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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 17. Januar 1786, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1786

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id33
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date17. Januar 1786
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 233mm x 189mm; 3 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, 66-67 (tlw.); Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 16, 74-77
IncipitIch habe eben etwas gelesen
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 17. Januar 1786 Liebe, gute, Freundinn ! Ich habe eben etwas gelesen, was mich einigermaßen verwundert hat. Coelestine schreibt mir, daß mein letzter Brief auf Sie einen so betrübten Eindruck gemacht hätte, und daß Sie gar auf den - entsetzlichen Gedanken gekommen wären, als ob meine Freundschaft und Achtung für Sie auch nur im Allermindsten Grade geringer geworden sey. Laßen Sie mich darüber einige Augenblicke mit Ihnen schwatzen. Denn mich v e r t h e i d i g e n - des Worts bediene ich mich nicht gegen Sie. Ich sinne hin und her und kan doch wirklich mich nicht besinnen, in welcher Stelle meines letzten Briefs ein Grund gelegen hätte, der Sie auf jenen mir so schmerzlichen Irrthum hätte führen können. Was aber auch im Briefe stehen mag, so schwöre ich Ihnen bey allem, was mir werth und theuer ist - und deßen ist denn doch Manches in der Welt - daß in meinem Herzen noch eben daßelbige steht, was Sie in Koenigsberg darin lasen. Weil Sie nicht glücklich sind ? weil das Schicksal Ihnen zum sauren Kampf machte, was andern Rosen-Spatziergang ward ? weil Sie fühlen, daß es Ihnen Mühe kostet, sich gegen Ihre Lage zu streuben ? Darum sollte ich Sie weniger ehren, lieben, preisen ? Darum sollte ich es weniger lebendig erkennen, wie gut, wie g u t Sie sind ? O ! wenn mich auch meine Philosophie einen so groben Fehler machen ließe, was würde mein Herz sagen ? Darüber beruhigen Sie Sich also gänzlich. Denn ich bin stolz genung zu glauben, daß das im Stande wäre, Ihnen einige Unruhe zu machen. Ich bewundre Sie: ich bewundre Ihr ganzes Verhalten, ich bewundre Ihre Seele, die so viele Stöße aushielt, und aus hält; ich preise mich glücklich davon Zeuge gewesen zu seyn. Bekanntschaft mit der Regierungsräthinn Graun; das ist ein Titel der ganz forn an steht, in dem Buche, worin ich die Wohlthaten des Himmels <die> über mich ausgegoßen wurden, aufzeichne. Und daß Sie das nicht auch in meinem letzten Briefe gefunden haben sollten, das begreife ich nicht, ich dächte, es stünde auf allen Blättern. Was ich für eine abgeschmackte Rolle spiele, in meinen eignen Augen, wenn ich hier in Gesellschaften nach Ihnen gefragt werde. Und das geschieht denn doch, so oft von Ihrem Manne die Rede ist. "Es soll eine charmante Frau seyn ?" - // "S o l l" ? - "c h a r m a n t e" ? - N e u l i c h f r a g t e m i c h J e m a n d, w i e m i r O s s i a n g e f i e l e. - Das fällt mir denn allemahl ein. Was denken Sie zu der Geschichte von Ihres Manns Bruder ? Denn vermuthlich wißen Sie doch was davon ? - Was ich davon denke, will ich Ihnen wol sagen: Ich danke Gott, daß Sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie mit Ihrer Frau Schwiegermutter zusammen leben werden. Was ist das für eine Frau ! Wie unähnlich, wie schrecklich unähnlich I h n e n; aber - Sie werden den Strich wol verstehen. Eine so kalte, so trockne, so fürchterlich gefühllose Seele können Sie Sich nicht denken. Ihr Schwager ist ein schwachsinniger Mann, aber seine Mutter stürzt ihn völlig ins Verderben. Seine projektirte Heyrath war eine alberne, tolle Grille; aber die Begegnungen, die ihn d a z u verleitet haben, und die Mittel, die ihn d a v o n abhalten sollten, waren aeußerst unmütterlich - Ich habe die Ehre