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Gentz ; Hennings, August
An August Hennings, Berlin, 9. März 1799, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Hamburg. Signatur [?] 1799

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3099
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Hennings, August
LocationBerlin
Date9. März 1799
Handwritten recordStaats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Hamburg. Signatur [?]
Places of printMendelssohn-Bartholdy, Karl: Friedrich Gentz. Vornehmlich in seinem Verhältniß zu Preußen, in: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde 5 (1868), 280-315, hier 292-297; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 109, 320-326
IncipitIch danke Ihnen verbindlichst für
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn August Hennings Berlin, 9. März 1799 Berlin den 9. März 1799. Ich danke Ihnen verbindlichst für die Mühe die Sie sich gegeben haben, mir Ihr Urtheil über den Werth meines Journals, besonders aber über das was Sie die Tendenz deßelben nennen, ausführlich vorzulegen. Da Sie würklich bei diesem Geschäfte ohne Schonung, die ich auch nicht verlangte, zu Werke gegangen sind, so wird es mir erlaubt seyn, Ihnen eben so freimüthig zu antworten. Vor allen Dingen muß ich das bemerken, daß ich meinen ersten Brief nie geschrieben haben würde, wenn ich Sie auch nur entfernt für den Ver//faßer der kurzen Anzeige gehalten hätte. Es war keine Affektazion, sondern ehrlich gemeinte Voraussetzung, daß Ihnen ein anderer diesen Artikel mitgetheilt habe. Da Sie Sich dazu bekennen, so kann ich nun auch nicht umhin, Ihnen die Reflexionen mitzutheilen, die sich mir beim Lesen Ihres Briefes sogleich aufgedrängt haben. Sie gestehen förmlich ein, Sie hätten durch jene Anzeige das ganze Journal b e s e i t i g e n wollen ? Aber ist denn das wohl erlaubt ? Ist es denn eine gute und rechtmäßige Maxime, die Stimme deßen, den man für schädlich h ä l t, zu unterdrücken ? Sollte man denn nicht erst doch alle Theile hören ? Wie kommen Sie ewiger Vertheidiger, der Toleranz, der Preßfreiheit etc. dazu sich einer so schmählichen Inconsequenz schuldig zu machen ? Da Sie als Schriftsteller eine ganze Zeitschrift auf einmal beseitigen wollen, so würden Sie sie natürlich als Machthaber v e r b i e t e n. Beides hat, moralisch betrachtet einen und denselben Werth. Jedoch Sie sagen ein höherer Zweck // als Schriftstellerische Rücksicht habe Sie dabey geleitet. Dies ist nun nach meinen Grundsätzen überhaupt ein schwaches Motiv, weil mir alle die h ö h e r e n Z w e c k e wovon man uns jetzt bis zum Eckel unterhält schon an und für sich, ihrer Unbestimtheit ihrer Zweydeutigkeit, ihrer Willkührlichkeit wegen verdächtig, sobald sie aber mit der Gerechtigkeit in Krieg gerathen, mehr als anstößig sind. Der höchste aller menschlichen Zwecke ist in meinen Augen - jedem s e i n R e c h t widerfahren <zu> laßen: Der höchste aller Gesichtspuncte - der der R e c h t m ä ß i g k e i t freier Handlungen. Wenn dieser berichtigt ist, [dann] dann mag man es mit dem Wohlwollen und der süßen Humainität, und dem alles umfaßenden Cosmopoliten-Geiste, und allen Menschen beglückenden Redensarten halten wie man will. Ich gehe aber noch weiter. Ich setze mich einen Augenblick in eins der seichten philosophischen Systeme hinein, wo die "höheren Zwecke" ihre Rolle spielen, ich forsche nach I h r e m // höheren Zwecke. Es ist folgender: "Das Historische Journal predigt den Krieg: das Wohl der Menschheit verlangt, daß man alles thue, um ein solches Journal gleich in der Geburt zu