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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 19. April 1791, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1791

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2765
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date19. April 1791
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. IX, 83-101; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 43, 194-205
IncipitIch habe Ihnen so viel zu sagen
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Christian Garve Berlin, 19. April 1791 Den 19. April 1791. Ich habe Ihnen so viel zu sagen, teuerster Garve, daß ich wirklich nicht weiß, womit ich anfangen soll. Das wichtigste ist mir indessen doch, Sie zu bitten, daß Sie nur mein langes Stillschweigen eher jeder andern Ursach, als einer Abnahme meiner unbegrenzten Verehrung gegen Sie, als einer Erkaltung meiner warmen, zärtlichen Anhänglichkeit zuschreiben sollen. Meine ganze Seele ist Ihnen noch ebenso ergeben, als an dem Tage, da ich Sie in Breslau verließ, als an jenem, da ich Sie vor das Tor von Berlin begleitete; ich sehne mich nach Ihrer Gegenwart, nach einem einzigen Tage Ihres Umgangs, wie sonst, und fast mehr als sonst, weil ich seit einiger Zeit fast vergessen habe, daß ich einen Kopf besitze, und in manchen Augenblicken zweifle, ob mir noch ein Herz geblieben ist. Ich will, um den Hauptgegenständen, über die ich mich mit Ihnen unterhalten will, die natürlichste Ordnung anzuweisen, so kurz und gedrängt als möglich, Ihnen die Geschichte meiner verfloßnen Monate vortragen, wenn man anders ein Chaos interessanter, gleichgültiger und unangenehmer Begebenheiten eine Geschichte nennen kann. Sie haben meinen Plan, nach Breslau zu gehen, vernommen: Sie haben ihn, wie ich mit unbezweifelter Sicherheit vorher berechnen konnte, gemißbilligt: Sie haben demohnerachtet zu dessen Erfüllung mitgewirkt, und ich erkenne mit dem innigsten Dank, daß Ihre Freundschaft gegen mich Sie zu dieser Mitwirkung, die für Sie - das weiß ich - von mehreren Seiten eine große Aufopferung war, bestimmte. Der Erfolg ist übrigens der gewesen, den Sie mir prophezeiten, und dieses Projekt ist mithin schlafen gegangen zu der Legion unglücklicher Brüder, die ich seit einigen Jahren bald bloß in mir, bald mit andern ausgesponnen habe. Es würde mir indessen doch leid tun, wenn Sie, wie ich alle Ursach habe zu vermuten, diese Idee so geradehin für ein flüchtiges, unüberlegtes, leicht aufsteigendes und leicht zerflatterndes Gedankending, mit einem Worte für das, was man eine Fantaisie nennt, halten wollten. // Jetzt, da ich kein Interesse dabei haben kann, Sie von der Güte und Tauglichkeit meines Entwurfs zu überzeugen, da ich nicht die geringste Hoffnung habe, ja sogar, wie Sie bald hören werden, nicht mehr haben k a n n, je diesen Wunsch erfüllt zu sehen, noch jetzt versichre ich Sie, daß folgende beide Sätze, das Resultat langer Meditationen sind, die zuletzt mit meinem innigsten Gefühl genau zusammenstimmten: 1. Meine Lage in Berlin war, und ist zum Teil noch immer so, daß ich für meine beßre Existenz, sogar aus Pflicht, eine Veränderung derselben, auf alle Weise suchen mußte, und noch muß, und daß ich, so lange sie fortdauert, mich im höhern Sinn des Worts, ewig für einen K r ü p p e l halten werde. Dies ist nun weder Grille, noch Täuschung, noch leere Unzufriedenheit; es ist die Quintessenz meiner beständigen Gefühle, und meiner beständigen Gedanken. 