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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, vermutlich Ende 1789 oder Anfang 1790, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1789

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id223
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Datevermutlich Ende 1789 oder Anfang 1790
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 229mm x 185mm; 4 eighd. beschr. Seiten (Bruchstück)
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 11, 87-89; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 27, 110-112; Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 71-73 (tlw.)
IncipitIch lebe noch, theure, einzige Freundin
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, vermutlich Ende 1789 oder Anfang 1790 Ich lebe noch, theure, einzige Freundinn, ich athme noch, und - Gottlob ! - in derselbigen Welt, in der Sie leben, obgleich ein fürchterliches Geschick, uns seit einer undenklichen Zeit so getrennt hat, als wenn einer von uns ins Reich der Schatten gewandelt wäre. Gott im Himmel ! hätte ich eine solche Trennung für möglich gehalten ? - Ich weis nicht, ob Sie noch je an mich denken, ob ich nicht zur Strafe meiner mannichfaltigen Verirrungen den Platz, den ich sonst in Ihrem Herzen einnahm, verlohren habe. Nein ! Diese Strafe wäre zu schrecklich ! Ich müßte untergehen, theure Freundinn; schon seit einer langen Weile erwacht aus einem abgeschmackten - bösen Traume, habe ich mich wieder gefunden mit allen meinen ehmaligen Zügen, mit meinem warmen Herzen, mit meiner unaussprechlichen Freundschaft, mit meiner hohen, verehrungsvollen Liebe zu Ihnen, mit meinen melancholischen Seufzern, und mit meinen alten Thränen. - Da ich gar nicht mehr weis, was Sie denken, // fühlen, begehren, fürchten, in was für einer Situation oder Seelenstimmung Sie sind, so kan ich diesen Brief durch nichts einigermaßen intereßant machen, als dadurch, daß ich Ihnen sage, was i c h bin, mit so wenig Worten, als möglich, aber mit einer solchen Wahrhaftigkeit, als wenn ich vor dem Throne der Unschuld und der Wahrheit stünde. Mögen Sie doch sagen und meynen, was Sie wollen: ich will lieber verdammt von Ihnen, als gerühmt und seelig gesprochen seyn, von der ganzen übrigen Welt. O ! meine Freundinn ! Wer war ich, als ich Sie das letztemal verließ ? Zu welchem gefühlvollen, glücklichen, fast möchte ich in gotteslästerlicher Verehrung Ihrer Vollkommenheiten sagen, h e i l i g e n Menschen zu welchem glückseeligen Geschöpf hatte mich Ihre Gegenwart, Ihr Umgang, in einer der rauhsten und dornichtsten Epochen meines Lebens gebildet ! Und was ist aus diesem Geschöpf geworden ! Was bin ich - Gott ! - was bin ich eine Zeitlang gewesen ! Wie unwürdig Ihrer ! Wie unwürdig meiner ! In einer schändlichen Vergeßenheit meiner schönsten Empfindungen, in einer unverzeihlichen Vernachläßigung meiner schönsten Talente, in einer gänzlichen Verwirrung aller // meiner Sinne, im Todesschlafe aller t h ä t i g e n Seelenkräfte, bin ich beynahe ein Jahr lang durch alle Thorheiten, dieser abscheulichen Welt hindurch getaumelt, habe mich in allen ihren abschmeckigten Freuden herumgewälzt, habe mit Aufopferung meiner ganzen Zufriedenheit, den Genuß voll Unruhe, und die Foltern der Rückerinnerung auf hundert klippen-vollen Wegen aufgesucht, mich mit mir selbst bis zum gänzlichen Fremdwerden verunreinigt, und am Ende nach hundert vergeblichen Versuchen, nach Tausendfachem [ernstlich] aengstlichen Ringen, mir nur auf einen Tag Glückseeligkeit zu verschaffen, auf einmal in einer entsetzlichen - aber göttlichen Stunde, die alte Wahrheit, die ich längst gekannt hatte, wieder gefunden, daß alles Streben nach Glück umsonst ist, ohne Tugend, Zufriedenheit des Gewißens und Friede und Beruhigung im Herzen. Daß ich bereits seit geraumer Zeit auf der ganz entgegengesetzten Bahn gehe, sehen Sie theils aus der Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen meine vorigen Fehler bekenne, teils aus dem tiefen Abscheu gegen mein voriges Leben der aus jedem meiner Worte eben so hervorleuchten muß, als er jeden Winkel meines Herzens durchdringt. // Durch welche sonderbare Vorfälle eine plötzliche, eine fast augenblickliche Sinnes-Aenderung in mir bewirkt ward, das denke ich Ihnen dereinst mündlich zu erzählen. Nur das will ich Ihnen jetzt sagen, wodurch diese merkwürdige Sinnes-Aenderung in mir so sehr befestigt worden ist. Nachdem ich mich schon eine geraume Zeit von dem beständigen Geräusch der Welt zurückgezogen hatte, überfiel mich ein Fieber, welches ich mir durch eine Ueberladung des Magens bey einer Mahlzeit in unserm eignen Hause zugezogen hatte. Dieses Fieber zwang mich, 5 Wochen lang, fast nicht aus meiner Stube zu gehen. So viel brauchte es nicht, um meinen abgerißnen Umgang mit mir selbst wieder anzufangen. Ich fand ein neues, und brennendes Vergnügen in den Wißenschaften, meinen alten Gespielinnen; und jetzt, da diese Krankheit beynahe schon wieder seit 6 Wochen vorüber ist, bin ich noch eben so einheimisch, eben so einsam, eben so geitzig mit meiner Zeit als damals. Nichts gleicht der, mir selbst unerklärbaren Erschlaffung meines ganzen Selbsts, während jener, unglücklichen Periode, als die Kraft, und die Kühnheit, mit der ich in wenig Tagen alle die Feßeln zerriß, die mich seit langer Zeit an die Welt gebunden (der Rest des Manuskripts ist verschollen) H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 229mm x 185mm; 4 eighd. beschr. Seiten (Bruchstück). D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 11, 87-89. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 27, 110-112. Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761- 1835, Leipzig 1937, 71-73 (tlw.).