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Gentz ; Stanhope, Philip Henry Earl of
An Philip Henry Earl of Stanhope, Wien, 22./30. Dezember 1827, The Centre for Kentish Studies, Maidstone (England). Stanhope Papers, U 1590 Ref. C 189, 1-2 1827

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3447
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Stanhope, Philip Henry Earl of
LocationWien
Date22./30. Dezember 1827
Handwritten recordThe Centre for Kentish Studies, Maidstone (England). Stanhope Papers, U 1590 Ref. C 189, 1-2
Size/Extent of item8 Bl., F: 230mm x 178mm; 15 ¾ von Schreiberhand beschr. Seiten, ¼ eighd. beschr. Seite
Places of printSchlesier, Schriften, V, Nr. 1, 138-146 (nach dem Konzept des Briefes mit anderem Text des Postskriptums)
IncipitIch laße diesen Brief durch
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Philip Henry Earl of Stanhope Wien, 22./30. Dezember 1827 Abschrift Wien, den 22 Dezember 1827. Mein Theuerster Lord ! Ich laße diesen Brief durch eine fremde, aber vollkommen sichre Hand schreiben, weil ich einmal weiß, daß deutsche Briefe Ihnen die liebsten sind, und doch besorge, daß Sie meine Hand mit etwas mehr Anstrengung als eine Kanzley-Schrift lesen mögten. Ich habe aus Ihren lieben Briefen von München und St. Goar mit Vergnügen ersehen, daß Sie bis dahin Ihre Reise glücklich zurückgelegt hatten. Auch ist mir von verschiedenen Orten, wo Sie einige Tage verweilten, die Kunde zugekommen, daß Sie allenthalben, durch edle und freymüthige Aeußerungen den Gutdenkenden einen Triumph bereitet, und die Schwächlinge erschreckt hatten. // Sie kehren, Mein Verehrter Lord, in einem höchst entscheidenden Augenblick in Ihr Vaterland zurück. Nach allem, was sich in den letzten vier oder sechs Wochen in England zugetragen hat, scheint mir eine Ministerial-Revoluzion unvermeidlich. Die öffentliche Meynung spricht sich täglich stärker und drohender über das Attentat von Navarin, den Traktat von London, und die ganze verderbliche Politik, die diesen Traktat erzeugt hat, aus. Es ist klar, daß in der nächsten Parlamentssitzung den Ministern ein furchtbarer Sturm bevorsteht. Unsern neusten Nachrichten zufolge scheinen einige unter ihnen, nahmentlich der Chef, durch freywillige Niederlegung ihrer Stellen dem Ungewitter zuvor kommen zu wollen. Der einzige Mann von Talent, H u s k i s s o n, - und auch dieser hat seinen Credit größtentheils verloren - wird der Opposition schwerlich die Spitze bieten können; B u r d e t t, B r o u g h a m und Consorten werden // kaum ihre Stimme erheben dürfen. Und, was vollends das Oberhaus betrift, wie wäre es nur denkbar daß Lord D u d l e y und Lord L a n d s d o w n gegen den P h a l a n x, der dort, wie ich deutlich sehe, gebildet wird, aufkommen sollten ? Was wird aber von dem allen die Folge seyn ? Wenn ich mir diese Frage vorlege - then comes my hit again, um mit Macbeth zu sprechen. Das jetzige Mischmasch-Cabinet kan nicht bestehen; wird es aber nicht durch eine Tory-Administration ersetzt, sollten die gemäßigtern unter den jetzigen Ministern (wie Goderich, Dudley etc.) austreten und Huskisson und Lord Landsdown sich allein des Ruders bemächtigen, oder endlich gar Lord Holland sich zu ihnen gesellen, so hat England nichts gewonnen, und Europa das Aeußerste zu fürchten. Es wäre freylich eine fast u n n a t ü r l i c h e // Erscheinung, daß dieselbe öffentliche