2. Der Aufenthalt in Breslau wäre mir in sehr vielen Rücksichten, die ich hier nicht entwickeln kann, so vorteilhaft gewesen, daß ich, und würde ich in drei Jahren - si Diis placet - Geheimer Finanzrat, es schlechterdings immerfort, als ein wahres Mißgeschick meines Lebens betrachten werde und betrachten muß, daß dieser Plan vereitelt wurde. Sie sehen hieraus wenigstens, wie tief die Wurzeln einer Idee, die Sie vielleicht für leichtsinnig gehalten haben, in mir lagen, und wie ernsthaft mir zumute war, als ich mich an Sie wandte, und Sie um Unterstützung meines Vorhabens bat. Daß es scheiterte, darüber faßte ich mich. Ich kenne überhaupt nur e i n Übel in der Welt, aber es ist gräßlich genung, es ist die A n g s t. Dies ist die wahre Peinigerin meines Lebens. Sobald etwas Unangenehmes entschieden ist, finde ich mich mit einer Leichtigkeit hinein, die mich oft selbst in Erstaunen setzt. So ging es mir auch hier. Ich hatte wirklich - Dank sei es den Wunsterschen Windbeuteleien - große Hoffnungen, daß mein Plan gelingen würde: ich harrte mit wahrer Bangigkeit der Antwort entgegen: sobald ich sie in Händen hatte, und meine Träume vereitelt sah, war ich ruhig. Es ist, ich muß es noch einmal sagen, als wenn in solchen Augenblicken eine neue Kraft in der Seele plötzlich aufsproßte: der simple Gedanke, daß ich lebe und denke, verteilt mit einem Male eine Menge verlorner Genüsse, und verlöscht eine Menge drückender und bittrer Empfindungen. Vierzehn Tage nach dem Empfang Ihres Briefes, legte mir das Schicksal - doch im Grunde nur in den Augen der andern Personen, die um mein Projekt gewußt hatten, nicht in meinen - eine kleine // Schmerzstillung auf meine Wunde. Durch den unerwarteten Tod des ältsten meiner Kollegen, des Geheimen Kriegsrat Kühnemann, rückte ich in ein fixes Gehalt von 400 Reichsthaler ein, so daß ich nun wenigstens über 500 Thaler jährlich diene, und erwarb die unbedeutende Aussicht, nächstens mit dem Kriegsratstitel geziert zu werden. Von manchen Seiten war mir diese Veränderung freilich angenehm. Sie hat meine Lage unabhängiger und erfreulicher gemacht, zumal da es sich sonderbarerweise traf, daß grade zur nämlichen Zeit meine Eltern ein andre schönre Wohnung in einem neuen am Wasser aufgeführten Gebäude bezogen, (wovon Sie schon bei Ihrer Anwesenheit werden reden gehört haben) und ich einen Teil der alten Wohnung ganz für mich behielt, so daß ich nun die in der Tat unschätzbare Bequemlichkeit habe, alle Vorteile und Annehmlichkeiten des Alleinwohnens mit allen Vorteilen und Annehmlichkeiten des Familienlebens zu vereinigen, indem ich doch nur durch zwei Höfe gehen darf, um bei meinen Eltern zu sein, wo ich denn auch nach wie vor meinen Tisch habe. Alles dies war recht gut. Aber zwei ungeheure Punkte fielen mir bei diesem Avancement zentnerschwer aufs Herz: 1. Meine Arbeit, weit entfernt vermindert zu werden, hat vielmehr zugenommen, weil der Minister keinen neuen Expedienten in des Verstorbnen Stelle gesetzt hat; und die durch nichts zu vergütende Beschwerde, jeden Morgen ins Haus des Ministers zu wandern, und so einen Tag wie den andern - schelten Sie, wie Sie wollen, aber meine Art, die Dinge zu beurteilen und zu fühlen, läßt mich nicht anders reden - ungenutzt, und ungenossen, verstreichen zu sehen, diese Beschwerde liegt immerfort auf mir, und ich sehe sobald kein Ende davon ab. 2. Die unbestimmte, aber nie ganz aufgegebne Hoffnung, mein jetziges Verhältnis abzuwerfen, ist durch die Verbesserung meiner äußern Umstände nun auf immer zerstört. Was ich noch vorher als notgedrungnen Entschluß zu Erwerbung meines Auskommens in der Welt aufstellen konnte, würde man jetzt als unsinniges Entsagen einer einträglichen und immer einträglicher werdenden Stelle, allgemein verdammen. Selbst, wenn ich den Kriegsrattitel erlange, ist er mir bloß eine Barriere mehr: ein Kriegsrat beim Generaldirektorio - was soll der nun für eine andre Laufbahn beginnen ? Sie mögen nun mit den Ideen, die ich über meine jetzige Lage habe, einig sein oder nicht, so werden Sie doch eingestehen, daß für // mich, der ich mich nun einmal von diesen Ideen vor der Hand nicht losmachen kann, dies Raisonnement über meine Verbesserung gründlich und konsequent war. Es würde mir indessen leid tun, wenn Sie, der Sie so offenbar Anteil an meiner Glückseligkeit nehmen, sich mit der irrigen Furcht quälten, daß ich nun durchaus unzufrieden und elend sei. Von Ihnen, das heißt aus Ihren Büchern, habe ich, wenigstens so schön und befriedigend, als es sich mir nie zuvor dargestellt hatte, zuerst die Wahrheit gelernt und mir tief eingedrückt, und nachher durch tausend Erfahrungen bestätigt gefunden: "daß sich in den unangenehmsten Situationen immer Trostgründe finden, die man nicht erwartet, immer Erleichterungsmittel hervortun, auf die man gar nicht gerechnet hatte" und, wie sonderbar es auch mit meinen Klagen kontrastieren mag, so versichre ich Sie doch, daß ich seit geraumer Zeit den Satz: daß es sehr wenig Übel gibt, von Tage zu Tage mehr in mein Innerstes verwebe, und schon an Augenblicke gekommen bin, wo ich mir selbst im Gefühl des Schmerzes zurief: es gibt kein Übel in der Welt. Mit dem herannahenden Sommer kehrt die Hoffnung wieder, daß der Minister oft verreiset, und doch oft ohne mich verreiset. Ich bin daher im Sommer weit freier als im Winter. Überdies liebe ich den Sommer unendlich, ob ich gleich den Winter (an sich) nicht hasse. Das bloße Einatmen der Frühlingsluft ist für mich ein hoher Lebensgenuß, und der kleinste Wohlgeruch, der mich freundlich erinnert, daß ich bin und daß ich empfinde, versöhnt mich auf viele Stunden mit den hervorstechendsten Unannehmlichkeiten meiner Lage. Viel hat zu dieser festern und glücklichern Stimmung, deren Erhöhung ich mit allen Kräften zu erreichen trachte, ein vertrauter Umgang mit einem der größten und stärksten Menschen beigetragen, die mir noch irgendwo auf meinem Wege durchs Leben begegnet sind. Seit drei Wochen habe ich ihn verloren, und dieser Streich allein - ist ewig unheilbar. Es war Humboldt. Ich wollte, ich hätte Ihnen ohngefähr vor drei oder vier Monaten, als meine engre Bekanntschaft mit diesem ausgezeichneten Sterblichen nur so eben an der Grenze der wirklich leidenschaftlichen Freundschaft stand, in welche sie seitdem übergegangen ist, eine aufrichtige Schilderung von ihm entworfen. Sie würde Ihnen zuverlässig höchst, höchst interessant gewesen sein. Jetzt wage ich es schlechterdings nicht mehr, ausführlich // über ihn zu schreiben: ich zittre sogar, nur einzelne Züge hinzuwerfen: sobald die Vorstellung von ihm in mir lebhaft wird, ergreift sie mich mit solcher Gewalt, daß ich jeden Augenblick in Gefahr stehe, in der Zügellosigkeit des Ausdrucks das Seltne fabelhaft, das Große riesenmäßig, folglich alles unwahrscheinlich darzustellen. Sie haben mich zuerst auf diesen merkwürdigen Menschen aufmerksam gemacht, Ihr scharfer Blick - ich erinnre es mich sehr genau - hatte ihn in einer großen Gesellschaft ausgefunden, und hervorgezogen. Sie drangen recht eigentlich in mich, daß ich mich ihm nähern sollte. Als ich ihm wirklich näher rückte, fing ich an, seinen Witz, die Gewandtheit seines Geistes, manchmal eine ganz eigne Größe in seinen Ideen zu bewundern. Das war noch lange nicht Humboldt. Als wir tiefer in philosophische Materien hineingingen, als wir gar planmäßig gewisse Begriffe zu analysieren, gewisse Grundideen zu prüfen und zu läutern begannen - das war die Zeit, wo noch Ancillon oft an unsern Unterredungen teilnahm - da entdeckten wir in diesem Kopf, einen Tiefsinn, der