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Gentz ; Gentz, Elisabeth
An Elisabeth Gentz, Wien, 8. Juli 1831, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39600 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3087
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Gentz, Elisabeth
LocationWien
Date8. Juli 1831
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39600
Size/Extent of item10 ¼ eighd. beschr. Seiten
Places of printEckardt, Staatsschriften und Briefe, II, 295-299 (mit Faksimile eines Briefausschnitts)
IncipitMadame Elssler, welche [xxx] diesen Brief
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Gentz Wien, 8. Juli 1831 Wien den 8 July 1831. Madame Elssler, welche [xxx] diesen Brief für Dich mitnimmt, dem ich einen kleinen Nachtrag zu der vor einigen Tagen Dir übersendeten, an Elssler adressirten Anweisung beyfüge, wird Dir zugleich, Meine liebe Lisette, zwey Bajaderen, und zwey Hauben überbringen. Ich habe diese Gegenstände, weil der, mit der Post abgehende Koffer gestern unvermuthet schnell gepackt werden mußte, selbst n i c h t g e s e h e n, sondern mich dabey bloß auf F a n n y verlaßen, deren guter Geschmack mir so bekannt ist, daß ich an einer // glücklichen Auswahl nicht zweifeln kan. Sie legt indessen großen Werth darauf, zu erfahren, ob sie auch E u r e n Wünschen Genüge geleistet hat, und ich bitte Dich, mich baldmöglichst in Stand zu setzen, sie darüber zu beruhigen. Dein Brief vom 11ten Juny, liebe Lisette, hat allerley sonderbare Eindrücke auf mich gemacht, über welche ich mich, mit der heutigen ganz sichern Gelegenheit, erklären muß. Fürs erste war ich über die außerordentliche Angst, mit welcher Du von der herannahenden Cholera sprichst, nicht wenig verwundert. Es ist // nicht zu leugnen, daß die Gefahr wirklich besteht, und daß die Oesterreichischen Provinzen so gut wie die Preußischen davon bedroht sind. In den letzten vier Wochen sind wir sogar mehr als zuvor, durch die aus Gallizien (besonders aus Lemberg wo die Krankheit furchtbar wütet) und aus Ungarn eingelaufnen Nachrichten - wiewohl die letztern, wo nicht ganz apokryphisch, doch gewiß sehr übertrieben waren - beunruhiget worden. Indessen sind nun in beyden Ländern, früher noch in Preußen, welches der dortigen Regierung sehr zum Lobe gereicht, neuerlich aber auch bey uns, so strenge, und so umfassende Maßregeln ergriffen worden, daß // es in der That Gottes ausdrücklicher Wille seyn müßte, wenn wir mit dieser neuen Pest gestraft werden sollten. Mein bester Trost gegen dies Uebel ist immer der, daß es bisher d u r c h a u s nur in h a l b - b a r b a r i s c h e n, verwahrloseten, ihres Schmutzes wegen berüchtigten Ländern geherrscht hat, und daß es diesseits der Linien, welche diese von der Region der c i v i l i s i r t e n trennen, entweder keinen Eingang finden, oder seine Kraft bald verlieren wird. Freylich ist es in einem Zeitpunkt, wo die Welt von allen Seiten so erschüttert und zerrissen ist, daß man täglich auf die schrecklichsten Katastrophen gefaßt seyn muß, wohl erlaubt, auf jeden neu//hervortretenden Feind mit Furcht und Zittern zu blicken; daß aber die Cholera alle Verbindungen, und selbst "briefliche Mittheilungen" zwischen uns abschneiden sollte, das ist mir doch noch nie eingefallen, und kan auch Dir nur in einer sehr melancholischen Stunde vorgeschwebt haben. Demnächst kan <ich> mir bey einer andern Stelle Deines Briefes einige Bemerkungen nicht versagen. Du sprichst v o n d e m s ü ß e n G l a u b e n d e s g e s a m m t e n B e r l i n e r P u b l i c u m s, unsre Freundinnen diesen Herbst wieder zu sehen, und wünschest sehnlich, d a ß