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Gentz ; Nassau, Herzog Wilhelm von
An Herzog Wilhelm von Nassau, Wien, 25. März/18. April 1831, 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2137
Briefaussteller
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Gentz
Briefempfänger
Nassau, Herzog Wilhelm von
AusstellungsortWien
Datum25. März/18. April 1831
IncipitIch fühle das Bedürfniß, mich
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Herzog Wilhelm von Nassau Wien, 25. März/18. April 1831 Wien den 25ten März 1831. Durchlauchtigster Herzog ! Gnädigster Herr ! Ich fühle das Bedürfniß, mich unmittelbar an Ewr. Durchlaucht zu wenden, weil ich zunächst von mir selbst zu sprechen wünsche, und dies nur in dem unbegränzten Vertrauen thun kan, welches Ihr großer und edler Charakter, und Ihr so oft erprobtes Hohes Wohlwollen mir einflößt. Es ist mir nur allzu wahrscheinlich, daß Ewr Durchlaucht von einem oder dem andern Ihrer hiesigen Correspondenten von den Klagen gehört haben werden, die man in den Wiener Sallons über mich führte, als ob meine Opposition gegen den Krieg, ihren Grund in einer Verleugnung meiner frühern Grundsätze, in einer Capitulation mit dem Liberalismus, mit einem Worte, in einer förmlichen A p o s t a s i e hätte. Der Verdruß, den mir diese eben so abgeschmackte als empörende Beschuldigungen zuziehen verbunden mit manchen andern Mißverhältnissen die mich sogar von mehrern meiner ältsten Freunde entfernen, und mit der bedrängten Lage meiner Finanzen, raubt mir beinahe allen Muth zum handeln, denken, und leben, und verbittert mir vollends meine letzten Tage. Ich würde es für überflüßig, ja, meiner unwürdig halten, mich über ein loses Geschwätz, welches nur bey den Unverständigsten einigen Eindruck machen kan, gegen einen Fürsten von Ihrer einsichtsvollen und großmüthigen Denkart, Gnädigster Herr, auch nur mit einem Worte zu verteidigen, wenn nicht in dem, was ich darüber zu sagen habe, zugleich mancher Aufschluß über die Stellung unsers Cabinets und unsers Publicums in der heutigen fürchterlichen Crisis läge, der für Ewr Durchlaucht nicht ganz ohne Interesse seyn wird. Unsre ersten Erklärungen in Bezug auf die neuste Französische Revoluzion wurden allgemein gebilliget, weil die einleuchtende Unmöglichkeit, uns in unsrer damaligen Verfassung mit dieser Revoluzion zu messen, von Jedermann anerkannt werden mußte, auch alle andre große Mächte eben so wenig zum Kriege vorbereitet waren, als wir. Nur einige stockblinde Energumenen predigten schon damals einen Kreutz-Zug, den jeder Vernünftige als ein Hirngespinst verlachte. Nach und nach veränderten sich die Umstände, und die Gemüthsstimmungen. Die verderblichen Folgen der Grundsätze, denen die Revoluzion des July ihren Ursprung verdankte, und die sie ihrer Seits förmlich sanctionirte, wurden täglich fühlbarer. Die Volks-Aufstände, welche das Beyspiel von Paris, in den Niederlanden, in Deutschland, in Pohlen, zuletzt auch in Italien hervorrief, ergriffen die Ruhigsten mit gegründetem Schrecken; und der Kampf der Factionen in Frankreich selbst schien einen Ausbruch in die benachbarten Länder immer mehr und mehr zu verkündigen. Nichts war daher natürlicher und nothwendiger, als daß man sich von unsrer Seite mit Krieges-Rüstungen beschäftigte, die nur allzu sehr vernachlässigte Armee zu reorganisiren und zu verstärken suchte, und sich zugleich mit den andern großen Mächten über die Mittel und Combinationen besprach, die bey näher rückender Gefahr einem in jeder Rücksicht furchtbaren Feinde die Spitze bieten konnten. Allen diesen vorbereitenden Maßregeln, die freylich einem großen Theil unsers Publikums (worunter sich nicht bloß die Furchtsamen, und Egoisten befanden) schon sehr bedenklich und gewagt schienen, habe ich, mit den Besser-Unterrichteten, unbedingt gehuldiget; die stärksten diplomatischen Mittheilungen, die in den verflossnen Monaten an die fremden Höfe ergingen, waren größtentheils das Werk meiner Feder; und wenn ich bereits zu jener Zeit von einigen Fanatikern der L a u h e i t beschuldiget wurde, so hatte dies doch keinen andern Grund, als das Stillschweigen, welches ich, theils aus pflichtmäßiger Rücksicht auf meine Stellung, theils aus Widerwillen gegen seichtes Geschwätz beobachtete. Seit ungefähr zwey Monaten hat die Sache bey uns eine neue Gestalt gewonnen. Allerdings hat in der letzten Zeit der Fortschritt der revoluzionären Streiche, und die Masse der öffentlichen Scandale in einem Grade zugenommen, welcher die Entrüstung aller rechtlichen Menschen von Tage zu Tage steigern mußte. Tadelhaft finde ich nur den Leichtsinn, womit man Heilmittel anruft, die, im Fall