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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 31. Dezember 1785, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1785

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3069
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date31. Dezember 1785
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item5 Bl., F: 233mm x 189mm; 8 ¾ eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 7, 56-66; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 15, 66-74
IncipitIch weis, daß Sie es fühlten
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 31. Dezember 1785 Theure Freundinn ! Ich weis, daß Sie es fühlten, selbst fühlten, als Sie Ihren letzten Brief an mich schrieben, wie sehr Sie mich dadurch erfreut, erquickt, beglückt haben, ich weis es; denn eine Seele, die nur wirklich eine Seele ist, fühlt jede süße Empfindung zuerst, die sie in andern erregt. Es wäre aber eben so überflüßig, als es ohnmöglich ist, daß ich Ihnen hier beschreibe, wie wol mir zu Muthe war, als ich die Versicherung, daß Sie so meine Freundinn wären, noch jetzt sind, als ich es wünschte, aus jeder Zeile las, und aus jedem Worte schloß. Liebe Frau ! Je mehr man die Menschen kennen lernt und beobachtet, oder um nur gleich zu sagen, wie ich es eigentlich meyne, je m e h r Menschen man kennen lernt, je mehr sieht man - daß nur w e n i g e werth sind, gekannt zu werden. Je mehr man in der Welt herumsucht nach Herzen, die unser Herz verstehen, je froher wird man, je glücklicher schätzt man sich über die wenigen, die man gefunden hat. Ach ! sie sind so selten. Der große Haufe der Menschen versteht das Wort, Freundschaft, gar nicht mehr ! Wißen Sie, seit wann ? - Seit dem Augenblicke, da er aufhörte, das Wort, Liebe, zu verstehen. In unsern großen Städten lacht man über wahre Liebe, so wie man warme Freundschaft für ein Unding hält. Belustigungen, und Amusemens, sind an die Stelle des Vergnügens getreten; man quält sich, um nur vor aller Welt glücklich zu s c h e i n e n, und bringt es endlich dahin, daß man ganz vergißt, es zu s e y n. Man tanzt, man spielt man hat Langeweile auf Bällen und in Gesellschaften, weil man sie nicht mehr besucht, um das Leben zu versüßen, sondern umgekehrt, weil man blos lebt, um sie zu besuchen. Ich sage Ihnen Nichts Neues: das wollte ich auch gar nicht. Sie wißen, Sie fühlen alles, was ich hierüber weiß und fühle. Aber eben das ist der Vorzug einer Correspondenz, die nicht Jedermann zu führen im Stande ist, daß wir einander unsre eignen Gedanken und Gefühle entwickeln, und daß man die seinigen wieder findet, wenn man seinen Freund sprechen hört. Ist es <nicht> ausgemacht, daß für Menschen, die den wahren Werth des Lebens zu schätzen im Stande sind, die den hohen Wert einer einzigen glücklichen Stunde einer // Reihe fader Tage und abgeschmackter Zeitvertreibe vorziehen gelernt haben, daß für die alles Klagen und Murren über die Welt, blos darin seinen Grund hat, daß sie nicht Seelen genung finden, mit denen sie harmoniren, in denen sie sich ihres Ueberflußes sanft entladen, in denen sie ihre Leeren reichlich ausfüllen können, oder daß sie, wenn sie solche Seelen gefunden haben, nach ihrem Umgange vergeblich seufzen, oder wol gar nach ihrem Umgange nicht seufzen d ü r f e n ? Sagen Sie mir, einige kleine physische Übel abgerechnet, die sich dann wohl würden ertragen laßen, ist das nicht der Grund aller unsrer Seufzer, und die Quelle aller unsrer mißvergnügten Tage ? - Nicht