oft unsre Zungen plötzlich lähmte, wenn er ein Fundament, was wir nun für das allertiefste hielten, zu untergraben anfing, eine Promptitüde und eine Gewandtheit, die unsre Streiche ahndete, längst ehe wir sie beschlossen hatten, eine Vielseitigkeit, die kein Entwurf befremdete, der es nichts kostete, aus einem Gesichtspunkt heraus, und in den allerabgelegensten augenblicklich überzugehen, eine unüberwindliche Logik, die, wenn es auf eigentliches S t r e i t e n losging, alle Hoffnung auf Blößen ewig verzweifeln machte, und - was das Schrecklichste war - dabei eine Verachtung dieser Logik als eines elenden Werkzeuges, und eine rastlose Bemühung, das, was man gewöhnlich Wahrheit nennt, das Objektive i n der Erkenntnis, als etwas höchst Unbedeutendes darzustellen, und nichts für wichtig anzuerkennen, als die Vollkommenheit des Erkennens im Subjekt, diese Vollkommenheit oft in dem, was man Irrtümer nennt, was die Logik sogar so nennen m u ß, aufzusuchen und zu finden. - Wir mußten wohl einig werden, daß das ein erstaunlicher Kopf war. Er demütigte uns oft: es gab Augenblicke, wo er uns wirklich zermalmte - und noch nie habe ich diese Empfindung in dem Grade gehabt - Augenblicke, wo wir ihn haßten: doch seine Größe drang sich uns um so mächtiger auf. Aber alles das - war noch nicht Humboldt. Ancillon wurde, durch eine Menge von Verhältnissen mit dem Hofe und der glänzendsten Welt von Berlin, in die ihn der Ruhm // seiner Predigten und der Ruf von seinem reizenden Umgange nach und nach zog, allmählich in unsern Zusammenkünften fremder. Überdies machte ich bald die heimliche Bemerkung, daß er Humboldt von Seiten des Kopfs nicht Genüge leistete. Humboldt tadelte zweierlei an ihm: 1. daß er nicht genung in die Idee des andern hineingeht, und sich zu sehr um seine eigne Begriffe dreht; 2. daß seine Gedanken, wie Humboldt sich ausdrückte, zu viel K ö r p e r hätten, das ist daß er zu wortreich, zu beredt spräche, oft in einer Flut von schönen Worten die Idee verschwemmte, und so fort. - Kurz Humboldt und ich fingen an, erst wöchentlich einigemal, am Ende fast täglich allein zusammenzukommen. Er schmeichelte mir unendlich, zu fühlen und zu merken, daß er mich eigentlich achtete: und diese Eitelkeit verbunden mit der Lust an einem ewig unterhaltenden Gespräch zog mich näher zu ihm. Noch war aber unser ganzer Umgang nichts als Übung des Geistes, gemeinschaftliches Erforschen allgemeiner Wahrheiten, usw. Am Ende des Monats Januar brachte eine Unpäßlichkeit, die mir den Vorwand reichte, fast immer bei ihm zu sein, eine wahre Anhänglichkeit, am Ende eine Liebe hervor, die von meiner Seite, ob sie gleich durch eine fast lästige Bewunderung gewaltig niedergehalten worden ist, kaum gegen irgendeinen Menschen so groß gewesen ist. Und jetzt öffnete sich denn vor mir ein Charakter, bei dem ich allen Tiefsinn und alle Künste des Kopfs vergaß, ein Charakter, dessen unerschütterliche Konsistenz, dessen nie gestörte Einheit, dessen überwiegende Stärke, nur der, der ihn so studiert hat, wie ich, begreifen und würdigen kann, der dem Kraftlosesten, wenn er ihn anschaute, Mut geben, der Verzweiflung selbst Heiterkeit zulächeln mußte. In diesem sonderbaren Sterblichen, der durchaus alles kann und alles ist, was er w i l l, ist nun der Grundsatz: daß schlechterdings alles, was Schicksal heißt, ganz gleichgültig ist, und lediglich und allein: K r a f t oder L e e r e das Glück oder das Elend ausmachen und bestimmen, bis zu einer so praktischen Festigkeit gediehen, daß ich ihn wirklich über alle Begebenheiten erhaben sehe. Diese Kraft in sich und in andern immer aufs höchste zu befördern, und ihr reines und freies Spiel, in jedem