eines ungünstigen, auch nur negativ-ungünstigen Erfolges, nicht allein die Krankheit verschlimmern, sondern neue, und noch ärgre, über Deutschland und Europa verbreiten könnten. Der Muth und die Hoffnungen dieser Kriegeslustigen Partey, die in der hiesigen höhern Gesellschaft - unter den nachdrücklichsten Protestationen der mittlern Classen, und selbst mehrerer achtungswürdigen Militärs, - täglich mehr die Oberhand gewinnt, sind durch die neuerlichen Fortschritte unsrer Rüstungen, wie sich voraussehen ließ, gewaltig gehoben worden. Ohne hier in die Frage einzugehen, (über welche eine s e h r h o h e A u t o r i t ä t sich nichts weniger als günstig ausgesprochen hat): ob unsre Armee bis zum Monat May in dem Stande von Vollkommenheit seyn wird, und seyn kan, den sie zur wirksamen Theilnahme an einem allgemeinen Kriege nothwendig erreicht haben müßte ? - bemerke ich nur, daß die schmeichelnde Aussicht auf ein bis zu diesem Zeitpunkt, wie es heißt, durchaus schlagfertiges Heer von 450,000 Mann, den Wunsch, daß doch nur so schnell als möglich zu Werke geschritten werden mögte, auch bey gemäßigtern, aber mit den Schwierigkeiten und Gefahren der Ausführung minder vertrauten Advokaten des Krieges einigermaßen erklärt. Indessen ist die Vermehrung der Streitkräfte nicht der einzige Grund des jetzt hier so laut gewordnen Krieges-Geschreys. Es giebt deren noch andre. Fürs erste wissen wir längst, daß Exaltation ein ansteckendes Uebel ist, und daß ein halb Dutzend, für weise oder thörigte Rathschläge begeisterter Individuen ihrem ganzen gesellschaftlichen Kreise den Aufschwung, den sie selbst genommen, mittheilen können. Die einflußreichsten auswärtigen Gesandtschaften in Wien (die Russische und Preußische) geben durch ihre, theils alarmirende, theils großsprecherische und drohende Reden, dem Geiste, der sich der höhern Gesellschaft bemächtiget hatte, fortdauernde Nahrung; und ich muß mit Leidwesen hinzu setzen, - was ich, ohne das Gemählde unvollständig zu laßen, gegen Ewr Durchlaucht nicht verschweigen darf - daß Fürst Metternich zur Unterhaltung dieses Geistes das seinige reichlich beytrug. Dieser einsichtsvolle Staatsmann weiß sehr gut, was die Folgen eines leichtsinnig unternommnen Krieges seyn könnten, und würde auch, wie ich fest glaube, der letzte seyn, der einem übereilten Entschlusse seine Zustimmung gäbe. Nichts desto weniger wird er durch seinen tiefen, wohl-gegründeten, und manchmal etwas unrücksichtlichen Haß gegen alle Menschen und Dinge in Frankreich und andere auf ähnlicher Linie stehenden Ländern, durch sein ungemessnes Selbstvertrauen, seinen sanguinischen Optimismus, durch den Gedanken noch einmal das Haupt einer Coalition zu werden, welche die Welt von den größten Uebeln befreyte, durch seine böse Gewohnheit, den unsichersten Menschen zu offenbaren, was in seinem Innern vorgeht, endlich durch seine heutigen nächsten Umgebungen, nur allzu oft zu Aeußerungen verleitet, die aus seinem Munde nicht ohne Wirkung hervorgehen können. Jedes Wort des Abscheus und der Verachtung, wie er sie täglich vernehmen läßt, jede zuversichtliche Anpreisung des jetzigen und nächst-bevorstehenden Standes unsrer Armee, jede unbehutsame Andeutung weit-aussehender Plane, hallt in dem enthusiastischen Zirkel, wie unter seinen zahlreichen Gegnern, wieder, und seine auffallende Vertraulichkeit mit dem Russischen Botschafter, seine unbedingte Condeszendenz gegen den Russischen Hof, gilt den einen, wie den andern für einen Beweis der im Stillen schon zur Reife gediehnen Coalition. Nichts ist wohl natürlicher, als daß, bey solchen Aspekten ein ruhig überlegender Mann, der die Probleme dieser schweren Zeit seit 30 Jahren mit Aufmerksamkeit und Anstrengung verfolgt hat, der das Innre unsrer Monarchie, die persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten derer, von welchen unser Wohl und Weh abhängt, eben so genau kennt, wie die sämmtlichen auswärtigen Verhältnisse, vor dem Richterstuhl einer Politik, die jeden Zweifel an der Tauglichkeit ihrer hochfliegenden Projekte, für bösen Willen oder unwürdigen Kleinmuth erklärt, sofort wie ein lästiger Opponent, weiterhin wie in zweydeutiger Alliirter, und zuletzt wohl gar wie ein Abtrünniger erscheinen mußte; und so ist es geschehen, daß ich aus einem ehmals Hoch-Begünstigten, jetzt eine Art von bête noire der Gesellschaft geworden bin, wofür mich freylich die Achtung und das Vertrauen einiger redlichen, aufgeklärten, und mit meiner Denkart einverstandnen Freunde hinreichend entschädiget. Wenn ich Ew Durchlaucht durch die hier mitgetheilten, mit meiner persönlichen Lage verwebten Data vielleicht ermüdet haben sollte, so halte ich mich