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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 18. September 1790, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1790

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3713
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date18. September 1790
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. VI, 47-55; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 40, 171-176
IncipitIch mache mir endlich Luft
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Christian Garve Berlin, 18. September 1790 Berlin, den 18. September 1790. Ich mache mir endlich Luft durch alles, was mich so lange von Ihnen weggedrängt hat, und fange einen Brief an, den ich hoffentlich endigen werde, nachdem schon fünf oder sechs andre unvollendet liegengeblieben sind. Seitdem Sie Berlin verlassen haben, bin ich fast keine Stunde mein Herr gewesen. Fünf Wochen dieser Zeit sind auf Reisen mit dem Minister Voß nach Brandenburg, Königshorst etc. hingegangen; die wenige Zwischenzeit habe ich entweder in Buch, oder im Arbeiten zugebracht, und erst heute, da mein hoher Gebieter eine Reise in eignen Angelegenheiten mit 6-wöchentlichem Urlaub angetreten hat, kann ich in der angenehmen Sicherheit, daß mich nichts vom Schreiben wegreißen soll, meinen Gedanken freien Lauf geben, und mich der süßen Erinnerung an Sie ungestört überlassen. Ihr gütiger Brief, teuerster Herr Professor, hat mir die angenehmsten Augenblicke verschafft, die ich seit Ihrer Entfernung von Berlin genossen habe. Die frohe Überzeugung, daß ich in Ihrem Andenken an diesen Ort eine ehrenvolle Stelle einnehme, ist das einzige, was mich für den Verlust Ihres Umgangs einigermaßen entschädigen kann. Und doch fühle ich diesen Verlust sehr, sehr lebhaft. Ob ich gleich Ihre Anwesenheit lange nicht so habe benutzen können, als ich es gewünscht und auch wohl geträumt hatte, so war dennoch die Leere, die ich empfand, als ich Sie so weit weg wußte, sehr empfindlich, und vielleicht eben darum noch empfindlicher, weil ich nicht befriedigt war. Während daß ich mich mit dem Abschreiben Ihrer Abhandlung beschäftigte, oder die Bücher las, die Sie mir zurückgelassen haben, fühlte ich mich Ihnen zwar wieder etwas näher; aber der Schriftsteller ist doch nicht der Mann, und diesen liebe ich, nach diesem sehne ich mich, wenn ich jenen bewundert habe. Verzeihen Sie meinem Herzen, diese weitschweifige Darstellung meiner Empfindungen. Nur für diesen ersten Brief verzeihen Sie mir. Und // lassen Sie mich nur schnell noch hinzusetzen, daß ich Ihren Aufenthalt in Berlin schon in der einzigen Rücksicht, daß ich Ihnen bekannter, und doch nicht gleichgültiger geworden bin, unter die erfreulichsten Begebenheiten meines Lebens rechne. Was mich bei allen den Hindernissen, die mich abhielten, an Sie zu schreiben, am schrecklichsten ängstigte, war, daß ich um so länger auf Nachrichten von Ihrem Befinden Verzicht tun mußte. Ihr Brief hatte meine gute Hoffnungen begünstigt. Wollte doch Gott, Ihr nächster bestärkte mich darin. Wenn der Herbst in Schlesien so schön ist, als bei uns, so wird dies Jahr gewiß in der Heilung Ihres Übels Epoche machen. Ihre Abhandlung habe ich an Herrn Biester abgeliefert, der sie mit großem Vergnügen empfangen und gelesen hat, Ihnen dafür verbindlichst dankt, und sie nächstens abdrucken lassen wird. Die überhäuften Geschäfte, die mich seit einiger Zeit gedrückt haben, haben mich fast ganz von literärischen Beschäftigungen entfernt. Jetzt, da ich eine sechswöchentliche vollkommne Freiheit vor mir sehe, will ich gewiß keine Stunde verschwenden, die ich diesen Lieblingsbeschäftigungen widmen kann. Ich habe besonders seit einiger Zeit, empört durch einige Abhandlungen in der Monatsschrift, von Möser und Biester, worin über die natürlichen Rechte des Menschen in einem unerträglich gleichgültigen Tone gezweifelt und gespaßt wird, die Idee im Kopf, eine Deduktion des Naturrechts nach strikten und unleugbaren Prinzipien aufzusetzen. Bringe ich es zustande, und kann ich es in die Grenzen eines mäßigen Aufsatzes zwingen, so