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Gentz ; Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
An Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha, Wien, 10./12. Februar 1831, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 223.841 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3355
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
AusstellungsortWien
Datum10./12. Februar 1831
Handschriftl. ÜberlieferungWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 223.841
Format/Umfang4 Bl., F: 229mm x 185mm; 8 eighd. beschr. Seiten
IncipitSeit geraumer Zeit, Mein Vortreflicher Freund
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha Wien, 10./12. Februar 1831 Wien den 10ten Februar 1831. Seit geraumer Zeit, Mein Vortreflicher Freund, ging ich mit dem Gedanken um, Ihnen zu schreiben, und es fehlte mir nicht an einladenden Veranlaßungen dazu. Der Fürst hatte mich vel quasi zu seinem Referenten über die Niederländischen Angelegenheiten ernannt, und Ihre sämmtlichen Berichte und Briefe gingen daher regelmäßig durch meine Hände. Ich habe auch wirklich seit dem Anfange des Jahres verschiedne an Sie adressirte Depeschen redigirt, in welche, wie sich von selbst versteht, alle von Ihnen gethane Schritte die vollkommenste Genehmigung und Anerkenung erhielten, und mit welchen der Fürst ganz einverstanden war. Aber, leider, ist bisher keine dieser Depeschen abgegangen, und sie sind jetzt schon beynahe als veraltet zu betrachten. Ich kan Ihnen für dies sonderbare Factum keine befriedigende Erklärung liefern. Der Fürst hatte von einer Woche zur andern die Absicht, eine Expedition nach London gehen zu laßen; eine Menge andrer Geschäfte, und Abhaltungen mancherley Art, haben diese Absicht bis hieher vereitelt. Ich glaube nun zwar, daß sie ihrer Erfüllung nahe ist; da mir // aber ein Rothschildscher Courier eine erwünschte und sichre Gelegenheit darbietet, so will ich diese lieber, ohne weitres, ergreifen, theils um Ihnen mein persönliches lebhaftes Wohlgefallen an Ihrer interessanten Verhandlungen zu bezeugen, theils um Ihnen (in einem abgesonderten Schreiben) eine Privat-Angelegenheit, die mir nur zu sehr am Herzen liegt, zu empfehlen. Ich habe, vom ersten Augenblick an, den Entschluß des Fürsten, Sie nach London zu schicken gesegnet, und das Resultat hat meine Hoffnungen bestätiget. Ich bin fest überzeugt, daß der anfänglich behutsame, dann immer festere und entschlossnere Gang der Conferenz hautsächlich Ihr Werk gewesen ist. Ihre ausgebreitete Geschäfts- und Menschen-Kenntniß hat sie bey jeder Maßregel richtig geleitet. Sie haben den großen Zweck, die Aufrechthaltung des Europäischen Friedens, nie aus dem Gesicht verloren, und danach, ohne kleinlichen Besorgnissen Raum zu geben, ohne sich durch die Obstination des Königes von Holland, noch durch die Brutalität der Belgier irren zu laßen, Beschüsse durchgesetzt, die ich vor zwey oder drey Monaten noch kaum für möglich gehalten hätte. Sie haben die Klippen, die Ihnen die Zähigkeit der Engländer, die unsichre und schwankende Politik der // Franzosen, der Hochmuth der Russen, und die (wie Sie sehr richtig bemerkten) seit einiger Zeit gesteigerte Unbiegsamkeit der Preußen, entgegen stellte, glücklich umschifft. Sie haben endlich Ihr Werk durch zwey Protokolle (vom 20ten und 27ten Januar) gekrönt, die in der Geschichte unsrer Zeit Epoche machen werden. Ich kan Ihnen nicht beschreiben, welchen Eindruck die Erscheinung