um so mehr verpflichtet, jetzt noch die wichtigste aller Fragen zu berühren, und meine Gedanken über den gegenwärtigen Stand der Dinge, in Bezug auf Krieg oder Frieden, wenn auch nur in gedrängter Kürze, und so gut es in einem flüchtigen Briefe möglich ist, nieder zu schreiben. Als Souverain eines glücklichen Landes*, als einer ________ *) [Von Gentz nachträglich eingefügte Bemerkung:]An dem Tage, wo dies geschrieben ward, ahndete ich noch nicht, daß der Geist des Schwindels auch dieses glückliche Land ergreifen würde. _______ der wenigen Deutschen Fürsten, auf welche das gemeinschaftliche Vaterland, in Glück und Unglück rechnen darf, werden Ewr Durchlaucht alles, was über diese Frage einiges Licht verbreiten kan, wenn es aus ächten Quellen geschöpft ist, Ihrer Aufmerksamkeit besonders würdig finden. Niemand kennt besser als Sie, Gnädigster Herr, den Einfluß, welchen die Begebenheiten, und mehr noch die Lehren unsrer Zeit, mit Hülfe einer von Grund aus verderbten Presse, in Deutschland gehabt haben, die in den meisten Deutschen Ländern herrschende, zum Theil aus unruhiger Neuerungssucht, zum Theil auch aus wirklicher Noth entsprungne Unzufriedenheit, die Gebrechlichkeit unsrer Bundes-Verfassung, und den Mangel an Gemein-Geist zwischen den einzelnen Staaten. Es wäre daher überflüßig, vor Ew Durchlaucht ein Gemählde der zahllosen Widerwärtigkeiten, Gefahren, und Schrecknisse zu entwerfen, welche, unter Umständen wie die jetzigen, selbst der glücklichste Krieg, mit dem von ihm unzertrennlichen Gefolge über Deutschland verhängen würde. Die Resultate meiner Betrachtungen und dermaligen Ansichten fasse ich in folgende Punkte zusammen: 1. Daß O e s t e r r e i c h, aus eigner Bewegung in irgend einem übel-verstandnen Staats-Interesse, oder von leidenschaftlicher Verblendung getrieben, einen Krieg gegen Frankreich beschließen, und andre Mächte dazu auffordern sollte, erkläre ich für schlechthin unmöglich. Die Declamationen einiger Enthusiasten und die Meynungen dieser oder jener Cotterie finden bekanntlich bey unserm Cabinet wenig Eingang. Fürst Metternich besitzt, wenn es zum Handeln kömmt, eben so viel Umsicht und kaltes Blut, als er manchmal im freyen Gespräch Verwegenheit und Heftigkeit an den Tag legt. Graf Kollowrat, ohne dessen Mitwirkung keine administrative oder finanzielle Maßregel eingeleitet werden kan ist ein erklärter Gegner des Krieges. Und welcher Staatsmann, was auch sonst sein Glaubensbekenntniß sey, könnte sich über die Verlegenheiten, über das mannichfaltige Verderben, womit ein heute unternommner Krieg, sobald er nicht durch einen offenbaren, unzweydeutigen Angriff von Außen in der Meynung gerechtfertigt werden könnte, gleich bey seinem Anbeginn, die Monarchie bedrohen würde, täuschen ? Die Herbeyschaffung der Geldmittel allein, die ohne die halsbrechendsten Finanz-Operationen duchaus nicht zu erschwingen wären, würde dem Staate Wunden schlagen, von denen er sich in einem halben Jahrhundert nicht erholen könnte, und die sogar in ihrer nächsten Rückwirkung unsre friedlich gesinnten, an Treue und Gehorsam gewöhnten Völker zur Verzweiflung treiben könnten. Und diese Wunden wären bey weitem nicht die einzigen, die uns bevorständen. Ich will hier, zur Erläuterung meiner Besorgnisse, einen Umstand berühren, an welchen wahrscheinlich noch keiner unsrer übermüthigen Krieges-Prediger gedacht hat. Unsre Küstenländer, unser Seehandel, und unsre Schiffarth, lauter Objekte von unschätzbarem Werth, würden in den ersten vier Wochen nach Ausbruch des Krieges, verloren seyn. Die Franzosen besitzen in den Levantinischen Gewässern, und überhaupt im Mittelländischen Meere, eine so entschiedne Uebermacht, daß sie ungehindert und ungestraft - da an Beystand von Seiten Englands nicht zu denken ist - nicht nur unsre 850 auf eben diesen Gewässern schwimmende Handelsfahrzeuge erbeuten, sondern Venedig und Triest mit allen ihren kostbaren Etablissements verbrennen könnten; ein Schlag der unsern Wohlstand tödtlich lähmen würde. Dies sind nicht Rücksichten, über welche man gleichgültig hinaus geht. Auch habe ich Beweise genug, daß sie beherziget werden, und daß in der Wirklichkeit kein Cabinet die Erhaltung des Friedens aufrichtiger und ernstlicher wünscht, als das unsrige. Man muß die in den letzten Monaten zwischen Wien und Paris Statt gehabten Erklärungen kennen, um zu wissen, mit welcher Behutsamkeit, mit welcher Schonung, mit welcher Mäßigung, bis zu dem Augenblick, wo eine unausweichliche Nothwendigkeit uns zwang, gegen die Revoluzion in Italien die Waffen zu ergreifen, und auch seitdem noch, in jeder unsrer Aeußerungen über diese Intervention, vorgeschritten worden ist. Wenn die gegenwärtige Crisis ohne Krieg vorüber geht, so wird Fürst Metternich sich den Ruhm, durch seinen geschickten Gang viel dazu beygetragen zu haben, nicht nehmen laßen, und dieser ist mehr werth, als theuer erkaufte, und vielleicht zu unserm Unglück gewonnene Schlachten. 