wäre ich nicht abgeneigt, es Herrn Biester selbst für seine Monatsschrift zu übergeben. Ich zittre indessen vor einem ersten öffentlichen Versuch meiner Kräfte, und komme ich zum Entschluß, so ist es nur Ancillon, der ihn hervorgestoßen hat. Dieser liebenswürdige Freund hat den Eindruck, den Ihre Bekanntschaft auf ihn gemacht hat, so lebhaft konserviert, daß er zuver//läßig, bloß um Sie zu sehen, mit Mathis nach Breslau gereiset wäre, wenn ihn sein Amt nicht zurückgehalten hätte. Wir unterhalten uns oft von Ihnen, und ergötzen uns an dem Gedanken, wie schön es wäre, wenn Sie unter uns wohnen könnten. Gleich den Tag nach Ihrer Abreise, habe ich meinen Besuch bei Herrn Professor Engel gemacht, und wie froh bin ich, daß ich es tat, ehe meine beschwerliche Reisen mir Zeit und Lust dazu raubten. Ich habe zwei sehr angenehme Stunden bei ihm zugebracht und bin, wie ich es vorher geglaubt habe, von seiner Unterhaltung aufs neue recht bezaubert gewesen. Ich werde die Erlaubnis, die er mir gab, ihn oft zu besuchen, gewiß benutzen, und danke Ihnen herzlich, daß Sie mir auch diese Quelle manches schätzbaren Genusses wieder eröffnet haben. Da ich selbst seit Ihrer Abwesenheit wenig gelesen habe und sogar wenig in Berlin gewesen bin, so weiß ich auch von Neuigkeiten aus der gelehrten Welt äußerst wenig. Die beiden neusten französischen Bücher, die ich gestern bei Ancillon gesehen habe, sind die interessanten Reisen durch Spanien vom Chevalier Bourgoyne und Dupont Théorie du luxe. In dem hiesigen französischen Journalgeschäft zirkulieren jetzt die Mémoires des Herrn de laTude, der 35 Jahr ohne Verbrechen in den Staatsgefängnissen geschmachtet hat: ein schauervolles Buch, wogegen die Trenksche Geschichte ein Kinderspiel ist. Vielleicht gibt es kein Beispiel größern menschlichen Elends in den Annalen der Welt, und keine verhaßtre Schandtat der Ministerial- und Favoritentyrannei. Sobald dies Buch hier zu haben sein wird, werde ich es Ihnen überschicken; denn da es eine Lektüre für jeden ist, der auch nur überhaupt das Wunderbare liebt, so werden Sie nicht in die Verlegenheit kommen, es auf dem Halse zu behalten, und bald einen Abnehmer finden. Möchte ich Ihnen doch, da ich Ihnen doch auch andre Neuigkeiten mitteilen wollte, erfreulichere zu erzählen haben, als die folgende, die unsre arme, unglückliche Freundin, die Frau von Phul, betrifft. Sie wissen, daß sie nach Pyrmont gereiset war, um den Brunnen zu trinken. Durch einen Quacksalber mit einem berühmten Namen, den Doktor Markard, ließ sie sich verleiten, Brunnen und Bad zugleich zu gebrauchen, welches offenbar ihre Kräfte überstieg. Die traurige Folge dieser unvorsichtigen Kur ist die gewesen, daß sie erst in die heftigsten Krämpfe, und zuletzt in eine völlige Sinnlosigkeit verfallen ist, in der sie sich noch jetzt befindet. Seit sechs Wochen ist sie in einem beständigen Wahnsinn, hat ein ganzes System ausschweifender Gedanken, auf die Idee gebaut, sie sei Christus, ihr Mann, Gott der Vater, und ich, der heilige Geist, schläft nicht, ißt nicht, und nimmt zusehends ab. Phul, der aus Schlesien nach Pyrmont geeilt ist, um sie, womöglich, zur Vernunft zurück zu bringen, hat alles vergeblich versucht, und sich endlich entschließen müssen, mit ihr nach Berlin zurückzureisen. Vorgestern ist sie nun in dem nämlichen Zustande einer völligen Verrückung in Lichterfelde angekommen, und morgen steht mir das traurige Geschäft bevor, sie zu besuchen. Auf ausdrückliches Verlangen ihrer Mutter und Familie, die in einem vielleicht übertriebnen Vertrauen auf meinen Einfluß auf ihren Kopf und ihr Herz sich schmeicheln, daß ich ihr Vorteil stiften könnte, muß ich diesen Besuch, wobei sich wahrhaftig mein Innerstes bewegt, unternehmen. Wie gern wollte ich mich indessen dieser sauren Pflicht unterziehen, wenn meine Gegenwart wirklich etwas fruchten könnte, woran ich aber nach allem, was ich gehört habe, sehr zweifle. Selle hat ihre Kur übernommen: und das einzige, worauf er und andre die Hoffnung ihrer Besserung gründen, ist, daß das Übel sich mit dem unnatürlichen Ausbleiben einer