e r d o c h j a i n E r f ü l l u n g g e h e n m ö g e ! Ich kan Dir diesen Wunsch nicht // verdenken, und sage Dir auch, daß er in der Mitte des September - wenn bis dahin die Welt nicht aus ihren Angeln gehoben ist, und große Revoluzionen (die ich mehr fürchte als die Cholera) nicht alle menschliche Projekte zerstören, - in Erfüllung gehen w i r d. Du scheinst aber vergessen zu haben, wie theuer i c h die Freude die Du Dir von diesem Besuch versprichst, bezahlen werde. Glaubst Du denn, daß es für mich eine unbedeutende Begebenheit, und nicht vielmehr ein tiefer Schmerz, eine Herzens-Wunde, an der ich schon im Voraus blute, ist, Fanny drey Monate lang zu entbehren ? ? Zeit, Gewohnheit (die süßeste aller Gewohnheiten) // und fortdauernder Umgang hat sie mir noch werther und nothwendiger gemacht, als sie es mir im vergangnen Jahre war. In ihr allein concentriren sich alle mir noch übrigen Wünsche und Freuden des Lebens; und der Gedanke an eine lange Trennung von ihr, verbittert mir schon jetzt die besten Stunden. Wenn ich ihre Reise nach Berlin durch Geld-Opfer verhindern könnte, ich würde keins scheuen, wozu ich nur, ohne meinen gänzlichen Ruin, die Mittel aufbringen könnte. - Aber andre Betrachtungen halten mich zurück. Fanny hat in ihrer Kunst bewundernswürdige Fortschritte gemacht; sie ist heute (und nicht etwa bloß in meinen parteyischen Augen) die erste Tänzerin // in Europa; sie hat eine weite, glänzende Laufbahn vor sich; und ich bin, bey aller meiner Liebe, oder besser, v e r m ö g e meiner Liebe zu ihr, nicht Egoist genug, um das zwanzigjährige Mädchen, das mich lange, lange überleben muß, in dieser Laufbahn zu stören. Wenn ich eine halbe Million besäße, ihr solche morgen verschreiben, sie übermorgen heyrathen, und vom Theater wegnehmen könnte - es würden mich, selbst in d i e s e m Falle, wovon doch gar nicht die Rede seyn kan - nicht das Qu'en dirat-on, nicht das Ridicule; über das alles bin ich hinaus - aber sicher und gewiß meine G r u n d s ä t z e davon abhalten. Das Theater ist ihre Bestimmung; // die Natur, das heißt, Gott hat sie ihr angewiesen, sie mit den reichsten Gaben dazu ausgestattet; und ich sollte, wenn es auch das Glück meiner noch übrigen Lebens-Tage gilt, in jene höhern Fügungen selbstsüchtig eingreifen ? Nein ! sie wird und mag Berlin, und später, wie ich voraussehe, Paris und London bezaubern; ich begnüge mich mit dem, was sie m i r leisten kan, ohne ihre Zukunft aufs Spiel zu setzen. Was aber bey dieser Philosophie m e i n G e m ü t h leidet, das weiß Niemand, als ich, und Fanny selbst, die mich mit schwerem Herzen verlaßen wird, weil sie meine G e f ü h l e, nicht weniger als meine G r u n d s ä t z e kennt. Ich bin überzeugt, // liebe Schwester, daß Du jene Worte Deines Briefes Dir bey weitem nicht so tragisch gedacht hast, als ich sie aufnahm. Du wirst mir aber gewiß gern verzeihen, daß ich mich über eine Sache, die für mich von so großer Wichtigkeit ist, freymüthig und vollständig aussprach. Beantworte dieses Schreiben, wenigstens die Stellen, die mein Bekenntniß enthalten, n i c h t m i t d e r P o s t; wähle dazu eine sichre Gelegenheit, oder, wenn diese zu lange fehlen sollte, gib Deinen Brief an Elssler, weil er auf diesem Wege unbemerkter an mich gelangen kan. Ich grüße // die liebe Flore recht herzlich, wünsche bald Nachrichten, und möglichst gute, von Euch zu erhalten, und bleibe, unverändert bis in den Tod, Euer treuer Bruder Gentz H: Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 39600. x Bl., F: ; 10 ¼ eighd. beschr. Seiten. D: Eckardt, Staatsschriften und Briefe, II, 295-299 (mit Faksimile eines Briefausschnitts).