Meynung, die heute so mächtig gegen den h a l b e n Liberalismus protestirt, sich den g a n z e n und vollen gefallen laßen sollte. Aber die Möglichkeit der Sache kan ich mir, wenn ich alle Umstände zusammen nehme, nicht verbergen. Was mich am meisten schreckt, ist nicht der freche, zuversichtliche Ton, mit welchem die Times und andre Journale der Faction, eine solche Wendung als unausbleiblich ankündigen; ich weiß wie wenig man auf dergleichen Autoritäten und ihre Drohungen zu achten hat. Meine Besorgnisse liegen auf einer andern Seite. Einmal, wird es mir schwer zu begreifen, wie die Häupter der jetzigen Opposition (so hoch ich auch einige derselben schätze) die Masse von Fähigkeiten und Gewicht im Lande unter sich aufbringen könnten, welche zur Leitung der Geschäfte mehr als // jemals erforderlich ist; und dann - bin ich auch der Entschließungen des Königes nicht gewiß. Und doch wird offenbar das Resultat der gegenwärtigen Crisis in sehr hohem Grade über das künftige Schicksal, nicht nur Englands sondern der Welt entschieden. Unterdesen hat sich die Stellung Oesterreichs gegen das Brittische Ministerium seit kurzem wesentlich geändert. Sie wissen, daß wir seit Canning's Tode uns allerley frohen Hoffnungen hingegeben hatten; daß die Sprache, die bey verschiednen Gelegenheiten geführt worden war, so wie die vorteilhaften Berichte, die wir von Unserm Botschafter erhielten, diese Hoffnungen täglich steigerten; daß wir eine wirkliche N e i g u n g, wenn auch noch keinen ernstlichen E n t s c h l u ß, den bisherigen Weg zu verlaßen, wahrzunehmen glaubten. // Das alles hat in den letzten vier Wochen eine andre Gestalt angenommen. Ihre Minister hatten sich geschmeichelt, daß Oesterreich durch seinen Einfluß in Constantinopel die Türken zum Nachgeben bewegen, und daß ihnen dies einen Ausgang aus dem Labyrint, in welches sie sich durch ein grundfalsches und verderbliches System verwickelt hatten, bereiten würde. Diese Aussicht schlug fehl. Obgleich unser Cabinet, m i t a l t - g e w o h n t e r T r e u e u n d E h r l i c h k e i t alle seine Kräfte anstrengte, um den letzten Bruch zu hintertreiben, so war doch, seit der Katastrophe von Navarin, und bey dem fortdauernden höchst unklugen und feindlichen Benehmen der drey Gesandten, n a c h dieser Katastrophe, jeder Versuch bey der Pforte fruchtlos. Sobald man dies in London inne ward, zog man sich von uns zurück; und als die Umstände immer // drohender, die Beschwerden in England immer lauter wurden, suchte man sich nun dadurch zu helfen, daß man die ganze Sünden-Schuld auf Oesterreich schob, und mit eben so viel Unverschämtheit als Treulosigkeit behauptete, "unsre Intriguen allein hätten die Pforte abgehalten, sich den weisen Anträgen der coalisirten Höfe zu unterwerfen." Zwischen dem 5ten und 15 Dezember (so weit gehen unsre neusten Nachrichten) wurde diese Sprache in den drey M i n i s t e r i e l l e n Journalen Courier, Times, und New-Times - während alle übrigen den Grund des Uebels da aufdeckten, wo er wirklich zu finden war, tagtäglich mit der größten Bitterkeit geführt. Ich glaube nicht, daß Lord Dudley an diesem unredlichen Kriege gegen Oesterreich thätigen Antheil genom//men hat; daß er ihn aber zuließ, war schon schlimm genug; und z u v e r l ä ß i g und e r w i e s e n ist, daß die giftigsten Artikel gegen uns, von Leuten die unmittelbar unter ihm dienen, und aus seinen Büreaux