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Gentz ; Pelser, Bernard von
An Bernard von Pelser, Wien, 21.-23. Februar 1803, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 6580 1803

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id221
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Pelser, Bernard von
LocationWien
Date21.-23. Februar 1803
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 6580
Size/Extent of item8 Bl., F: 228mm x 189mm; 13 eighd. beschr. Seiten
IncipitEs war mein Vorsatz Ihnen
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Bernard von Pelser Wien, 21.-23. Februar 1803 Wien den 21 Februar 1803. Es war mein Vorsatz Ihnen erst in etwa 8 Tagen zu schreiben, mein theurer Freund, damit ich mich von dem ersten Wirwarr einigermaßen erholt haben mögte. Aber eine so trefliche Gelegenheit, als die Abreise des Herrn Morier (des bekannten Ambassade-Secretairs von Lord Elgin) kan und darf ich nicht ungenutzt laßen. So enge also auch die Schranken meiner Zeit sind, da Morier heute Abend schon fortgeht, so muß ich doch schlechterdings schreiben, so weit diese [xxx] beschränkte Zeit reichen will. Sie werden schreien, wenn Sie hören, daß ich nicht früher als vergangnen Mittwoch den 16ten d. hier angekommen bin. Ich hielt mich länger, als ich es vermuthet hatte, in Weimar und Dresden auf; und da ich an letzterm Orte Briefe aus Wien erhielt, die mir zeigten, daß ich nichts zu besorgen hätte, so blieb ich zuletzt auch noch 8 Tage in Prag. (Und bei diesem // Artikel bitte ich, ehe ich es vergesse, der Gräfin Stahremberg zu sagen, daß ich ihr für ihre Adresse an Frau von Bougnoi nicht genug danken könnte.) Prag ist überhaupt sehr amüsant im Winter, und hat mir äußerst wohlgefallen. Mittwoch kam ich also in Wien an. - Da ich meine Gedanken nicht genug sammeln kan, um Ihnen in einer vernünftigen Ordnung das Wenige was ich Ihnen heute sagen werde, vorzutragen, so will ich es lieber c h r o n o l o g i s c h fassen, und Ihnen kurz erzählen, was ich seit meiner Ankunft in Wien bis heute jeden Tag ungefähr gemacht habe, in so fern es S i e irgend interessirt. Mittwoch Mittag um 1 Uhr (nachdem ich von Iglau bis Wien durch ungeheure Schneemassen mich hindurchgearbeitet, und meinen Wagen auf einen Schlitten gestellt hatte) kam ich, nach // mancherlei Reise-Abentheuern, Umwerfungen pp glücklich a m K o h l m a r k t 1 2 1 5, einer von Graf Montjoye für mich gemietheten, passabeln Wohnung an - Abends um 6 ging ich zu C o l l e n b a c h, der mich in einer 3/4 Stunden langen Unterredung recht eigentlich auf die Folter spannte; s o ängstlich, so geheimnißvoll, so verdächtig drückte er sich über die Stimmung der Minister in Ansehung meiner Reise nach England aus, daß ich wirklich auf das Schlimmste gefaßt war. - Ich bestand also auf einer augenblicklichen Audienz bei Cobentzl, und nahm schon, ich gestehe es Ihnen, allen meinen alten, und allen meinen neuen (d. h. Englischen) Stolz zusammen um mich in Positur zu setzen. - Aber es war unnötig; und das Resultat bewies mir bloß, was ich ohnehin wußte, daß Ihr Herr Vetter Collenbach ein Scheußkerl, und ein zehnmal größrer Jeanfoutre als unser guter Cobentzl selbst ist. Dieser nehmlich kam mit offnen Armen auf mich zu, // drückte mich aufs zärtlichste an seine Brust; sagte mir: Mon cher Gentz que je suis heureux de Vous avoir enfin pp - Und anstatt aller Verweise, ein freundschaftliches: Mais libertin que Vous êtes ! Monstre que Vous êtes pp Das war die ganze Szene ! Hierauf eine lange Unterredung über E n g l a n d, über die Minister, sur ce qu'on n a g e dans l'instruction, über Stahremberg, über Pelser (mauvaise tête, bizarreries - mais excellent garçon, homme probe, estimable, plein de lumières, pp) über mich selbst - Sie wißen, que je ne suis pas payé pour faire l'éloge de Cobentzl; mais dans cette première entrevue j'ai été très-content de lui; et je lui dois d'autant plus de reconnoissance de l'acceuil qu'il m'a fait, que cet acceuil contrastoit si agréablement avec la manière