Frist gegeben. Erscheint er dann nicht, so nehme ich Herrn Kleins Anerbieten an, der ihn in seine Annalen aufnehmen, und noch dazu sehr gern haben will. Die Berlinsche Monatsschrift ist denn doch immer noch eins der besten deutschen Journale; und doch, in welcher schlechten Gesellschaft findet man sich darin. Ich glaube, wenn ich so ein Schriftsteller wäre, als Sie, ich ließe gar nichts in Zeitschriften abdrucken. Jetzt bleibt mir zur Beantwortung Ihres letzten Schreibens außer der Versicherung, daß ich alle mir anvertraute Briefe prompt und richtig bestellt habe, nur noch übrig, daß ich mich entschuldige, Ihnen nicht gleich, sondern erst acht Tage nach Empfehlung desselben geantwortet zu haben. Und sicher, nein, sicher ahnden Sie nie, zu welchem höchst unerwarteten Vortrage diese Entschuldigung der Übergang sein wird. Sicher ahnden Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt eine Sache von höchster Wichtigkeit für meine ganze Existenz mitteilen, Ihre ganze Freundschaft für mich auffordern, Ihre Hülfe anrufen, und noch obendrein - nach Breslau kommen will. Es ist nämlich, teuerster Garve, eine ausgemachte und von Tage zu Tage mehr bestätigte Wahrheit, daß ich in meiner jetzigen Lage // schlechterdings nicht bleiben kann. Ich will Ihnen mit kurzen Worten die hervorstechendsten Gründe dieser Behauptung anführen, und sie in zwei Klassen verteilen.1. Die kontinuierliche, gewiß Ihre Vorstellung weit übersteigende, sklavische und mechanische Arbeit, an die ich einen Tag wie den andern geschmiedet bin, ohne daß ich eine andre Aussicht als: sicherlich keine Verminderung, und, wo es möglich ist, noch Vermehrung derselben vor mir habe, trocknet alles, was etwa Taugliches und Lebendiges in mir ist, völlig aus. Es ist keine Chimäre, es ist reine Wahrheit und inniges Gefühl, daß ich statt fortzuschreiten, in allem, worin ich das Ziel und die Würde meines Lebens setze, fürchterlich zurückkomme. S e i t v i e r W o c h e n h a b e i c h n i c h t M u ß e g e h a b t, d i e Z e i t u n g z u l e s e n. Überlegen Sie dies Faktum, denken Sie sich meine innre Organisation nur mit einem flüchtigen Gedanken: und urteilen Sie, ob ich auf diese Art l e b e n, fortleben kann. - Nun ! und bei aller dieser Abscheulichkeit meines Postens wollte ich ihn, wie ich es bisher getan habe, ohne Murren tragen, wenn nur 2. für alle diese Aufopferungen die ökonomische Seite meiner Lage reizender wäre. Nicht aus Neigung - denn da gestehe ich dreist, die bitterste Armut mit Freiheit zöge ich einem solchen Leben, wie mein jetziges unter den glänzendsten Bedingungen vor - aber aus Fügung in die Umstände dieser Welt, aus Lust, meinen Eltern zu gefallen, und den Menschen, die einen nun doch schlechterdings immer nach ihrer Art glücklich wissen wollen, ihren Willen zu tun: diese Bewegungsgründe, die wirklich jetzt einen mächtigen Einfluß auf mein Herz, worin der Jugendrausch allmählich verfliegt, haben, würden mich bewegen, selbst in diesem ewigen intellektuellen Selbstmorde fort zu vegetieren, wenn ich denn doch nur wenigstens das, was man gemeinhin Fortüne nennt, dadurch für mich befördert sähe. So aber habe ich, nachdem ich 3 Jahr als Kammerreferendarius und 3 ½ Jahr als expedierender Sekretär gedient habe, noch keinen Pfennig fixes Gehalt, habe mit einem Mann - il faut trancher le mot - mit dem filzigsten und schmutzigsten aller, die je Minister hießen, zu tun, mit einem Menschen, der keine Idee // davon hat, was es heißt, für