geliefert wurden. Aus dem beyliegenden, von mir abgefaßten Artikel im B e o b a c h t e r werden Sie ersehen, daß wir endlich unser Stillschweigen gebrochen, und uns gegen eine der ungerechtesten, und empörendsten Beschuldigungen, die jemals Haß und Verlegenheit (denn beyde haben hiebey mitgewirkt) auf ein, bloß seiner rechtlichen und festen Grundsätze wegen verunglimpftes Cabinet gebracht, mit Nachdruck verteidiget haben. Dieser Artikel wird hoffentlich in England mit Aufmerksamkeit gelesen und beherziget werden. Wenn das jetzige Ministerium // sich nicht etwa noch vor der Parlaments-Sitzung auflöset (welches ich nicht für unmöglich halte) so werden, wie man mir schreibt, einige der Creaturen des großen C a n n i n g, die Anklage gegen Oesterreich sogar im Parlament erheben. Ich bin darüber sehr unbesorgt; denn eine reinre und bessre Sache, als die unsrige, mögte wohl in dem Kreise der heutigen Diplomatie nicht leicht zu finden seyn, und überdies wird es uns an geschickten Verteidigern sicher nicht fehlen. Was wir von Ihnen, Mein Edler Lord, zu erwarten haben, ist mir nicht zweifelhaft; und ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich Ihren rühmlichen Eifer eher mäßigen als anspornen mögte, weil ich nicht wünschte, daß Sie Ihren Freunden zu Liebe, sich // den Vorwurf großer Parteylichkeit für einen Staat, der Sie allerdings unter seine ersten Bundesgenossen zählt, zuzögen. Wenn der Traktat vom 6ten July nicht das Siegel der Verdamniß an der Stirn trüge, so müßte ein wahrer Engländer schon bey der Betrachtung m i t w e l c h e n A l l i i r t e n er geschlossen ist zurück beben. Die Französische Regierung ist die verachtetste, und die verächtlichste die es heute in Europa giebt. Hierüber sind alle Parteyen einig. Wie diese im Todeskampfe begriffne, elende Regierung die Türkisch-Griechische Sache behandelt hat - wird man dereinst den Geschichtschreibern kaum glauben. Sie erinnern Sich, daß am 10ten November, bey der ersten Nachricht von der // Zerstörung der Türkischen Flotte, der Moniteur seinen Artikel mit den Worten anfing: L'affaire de l'Orient est terminée ! - Diese Worte hielt man damals für das M a x i m u m welches Blödsinn mit Großsprecherey gepaart, erschwingen konnte. Man irrte sich. Lesen Sie den Moniteur vom 18ten Dezember ! In dem Augenblick, wo die Abreise der Gesandten von Constantinopel die letzte Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung abschneidet, wiederholen diese unsinnigen Minister den Jubel-Gesang vom 10ten November, und wünschen sich zu ihrer v o r a u s s e h e n d e n W e i s h e i t G l ü c k !! Das ist noch nicht alles; nebenher suchen sie auch die Eitelkeit und Vergrößerungssucht der Französischen Nazion, durch Andeutungen von // Eroberungs-Projekten zu reitzen. Die Ministerielle Gazette de France sprach vor kurzem von einem (erlognen) Plan zur Vertreibung der Türken aus Europa, den Bonaparte und der Kayser Alexander gemeinschaftlich zu Tilsit entworfen haben sollen, bedauerte dabey sehr naiv, daß dieser herrliche Plan mit seinen Urhebern zu Grabe gegangen sey, setzt jedoch folgende nicht zweydeutige Worte hinzu: Au reste, si Napoléon et Alexandre n'existent plus pour l'accomplissement de leurs grands projets, la F r a n c e et la R u s s i e, grâce au ciel, e x i s t e n t e n c o r e ! Wollte Gott, daß man über den andern Alliirten Englands so lachen könnte, wie über das Französische