2. Ich spreche nicht mit gleicher Zuversicht von P r e u ß e n. Dort scheint der kriegerische Geist, nahmentlich in dem militärischen Cabinet des Königes, seit einigen Monaten die Oberhand gewonnen zu haben, und der König selbst, durch die Ihm beygebrachte Ueberzeugung von der a b s o l u t e n U n v e r m e i d l i c h k e i t des Krieges, - ein Wahn der überhaupt mehr Uebel stiftet, als alle andern Friedenstörende Gewalten - in Seinen feindlichen Gesinungen erschüttert worden zu seyn. Die Sprache, die General Röder in Wien geführt hat, und in welche andre Preußische Organe (sogar der schläfrige Maltzahn) einstimmten, war so entschieden, schneidend, und stürmisch, daß sie den hiesigen Hof in wirkliche Verlegenheit setzte, und daß man in der Angst den General Langenau (ad hoc) nach Wien berief, um diesem bis an die Zähne bewaffneten Negociateur Rede zu stehen. Die bald darauf erfolgte Sendung des General Rühl an die Süd-Deutschen Höfe, ein eben so unzeitiger, als für Oesterreich verletzender Schritt, war das Werk der nehmlichen Partey, und alle aus Berlin uns zukommende Depeschen trugen die Farbe derselben. Gleichwohl erschrecken mich diese Symptome nicht sehr. Der König müßte Seinen ganzen Charakter verleugnen, wenn Er nicht, wie man Ihn auch bearbeiten mag, dem Kriege eher ausweichen als entgegen gehen sollte. Der geheime Zweck der Sendung des Baron Humboldt nach Paris war, wie schon die Wahl des Agenten beweiset, sicher nicht der, einen Bruch mit Frankreich vorzubereiten. Die Finanzen des Preußischen Staates sind geregelt, und in einem gewissen Sinne blühend; aber die Ausgaben, welche der Krieg nach sich zieht, würden dort, wie bey Uns, nur durch ruinöse und gefahrvolle Operationen bestritten werden können. Die Stimme der Nazion, würde sich, wie in Oesterreich und überall in Deutschland, dagegen erheben. Endlich kan man mit Zuversicht darauf rechnen, daß Preußen nie ohne Oesterreich zum Kriege schreiten, und ohne vorhergegangnes vollkommnes Einverständniß mit dieser Macht, selbst durch den Wunsch, Rußland zu gefallen, sich nicht dazu verleiten laßen würde. 3. In R u ß l a n d ist der Trieb nach einem allgemeinen Europäischen Kriege, aus Gründen, die eben so tief im Interesse des Staates als im Charakter der Nazion liegen, so zu sagen e i n h e i m i s c h; und wenn die Pohlnische Insurrection den Uebermuth dieser Macht nicht gedämpft, und ihre ohnehin halb-erschöpften materiellen Mittel weniger heftig angegriffen hätten, so läßt sich schwer bestimmen, zu welchem Entschlusse sie ihre Nachbarn nicht überredet, oder gezwungen haben würden. Wann, und wie der Pohlnische Krieg beendiget werden wird, ist heute noch zweifelhaft; daß er Rußland große Opfer kosten, und beträchtliche Lähmungen zurücklaßen wird, ist augenscheinlich. Wenn es daher auch unter andern Umständen Rußland gelungen seyn sollte, einen freywilligen Kreutzzug gegen die Revoluzion in Gang zu bringen, so würde doch in der jetzigen Lage der Dinge ein solcher Versuch unfehlbar scheitern, und wahrscheinlich das Russische Cabinet selbst wenig Neigung dazu haben. Es giebt übrigens auch in diesem Cabinet Männer, die den Krieg über alles scheuen, die ihn ohne Englands wirksame Theilnahme (auf welche wohl der kühnste Träumer nicht zählen wird) für unmöglich halten, und denen der unwiederbringliche Ruin ihrer Finanzen zu lebhaft vor Augen schwebt, als daß sie nicht alle ehrgeitzigen Gedanken verbannen sollten. Ueberdies ist Rußland auch den Kampf mit den Pohlen (ob mit Recht oder Unrecht, untersuche ich hier nicht) in der ganzen Europäischen Meynung dergestalt unpopulär geworden, daß ein Bund mit dieser Macht, jedem damit zusammenhängenden Unternehmen den Stempel einer unauslöschlichen Gehässigkeit aufdrücken würde. Selbst als nothwendige Alliirte in einem Verteidigungskriege würde Deutschland sie kaum ertragen, als Anstifterin einer prämedirten Coalition weit mehr verabscheuen, als den gemeinschaftlichen Feind. 