wahr ? Der Umgang mit 4 oder 5 vortreflichen Menschen, aber ohne Zwang, ohne Rückhalt, in der ungezwungensten, glücklichsten Freyheit der Natur, durch keine Hinsicht auf Ceremoniell eingeschränkt, durch keine Furcht vor Misdeutungen verbittert, allenfalls [ohne] im ruhigen Schooße der süßen, süßen Natur - wäre das nicht gerade das Einzige was Menschen, wie wir sind, glücklich machen könnte ? Sagen Sie doch, würden wir mehr wünschen ? würden wir <nicht> gern allen eiteln Glanz der Welt den Thoren, alles Geld den Juden, alle Gelehrsamkeit der Schule überlaßen, und aus unserm kleinen frohen Cirkel hinaus sehen in die große Welt, und in das stürmische Labyrinth, wo man Freunde k a u f e n will, und nicht sieht, daß sie nicht zu kaufen sind, würden wir da nicht hinaussehen, wie der Bewohner einer guten stillen, warmen Stube hinaussieht in die herbstliche Gegend, wo der Abendwind in einem kalten Regen die abgefallnen Blätter ersäuft ? - Wir brauchten nicht mehr. Und doch sehnen wir uns vergeblich nach diesen reitzenden Gütern, und können nicht begreifen, warum sie uns versagt sind, da sie doch so simpel, so natürlich, so wenig kostbar (nach der Welt-Sprache) sind, können nicht begreifen, warum der Schätze-Sammler, der nach Hunderttausenden geitzt, eher seinen unmäßigen Wunsch erfüllt sieht, als wir den billigen, bescheidnen - den Wunsch nach einem kleinen, kleinen Cirkel von rechter Freundschaft belebt. Hören Sie mich an, liebe Grauninn, ich weis daß eben diese Zweifel oft Ihre Seele bestürmen ich weis daß sie es im Grunde allein sind, die Sie mit dem Leben unzufrieden machen, daß Sie oft, oft denken: Wie wenig wünsche ich, und doch wünsche ich vergebens. Hören Sie mich, den eben dieser Kum//mer oft geplagt, eben dieser Zweifel oft bis - zu einem weit furchtbarern Zweifel geführt hat. Mir ist er gelöset: wie in den meisten Fällen, wo wir über Uebel in der Einrichtung der Welt klagen, liegt die Schuld, so wenig und so ungern wir es [auch] uns auch gestehen mögen - in uns. Denken Sie Sich ein großes fruchtbares Thal zwischen einigen hohen Bergen, die blos dahin gesetzt zu seyn scheinen, um es mit dem Regen des Himmels zu tränken und gegen das wüthendste Brausen der Nordwinde zu schirmen: denken Sie Sich dieses Thal mit goldnen Früchten aller Art reichlich gekrönt, und mit jeder wolriechenden Blume ausgeziert, die die Natur so gern hinwirft, wenn man sie nicht stöhrt, bewohnt von einem friedlichen, glücklichen Völkchen, das vielleicht um desto glücklicher ist, weil es nie sah, was jenseits seiner Berge vorgeht. - Denken Sie Sich, daß durch ein sehr natürliches Ungefähr einer der Bewohner, indem er in seinem reichen, fetten, wohlthätigen Boden gräbt, einen Diamant fände. Was würde geschehen ? - Der glückliche Sohn der Natur würde den Diamant bewundern, wie einen hellen, wolgeformten Kiesel-Stein, er würde ihn hinlegen, und über den Thoren lachen, der ihm in Ernst auch nur drey Kornähren für dieses unnütze Cleinod anböte. Alle seine Brüder, gleichweit von dem Narren-Joche der Meynung und des Vorurtheils befreyt, würden den Stein eben so gleich gültig liegen laßen, und der Besitzer von einem mogolischen Schatze und [fünf] 5 Pflaum-Bäumen, wäre ärmer als sein Nachbar der 6 Pflaum-Bäume und keinen Diamanten hätte. Gesetzt aber, es käme durch einen Zufall ein angränzender Fürst in diese seeligen Gefilde; er sähe den Diamanten, er hörte, daß er aus dieses Landes Erde gegraben wäre, seine verdorbne, befleckte Seele, käme sogleich auf den barbarischen