Cabinet ! Sobald man aber seine Blicke auf R u ß l a n d richtet, wird man von einem ernsthaften Schauer ergriffen. // Die "g r o ß a r t i g e und f r e y s i n n i g e" Politik (wie die deutschen Radicalen sie nennen) des unsterblichen C a n n i n g hat diesem für die Sicherheit und Freiheit Europas so unendlich gefahrvollen Reiche, in den letzten zwey Jahren, ohne daß es (außer gegen die armseligen Perser) einen Flinten-Schuß gethan hätte, so viel Vortheile zugewendet, als es in dem glücklichsten Feldzuge kaum erreichen konnte. Für Rußland allein haben England und Frankreich gearbeitet, für Rußland allein den unseligen Tripel-Traktat unterzeichnet, für Rußland allein bey Navarin die Türkische Seemacht vertilgt. Die Conventionen von Ackerman haben die moralische und politische Eroberung der Fürstenthümer an der Donau vollendet; zu der materiel//len bedarf es nur eines Schrittes. Der Weg nach der Hauptstadt des Türkischen Reiches ist jetzt den Russen auf allen Seiten geöfnet; denn, während ihre Flotte im Schwarzen Meere ihre Land-Armee ungehindert begleiten und versorgen kan, giebt ihnen die Linie des Arares, und der Besitz des Nördlichen Persiens den Eingang in die Asiatischen Provinzen der Türkey Preis. Der Friede, den sie so eben mit Persien geschlossen haben, setzt sie in den Stand, in vier oder fünf Tagesmärschen den Schah aus Teheran zu vertreiben; in acht oder zehn Tagen können sie E r z e r u m überfallen; und wenn jemals die so oft angekündigte Gefahr für die Englischen Besitzungen in Ostindien mehr als ein Traum war, so ist unstreitig jetzt die Zeit gekommen, wo dieser Traum in Erfüllung gehen könnte. // Und das alles setzt England für das lächerlichste aller Hirngespinste, für die sogenannte Befreyung der unwürdigsten Rebellen, die je die Sonne beschienen hat, aufs Spiel ! It cannot be. Die Furcht vor Rußland, und der Haß gegen diese unersättliche Macht, wird und muß in Kurzem das allgemeine Feldgeschrey in England werden; und seyn Sie versichert, daß der bessre Theil aller Nazionen des Continents bald aus voller Brust einstimmen wird ! Wenn dieser Brief wie ich besorge, zu lang geworden ist, so haben Sie Sich Selbst darüber anzuklagen. Männer von Ihren Einsichten und Charakter sind jetzt so selten, daß, wenn man das Glück hat, einem solchen zu begegnen, es sehr schwer hält, sich von Ihm zu trennen. Ich // erwarte mit wahrer Sehnsucht, aber auch mit großer Zuversicht, Ihre vertraute Mittheilungen, aus denen ich unter allen Umständen Belehrung und Trost schöpfen werde. Um die Fortdauer Ihrer Freundschaft bitte ich nicht; ich weiß, daß mir diese auf immer gesichert ist. Und, wie sehr Sie auf meine treue Ergebenheit rechnen können, ist Ihnen nicht weniger bekannt als das unwandelbare Gefühl, womit ich verharre Mein Theurer Lord ! Ihr Sie verehrender und liebender Diener Gentz. P o s t S c r i p t u m: V o m 3 0ten D e z e m b e r Der Courier ist bis heute verzögert worden. Die neusten Nachrichten aus London sind nichts weniger als erbaulich. Der Nahme des Lord Holland, und ähnliches pessimi ominis werden in allen Zeitungen genannt. H: The Centre for Kentish Studies, Maidstone (England). Stanhope Papers, U 1590 Ref. C 189, 1-2. 8 Bl., F: 230mm x 178mm; 15 ¾ von Schreiberhand beschr. Seiten, ¼ eighd. beschr. Seite. D: Schlesier, Schriften, V, Nr. 1, 138-146 (nach dem Konzept des Briefes mit anderem Text des Postskriptums).