und mit einem andern fühlen, der sich meiner wie jeder andern Maschine bedient, der weit entfernt ist, mich für alle meine Plage je anders als auf dem allerordinärsten Wege zu belohnen, und der dieses, so unglaublich das auch scheinen mag, geradezu erklärt hat. Dieser ordinäre Weg ist nun das Aszendieren; und um Sie mit keinem langweiligen Kalkul zu ermüden, so bitte ich Sie, mir auf mein Ehrenwort zu glauben, daß ich von Glück zu sagen habe, wenn ich auf diesem Wege in Jahr und Tag zu einem Gehalt von 300 Reichsthaler und - in 12 bis 15 Jahren zu einem von 600 oder 700 Reichsthaler rücke, es müßte denn ein andrer Minister eintreten, welches gar nicht zu vermuten ist. Diese Umstände sind so einleuchtend, daß selbst mein Vater, der die Versuche und die Unbeständigkeit nicht liebt, und der noch vor einem Jahr den Gedanken, daß ich das Generaldirektorium verlassen sollte, weit von sich geworfen hätte, jetzt vollkommen überzeugt ist, daß ich, wenn ich noch irgend in der Welt auch nur ein mäßiges Glück machen will, aus meiner gegenwärtigen Laufbahn heraustreten muß. Diese Beistimmung meines Vaters hat nun auch den Entschluß, ein unausstehliches und doch zu nichts führendes Joch je eher je lieber abzuschütteln, so fest in mir gemacht, daß ich bloß die Art, wie ich es tun kann, suche, über die Veränderung selbst aber so entschieden bin, daß mich nichts mehr von dem, worin meine Vernunft, mein Gefühl, und die gemeine Weltklugheit zusammentreffen, abbringen kann. Durch allerlei zufällige Veranlassungen bin ich auf den Gedanken gekommen, mich um eine Ratsstelle beim Breslauischen Magistrat, oder um mich richtiger auszudrücken, um die Anwartschaft auf die erste Expektanz bei diesem Collegio zu bewerben. Ein Zusammenfluß vielfältiger Bewegungsgründe hat diesen längst in mir gärenden Plan zur Reife gebracht. Aufenthalt in Breslau, bei Ihnen, Arbeit, die gegen meine jetzige Spiel sein wird, gutes Brot, nicht ungünstige Aussichten zur Verbesserung, Ruhe in meinem Vaterlande, eine Menge teils überdachter und raisonnierter, teils empfundner und manchmal geträumter Vorteile haben diese Idee in meinem Kopf so festgesetzt, daß ich sie meinem Vater kommunizierte, und zu meinem größten Vergnügen fand, daß er ihr seinen vollkommensten Beifall gab. Es waren zwei Wege, zum Ziel zu gelangen. Einer, durch den König und eine Kabinettsordre, der andre geradezu durch den Minister // von Hoym. Der erste wäre vielleicht der simpelste gewesen, zumal wenn die schmutzigen Kanäle, durch die heute die Gnade fließt, befahren worden wären: aber teils dieses Umstandes halber, teils weil mir diese Manier etwas Gewaltsames zu enthalten schien, ward dieser Weg verworfen, und mein Vater hat daher gerade an den Minister geschrieben, dem der Hofrat Wunster den Brief einhändigen will, zugleich aber auch an Tauenzien und an den Landjägermeister von Wedel. Er gründet sein Gesuch darauf, daß ich ein geborner Breslauer bin, daß ich durch beinahe 7jährige Routine und strenges Arbeiten im Kameralfach dem ambitionierten Posten völlig gewachsen sei, und daß das hohe Alter verschiedener Magistratsglieder eine sehr nahe Vakanz verspräche. Ich weiß sehr wohl, daß Ihre Bekanntschaft mit dem Minister an allem, was Geschäftsintrigue und Beförderungsspiel heißt, keinen Teil nimmt. Aber eben der Umstand, daß Sie vielleicht noch nie geradezu dem Minister jemanden zu einer Stelle empfohlen haben, gibt mir den Mut ein, mich in dieser so wichtigen Angelegenheit