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Gentz ; Johann, Erzherzog von Österreich
An Erzherzog Johann von Österreich, Wien, 1. Oktober 1805, 1805

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2161
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Johann, Erzherzog von Österreich
LocationWien
Date1. Oktober 1805
Places of printFournier, August: Erzherzog Johann und Friedrich Gentz, in: Allgemeine Zeitung, Nr. 262, 19. September 1878, Beilage, 3863
IncipitDer beiliegende Brief gibt mir
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Erzherzog Johann von Österreich Wien, 1. Oktober 1805 Druck Durchlauchtigster Erzherzog ! Gnädigster Prinz und Herr ! Der beiliegende Brief gibt mir eine allzu erwünschte Gelegenheit, Ew. Königlichen Hoheit meine Ehrfurcht zu bezeigen, als daß ich es über mich gewinnen könnte, nicht einigen Nutzen davon zu ziehen. Die Nachrichten, die wir von Ew. Königlichen Hoheit Ankunft und Aufenthalt in Tirol, von der allgemeinen und rührenden Freude mit der man Sie empfing, von dem gestärkten Vertrauen und von neuen Hoffnungen des Volkes, das Sie anbetet, vernahmen, haben alle in meinem Herzen wiedergetönt; wenig erfreulichere Gefühle, wenig reinere Genüsse gibt es im Leben, als den, dem man in der Stille seiner Ueberzeugungen huldigte, von der Welt, von dankbaren Nationen und von gerechten Zeitgenossen auf das, was Er ist, erkannt und geliebt, und laut bewundert zu sehen ! Das herrliche Gefühl ist mein, so oft ich nur Eurer Hoheit Namen in einem Buch oder in einer Zeitung las, begleitet von dem Ruhm, der ihm, mit Gott, nun folgen wird, durch ein langes und glückliches Leben. Ich hörte oder las dieser Tage irgendwo, daß Ew. Königliche Hoheit bei Ihrer dießmaligen Reise in Tirol den (ohne Ihre Dazwischenkunft noch nicht einmal gemessenen) Ortler wirklich bestiegen hätten. Ob Ihnen in der That die Zeit erlaubt hat, dieses beschwerliche Unternehmen jetzt auszuführen, wäre ich äußerst begierig zu wissen; daß, wenn es nicht geschah, gewiß nur äußere Umstände Sie hinderten, ist mir nicht einmal zweifelhaft. Denn solche Seelen, wie die Ihrige, nehmen den Sinn für große Gegenstände der Natur, auch in die unruhigsten Scenen des Lebens, auch in das Getümmel der Waffen und in die größten Geistesanstrengungen mit. Ich hatte noch vor einigen Wochen, wo ich den Schneeberg besteigen wollte, aber durch Regen und Wind vier Tage in Buchberg beim Pfarrer festgehalten wurde, meine wahre Freude dran: dort, wie allenthalben in der österreichischen Monarchie, wird immer schon vorausgesetzt, daß Jemand, der erscheint, um Naturscenen zu untersuchen, Gebirge zu ersteigen, Beobachtungen zu machen etc., auf eine oder die andere Weise mit dem Erzherzog Johann zusammenhängen muß. Der Pfarrer, sowie im vorigen Jahr unsere Leute bei Maria-Zell, wollten durchaus nicht davon abgehen, daß Ew. Königliche Hoheit <uns> gesandt hätten; ich glaube blos mein unwissenschaftliches Ansehen, mein Mangel an Instrumenten, kurz meine Dilettanten-Manieren, haben sie am Ende aus dem Irrthum gezogen. Seit vorgestern Abend ist nun Graf Haugwitz aus Berlin hier, und Meerveld selbst ist gestern zurückgekommen. N o c h steht das preußische Neutralitätssystem; aber ich glaube, es wankt; und so viel ist, Gottlob, entschieden, wenn es fällt, so fällt es f ü r u n s. Die Aufträge des Grafen Haugwitz sind so wie die dem General Meerveld ertheilten Antworten, nicht gerade die, die wir eigentlich wünschen, aber ich glaube, es sind die nächsten und die besten n a c h d i e s e n. Die Zusammenkunft des Königs von Preußen mit dem russischen Kaiser ist entschieden; es ist fast unmöglich, daß sie nicht von ersprießlichen Folgen sei. Man versichert, der König werde blos mit Hardenberg reisen, bekanntlich von allen seinen Ministern, der welcher am wenigsten von einem Beitritt zur Allianz entfernt ist. Die Versicherungen, welche Graf Haugwitz Seiner Majestät dem Kaiser überbringt, wie sehr der König von dem Vertrauen, welches er in ihn setzt, indem er alle seine Truppen aus den diesseitigen Gränzen gezogen, gerührt, wie unfähig er sei ein solches Vertrauen je zu mißbrauchen, wie er den Beweggründen, die den Kaiser zum Krieg gegen Frankreich determiniren, selbst Gerechtigkeit widerfahren lasse, sogar die Einahme von Bayern billige, nur wider gewaltsame Maßregeln, wodurch man etwa ihn zwingen will, protestire - das alles ist, in der That, von dem Ziel unserer Wünsche so weit entfernt nicht mehr. Dazu hat er seine ganze Armee auf den Kriegsfuß gesetzt. Das Schlimmste ist nur, daß die Franzosen ihn jetzt mit einer so zärtlichen Schonung und Vorsicht behandeln werden, daß es gar keine Veranlassung geben wird, ihn gegen sie aufzubringen. Duroc war n o c h in Berlin, als Graf Haugwitz abreiste; er speiste mit ihm u n d General Meerveld den Tag zuvor beim König; durch einen Zufall saßen Duroc und