dont le bon homme Collenbach m'avoit tourmenté. D o n n e r s t a g 1 7. Alle Ihre Pakete richtig besorgt. An Frau von Rombeck selbst // dabei geschrieben. - Zu Mittage bei Cobentzl, en petit comité gespeiset, mit der Fürstin Clary, Prinz Ligne, Gräfin Dietrichstein (Schuvaloff) und ihrer Schwester Fürstin Galliczin, General St. Julien pp. Bei Tische saß ich neben Frau von Rombeck, und sprach sehr viel von Ihnen; sie ist Ihnen wirklich recht von Herzen ergeben; und ich habe mich gewundert, daß eine solche Alltags-Frau, wie denn doch die Rombeck im Grunde nur ist, sich doch e i n e A r t von Begriff von einem C h a r a k t e r, und noch dazu von einem so vollwichtigen, und gediegnen, als der Ihrige ist, zu bilden im Stande war. - Wir blieben bis 7 Uhr zusammen. Den Abend brachte ich nach unendlichen Visiten, bei der Gräfin Therese Kinski zu, wo ich verschiedne meiner alten Bekannten fand, und verschiedne neue erwarb. Stadion war 5 Tage vor mir in Wien angekommen, und ich sah ihn hier // täglich. Ich ging noch um Mitternacht mit ihm auf die Redoute, die ich aber au dessous de tout fand - So etwas können nur Arnstein und Consorten p a r a d i s i s c h nennen. F r e i t a g. 1 8. Ich speisete bei der Gräfin Choteck und brachte den Abend theils bei P a n i n s (von denen künftig ein Mehreres) theils bei der Kinski zu. S o n n a b e n d. 1 9 Zweite Vorstellung des berühmten Caroussels; die erste war Donnerstag, und ich hatte ihr nicht beigewohnt. Diesmal mußte ich heran. - Sie kennen solche Schauspiele; es lohnt der Mühe nicht davon zu sprechen. - Abends brachte ich 3 Stunden bei F a s b e n d e r zu - mit General Mack - in einer Inhaltsschweren, [erst] ernsten, wichtigen Unterredung - über die Krankheiten des Staats, und die Mittel ihn zu heilen, und die - leider // so geringe - Hoffnung dazu. Wie recht, wie grundrecht, mein lieber Pelser, haben Sie in allem, was Sie über diese Monarchie denken und sagen. Wie bewundre ich täglich die Solidität ihres Geistes, und die Richtigkeit Ihres Urteils ! - S o kan es nicht bleiben: Darüber ist alles (unter den Denkenden) einig. - Ich werde Mack und Fasbender öfter in solchen kleinen Conventikeln sehen; wer weiß, mit welchen glücklichen Eingebungen uns der Himmel segnet. Von da ging ich auf den sogenannten Ritter-Ball, eine Redoute zu welcher die Carouselisten mit Billets eingeladen hatten, die von nichts als guter Gesellschaft componirt, und wirklich sehr glänzend war. Solche Redouten laße ich mir gefallen; aber die p a r a d i s i s c h e n von Arnstein hole der Henker ! // S o n n t a g. d: 20ten. - Ich aß zu Mittag bei Stephan Zichy, dem Vater Ihres kleinen Gehülfen. Sie wißen, strenger Herr, daß ich diesen kleinen Zichy von ganzer Seele liebe; also sagen Sie ihm was recht freundliches von mir. Sein Vater hat mir gestern d a s b e s t e D i n e r gegeben, welches ich je in Wiens Mauern einnahm - ich sage d a s b e s t e; denn ich setze es noch über Cobentzl, und gleich nach Stadion.Gestern Abend war ich - nachdem ich die Stadt in allen Richtungen durchfahren hatte - bei der Gräfin Dietrichstein zum Souper, mit Cobentzl, Frau von Rombeck, allen Lignes, und Clarys, und Puffendorffs, und Panins, und Lichnowskis der Erde. Wir blieben bis 2 Uhr; Cobentzl war wieder rasend gut mit mir; um 2 Uhr ließ ich mich von Stadion verführen, die große, p a r a d i s i s c h e Redoute trotz // meines Eckels davor, noch einmal zu besuchen. Ich blieb bis 3 Uhr. Heute wachte ich früh auf, und machte meine Visite bei Graf Colloredo - Er empfing mich sehr artig; aber - welch ein Colloredo ! Großer, Gütiger Gott ! - Alsdann hatte ich eine lange Visite von Collenbach, sprach viel mit ihm über Sie, und trumphte ihm auf, comme on dit. Car au fonds il n'est pas content de Vous; "Vous Vous êtes fermé Votre c a r r i è r e" - Je lui ai répondu - que peut-être Vous ne Vous soucierez pas beaucoup de ce qu' i l appelloit c a r r i è r e - sur cela des cris contre Votre bizarrerie - Was soll man den Thieren sagen ? Ich bleibe dabei, "daß