ersticken." Ich werde die Beschuldigung selbst nachher beantworten. Jetzt bleibe ich immer noch strenge bei Ihrer A n z e i g e stehen. Sie handelt offenbar nur vom ersten Aufsatze des ersten Stücks. Nun frage ich Sie auf Pflicht und Gewißen: Was enthält dieser mit Ruhe und freiem Blick geschriebene, von keinem Parteigeist gefärbte, bloß philosophirende Aufsatz, dem selbst heftige Gegner meines p o l i t i s c h e n Systems Gerechtigkeit wiederfahren ließen und in welchem große Köpfe eine ganz neue Ansicht der Revoluzion [xxx] fanden - was enthält d i e s e r, das den Krieg predigte ? Wahrlich eine solche Ungerechtigkeit würde mich kränken, wenn ich sie mir nicht dadurch erklärte und erläuterte, daß Sie den ganzen Aufsatz mit vorgefaßtem Widerwillen, und daher ohne alle Aufmerksamkeit gelesen haben. Das zeigen denn doch // wahrlich die Worte Ihrer Kritik. Ich habe mehr als dreißig Leser meines Journals gefragt, ob es auch nur m ö g l i c h wäre, die ersten Zeilen anders zu verstehen, als so: "Wenn der Z u s c h a u e r, der B e o b a c h t e r oder Z e i t g e n o ß e einen langen und gefährlichen Weg zurück gelegt hat etc." Alle haben mir einstimmig versichert, daß ihnen nicht einmal ein Zweifel über den Sinn derselben aufgestoßen sey. Sie allein erklären diese Worte anders, beziehen Sie auf Gott weis welche pracktische Unternehmung und geben mir die Lehre: Beßer wäre es, sich v o r h e r zu orientiren: - also, e h e die Begebenheiten, über die wir urtheilen wollen geschehen sind. Im gegenwärtigen Falle ist das flüchtige lesen, das solche Kritiken hervorbringt, dem Kritiker selbst am nachtheiligsten. Es giebt andre, wo es zu strafbaren Ungerechtigkeiten gegen den Schriftsteller führen kann. Hier ein Beyspiel davon: Sie citiren die Stelle meiner Ankündigung wo ich gegen U n p a r t e i l i c h k e i t und // N e u t r a l i t ä t spreche, und setzen hinzu: "Wie hat sich der Verfasser u n t e r s t e h e n dürfen, als Unthertan eines unpartheiischen und neutralen Staates so zu reden ?" - Darauf gebührte nun eigentlich folgende Antwort: Wie hat sich der leidenschaftliche oder flüchtige Rezensent unterstehen dürfen, einen Schriftsteller, der sich doch so deutlich ausdrückt, so unverantwortlich zu mißdeuten, und ihn auf diese Mißdeutung hin, sogar, mit s e i n e m S t a a t e zu compromittiren ? - Was sagt denn die Stelle der Ankündigung: "D a s, w a s g e w i ß e S c h r i f t s t e l l e r Unparteilichkeit und Neutralität nennen ppp", und nun eine solche nähere Bestimmung d i e s e r Art von Neutralität, daß Niemand sich vergreifen konnte ! Wer in Gottes weiter Welt, kann denn hier ein Urtheil, über p o l i t i s c h e Neutralität finden ? Ich rede ja von S c h r i f t s t e l l e r n, von G e w i ß e n Schriftstellern, von einer s c h r i f t s t e l l e r i s c h e n Neutralität, und von einer gewißen A r t derselben. Und das soll, wie Sie sich mit vieler Undelikateße ausdrücken - i m L a n d e s e l b s t Mißtrauen gegen die R e // g i e r u n g bewirken ? Was hat die Regierung mit der f a l s c h e n N e u t r a l i t ä t einiger S c h r i f t s t e l l e r zu thun, von deren Existenz <sie> kaum unterrichtet ist ? Ist es e r l a u b t, so zu interpretiren, und so zu richten ? Ich kenne a u c h, und ehre und liebe a u c h Unparteilichkeit und Neutralität. Ich wollte nur sagen, daß das was einige seichte oder hirnlose Schwätzer so nennen, nicht die meinige wäre. Nur einige Worte über den Aufsatz, der, wie Sie meinen, die f ö r m l i c h e P r ü f u n g des Journals enthalten soll. Ich übergehe alle einzelnen Punkte, worüber