menschlichen Wesen hervorzulocken, und zu fixieren, das ist ihm der letzte Zweck alles Daseins, und sein kontinuierliches Bestreben, wovon ihn auch weder Schmerzen, noch Verdruß, noch Mißlingen abschrecken können. Dabei ist er nun der größte und vollendetste Gesellschafter, den es geben kann (nämlich hauptsächlich im Umgange mit einzelnen). Er lebt // ewig nur in dem, mit welchem er umgeht. Er belehrt nimmermehr aus sich selbst, und wenn er noch soviel zu sagen wüßte, er berechtigt nur die Ideen des andern. Er würde einen Einwurf, und wäre er auch so wichtig, daß er auf der Stelle dem ganzen Streit ein Ende machte, um keinen Preis vertragen, sobald er nicht aus dem Gange, den der andre genommen hat, hervorwüchse. Wenn man mit ihm redet, so ist es immer, als wenn man mit sich selbst redete, nur unendlich leichter. Man kennt sich selbst allemal besser, wenn man ihn verläßt. Ob er Launen hat, läßt sich gar nicht ausmitteln: denn sie zu besiegen ist ihm, der ganz andre Feinde schlagen kann, ein Spielwerk. Seine Wachsamkeit, seine Aufmerksamkeit und seine Tätigkeit, sind immer da, immer rege, und ermüden auch nie. Denken Sie sich nach dieser Schilderung, daß ich mit dem Gegenstande derselben drei Monate hintereinander in der engsten, und kontinuierlichsten Verbindung gelebt habe: und Sie werden sich nicht wundern, daß dieser Mensch einen dauernden, einen unverlöschlichen Eindruck auf mein ganzes Wesen machen mußte. Weil wir beide äußerst viel zu tun hatten, und dabei wußten, daß wir uns bald, vielleicht auf immer, trennen mußten, entschlossen wir uns kühn, dem Schlaf in seine Rechte zu greifen. Um 10 Uhr abends kamen wir gewöhnlich zusammen, und der helle Morgen überraschte uns jedesmal. Und das so oft, - ich fürchte mich, es Ihnen zu erzählen. Und nach allen diesen Zusammenkünften, nach so vielen wechselseitigen Ergießungen, nachdem alle Gegenstände menschlicher Rede dem Anschein nach hätten erschöpft sein sollen, war er mir immer neu und wurde mir täglich interessanter. Was ich ehmals an ihm bewundert hatte, seinen großen und tiefen Kopf, seine Allmacht im Streit, und so fort vergaß ich fast ganz: nur immer die r e i n e K r a f t in ihm, war das Objekt meines Staunens; ob er handelte, redete, oder stillsaß, war mir zuletzt gleichviel. Nachdem er im Justizfach dreiviertel Jahr gedient hat, und in dieser Zeit die Laufbahn, worauf jeder andre fünf bis sechs Jahre zubringt, durchlaufen hat, mußte er jetzt, aus allerlei wichtigen Gründen, hauptsächlich auch, weil er eine Fräulein von Dacheröden in Erfurt heiratet, seinen Abschied nehmen, und verließ Berlin zum allgemeinen Wehklagen // aller einsichtsvollen Geschäftsmänner, die eine wirkliche Verschwörung gestiftet hatten, ihn im Dienst festzuhalten, und die (wenn sie gleich Suarez, Kircheisen, Klein hießen) seinen Rat in den wichtigsten Fällen erforderten. Nach allem, was ich Ihnen von ihm - und Sie verzeihen mir vielleicht meine Unerschöpflichkeit über ihn - gesagt habe, können Sie sich vorstellen, daß seine Abreise eine entsetzliche Lücke in meinem Leben hervorbringen mußte, und eine Lücke, die um so merklicher wird, da ich wirklich in den magischen Kreis seines Umgangs so verwickelt war, daß ich während meiner genauen Verbindung mit ihm, alle andre Menschen, selbst Ancillon, vernachlässigt habe. Nicht, daß meine herzliche und ewige Liebe gegen Ancillon dabei verloren gegangen wäre: er ist und bleibt der Trost meiner unzufriednen Stunden, und wird oft die Würze der bessern sein: aber ich hatte auch ihn, weil meine ganze Seele nötig war, um den bewundernswürdigen Menschen, der mich bezaubert hatte, nur erst ganz zu fassen, sowie alle andre Gegenstände und