ich in Ihnen einen der ersten Männer gefunden und erkannt hätte" - und, ob ich gleich wohl weiß, // daß Sie dies mein "engouement" für Sie, bloß auf die Rechnung der A n g l o m a n i e schreiben, so werde ich nie anders sprechen; Sie m ü ß e n Sie doch respectiren. - Gestern sagte ich bei Landriani - einem falschen Jünger - in einem Kreise von 8 Menschen - que l' A n g l o m a n i e étoit (selon moi) un mot inventé par les c o q u i n s et répété par les b ê t e s. - Hieraus schließen Sie auf den Grad von V e r w e g e n h e i t, mit welchem ich hier aufgetreten bin ! den 22ten Februar. Morier reiset zwar erst heute Abend; aber gestern war ich so anhaltend in Bewegung, daß ich nicht einmal in diesem liederlichen Styl weiter fortfahren konnte. Ich speisete // zu Mittag bei Armfeldt, und war Abends auf dem Ball bei Paget, von dem ich erst heute früh um 4 zurückkam. - Ich begegnete dort unter andern dem Erzherzog Johann, und hatte eine lange Unterredung mit ihm - Karl ist wieder so herunter, daß man es gar nicht wagt, von seinem Zustande zu sprechen. - Ich sage heute nichts von Politik. Was sollte ich auch davon sagen ? - Meine Kisten, lieber Pelser, werden wohl vor dem künftigen Winter nicht ankommen. Ich bin in Verzweiflung darüber. - Auch hat Cobbet mir nichts geschickt; das einzige was ich von Englischem Druck sah, seit ich das gelobte Land verließ, ist ein Exemplar der letzten <Finanz>-Rede von Addington (der ich noch beiwohnte) welches mir Vansittart [geseh] hieher adressirt. Dafür schicken Sie auch dem treflichen Manne unverzüglich den einliegenden Brief - Haben Sie die einzige Gnade, bester Pelser, mir durch Baron Herbert und Madame Smith die im März hieher reisen, alles zu schicken // was Sie einigermaßen interessant finden; besonders die Blätter Cobbets vom Tage meiner Abreise an; schicken Sie mir auch diejenigen 2 oder 3 Stücke von dem B r i t i s h C r i t i c, in welchem eine Rezension meines letzten Buches steht; es sind, glaube ich, die Monate O k t o b e r und N o v e m b e r. - Schreiben Sie mir auf jeden Fall durch Herbert, w e n n n i c h t e h e r; ich sehne mich unaussprechlich nach einem Briefe von Ihnen. Wie klein, wie elend ist alles n a c h England. - Ich hatte mir vorgenommen, auch an Stahremberg zu schreiben; aber es ist rein unmöglich, entschuldigen Sie mich also so gut Sie können; sagen Sie ihm ja nicht daß ich an Dietrichstein schrieb; es sind ohnehin nur ein Paar Zeilen - Nur 14 Tage Frist, und ich werde mit andern Briefen hervorkommen; des heutigen schäme ich mich fast, aber Sie sind ja der alte Freund, der mir alle meine Sünden vergiebt. Adieu. Tausendmal Adieu. Gentz. Ich überlaße es Ihnen ob Sie Dietrichstein einen oder den andern Umstand meiner Briefe mittheilen wollen. Vor mir haben Sie i n d e r R e g e l Vollmacht dazu; denn ich achte und liebe ihn sehr. - Das übrige hängt von Ihnen ab. // Vom 23 Februar P o s t s c r i p t u m Da ich mich denn doch entschlossen habe, an Stahremberg zu schreiben, so übergebe ich Ihnen hier den Brief, liebster Pelser, und bitte Sie übrigens, mich auch dem guten, redlichen Reigersfeld bestens zu empfehlen. Ein gleiches bitte ich gegen Graf Waldstein mit dem Zusatze zu thun, daß ich einen ganzen Tag mit seinem Bruder in Dux verlebt habe. - Aber Zichy besonders vergessen Sie nicht. Noch Eins. Wenn dieser Brief vor der Abreise der Madame Smith in Ihre Hände kömmt, so bitten Sie Herbert, daß er mir, wenigstens ein D u t z e n d von den bekannten g e l b e n H a n d s c h u h e n mitbringe. Sagen Sie ihm, daß ich dies als eine sehr große Gefälligkeit betrachten würde; er soll sie aber ja nicht zu klein aussuchen. Gestern Abend habe ich in einer langen Visite bei Freiherr von Collenbach mich dem Vergnügen überlaßen können, ganz so über Sie zu sprechen, wie ich von Ihnen denke. - Doch basta ! Jetzt reiset Morier w i r k l i c h ab. Adieu ! H: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 6580. 8 Bl., F: 228mm x 189mm; 13 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.