Gedanken, dies friedliche Land zu unterjochen, und zu seinen gelddürstenden Zwecken zu brauchen. Er würde es ausführen: er verjagte die Bewohner aus ihrer stillen Stube und schmiße sie in den Ocean der Welt, er nähme ihnen ihre glücklichen Aecker und gäbe ihnen Geldfäßer in seiner Hauptstadt; er nähme ihnen ihre häuslichen Freuden, und gäbe ihnen alberne Ehrenstellen an seinem Hofe: Das reiche, wollüstige Thal würde in eine Diamanten-Grube verwandelt, ausgerottet alle Blümchen der verwaysten Flur, niedergerißen alle Pflanzungen, umgepflügt alle Getreide-Felder, um Steine hervorzusuchen, und im Zeitraume von einigen Jahren spottete man schon über die unwißende Nation, die ihr Korn verzehrt hätte, ohne zu ahnden, daß es auf einer Diamanten-Grube wüchse. // Nach zehn Jahren käme einer von den ehmaligen Einwohnern unsers Thals auf einer Reise unvermuthet in sein ehmaliges Vaterland. Matt von Hunger, matt von Durst, dächte er mitten im Schooß des üppichsten Reichthums der Natur sein Labsal und seine Stärkung zu finden. Blos einige rohe, saftige Früchte, die ihn ehmals oft erquickt hatten zur Nahrung, blos ein Blumen-Bette worauf er sonst so weich gelegen hatte, zum Lager: mehr wünscht er nicht. Und siehe - es war alles wüste und oede: In der umgewühlten Erde glänzte hin und wieder ein kostbarer Stein, aber keine reitzende Frucht: für Hunderte von Diamanten hätte er keine Kornähre kaufen können: wo seine Brüder und seine Schwestern unter Blumen spielten, da seufzen jetzt Sklaven in furchtbaren Bergwerken. Er stirbt vor Hunger unter den Schätzen, die tausend Fürsten bereichert hätten: keine Blume, keine Frucht, aber Edelsteine ohne Zahl ! O ! meine Freundin ! Sie haben die Anwendung schon gemacht. Mich - mich hat sie manche, manche Thräne gekostet. Wir haben uns die Welt in eine Goldgrube verwandelt, und - unsre Blumen sind verwelkt; wir haben uns in Diamanten arm gewünscht, und - ach ! - keine Kornähren mehr. Sehn Sie ! Das ist es, was mich - tröstet ? - nein ! aber still, still macht, so oft ich denke: wie geringe sind der edelsten Menschen Wünsche, und sie werden nicht gehört ! Geringe ? so sage ich denn, geringe ? Blumen zu lesen, in einer Edelstein-Grube ? Freylich ist Liebe, und Freundschaft, und herzliche Freude, und sanfter, ruhiger Lebens-Genuß, so wohlfeil, so natürlich, so reichlich ausgestreut, als Veilchen und Trauben, wenn wir der Natur getreu bleiben. Aber so wie der Mensch jetzt ist, in diesem eisernen Zeit-Alter durch unsre Cultur vergiftet, durch unsre Vorurtheile umnebelt, durch unsre Leidenschaften in ein Kranken-Haus, durch unsre gesellschaftliche Verhältniße in etwas noch weit ärgers verwandelt - o ! da sind Liebe und Freundschaft und ein ruhiges Leben in der Simplicität aller Begierden, und aller Vergnügungen eben so selten, als Blumen und Früchte im Diamanten-Thal: und: e i n e W e l t f ü r e i n e n F r e u n d h i n g e b e n fängt an, Gewinn zu werden. Zum Glück - oder zum Unglück - (beydes ist wahr) sind in dem Zeit-Alter worin wir leben, und was ich Ihnen so eben schilderte, die Menschen so geartet, daß sie über ihren Diamanten, Blumen und Früchte v e r g e ß e n haben. Unter Millionen fällt es gewiß selten mehr als Zweyen ein, mitten im Getümmel des Lebens eine Leere zu fühlen, die aller Rausch der erkünstelten // Vergnügungen nicht ausfüllen kan; oder wenn es ihnen einfällt, so wißen sie kein beßres Mittel, als, um einem Abgrunde zu entgehen, sich in einen noch tiefern zu stürzen; und um nur keinen Ueberrest