ich viel, viel sagen könnte (z. B. daß ein beurtheilender philosophirender Schriftsteller k e i n S y s t e m haben, sondern bloß "d i e g r o ß e e i n z i g e G ö t t i n" anbeten soll, da doch gerade diese Göttin keinen bessern Dienst als den des richtig geordneten Denkens kennt) und bleibe nur bey folgenden Hauptbemerkungen stehen: 1. Diese Anzeige ist abermals im höchsten // Grade ungerecht, da sie das ganze Journal nach e i n e m e i n z i g e n Aufsatze abfertigt, den ich vielleicht gerade für den unbedeutendsten halte. Warum sprechen Sie nicht über den ersten Aufsatz im ersten Stück, und seine Fortsetzungen ? Dieser ist der Hauptzweck meines Journals: er enthält, was Sie auch fernerhin über meine Präsumtion sagen werden, nichts als wichtige Fakta, Ideen über die Revoluzion, die man nicht in allen Zeitungen findet, und wer seine Tendenz anders, als rechtlich und friedlich findet, versteht keine Zeile davon. 2. In dieser Anzeige beschuldigen Sie mich bestimmt, und ausdrücklich, d e n K r i e g z u p r e d i g e n. Und um diese Beschuldigung drehen sich alle andre Ausfälle gegen meine Schrift. Laßen Sie uns diese Beschuldigung doch näher beleuchten. Fürs erste versichre ich Ihnen nun, a l s T h a t s a c h e, was alle die mich kennen über und über attestiren werden, daß ich den Krieg überhaupt hasse, und daß ich unter den jetzigen Umständen vielleicht der letzte im Preußischen // Staate wäre, der zum Kriege riethe. Ich bin nicht Minister und habe also keinen unmittelbaren Antheil an den grossen Staatsgeschäften: aber es giebt denn doch Gelegenheiten, wo man seine Meinung zu äußern hat: die meinige ist seit dem Jahr 94.- standhaft und unverrückt für den Frieden gewesen. Fürs zweite aber, und was unsern Gegenstand näher trift, fordre ich Sie recht höflich auf, mir doch e i n e Z e i l e gefälligst anzugeben, in der ich nahe oder von fern den Rath zum Kriege ertheilt, oder auch nur den Wunsch nach Krieg geäußert hätte. In einem so incendiarischen Journal, das man gleich in der Geburt per fas et nefas tödten muß - n u r e i n e e i n z i g e Z e i l e: das ist doch wenig verlangt. Ich erwarte dies wenige. Vermögen Sie es nicht, so sagen Sie Selbst: was wird aus allen den harten Vorwürfen die Sie mir mit so vieler Bitterkeit, auftischen ? Nein ! Sie vermögen es nicht; und Ihre ganze Beschuldigung gründet sich auf folgenden Schluß: Er // spricht mit Lebhaftigkeit und Wärme von den Gründen der französischen Republik - ergo räth er zum Kriege mit derselben. Dies ist gerade so, als wenn ich von Ihnen sagen wollte: Er redet mit Schonung und Gleichgültigkeit von den Gründen der französischen Republik: ergo: ist er ein geheimer Anhänger derselben. L'un vaut l'autre. 3. Sie gehen in Ihrer Hitze gegen den einzigen Aufsatz, den Sie einer Prüfung würdigen, so weit, daß Sie mir Vorwürfe über Dinge machen, worüber Sie mich, nach Ihren Grundsätzen vielmehr loben sollten. So spotten Sie lang und breit darüber, daß ich dem Könige von Neapel ein Betragen kurz vor der Kriegeserklärung beylegte, welches weit entfernt, ihn zu rechtfertigen, ihn vielmehr offenbar inculpirte. Ja ! Sie mögten ganz recht haben, zu spotten, wenn ich nur irgendwo die Absicht geäußert hätte, eine A p o l o g i e des Königs von Neapel zu schreiben. Diese Absicht l e i h e n Sie mir, sowie das K r i e g - P r e d i g e n, die M i ß b i l l i g u n g d e r p o l i t i s c h e n N e u t r a l i t ä t und andre Gespenster dieser Art, die Sie // auf meine Kosten creiren, um sie auf meine Kosten zu bekämpfen. Ich weiß sehr wohl, vielleicht bestimmter als Sie