Menschen eine zeitlang aus dem Auge gelassen. Wenn ich in Humboldt die Menschheit anbetete, so zwang mich ein andres, gar heterogenes Verhältnis, sie eine zeitlang in ihrer größten Erniedrigung zu beweinen. Ich habe drei Wochen in Lichterfelde, g a n z a l l e i n, in traurigem Wetter, bei der wahnsinnigen Frau von Phull zugebracht, und die Freundin meiner besten Tage in einem Zustande gesehen, dem der Tod auf jede Bedingung, selbst von der Vernichtung begleitet, vorzuziehen war. Ich will mir nicht anmaßen, selbst zu ihrer Besserung etwas beigetragen zu haben: soviel kann ich Ihnen aber sagen, daß sie auf eine höchst unerwartete Weise ihrer gänzlichen Wiederherstellung schon so nahe gekommen ist, daß sie wieder alle äußerliche Kennzeichen eines zerrütteten Gehirns spüren läßt, nach und nach wieder unter Menschen kömmt, und völlig zusammenhängend spricht und schreibt. S i e w e i ß u n d g l a u b t e s n i c h t, d a ß s i e w a h n s i n n i g g e w e s e n s e i. Von ihrem Mann ist sie, nicht förmlich, aber doch wohl für immer getrennt, und lebt jetzt wieder im Hause ihrer Mutter. -Meinen Aufsatz in der Berliner Monatschrift werden Sie nun wohl gelesen haben: und ich bin höchst begierig auf Ihr Urteil darüber. Da // mich, wie Sie gesehen haben werden, Herr Biester (mir höchst unerwartet und sogar recht befremdend !) öffentlich gelobt hat, und Sie wissen, wie sehr er in Berlin den Ton angibt, so können Sie leicht glauben, daß man diesen Aufsatz hier gut aufgenommen hat; und ich kann wohl sagen, daß ich, insofern als Ehre der Lohn der Schriftstellerei ist, alle Ursach habe, mit meiner ersten Erscheinung in der literarischen Welt zufrieden zu sein. Ich schreibe Ihnen dies, weil ich weiß, daß es Ihnen Freude macht, weil Ihr großes und liebes Herz sich für mich interessiert, und weil ich recht innig überzeugt bin, daß wenig Menschen an meinem Glück und an meiner Zufriedenheit, und an jedem Zunehmen irgendeines Guten in mir so reinen und wahren Anteil nehmen, als Sie. Das alles indessen ist nur äußerlich. Was Sie vom innern Wert der Abhandlung, vom Ideengange, von den Grundsätzen, und von ihrer Anwendung halten, das ist mir am Ende wichtiger als das Lob, was ich hier einerntete, und was sich ohnehin größtenteils (wie es zumal bei einer Schrift über einen höchst abstrakten Gegenstand wohl ganz natürlich war) doch bloß auf das Urteil in der Biesterschen Note gründet, der ich eigentlich mein Glück zu verdanken habe. Wenn in Ihrer im künftigen Stück erscheinenden Abhandlung Druckfehler sein sollten, so muß ich mich von aller Verantwortung deshalb lossagen. Seitdem Biester die Monatsschrift allein herausgibt, überläßt er keinem Menschen mehr die Korrektur, wie er sie mir denn auch in meinem eignen Aufsatze nicht überlassen hat, dafür sich denn auch einige unangenehme Druckfehler darin finden; besonders ein dem Anschein nach unbedeutender und doch dem Sinn einer Stelle sehr nachteiliger, wo statt a l t e Krankheiten, a l l e Krankheiten steht. Ich habe das Stück nicht hier, um es genauer zu bezeichnen. So weit war ich schon, als ich Ihren Brief durch Mathis erhielt. Er freut, rührt, und schmerzt mich zugleich. Gott ! welch eine Hypochondrie // muß es sein, die - I h n e n die Besorgnis, verlassen zu werden, eingeben kann. Nein ! dazu kann keine Krankheit, keine äußre Lage, diejenigen verleiten, die Ihnen jemals näher gerückt sind. Wie süß, wie süß wäre es mir, wenn ich Sie besser als mit Worten von der Wahrheit dieser Behauptung überführen könnte ! Wie gern möchte ich Ihnen nur von jedem Tage einige Stunden widmen, die ja doch immer reiner Gewinn f ü r m i c h wären ! Ich sollte es nicht in Breslau: vielleicht ist