des Lichts mehr zu sehn löschen sie das Flämmchen vollends aus, das um sie her zittert. Wir aber - meine Freundinn ! - wir, die wir uns oft sehnen nach Einer frischen Frucht auf diesem trocknen Boden, - ach ! nach Einem weichen Blumen-Lager in dieser kalten Stein-Grube, deren Schätze uns nicht sättigen - wir wenige - sollen wir künftighin noch klagen, daß unsre Wünsche, die noch so eng sind nicht erfüllt werden ? - Nein ! laßt uns vielmehr einsehen, daß nach der törigten Umwühlung unsers Erdbodens, jetzt Diamanten, Staub an den Füßen, und Feld-Blumen seltner, als Diamanten geworden sind. Laßt uns den glücklichen Schritt preisen, und segnen, der in dieser a l l g e m e i n e n D ü r r e, uns an Eine Blume führte und - statt zu klagen, daß wir nicht mehr wie sonst, auf Rosen-Betten ruhen können, laßt uns die seltnen Blumen die wir fanden, lieber recht genießen, einziehen ihren ganzen Wohlgeruch, [sich] <uns> berauschen in ihrem wollüstigen Duft, und - wenn sie uns entrißen werden, mit Gelaßenheit denken: die Welt ist zu arm, sie zu tragen, weil die Tyrannen sie verdarben. Ich konnte es nicht laßen, beste Frau, Ihnen diese Idee, mit der ich mich nun schon seit geraumer Zeit als einer sehr richtigen Vergleichung, die aufs Leben vollkommen paßt herumgetragen habe ausführlich mitzutheilen. Freylich sieht die ganze Parabel wieder einer kleinen Abhandlung sehr aehnlich: und Sie werden sagen, daß meine meisten Briefe Predigten sind. Doch das ist ja gar nicht die Frage: was sie sind ? - die Frage ist blos: ob sie Ihnen gefallen. Weil denn das nun, wie sich Ihr Mann bisweilen auszudrücken pflegte, in der Welt so traurig geht, was bleibt uns übrig ? - Ich denke doch immer noch: viel, für jeden viel. Was mir z. B. jetzt das Leben herrlich versüßt, das wißen Sie wol: ich weis aber auch, was es Ihnen versüßen k ö n n t e. Wollen Sie darüber noch ein kleines Capitel anhören ? - Wohlan ! Ihre Kinder - Nichts ist mir in dem Gewebe Ihrer Schicksale und in dem Systeme Ihrer Empfindungen trauriger, als daß Sie es über Sich Selbst nicht erlangen können, Ihre lebendigen Kinder eben so zu lieben, als Ihr verstorbnes. Und doch ist das die einzige Thür, die Ihnen noch zur wahren, und - ich darf es [zu] sagen - zu einer recht hohen Glückseeligkeit offen steht. // Erziehung ist Alles. Sagen Sie mir, bey der guten Erziehung, die Sie und die ich genoßen haben, fällt es uns nicht in manchen Augenblicken, besonders in mancher Stunde des Kummers ein, daß wir noch weit glücklicher seyn würden, wenn man uns mit noch größrer Sorgfalt erzogen hätte, wenn man unsre schwachen Seiten noch mit mehr Aufmerksamkeit gestärkt, die rauhen Stellen mehr abgeschliffen, d i e w e i c h e n m e h r a b g e h ä r t e t hätte ? uns gegen weniger - eingebildete - Leiden fühlbar gemacht, und die unvermeidlichen mit größrer Standhaftigkeit ertragen gelehrt hätte ? - Schon bey einer andern Gelegenheit habe ich Ihnen einst meinen Grundsatz der Glückseeligkeit mitgetheilt: die Umstände können viel über uns, aber wir können noch mehr über die Umstände. Die nächste Folge daraus ist, daß es keinen sicherern Leit-Stern in ein glückliches Leben giebt, als eine gute Erziehung. Welch ein erhabnes Geschäft haben Sie also, so wie jede Mutter und jeder Vater, die ihre Pflicht verstehen, beständig an Ihrer Seite, so nahe, so gegenwärtig ! Liebe, Liebe Freundinn ! wir wißen ja, was das sagen will: e i n M e n s c h, d e r g l ü c k l i c h i s t. - Sie haben es in Ihrer Hand, glückliche Menschen zu