an Sie zu wenden. Es versteht sich von selbst, daß Ihr Urteil über den Wert eines Menschen in den Augen des Ministers von großer Wichtigkeit sein muß. Gerade ein respektables, günstiges Urteil von mir brauche ich höchst nötig. Denn es ist nichts natürlicher, als daß bei dem Minister der Gedanke entstehen muß: "Der Mensch dient so lange, sein Vater hat doch manche Konnexionen, er kann nicht zu einer Versorgung kommen; es muß nicht viel an ihm sein." Daß Sie diesen Verdacht entfernen sollen, das ist eigentlich der wahre Gegenstand meines Auftrages an Sie. Wollen Sie einige Schritte weitergehen, wollen Sie und halten Sie es für zuträglich, selbst ein gut Wort für das Gelingen des Gesuchs zu reden, nun, dann tun Sie an mir, was Sie jetzt nur in der Welt Erfreulichstes für mich tun können. Und der Trost: Ihnen, Ihnen gerade mein Glück zu danken zu haben, ist doch auch so groß, daß ich den Anfang dieser neuen Laufbahn schon // unter die glücklichsten Begebenheiten setzen würde, die ich mir davon verspreche. Der Hauptpunkt bei Ihrer Verwendung ist aber hauptsächlich der: daß Sie gerade zu der Zeit, da der Minister meines Vaters Brief bekömmt, mit ihm sprechen müssen, um, womöglich seine ersten Entschlüsse determinieren zu helfen. Alles übrige überlasse ich Ihrer Einsicht und Ihrer gütigen Gesinnung gegen mich, die ich mit einer wohltätigen Sicherheit voraussetze, und auf die ich uneingeschränkt bauen zu können glaube. Ich gestehe, daß ich nicht ohne eine gewisse Bangigkeit diesen Plan und meine Bitte vorgetragen habe. Diese Bangigkeit rührt vornehmlich von dem Gefühl her, daß ich Sie doch immer durch diesen Auftrag in gewissem Grade beunruhige, und vielleicht gar etwas von Ihnen fordere, was Ihnen schwer wird. Aber mein Vertrauen zu Ihnen überfliegt diese Bangigkeit, und es ist so etwas Erquickendes in dem Gedanken, das, was ich so oft bei Menschen, die ich weit unter mir sah, suchte, jetzt bei Ihnen und durch Sie, wo selbst der Versuch mich erhebt, zu erstreben. Ich schließe diesen langen, gewiß für Sie recht befremdlichen Brief mit dem Wunsch, daß doch die mir durch Wunster zugekommne Nachricht, von dem günstigen Einfluß Ihrer neuen Kurmethode auf Ihre Gesundheit und Heiterkeit, in ihrem ganzen Umfange wahr sein möchte, und mit der Versicherung meiner ewigen hochachtungsvollen Ergebenheit und Liebe. Gentz. Von meinem Vater und meiner Mutter habe ich mit Fleiß nichts gesagt. Überhaupt, Sie durch etwas bewegen wollen, sich dieser Sache anzunehmen, was von irgendeinem fremden Einfluß hergenommen werden müßte, wäre kindisch.Nur das einzige muß ich doch noch hinzusetzen: halten Sie ums Himmels willen dies Projekt nicht für eine vorüberfliegende Idee. Es ist ein unter der Aufsicht der Vernunft langsam erzogner Entwurf, der sich aber freilich durch vieles Herumwälzen, und Anhängen auf manchen Seiten in einen der lebhaftesten Wünsche verwandelt hat, die ich jemals in mir gefühlt habe. Bedenken Sie auch noch, daß ich unter den Fesseln eines Briefes, zu dem ich mir noch dazu die Zeit in der Nacht stehlen // muß, nicht alle Gründe, selbst nicht alle sehr wichtigen für das Austreten aus meiner jetzigen Lage vorlegen konnte, und daß ich, wenn ich nur eine Stunde mit Ihnen sprechen könnte, Sie überzeugen würde, dagegen ich jetzt bloß darauf rechnen muß, daß Sie mir g l a u b e n. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. VIII, 72-82. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 42, 187-194.