dieser Protokolle auf uns (und nahmentlich auch auf den Fürsten) gemacht hat; sie erinnern an die besten Zeiten und an die besten Verhandlungen der ehmaligen Europäischen Congresse; sie erwecken stillschweigend, ja fast ausdrücklich, die Große Allianz aus dem Grabe, zu welchem der Zeitgeist, und eine Reihe unglücklicher Begebenheiten sie verdammt hatte; sie binden England, welches jeder Gemeinschaft mit den Continental-Mächten abgestorben, und Frankreich, welches seit seiner letzten Revoluzion zu ewiger Feindschaft mit den übrigen Höfen bestimmt schien, an eine neue Ordnung der Dinge, welche, in demselben Geiste benutzt, in welchem sie geschaffen ward, zu den ersprießlichsten Folgen führen kan. Die Conferenz hat unsre kühnsten Erwartungen übertroffen. // Wenn das Französische Cabinet schwach oder verblendet genug ist, um der Wahl des Nemours beyzustimmen, so sehe ich, es müßten sich denn neue Wunder ereignen, und die Englische Drohungen in Paris leere Worte gewesen seyn, die Conferenz gesprengt, und den Bruch vor der Thür. Wenn hingegen Frankreich, seinen früheren Erklärungen getreu, die Wahl verwirft, so wird sein moralischer Credit, der genau an der Ehrlichkeit und Stärke des jetzigen Gouvernements einen wesentlichen Zuwachs gewinnen; die andern Höfe werden in diesem Falle, à charge de réciprocité, m i t Frankreich gegen Leuchtenberg protestiren, und die Belgier werden gezwungen seyn, sich für einen n e u t r a l e n Candidaten auszusprechen. Wie man in London einen Augenblick glauben konnte, daß die Stunde des Prinzen von Oranien geschlagen hätte, begreife ich nicht. Chateaubriand, Favier, und der P a b s t haben mehr Hoffnung als dieser. Alles wird gut gehen, so lange die Fünf Mächte in London einig bleiben. Die Protestationen und Diatriben des Congresses, so sehr sie mich auch ärgern und empören, fürchte ich nicht. Es müßte mit dem Henker zugehen, wenn der gemeinschaftliche, feste Wille der Höfe nicht über alle Belgische Rasereyen siegen sollte. // Man wirft ihr vor, sie habe mit schreyender Inconsequenz gehandelt, indem sie, von dem sogenannten Grundsatz der N i c h t - I n t e r v e n t i o n ausgehend, den entgegen gesetzten in seinem weitsten Umfange zur Ausübung gebracht habe; und in der That, das Protokoll vom 27ten ist der stärkste Interventions-Akt, den irgend ein Congreß seit dem Jahr 1814 sich erlaubte. Dieser Vorwurf aber trift fürs erste nur England und Frankreich, am allerwenigsten Uns, die wir nicht aufgehört haben, das Prinzip der Nicht-Intervention aus allen Kräften zu bekämpfen. Und dann ist es mit dieser Critik, wie mit der, welche die Royalistischen Journale in Frankreich (besonders die Gazette de France) in ihren boshaften Angriffen gegen die jetzige Französische Regeirung, bis zum Eckel exerciren. Sie hören nicht auf von der I n c o n s e q u e n z [zwischen] der Minister zu sprechen, die im Widerspruch mit dem System, dem die letzte Revoluzion ihr [xxx] Daseyn verdankt, heute nach nichts als Ordnung im Innern, und Friede mit dem Auslande trachten. Ich aber sage: G e s e g n e t sey die Inconsequenz, die uns vor der unbedingten Anwendung eines ursprünglich schlechten und verwerflichen Prinzips schützt ! Professoren und Geschichtschreiber mögen die dereinst an den Pranger stellen; wir, als praktische Geschäftsmäner, müßen uns herzlich freuen, wenn Französische Minister // die Volks-Souveränität, deren Geschöpfe sie freylich sind, wie ein Kinderspiel behandeln, und wenn