4. Aus dem Vorstehenden glaube ich den Schluß ziehen zu dürfen, daß der Krieg, dessen lange Erwartung einen großen Theil Europas in Schrecken versetzt, und Muthlosigkeit, Gewerbs-Stockung, und Mißcredit über die blühendsten Länder verbreitet, n i c h t das Werk der drey großen Mächte, die, Frankreich gegen über die Wagschale der Welt-Begebenheiten halten, seyn wird; daß diese drey Mächte, was auch immer ihre politischen Grundsätze, ihre offnen oder geheimen Wünsche und Neigungen, ihre diplomatische Bewegungen, ihre militärische Rüstungen, und ihre wechselseitigen Berührungen seyn mögen, den Krieg weder unherausgefordert beschließen, noch absichtlich herbey führen werden, und daß mithin F r a n k r e i c h, Frankreich allein (denn die Niederlande, Italien, Spanien, Portugal u.s.w. zählen und gelten nur, in so fern Frankreich, verführend oder feindlich auf sie wirkt) ihn beschließen, beginnen, oder durch unerträgliche Provokationen erzwingen müßte, wenn es der Wille der Vorsehung seyn sollte, die tiefen Wunden der Zeit einem letzten Reinigungs-Prozeß durch Feuer und Schwert zu überliefern, oder ein letztes großes Strafgericht über die Menschheit zu verhängen. den 1 8 A p r i l Bis auf diese Stelle, Gnädigster Herzog, war ich in meinem Schreiben vorgerückt, als eine Mannichfaltigkeit dringender Dienstgeschäfte und neue achttägige Unpäßlichkeit mich nötigte, die Fortsetzung desselben zu suspendiren. Seitdem ist mehr als ein halber Monat verflossen; und ich kan jetzt, ohne meine frühern Bemerkungen zurück zu nehmen, Ewr. Durchlaucht das Bild der Gegenwart, nebst meinen bescheidnen Conjecturen über die nächste Zukunft, in der Gestalt, wie sie sich am heutigen Tage mir darbieten, vorlegen. Ich will dies, um die Geduld des huldreichsten Lesers nicht zu mißbrauchen, in einer möglichst kurzen Uebersicht versuchen. 1. In dem innern Zustande Frankreichs, so wie in dem Charakter und der Richtung seiner auswärtigen Politik hat sich, seit der letzten Ministerial-Veränderung eine wesentliche Verbesserung ergeben. Es steht ein Mann an der Spitze der Geschäfte, der unverkennbar den Willen und die Fähigkeiten besitzt, in das Chaos der zerrütteten Staats-Maschine Ordnung und Festigkeit zu bringen, und die Verhältnisse mit dem Auslande, ohne neue gewaltsame Zerrüttungen zu regeln. Seine öffentliche Reden, seine vertraulichen Aeußerungen, seine Erklärungen gegen die fremden Höfe, seine Gespräche mit den Gesandten derselben, beweisen unwidersprechlich, daß C a s i m i r P e r r i e r die Wiederherstellung des innern, und die Aufrechthaltung des äußern Friedens, als eine und dieselbe Aufgabe mit gleichem Schritte verfolgt. Er hat der Anarchie und der Propaganda gleichzeitig den Krieg erklärt, die Häupter des Radicalismus, wenn gleich noch nicht ganz entwaffnet, doch gebeugt und geschwächt, und den Weg zu einem neuen System gebahnt, welches ihm Ansehen und Credit bey den Vernünftigen im Lande, die immer noch die entscheidende Mehrzahl bilden, und Vertrauen bey den auswärtigen Höfen sichern muß. Dies wird heute von allen Seiten anerkannt, und gewährt eine bisher nicht bestandne Bürgschaft gegen muthwillige Friedensstörungen. Man frägt sich freylich mit zweifelnder Besorgniß, wie weit man auf diese Bürgschaft bauen, wie lange ein von solchen Grundsätzen und Absichten beseelter Minister sich auf dem vulkanischen Boden Frankreichs behaupten kan; und die allgemeine, die gewöhnliche Antwort auf diese Fragen, ist unbefriedigend, oder trostlos genug. Ich aber, Gnädigster Herr, habe den Muth, mich zu einer andern zu bekennen. Wenn Casimir Perrier seine Laufbahn mit Gewaltstreichen (coups d'état) begonnen hätte, die Viele für unvermeidlich hielten, würde ich seiner Ministeriellen Existenz keine lange Dauer versprochen haben; denn dazu gehörte die Kraft eines Napoleon, die er nicht besitzt. Ich sehe aber in seinem Gange eine feste, besonnene Haltung, ein regelmäßiges, abgemessnes Vorschreiten gegen sein Ziel, und eine ruhige Beharrlichkeit welche der Widerstand der Factionen, so sehr sie sich auch in ihren heillosen Journalen, und auf der Tribüne brüsten mögen, nicht so leicht überwältigen wird. Auf diese Beobachtungen ist meine Ansicht gegründet, und, wie wenig Theilnehmer sie auch finden mag, ich fühle mich nicht geneigt sie aufzugeben. In jedem Falle hat sie den Vorteil, daß sie - so lange der Ausgang ihr nicht den Stab bricht - die Möglichkeit vernünftiger Combinationen, und wohl-berechneter Maßregeln von unsrer Seite nicht ausschließt, dahingegen, wenn man davon ausgeht, daß das jetzige Ministerium in wenig Wochen oder Monaten verschwunden seyn muß, alle politische Berechnung ein Ende hat, und das Schicksal der Welt der blinden Gewalt anheim gegeben werden muß. 2. So wüst und wild auch die politischen Elemente durch einander liegen, so giebt es doch, wenn man sich durch Declamationen nicht irre führen läßt, sondern die Dinge betrachtet, wie sie wirklich sind, heute eigentlich k e i n e K r i e g e s - F r a g e i n E u r o p a. Die Gemeinplätze von der Unverträglichkeit der Regierungs-Systeme schrecken mich