sehr bey Ihrer Schwiegermutter in Gnade zu seyn: es war natürlich, daß ich ihr von Anfange an, mit ausgesuchter Höflichkeit begegnete: eine weibliche Person, die Ihren Namen führt ! Schon das war Empfehlung für sie ! Daher hat sie mir denn auch jetzt die ganze Geschichte ihres Sohnes anvertraut; aber mit einer Gleichgültigkeit mit einem Ton, als wenn sie von einem ganz fremden Menschen spräche. Wäre nicht der liebenswürdige, göttliche Capellmeister Graun ihr Mann gewesen, so möchte ich beynahe aus-rufen: "O Hannchen Fischer ! Sanftes, süßes Mädchen, unter was für harte Felsen bist du gerathen !" Nein ! das Haus, das sollen Sie einst bewohnen, aber die jetzige Eigenthümerinn muß nicht mehr drin seyn. Dann, liebe Graunin, dann wollen wir anfangen, wo wir aufgehört haben; und so wie man uns ehmals ein Klee-Blatt nannte, [so] Sie, Coelestine und mich, so wollen wir künftig ein wahres Klee-Blatt herzlicher und ewiger Freundschaft bilden. Und dann wollen wir hübsch im Sommer auf dem Lande wohnen, und alles genießen, was das Leben glücklich macht. Ach ! Das Herz schlägt mir bey der frohen Aussicht. Von leNoble habe ich heute einen kurzen, und schwermüthigen Brief erhalten; er klagt am Ende über Mendelssohns Tod; das ist ein tiefer, tiefer Verlust, liebe Graunin, der Tod dieses Manns ! Ein großer, und ein schöner Geist ! // Unsterblichkeit lehrend, wie Sokrates, und unsterblich, wie er. Das dritte Gespräch seines Phaedons ist ein hohes Meisterstück philosophischer Schreib-Art, und glücklicher Gedanken. Lesen Sie denn noch im Klopstock ? Ich merke, daß leNoble viel mit ihm umgeht. Er sagt von Mendelssohn "Ehre sey auch ihm von uns an Gräbern hier." Er wünscht mir, "mit Blumen bestreut das Grab, das auf uns alle harrt". O ! ich dachte an den Abend, da ich Ihnen die göttliche, göttliche Stelle vorsagte. Aus der Ode: d i e G e s t i r n e.Dort schuf sie der Herr; hier dem Staube näher den Mond, Der, Genoß schweigender kühlender Nacht Die E r d u l d e r d e s S t r a h l s heitert - - - Erde, du Grab, das auf uns alle wartet, Gott hat mit Blumen dich bestreut ! Ich möchte wol wißen, wie le Noble eigentlich zu Muthe seyn mag; er hat mir einen langen Brief höchstens in 14 Tagen versprochen, den ich mit Ungeduld erwarte. Was haben Sie denn zu meinem verunglückten Reise-Projekt gesagt ? O ! liebe Graunin, es muß Ihnen durchaus etwas leid gethan haben; wahrhaftig, es gehört mit unter meine Trost-Gründe bey dieser fehlgeschlagnen Hoffnung, mir vorzustellen daß es Ihnen r e c h t s e h r leid gethan hat. Schreiben Sie mir doch nächstens Ihre Meynung darüber. Ich freue mich sehr, daß Sie mit meiner Coelestine in so guter und vertrauter Freundschaft leben. Was das für ein vortrefliches Mädchen ist ! Wie sie mich durch ihre Briefe tröstet und aufheitert ! Wie sie jetzt meine Hoffnungen froh macht, und einst mein Leben glücklich machen wird ! Freut Sie das nicht ? Hören Sie das nicht recht gern, Wohlthäterinn meines Lebens ? - Denn welch ein beträchtlicher Theil dieser Glückseeligkeit ist Ihr Werk ! Ich erwarte einen langen Brief von Ihnen, und bald. Laßen Sie mich nicht lange vergeblich darauf warten. Denn ich sehe Ihren Briefen entgegen, wie einem abwesenden Freunde, dem man Meilenweit entgegen reisen möchte, wenn er uns einmal besucht. Bleiben Sie mir gut, und, um des Himmels willen, setzen Sie den Gedanken, daß meine Freundschaft nur um einen Grad abnehmen könnte, sooft er Ihnen einfällt, ins Reich der Unmöglichkeiten. Berlin den 17ten Januar. 1786. Gentze. Grüßen Sie alle Ihre Geschwister le Noble, <Ihre Mutter>, Dengels, und - I h r B i l d. (Verstehn Sie mich ?) H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 233mm x 189mm; 3 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, 66-67 (tlw.). Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 16, 74-77.