gewissen periodischen Ausleerung eingefunden hat, daß diese Ausleerung noch nicht wieder ein//getreten ist, und daß man daher, wenn man Mittel findet, sie zu bewirken, auch vermuten darf, ihren Kopf zu befreien.Erinnern Sie sich noch, was für Schwierigkeiten gegen diese Reise stritten ? in welcher Angst und Verlegenheit sie einige Tage vorher war, als sie abends bei uns speisete - daß man sie daran hindern würde ? Das ist es nun, was sie erkämpft hat - Gott ! was ist der Mensch ! Ich trete von diesem traurigen Gegenstande zurück, um mich noch auf einen Augenblick von etwas, was Sie näher angeht, mit Ihnen zu unterhalten. Dies ist Ihr vorläufiger Auftrag wegen einer gewissen Schrift, von der, jedoch, wie ich nochmals feierlichst protestiere, ohne meine Schuld, schon verschiedentlich in Berlin geredet wird, und nach der mancher Buchhändler schon seine Angel aushängt: ich erzähle Ihnen dies bloß, um Ihren Vorsatz, an diese Schrift unverzüglich die letzte Hand zu legen, zu befestigen, und Sie bei dieser Gelegenheit nochmals zu versichern, daß ich es mir zur heiligsten Pflicht machen werde, mit der ängstlichsten Genauigkeit für die vorteilhaftste, richtigste und nettste Erscheinung derselben im Publikum, und zugleich für die besten Bedingungen des Verlegers zu sorgen. Ich werde dies um so eher tun können, da ich jetzt wirklich einer Periode entgegensehe, wo ich viel mehr Ruhe und Muße haben werde, als bisher. Wenn die sechs Wochen Ferien vorbei sind, so ist der Winter da, und da vermindern sich unsre Geschäfte beträchtlich, und überdies wird sich vielleicht selbst in meinem Verhältnis verschiednes ändern, wodurch meine persönliche Abhängigkeit vom Minister abnehmen wird. Alles, was ich alsdann Ihnen von meiner Zeit widmen kann, werde ich für klaren Gewinnst ansehen. Ich werde auch, wie ich Ihnen versprochen habe, oft, und ohne auf Ihre Antwort zu warten, an Sie schreiben. Ancillon soll und wird ein Gleiches tun. Ich muß noch bemerken, daß ich mir beim Abschreiben Ihres Aufsatzes verschiedne kleine Änderungen erlaubt habe, zu denen Sie mich selbst berechtigt haben. Das letzte Stück des Aufsatzes füge ich diesem Briefe bei, weil ich mit Herrn Biester wünsche, daß Sie die zweite Hauptfrage ebenfalls bearbeiteten. Die ersten Bogen werde ich Ihnen mit der nächsten Gelegenheit zurücksenden. Unter manchen Personen, die sich nach Ihrem Befinden erkundigt, und mir Empfehlungen für Sie zu bestellen gegeben haben, ist vorzüglich // das Hainchelinsche und das Meriansche Haus. Spalding hat selbst an Sie geschrieben, wie er mir gesagt hat. Beguelin ist mit Madame Ritz, die ihre g r o ß e Reise mit Pyrmont angefangen und beschlossen hat (wie ich, und ich allein es sogleich prophezeite), längst wieder zurück. In unserm Hause trägt sich folgendes zu: mein zweiter Bruder, der Architekt (Heinrich), reiset in drei Tagen größtenteils auf königliche Kosten, wozu ihm Herr von Wöllner und Herr von Heinitz gemeinschaftlich verhelfen, nach Italien, Frankreich und so fort, wozu für jetzt ein Zeitraum von zwei Jahren bestimmt ist. Ich sitze manchmal - Sie kennen meine unruhige Lebhaftigkeit über diesen Punkt - und stampfe mit meinen Füßen, wenn ich bedenke, wie mich, der ich doch zu so mannigfaltigem Genuß ausgerüstet bin, die Einförmigkeit meines Schicksals nie aus dem engen Kreise einer geschäftslosen Geschäftigkeit herausläßt, und wie ich die Welt, in der so viel zu sehen ist, nur durch ein Dachfenster ansehen darf. Alle meine Angehörigen empfehlen sich Ihnen, und sehnen sich nach guten Nachrichten von Ihrer Gesundheit. Mich ergreift, indem ich diesen Brief schließen soll, das Andenken an Sie mit solcher Wärme, daß es mir ist, als wenn ich mich erst eben auf dem einsamen, traurigen Wege von Berlin nach Friedrichsfelde von Ihrer Seite risse. Nehmen Sie, vortrefflicher Mann, den ich meinen Freund nennen darf, auch bei dieser Gelegenheit die Versicherung meiner bekannten Hochachtung, Verehrung und Liebe an. Gentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. VI, 47-55. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 40, 171-176.