bilden und zwar nicht auf Augenblicke und Stunden - sondern für das Leben - und für den Tod. Nun weiß ich aber, wenn wir selbst nicht vollkommen glüklich sind, keine andre Erholung keine andre Zuflucht, als andre vollkommen glücklich zu machen. Ich schreibe dies am letzten Tage des Jahres 1785. - Was war das für ein Jahr für mich ! Wieviel habe ich in diesem Jahre g e l e r n t ! - Am ersten Tage schrieb ich in mein Tage- Buch folgende Stelle, davon ich Ihnen der Merkwürdigkeit halber den Anfang hieher setzen will ! "Dunkel sind die Wege der Zukunft immer für den eingeschränkten Blick des kurzsichtigen Menschen, aber noch nie hat sich ein Jahr meines Lebens mit so begränzten Aussichten für mich angefangen, als [das] dieses. N o c h n i e h a b e i c h s o w e n i g m u t h m a ß e n k ö n n e n, i n w e l c h e r L a g e i c h m i c h w o l a m E n d e d e s J a h r s b e f i n d en w ü r d e, a l s b e y m A n f a n g e d e s j e t z i g e n." Nun ist es klar ! - O ! Freundinn ! und wir ? wir ? - Durfte ich damals, als ich das schrieb diese Entwicklung ahnden ? Ach ! ich hatte ja kaum den Muth, sie ganz leise, leise - zu wünschen. Nein ! den hatte ich nicht. // Unter der unendlichen Reihe meiner Glückseeligkeiten ist es eine der obersten, daß ich gerade damals - von Ihnen erkannt werden mußte. Erkannt, sage ich, denn gekannt hatten wir uns lange schon. Es war am 3ten Januar, Abends 10 Uhr, als Sie zum ersten Mahle das ehrenvolle Urtheil in Gegenwart Ihrer Mutter und Ihrer Geschwister über mich aussprachen: daß Sie für die Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und für meine Denkungs Art stehen wollten. O ! welch eine Quelle von Freude und Trost wurde dieser Ausspruch für mich ! Auch mir, auch mir ist jede kleine und große Scene, und jeder kleine Schatten und jede kleine helle Stelle in jeder Scene, die sich nachher zutrug, so gegenwärtig, so lebendig, als die Stunde in der ich schreibe. Unsre Morgen-Gespräche, und unser Gespräch, als ich Sie einst um 5 Uhr Abends nach Hause begleitete und bis 8 Uhr mit Ihnen am Fenster saß, und meine stumme Raserey, als ich mit Ihres Mannes Brief in Ihre Stube trat, und meine Todten-Bläße, und Ihre sanfte trostreiche Stimme, und der ganze Aufzug, wie Sie halb frisirt, im Puder-Mantel vor mir standen, und mir den Brief vorlasen - und dann den andern Tag bey der Mama, wie ich um 5 Uhr Abends in die Stube trat, wo Sie mit Coelestinen am Fenster saßen, wie <ich> in der natürlichsten Bewegung einer forschenden Angst mich zuerst auf Sie warf, und wir dann alle drey weinten, und ich halb aus meiner Geliebten halb aus meiner Busen-Freundinn Munde mein Glück vernahm - o Gott ! was war das für eine Zeit ! Sie sind in allen Betrachtungen doch am Ende die einzige Stifterinn meines Glücks gewesen. Glauben Sie mir, liebe Grauninn ! ich weis das recht gut. Hätte mich Coelestine damals schon so gekannt, als sie mich jetzt durch eine vertraute und glückliche Correspondenz kennen gelernt hat, so würde sie sich vielleicht unbedenklich für mich entschieden haben. So ganz und durch und durch kannte sie mich zu der Zeit noch nicht, und mit unschuldiger Freymüthigkeit sage ich Ihnen das sie liebte mich auch so nicht, als jetzt. Da war es denn ein unendliches Gewicht, das die Wage für mich niederriß, daß Sie - Sie - mich für werth gehalten hatten, Ihr Freund zu seyn. Das weis ich: das kan Coelestine nicht läugnen: das wird sie auch nicht läugnen: es macht ihr eben soviel Ehre, als mir. Die Bitte, daß Sie mir im