glauben, daß die französische Regierung - ihrem System, dem schändlichsten das je menschliche Verruchtheit ersann, und verworfne Heuchelei mit schönen Nahmen bemäntelte, getreu - die einzige Anfängerin des Krieges mit Neapel war: aber darum rechtfertige ich den König von Neapel d o c h nicht, und habe es auch in jenem Ihnen so anstößigen Aufsatz nicht g e w o l l t. Nach allem was ich Ihnen jetzt gesagt habe, werden Sie wohl einsehen, daß es nicht F u r c h t seyn kann, was mich bey dem durchlesen Ihrer neuen Kritik, die ich Ihnen hier mit ergebenstem Dank zurück sende, ergriffen hat. Ich h a s s e zwar schriftstellerische Fehden sehr, aber niemand kann sie im Grunde weniger f ü r c h t e n, als ich. Ich bin mir bewußt, daß wenige Schriftsteller mit solcher Gewissenhaftigkeit, mit solcher Achtung für das Publikum, mit solcher Sorgfalt im Zusammenstellen und Ausarbeiten zu Werke gehen; wenige widmen ihren Arbeiten so viel Zeit und // Mühe (ein Grund mehr, mich nicht wegwerfend zu behandeln). Daher bin ich auch auf jeden Angriff gefaßt und weiß mich zu vertheidigen. Gleichwohl will ich Ihnen nicht leugnen, daß mir der Abdruck Ihres Aufsatzes, so wie er jetzt ist, unangenehm seyn würde, und das aus einem einzigen Grunde. Ihre - ich muß es wiederhohlen - würklich undelikaten Aeußerungen über den vermeinten Contrast meiner Grundsätze mit den Grundsätzen meiner Regierung, würden mich zu einer Rechtfertigung zwingen, die mir zwar, da Ihr ganzer Vorwurf sich auf eine leere Hypothese gründet sehr leicht seyn könnte, die mich aber in gewiße Erklärungen über Gleichheit oder Ungleichheit meiner Grundsätze mit denen meiner Regierung ziehen würde, denen ich herzlich gern ausweiche. Ich sollte auch denken, ich hätte Ihnen die Ungültigkeit Ihrer Haupt-Vorwürfe so evident dargethan, daß wirklich nur Sehnsucht nach Streitigkeiten, Sie noch bewegen könnte, mit diesen Vorwürfen öffentlich aufzutreten. Doch überlaße // ich Ihnen gänzlich, was Sie beschließen wollen. Finden Sie es nöthig, das Stück drucken zu laßen, so werde ich mich vertheidigen. Ich kann eine Bemerkung nicht unterdrücken ehe ich schließe. Sie als erklärter <Eklektiker> und Eudämonist, sollten das Gute schätzen, wo Sie es finden: und doch geht aus jeder Zeile Ihres Briefes und Aufsatzes eine so entschiedne Abneigung gegen alles, was ein Anders denkender, wie ich, produzirte hervor, daß Sie schlechterdings n i c h t s gut finden mögen. Ich ein strenger Systematiker, der die französische Revoluzion nicht etwa ihrer zufälligen Greuel wegen, sondern bloß aus tiefer Ueberzeugung von der U n r e c h t m ä ß i g k e i t ihrer ersten Grundsätze verabscheut, mußte von Rechtswegen alles verwerfen, was meine Linie überschreitet: und doch lese ich mit Wohlgefallen, beurtheile mit Gerechtigkeit und Billigkeit, und ehre nach Gebühr jeden guten Gedanken, den ich <in> Ihren, P o s e l t's, H u b e r s und andrer von mir abweichender Schriftsteller Werken finde. Ich wiederhohle // es noch einmal: nie hätte ich etwas, das aus Ihrer Feder gefloßen wäre, so schnöde behandelt, als Sie bei der jetzigen Gelegenheit mich und mein Journal behandelt haben. Und nun genug über diesen Gegenstand, und - wenn es seyn könnte ! - auf immer. Mit ganz vorzüglicher Hochachtung verharre ich Gentz.H: Staats- und Universitätsbibliothek, Hamburg. Signatur x Bl., F: ; D: Mendelssohn-Bartholdy, Karl: Friedrich Gentz. Vornehmlich in seinem Verhältniß zu Preußen, in: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde 5 (1868), 280-315, hier 292-297. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 109, 320-326.