nicht; zu allen Zeiten haben die verschiedenartigsten, widersprechendsten, dem Anschein nach einander feindseligsten neben einander bestanden; Katholizismus und Protestantismus haben durch drey Jahrhunderte gemeinschaftlich in Europa geherrscht; die Englische Constitution ist nie Anlaß oder Vorwand zu einem Bruch mit den unumschränktesten Monarchien geworden; und ob ich gleich den, (mehr scheinbaren als reellen) Triumph des Prinzips der Volks-Souverainität in Frankreich, in Hinsicht auf den m o r a l i s c h e n Effekt als das verderblichste und gefahrvollste aller Eingriffe unsrer Zeit betrachte, so gebe ich doch keinesweges zu, daß es nothwendig oder auch nur rathsam sey, dies unselige Prinzip mit dem Schwert (einer höchst untauglichen Waffe gegen Irrthum und Wahnsinn) ausrotten zu wollen, und die Lehre, daß nur durch einen blutigen Krieg entschieden werden könne, welchem der beyden entgegen gesetzten Systeme künftig die Welt gehören soll, überlaße ich den revoluzionären und contre-revoluzionären Schwärmern, die uns täglich mit ihren eiteln Weissagungen betäuben. Den s e n t i m e n t a l e n und p h a n t a s t i s c h e n Krieg bey Seite gesetzt, finde ich nichts, das einen p o l i t i s c h e n veranlaßen, rechtfertigen, oder beschönigen könnte. Die Revoluzionen in I t a l i e n sind gedämpft, und, wie ich glaube, auf lange; sie haben ein so schnelles, und so schmähliches Ende genommen, daß es den gewandtesten Aufwieglern nicht leicht werden mögte, die Lust zu ähnlichen Experimenten auf irgend einem Punkte des Landes wieder anzufachen. Durch Entschlossenheit auf einer Seite, diplomatische Geschicklichkeit auf der andern, hat das Oesterreichische Cabinet das Ungewitter zu beschwören gewußt, ohne sich (was man kaum für möglich hielt) mit Frankreich zu entzweyen. Die Correspondenz und die Verhandlungen über diese Vorgänge haben vielmehr die politische Stellung der beyden Mächte gegen einander wesentlich verbessert, und den Weg zu einer allgemeinen Verständigung eröfnet, die nicht nur für beyde, sondern für ganz Europa höchst ersprießlich werden kan. - Der Stand der Dinge in B e l g i e n ist allerdings verwickelter, und gefährlicher; er ist es aber ungleich weniger in Bezug auf eine zu befürchtende Collision zwischen den dabey interessirten Mächten, als auf die Schwierigkeit wirksamer Maßregeln gegen die hartnäckigste und bösartigste der Revoluzionen die das Jahr 1830 gebohren hat. Die in den Londner Conferenzen vereinigten Fünf Höfe sind über alle Haupt-Punkte einig; das Französische Cabinet, der doppelzüngigen Politik Laffitte's und Sebastiani's entsagend, hat seinen unbedingten Beytritt zu den sämmtlichen Protokollen erklärt; der Deutsche Bund hat von keiner Seite mehr Widerspruch zu erwarten, wenn er die Rechte des Hauses Nassau, und die seinigen, auf das Großherzogthum Luxenburg, durch militärische Occupation geltend macht. Der einzige Stein des Anstoßes ist die Bestimmung der Mittel, durch welche der Uebermuth der in Brüssel herrschenden Faction gebändigt, und Sicherheit und Ordnung in dem eben so unglücklichen als strafbaren Lande wieder hergestellt werden muß. Bey der Wahl dieser Mittel kan Verschiedenheit der Meynungen, durch die Verschiedenheit der Interessen erzeugt, obwalten; aber nur gegen die Belgier kan Waffen-Gewalt Anwendung finden; einem Kriege zwischen den Mächten hat das diplomatische Einverständniß schon hinreichend vorgebeugt. - 3. Soll P o h l e n den Stoff dazu hergeben ? Dies läßt sich nur in der Voraussetzung denken, daß die Französische Regierung, die schon v o r dem Eintritt des jetzigen Ministeriums, auf bewaffnete Theilnahme an der Pohlnischen Insurrection ausdrücklich Verzicht getahn hatte, sich plötzlich geneigt fühlen sollte, die Hülfe, die sie - von der Schweirigkeit des Unternehmens durchdrungen - dem bedrängten Volke versagt hatte, dem starken und siegenden zu leisten. Die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Entschlusses ist einleuchtend. Der Kampf zwischen Rußland und Pohlen hat eine Wendung genommen, die, allen Erwartungen zuwider, ein dem schwächern Theil günstiges Resultat herbeyführen muß; denn entweder wird Pohlen seine Unabhängigkeit behaupten, oder Rußland wird genötiget seyn, den endlichen, theuer erkauften Sieg, durch Bedingungen, die das wieder-eroberte Land für seine Opfer entschädigen werden, zu sichern und zu befestigen. Eine auswärtige bewaffnete Intervention könnte nur in dem Falle noch Statt finden, wenn Oesterreich und Preußen ihre bisher neutral gebliebnen Streitkräfte in Bewegung setzen, und gemeinschaftlich mit Rußland die letzten Ueberreste Pohlnischer Selbstständigkeit vertilgen wollten. Ich habe starke Gründe, zu bezweifeln, daß Rußland dies ernstlich verlangen, und noch stärkre, zu glauben, daß keine der beyden Mächte dem Antrage Gehör geben würde. 