künftigen Jahre, und in allen künftigen eben das bleiben sollen, was Sie mir in diesem - goldnen, goldnen Jahre gewesen sind, die Bitte ist überflüßig. Die Erfüllung steht bey mir: so lange ich der bleibe, der ich war können Sie mir Ihre Freundschaft nicht nehmen: dürfen Sie mir nicht nehmen denn Sie wißen wol: gute Seelen haben das Recht, auf einander zu t r o t z e n. // Und mein W u n s c h zum folgenden Jahre ? - Wenig hoffen - Nichts fürchten - v i e l genießen ! Des Lebens Augenblick ist nicht werth der Anschläge Dauer So vieler Sorgen und Pein ! - Wer immer nur zu genießen h o f f t, genießt niemals. Die Summe aller Weisheit ist: gebrauche das gegenwärtige. In dem Schwarme von Irrtümern, die das menschliche Geschlecht belagern, ist das der vornehmste: daß alle Menschen immer im B e g r i f f sind zu leben. Young nennt das sehr schön: daß sie immer an der Schwelle der Geburt stehen. Laßt uns leben, leben, und nicht blos existiren; die größte Bürde [xxx] drückt nicht beständig: Laßt uns empfinden und froh genießen jeden Augenblick des Nachlaßes, jede ruhige Minute. Das ist mein Rath ! Und [noch] nun noch meine Ermunterung, für uns beyde, und für alle glückliche und unglückliche Seelen: "Laßt uns Gutes thun, und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch erndten ohne Aufhören !" - Jetzt aber will ich Ihnen noch was erzählen: wenn Sie es schon wißen, so hören Sie es noch einmal von mir. Wenn Sie es noch nicht wißen, so nehmen Sie es als ein Geheimnis auf. Vorigen Dienstag habe ich an Coelestine, Gossow, und den Münzmeister geschrieben, und sie um Erlaubniß gebeten, Schwinck, der jetzt bey uns ist, in 3 Wochen nach Koenigsberg zu begleiten, und mich da 14 Tage aufzuhalten, um meine Sache selbst zu führen. Alles ist zu dieser Reise schon richtig, wenn ich den Consens von Koenigsberg erhalte. Heute über 8 Tage erwarte ich die Antwort, ist sie so, wie ich sie wünsche, so bin ich im Anfang des Februars dort. Fühlen, fühlen Sie für mich, wie mir bey dieser trocknen, ruhigen Erzählung das Herz schlägt, und das unruhige Blut wallt, wie ich zittre vor Angst, Freude und Ungeduld. Wenn Sie diesen Brief erhalten, ist es schon entschieden. Und wenn ich Ursach habe, mich zu freuen, so weiß ich daß Ihnen jetzt gewiß auch froh zu Muthe ist. Himmel ! Himmel ! was sollte das für ein Fest werden ! Noch habe ich nicht recht das Herz, mich zu freuen: denn, wenn es nicht geschähe ! - habe ich erst die Gewißheit: o ! ihr Götter der Liebe und der Freundschaft, dann will ich Farren auf [xxx] eurem Altar opfern ! Nun leben Sie wol, liebe, liebe, liebe Freundinn ! Wenn wir uns sehen sollten: was werde ich Ihnen da alles zu sagen haben. Grüßen Sie leNoble, ich bin fast im Ernst böse, daß er mir gar nicht mehr schreibt. O ! möchte ich ihn doch in eigner Person zur Rede stellen können ! Lottchen hat mich erinnert, daß ich Ihrem guten Bruder Fritz noch einen Brief schuldig wäre; hier ist er; seyn Sie gütig, ihn nächstens weiter besorgen zu laßen. - Mit Ihrem Mann bin ich jetzt wieder gar sehr gut dran. Sollte mein Projekt dort nicht durchgehen, dann bitte ich Sie um aller Himmel willen, trösten Sie mich durch Briefe. Und im Glück und Unglück denken Sie oft an Berlin den 31ten Decbr. 1785. Ihren treuen Freund. Gentze Das Jahr 1785 ist vorbey ! H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 5 Bl., F: 233mm x 189mm; 8 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 7, 56-66. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 15, 66-74.