es mir noch vergönnt, es in Berlin auszuüben. Denn mit Ihnen noch einst wieder vereinigt zu sein, ist eine von den Hoffnungen, die in mir schlechterdings nicht aussterben.Und damit Sie sehen, daß es mehrere außer mir in Berlin gibt, in denen das Andenken an Sie lebt, so werde ich Ihnen eine recht angenehme Nachricht ankündigen, daß nämlich Ihre beide hier bestellte Portraits nächstens bei Ihnen sein werden. Das eine, der alte Spalding, ist ganz fertig, und - die Bewunderung aller, die es sehen, vom Graffschen Original kaum zu unterscheiden. Diesem können Sie mit jedem fahrenden Posttage entgegensehen, und die gute Hainchelin freut sich nicht wenig über das Gelingen ihrer Arbeit für Sie. Das Porträt der Frau von le Coq ist der Vollendung sehr nahe, und wird dem andern unverzüglich folgen. Ihren Brief an Herrn Spalding habe ich abgegeben. Spalding junior hat seit vier Wochen schlimme Augen. Ich habe ihn diesen Winter, zumal ehe mein genauerer Umgang mit Humboldt, den Spalding aber auch bis zur Anbetung verehrt, anging, oft gesehen: wie ich denn auch Zöllner, Biester, und was man so die G e l e h r t e n nennt, mehr wie sonst gesehen habe. Nur mit Engel habe ich aller Mühe ohngeachtet nicht näher zusammenrücken können, ob er gleich die wenigen Male, daß ich ihn gesehen habe, viel Aufmerksamkeit und Achtung gegen mich bezeigt hat, welches mich natürlich noch mehr anspornte, ihn zu suchen. Burkes Reflections habe ich durch einen Zufall erst seit einigen Tagen in Händen. Die Übersetzungen mochte ich nicht. Allerdings ver//dient dieser Mann gehört zu werden, wie man es denn wohl immer verdient, wenn man so meisterhaft s p r i c h t. Ich lese dieses Buch, so sehr ich auch gegen die Grundsätze und gegen die Resultate desselben bin (ich habe es aber noch nicht ganz zu Ende), mit ungleich größerem Vergnügen, als hundert seichte Lobreden der Revolution, wie ich denn überhaupt den Gegner meiner Lieblingsmeinungen, wenn er an sich nur etwas wert ist, immer lieber höre, als den Verteidiger derselben. - Unsre deutsche Schriftsteller darüber haben Sie wohl gelesen ? B r a n d e s ist doch nichts Ganzes, und leistet mir kein Genüge; G i r t a n n e r hat mich durch seine elende Prahlereien, durch die unglaublich schlechte Ökonomie in seinem Buch, durch seine jämmerliche politische Raisonnements, durch die empörende Ungleichheit seines Stils, besonders aber durch die abgeschmackte Bemühung, der französischen Revolution auch nicht einmal die Ehre, daß sie eine große, neue, unerhörte Begebenheit war, zu lassen, und sie mit einer gewissen obskuren Rebellion unter dem Kaiser Vitellius zu vergleichen, sehr gegen sich aufgebracht. Wie man sich nicht schämt, solche Bücher zu schreiben, oder so ein Geschreibsel e i n B u c h zu nennen ! Jetzt sollten Sie besser mit französischen Neuigkeiten versorgt sein, wenn Sie hier wären, als damals. Ich halte jetzt zwei der besten Zeitschriften: das Journal de Paris, und den Moniteur, den letztern durch Ancillon, den erstern durch Gefälligkeit des Buchhändlers Spener. - Mirabeaus Tod hat hier keine Sensation gemacht: schlechte Ehre für Berlin. Ich habe ihn tief betrauert ! Das Ausscheiden eines großen // Geistes ist immer ein Verlust, den jeder gebildete Mensch fühlen und beherzigen sollte. Wenn auch die französische Revolution scheiterte, bliebe Mirabeau doch ein Wohltäter der Menschheit. Himmel ! was werden Sie zu diesem Briefe sagen ? Er ist fürchterlich. Ich setze nun nichts hinzu als die bekannte Versicherung meiner unbegrenzten Verehrung und Liebe. Gentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. IX, 83-101. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 43, 194-205.