4. Während die Veranlaßungen zum Kriege - dem allgemeinen Glauben an die U n v e r m e i d l i c h k e i t des Krieges zum Trotz - sich täglich vermindern, eröfnet sich die erfreuliche Aussicht auf eine Verhandlung, welche dem p o l i t i s c h e n Frieden (wenn auch der i n n r e noch vielfältig gefährdet bleiben sollte) eine mächtige Stütze, und vielleicht längre Dauer als nach so heftigen Stürmen zu hoffen schien, verspricht. Casimir Perrier hat gleich in den ersten Momenten seiner Administration den Wunsch, mit den Repräsentanten der Großen Mächte in eine Erörterung aller Streitfragen und aller Bedürfnisse der Zeit einzugehen, angekündigt. Fürst Metternich hat den Wink benutzt, und seiner Seits eine gründliche Verständigung - gleichviel in welcher Form, und an welchem Orte - vorgeschlagen, wobey folgende zwey Grundsätze die Basis bilden sollten: 1, Unverrückte Aufrechthaltung aller Verträge, in so fern sie nicht durch gemeinschaftlichen Beschluß, oder gemeinschaftliche Zustimmung der Mächte aufgehoben sind. 2, die Freiheit aller Staaten, das P r i n z i p d e r I n t e r v e n t i o n, im Sinne des alten Völker-Rechtes, und in Uebereinstimung mit dem System, dem Interesse, und den Bedürfnissen jeder unabhängigen Regierung, ohne Rücksicht auf fremde Beschränkung, anzuerkennen, auszulegen, und in vorkommenden Fällen in Anwendung zu bringen. - Diese beyden Grundsätze werden von dem jetzigen Französischen Cabinet, welches die Irrlehren seiner Vorgänger gänzlich abgeschworen hat, ohne Widerstand, in England mit unbedingtem Beyfall aufgenommen werden, und den Uebergang zu einem neuen Friedenssystem bilden, auf welches die Conferenz in London bereits hingewiesen hat, und welches die seit 1815 und 1818 bestandne Große Friedens-Allianz zwischen den Fünf Haupt-Mächten wieder herstellen kan. Wenn Perrier so glücklich ist, den zu sehr compromittirten Sebastiani aus dem Ministerium zu schaffen, so halte ich dies erste Einverständniß für vollkommen ausführbar; und ist dies einmal zu Stande gebracht, so werden alle einzelnen Verwicklungen dem vereinten Willen der Fünf Höfe weichen müßen. 5. Die größte Gefahr, die gegenwärtig noch dem Frieden in Europa droht, ist die, welche aus den gegenseitigen Krieges-Rüstungen hervorgehen kan, die, wie die Geschichte lehrt, die Uebel denen man begegnen will, nur allzu leicht herbeyziehen. Jeder aufgeklärte Staats- und Geschäftsmann sieht ein, daß der jetzige Szand der Armeen, weder in oekonomischer und finanzieller, noch in politischer Rücksicht verlängert werden kan, ohne eine Erschöpfung aller Kräfte zur Folge zu haben, die früher oder später verzweifelte Entschlüsse eingeben muß. Auch ist, seitdem die Vernunft wieder in Paris, wie in Wien, Berlin, und London (und in Petersburg das Gefühl der Noth) ihre Stimme erheben darf, p a r t i e l l e E n t w a f f n u n g, Rückkehr zum Friedensfuß, der Gegenstand der vereinten Wünsche; und wird, bey dem Einverständnisse, zu welchem man von allen Seiten mehr als je geneigt ist, einer der ersten Friedens-Artikel seyn. Die Hindernisse welche dieser heilsamen Maßregel der dermalige Zustand von B e l g i e n und P o h l e n noch entgegen stellt, können nicht mehr drey Monate bestehen; sobald diese gehoben sind, wird die Sehnsucht nach Frieden, die alle Cabinette beherrscht, freyen Spielraum gewinnen, und die Europäische Diplomatie einen ihrer glänzendsten Triumphe feyern können. Ewr. Durchlaucht werden in diesem meinem Glaubensbekenntnisse manche Aeußerung paradox, manche Erwartung gewagt, manche Hoffnung sanguinisch finden. Da meine Ansichten von denen, die ich täglich höre und lese, durchaus abweichen, so müßte ich, um sie vollständig zu rechtfertigen, denselben eine Entwicklung geben, welche die Gränzen dieses ohnehin schon zu langen Schreibens überschreiten würde, und nur in einer fortgesetzten Correspondenz geleistet werden könnte. Soviel darf ich aber wohl hinzu setzen, daß, da ich nicht weniger als aufgelegt bin, ein rosenfarbnes Bild von der Gegenwart und Zukunft zu entwerfen, vielmehr den Druck der Zeit so lebhaft fühle, als irgend ein Andrer, meine Bemerkungen eben deshalb die Präsumtion der Wahrheit für sich haben, und, als das Resultat einer unbestochnen und unbefangnen Auffassung des wirklichen Standes der Dinge, nicht ohne einigen praktischen Werth seyn können. Ich verberge mir keinesweges die zahllosen Gefahren, die uns umringen. Ich behaupte auch nicht, daß die größte von allen, der Krieg, vermieden werden w i r