die Londner Conferenz, dem Wahn der Nicht-Intervention zum Trotz, auf dem Wege der kräftigsten Intervention, die Wiederherstellung der Ordnung in tief-zerütteten Ländern, und neue Garantien für die Erhaltung und Befestigung des Welt-Friedens sucht. Ich weiß wohl, daß noch mächtige Hindernisse und schwere Complicationen Ihrer warten, und die uns gestern zugekommne Nachricht von der Wahl des Duc de Nemours k a n das ganze von Ihnen aufgeführte schöne Gebäude in einen Schutthaufen verwandeln. An dem Entschlusse, den Louis Philippe jetzt fassen wird, hängt Friede oder Krieg, das heißt, Leben oder Tod für Europa. Denn ich bin fortdauernd der Meynung, daß der Krieg, w i e e r a u c h a u s f a l l e n m ö g e, und, wenn wir auch weit besser dazu gerüstet wären, als wir es sind, und die Geld-Quellen hätten, die uns gänzlich mangeln - uns den letzten Rest geben würde; und General Rösler, der eigends von Berlin hieher geschickt worden ist, um uns im entgegen gesetzten Sinne zu bearbeiten, und dies auch mit allem Feuer eines Apostels thut, hat diese Meynung nicht in mir erschüttert. // Den 12 Februar Wir erwarten mit Ungeduld die Nachrichten aus Paris über den Entschluß den man wegen der Belgischen Wahl gefaßt haben wird. <Da> der Courier durch welchen ich Ihnen schreibe erst Morgen Mittag abgeht, so werden wir vielleicht noch vorher den Ausgang dieser wichtigen Sache erfahren.Mittlerweile bricht das Ungewitter in Italien aus. Der Herzog von Modena sollte in der Nacht vom 3ten zum 4ten aufgehoben und ermordet werden. Er kam jedoch den Verschwörern zuvor, und ließ das Haus, worin sie sich versammelt hatten, mit Kanonen (NB mit Kartätschen) einschießen. Graf Clam der heute früh von einem sechswöchentlichen Aufenthalt in Mayland, wo er sehr nützlich gewesen ist, zurückkehrte, verließ den Herzog in Mantua, wohin er sich übrigens nicht aus Furcht, sondern nun u n s gehörig in Athem zu setzen, begeben hatte. Man wird ihm einige Bataillone zu Hülfe schicken; nur muß erst der Carnaval vorüber seyn. Drey Tage nach dem Ereigniß in Modena haben sich Bologna und Ferrara unabhängig von ihrer Regierung erklärt. Auf diese Art wird Gregorius XVI // von seinen treuen Völkern empfangen ! Der Himmel behüte uns nur vor einem ernsthaften Auslaufe in Piemont ! Bisher war man, Gottlob, aus Turin nur noch mit Vorbereitungen zur Heirath der Prinzessin Mariane beschäftiget. Man glaubt sich im Innern vollkommen sicher, träumt aber desto mehr von Französischen Invasions-Projekten, die lediglich in den Köpfen von Latons und Senfft existirten. Der letztre ist endlich hieher berufen, und vorläufig durch Henry Bombelles ersetzt. Der Fürst bedauert noch täglich, daß er S i e nicht nach Turin hat senden können, ob er gleich Ihre Gegenwart in London für noch viel nothwendiger und ersprießlicher hält. Schließlich verwahre ich mich nachdrücklich gegen den Verdacht, daß das, was ich in diesem Briefe zu Ihrem höchst verdienten Lobe gesagt habe, etwa bloß eine capitatio benevolentiae als Einleitung des nachfolgenden seyn soll. Solcher Mittel bedarf es bey Ihnen nicht; und Sie wissen ohnehin, welche Meynung ich von jeher von Ihnen gesagt, und mit welcher aufrichtigen Hochachtung und Liebe Ihnen unverändert zugethan war Ihr treu-ergebner Freund und Diener Gentz H: Wiener Stadt und Landesbibliothek, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 223.841. 4 Bl., F: 229mm x 185mm; 8 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.