Meerveld neben einander bei Tisch ! Der König ist mit Meerveld ausgezeichnet zufrieden gewesen, und hat, wie Jedermann in Berlin, besonders sehr lebhaft den Contrast zwischen seinem und Winzigerode's Betragen gefühlt, auch oft davon gesprochen. Es wäre ein äußerst fataler Umstand, wenn dieser letztere sich bei der Zusammenkunft des Kaisers mit dem König fände. Das tiefe Stillschweigen Bonaparte's dauert fort. Keine Antwort auf unsere letzte Declaration, keine Instruction für seinen Gesandten in Wien, nicht die kleinste Note im "Moniteur". Ob es Wuth, ob es Scham, ob es Verlegenheit oder ein Gemisch von allen ist, das mögen seine bösen Geister am besten wissen. Der Abmarsch des Bernadotte'schen Corps über den Rhein scheint mir doch ziemlich deutlich zu beweisen, daß er sie dort nicht im Ueberfluß hat, da, als man vernahm, Bernadotte nähere sich dem Main, jeder vermuthet hat, er werde in der Gegend von Aschaffenburg stehen bleiben, um dem Kurfürsten von Bayern (der leider wohl schon längst seine Armee an den Feind verkauft hatte) Gelegenheit zur Vereinigung mit ihm zu geben. Man hofft hier, daß, was von bayerischen Truppen noch in Amberg geblieben war, durch einen Coup de main von unserer Seite aufgehoben werden wird. Von Prinz Louis habe ich, da ein Brief, den ich ihm nach München geschrieben, ihn dort unglücklicherweise nicht mehr fand, durchaus keine unmittelbare Nachricht. Ich weiß nur daß er am 23 August in M a n t u a war, und am 27 September in S c h a f f h a u s e n, von wo er über Frankfurt nach Berlin zurückgehen wollte. Er muß geflogen sein. Ich nehme mir die Freiheit, Ew. Königlichen Hoheit hier eine neue Broschüre von d'Ivernois zu schicken, weil sich in derselben ein Artikel befindet, den ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen, und worüber ich ihr erleuchtetes Urtheil vernehmen möchte. Dieser Artikel ist ganz am Ende der Piece Seite 87. Der Verfasser behauptete schon in seiner vorigen Schrift (Les recettes extérieures) Bonaparte habe schlechterdings nicht mehr als 300,000 Mann Truppen, und bewies es aus Finanzgründen. Jetzt kommt er abermals darauf zurück, und m i r scheint es, daß sein Raisonnement nicht gerade verwerflich ist. So viel geht wenigstens bestimmt daraus hervor, daß es eine Lächerlichkeit ist, von den 500,000 dienstthuenden Soldaten zu sprechen. Ich bemerke nur noch, daß er in der früheren Schrift die Autoritäten anführt, worauf die Voraussetzung, daß in Frankreich zum allgemeinen Unterhalt der Armee a u f d e m F r i e d e n s f u ß 750 L. p e r M a n n von allen Waffen und Graden im Durchschnitt, und a u f d e m K r i e g s f u ß 1000 L. erfordert werden, beruht. Ist es wahr, wie mir Militärpersonen versichern wollen, daß letzteres (bei der Menge und den hohen Gagen der französischen Officiere) z u w e n i g sei, so würden d'Ivernois' Calküls noch stärker dadurch. Ich bearbeite eine Schrift, die ich unter dem Titel: "V o m p o l i t i s c h e n G l e i c h g e w i c h t i n E u r o p a" baldmöglichst in die Welt schicken mögte. Ich habe mich zu dem Ende seit 14 Tagen fast ganz eingesperrt, wohne in Hitzingen, und bin nur sichtbar, um mich mit den wichtigsten Neuigkeiten speisen zu lassen. Der Plan ist, daß ich erstlich in zwei Abschnitten den wahren Begriff eines politischen Gleichgewichts, dann die Ursachen seines jetzigen Verfalls erkläre, hierauf in zwei Abschnitten die allgemeinen Verhältnisse zwischen Frankreich und dem übrigen Europa darstelle, und dann jedes in einem Abschnitt, das Verhältniß zwischen Frankreich und Rußland, Frankreich und Preußen, Frankreich und dem Reich, Frankreich und England, behandeln will. Das Ganze sollen dann allgemeine Ideen über die Nothwendigkeit eines allgemeinen Congresses und eines neuen Föderativ-Systems schließen. Ein Theil ist wirklich schon ausgearbeitet, und rücke ich mit Glück fort, so werde ich vielleicht in 4 bis 5 Wochen fertig. Dann wird freilich noch der große Knoten zu lösen sein, ob man auch allem, was ich geschrieben, in so weit beitreten wird daß ich es nur verstümmelt drucken, und zwar h i e r drucken lassen darf. Indessen hat Graf Cobenzl mich in der letzten Zeit, und bei den vorläufigen Gesprächen über dieses mein Project, mit so vieler Freundschaft behandelt, daß ich das Beste hoffe. - Gott gebe, daß wir bald wieder und dann ohne Unterlaß, die besten Nachrichten von Ew. Königlichen Hoheit vernehmen. Meine tiefe Ergebenheit und Verehrung ist Höchstdenselben so vollständig bekannt, daß mir hier nichts übrig bleibt, als mich in Ihr huldreiches Andenken zu empfehlen. Ich verharre mit unbegränzter Devotion Ew. Königlichen Hoheit unterthänigster treuer Diener Wien, 1 October 1805. Gentz. H: bisher nicht ermittelt; ehedem im Nachlaß von EHZ Johann. D: Fourier, August: Erzherzog Johann und Friedrich Gentz, in: Allgemeine Zeitung, Nr. 262, 19. September 1878, Beilage, 3863.