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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 23. März 1798, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1798

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3005
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date23. März 1798
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. X, 101-105; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 44, 205-208
IncipitIch habe aus einem Briefe
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Christian Garve Berlin, 23. März 1798 Berlin, den 23. März 1798. Ich habe aus einem Briefe, den Sie ganz neuerlich an den Herausgeber der Ungerschen Annalen erlassen haben, mit einer Freude, die ich Ihnen nicht beschreiben kann, ersehen, daß Sie sich damals in einem, wo nicht wohlbehaglichen , doch erträglichen Zustande befunden haben müssen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, teuerster Garve, daß ich dies, teils durch Ihr langes Stillschweigen, teils selbst durch die Nachrichten der Breslauer, die mit dem Minister Hoym hier waren, beunruhiget, nicht erwartet hatte. Ich glaubte Sie sehr krank und schwach: ich hatte, die Wahrheit zu sagen, kaum den Mut, an Sie zu schreiben: ich fürchtete, wie bei allen großen Übeln, eine völlige Bestätigung meiner Besorgnisse, weit mehr, als ich eine Widerlegung derselben hoffte. Nunc demum redit animus; wären Sie so krank, als ich vermutet hatte, so würden Sie den Brief, der mich so angenehm überrascht hat, nicht geschrieben haben. Lassen Sie mich doch recht bald, sei es auch nur in wenigen Worten, weiter etwas Gutes von Ihnen hören. Ich habe die Korrektur Ihres Aufsatzes mit Vergnügen besorgt, und es war nicht übel, daß er in meine Hände fiel, weil ich ihn wenigstens von einigen sehr argen Druckfehlern glücklich befreit habe. An zwei Stellen habe ich selbst Schreibfehler verbessert. So stand z. B. nicht weit vom Schlusse: "In dem sehr unvollendeten B i l d e, welches - - - sehen wir das B i l d etc. etc.", wo Sie wahrscheinlich das erste B i l d haben ändern wollen, und es nachher vergessen // haben. Ich glaubte also, wohl zu tun, wenn ich anstatt des ersten "S c h i l d e r u n g" setzte. Aus dem Vorbericht zu Ihrem Aufsatze ersehe ich, daß Sie von dem Journal, welchem Sie denselben gewidmet haben, weit vorteilhafter denken, als ich; mir mißfiel das erste Stück gleich so gewaltig, daß mir alle Lust verging, mich weiter damit einzulassen. Indessen findet Unger sein Konto bei dem Unternehmen. Was braucht es mehr ? Ich bin in der letzten Zeit so anhaltend beschäftigt gewesen, daß die Literatur, wenngleich nie bei Seite gelegt, doch nur schwach, und, was das schlimmste ist, sehr abgebrochen hat betrieben werden können. Die Kommission der Aufhebung des Tabakmonopols war noch nicht geschlossen, als schon der Minister Hoym nach Berlin kam; und kaum war dieser einige Wochen hier gewesen, als eine neue Finanzkommission, die nun - si diis placet - unsrer ganzen Administration eine neue Gestalt geben soll, vom Könige ernannt ward, deren Häupter mich abermals mit ihrem Vertrauen beehrten, und deren Geschäfte sich in ein weites Feld hinausziehen. Von den Stunden, die ich meinen Studien widmen konnte, habe ich nun, wie gewöhnlich, die ersten immer für die Neuigkeiten des Tages aufbewahren müssen. Da die französische Politik zu einer so ungeheuren Wichtigkeit gestiegen ist, da Europa in diesem Jahre zu neuen Schlag auf Schlag eintreffenden Zerrüttungen und Revolutionen bestimmt scheint, so habe ich dem Gange der großen Begebenheiten eine verdoppelte Aufmerksamkeit gewidmet. Sie würden erstaunen, wenn Sie die Menge von Zeitungen sehen sollten, die jetzt posttäglich durch meine Hände gehen. Zwei Tage der Woche (gewöhnlich den M o n t a g und D o n n e r s t a g, wo die Clevische Post bei uns ankömmt, und wo ich auch gemeinhin von andern Arbeiten am freiesten bin) sind lediglich und ausschließend dem Lesen der Zeitungen und sorgfältigen Exzerpieren und Klassifizieren ihres Inhalts eingeräumt. Außer der Posseltschen Zeitung, der Leydener, // Frankfurter, Hamburger und andern deutschen, bekomme ich nun regelmäßig fünf große französische Zeitungen: Redacteur, Conservateur, Journal de Paris, Ami des Loix, Moniteur, und drei englische: London Chronicle, Morning Chronicle, und Courier de Londres. Daß das Lesen und Exzerpieren aller dieser Blätter viel Zeit wegfrißt, werden Sie leicht ermessen können: ich bin aber - wenn ich die unendliche Wichtigkeit und Merkwürdigkeit der Geschichte dieser Tage in Erwägung ziehe - fest überzeugt, daß es mich nie gereuen wird, diese Zeit verwendet zu haben. Außerdem habe ich seit mehrern Monaten an der Verfertigung eines Repertoriums über meine Materialien zur Revolutionsgeschichte gearbeitet: eine mechanische Beschäftigung, die ich einmal schlechterdings überstehen mußte. Wenn dies Repertorium fertig sein wird, so will ich es Ihnen, da Sie sich vielleicht an der Durchsicht eine Stunde ergötzen könnten, doch einmal überschicken, damit Sie meinen glänzenden Reichtum, den Sie sich gewiß so groß nicht vorgestellt haben, als er ist, anschaulich kennen lernen. In den vergangnen Tagen sind große Ministerialveränderungen vorgefallen: Graf Blumenthal mit Beibehaltung seines ganzen Gehalts, Buchholtz mit 6000 Reichsthaler Pension, Wöllner ohne alle Pension verabschiedet; der Präsident Massow aus Stettin an Wöllners Stelle ernannt, der Minister Reck mit 2000 Reichsthaler Zulage begnadigt etc. etc. Daß der Graf Hoym allen Gefahren, die ihn bedrohten, glücklich ent//gangen ist, und daß er jetzt vielleicht höher und fester steht, als jemals, mögen Sie wohl schon wissen: wo nicht, so kann ich es Ihnen als eine sehr authentische Tatsache berichten. Daß ich meinen Freund Brinkmann, und mit ihm einen meiner angenehmsten Gesellschafter, ein lebendiges Repertorium über alte und neue Zeit, und die beste Bibliothek in Berlin verloren habe, wußten Sie vielleicht noch nicht. Er geht nach Paris, wo er so glücklich ist, Humboldt zu finden, der sich dort mit seiner ganzen Familie für ein Jahr etabliert hat. Mein Schwager Gilly, der mir beim Sammeln in Frankreich eine treffliche Stütze war, ist drei Monat in London gewesen, nun aber auch wieder in Paris. Eben daselbst sind auch unsre beiden Buchhändler Lagarde und Vieweg, und wenigstens noch zehn andre meiner Bekannten, Herr von Burgsdorff, Dr. Grapengiesser, Dr. Veith, verschiedne kluge Weiber aus der Judenschaft etc. Sie sehen also, daß es mir an Kommunikation mit Frankreich jetzt nicht fehlt. - - Verschiednes, was ich Ihnen noch sagen wollte, möge für einen andern Brief aufgespart bleiben, weil ich gezwungen bin, diesen kurz abzubrechen. Vergessen Sie ja nicht, sogleich von Ihrem Befinden zu benachrichtigen Ihren treuen Freund Gentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. X, 101-105. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 44, 205-208.