d, weil ich die Begebenheiten, die noch im Schoße dieser unglücksschwangern Zeit schlummern, und die Fehler, die diese oder jene Regierung begehen kan, nicht vorher zu sehen vermag. Ich begnüge mich zu glauben daß der Krieg vermieden werden k a n, und daß die Regierungen auf gutem Wege sind, ihn zu vermeiden. Sollte der Ausgang mich Lügen strafen, so werde ich immer noch eine gewisse Beruhigung darin finden, eine Meynung bekämpft zu haben, die viel, sehr viel dazu beyträgt, die Erhaltung des Friedens unmöglich zu machen; denn, wie ich neulich an einen Freund in Paris schrieb - Le moyen le plus sûr de r e n d r e la guerre inévitable, c'est de la r é p r é s e n t e r constamment comme telle. Jetzt aber, Gnädigster Herr, muß ich einige Worte über ein Kapitel hinzu fügen, zu dessen Behandlung ich die Farben nicht schwarz genug wählen kan, und wobey mich Muth, Vertrauen und Hoffnung, und alle gute Geister verlaßen, wenn nicht bald ein deus ex machina erscheint. Ich meyne den Zustand Deutschlands in Hinsicht auf das Innre der Bundesstaaten. Dieser schreckt mich ungleich mehr als der auswärtige Krieg. So wie die Sachen heute stehen, ist ein plötzlicher Ueberfall von Seiten Frankreichs durchaus nicht zu besorgen; und sollten alte oder neue Complicationen zuletzt wirklich einen Bruch veranlaßen, so würden die bereits disponibeln, oder in thätiger Organisation begriffnen Streitkräfte der beyden Hauptmächte, mit denen des Bundes vereint, v o r a u s g e s e t z t, d a ß s ä m m t l i c h e B u n d e s f ü r s t e n i h r e n V e r p f l i c h t u n g e n t r e u b l e i b e n, dem Feinde auf allen Seiten die Spitze bieten können. Wenn aber die Revoluzion ihren Sitz in unserm Innern aufschlägt, wenn ein Bundesstaat nach dem andern einer verwegnen Faction, die allen alten Ordnungen den Tod geschworen hat, zum Raube wird, wenn die Ständischen Behörden sich in reine Jakobiner-Clubbs verwandeln, die Rechte der Souverains mit Füßen getreten, die heillosesten Neuerungen ohne Widerstand ausgeführt, die tollkühnsten Mozionen wie gewöhnliche Gesetzes-Vorschläge behandelt, und alle Schranken durchbrochen werden, die bis jetzt noch das einbrechende Verderben zurück hielten, - dann bedarf es keines auswärtigen Krieges, und keiner Französischen Propaganda, um aus Deutschland in ganz kurzer Zeit, einen Tummelplatz aller demagogischen Rasereyen, und eine a n a r c h i s c h e F ö d e r a t i v - R e p u b l i k zu machen. Was sich seit dem vorigen Sommer in Sachsen, Hessen, Braunschweig, Hannover u.s.f. zugetragen hat, was gegenwärtig die Stände-Versammlungen in Baden und Bayern zu Tage bringen, was selbst unter Ewr. Durchlaucht segenvoller Regierung im Nassauischen versucht wird, spricht zu laut und vernehmlich, als daß irgend ein wohlgesinnter, vom Strudel nicht ergriffner Deutscher über den Umfang und die Dringlichkeit der Gefahr noch einen Zweifel hegen könnte. Ich habe mich noch nicht lange und anhaltend genug mit dieser Aufgabe beschäftigen können, um mir spezielle Vorschläge über die in einer so beunruhigenden Crisis zu ergreifenden Maßregeln zu erlauben. Nur so viel ist mir klar geworden: 1, daß Palliativ-Mittel nicht ausreichen würden, daß es eines großen, umfassenden, entscheidenden Schrittes bedarf, wenn der rasche Fortgang der Krankheit gehemmt, und der politische Körper Deutschlands von gänzlicher Auflösung geschützt werden soll; 2, daß ein solcher Schritt von dem Mittelpunkte der Föderation ausgehen, dort nachdrücklich eingeleitet, gewissenhaft berathen, und einmüthig beschlossen, 3, daß der Impuls zu dieser Verhandlung von den beyden Deutschen Hauptmächten gegeben, und 4, daß die Ausführung der Beschlüsse unter den Auspizien dieser beyden Mächte, mit Zustimmung aller Deutschen Regenten, mit kraftvoller Beseitigung aller und jeder Opposition, und da, wo die Umstände es erfordern, selbst mit Zwangsmitteln bewirkt werden müßen. Indem ich diese Bedingungen ausspreche, erkläre ich schon deutlich genug, daß sie nur mit zweckmäßigen Vorbereitungen, und unter günstigen aeußern Conjunkturen zu realisiren seyn werden. Der Plan, den man befolgen will, muß vollständig ausgearbeitet seyn, ehe er der Bundes-Versammlung vorgelegt werden kan. Oesterreich und Preußen müßen zunächst unter sich, und dann mit jenen andern Deutschen Höfen, deren Beystimmung sie als unumgänglich betrachten werden, über die wesentlichsten Bestandtheile dieses Planes zum vollkommensten Einverständniß gelangen. Endlich, - so scheint es mir wenigstens, obgleich ich über diesen Punkt noch keine ganz feste Meynung habe, und höhern Autoritäten gern weichen würde, - müßte, wenn man der Gefahr fremden Einspruches, und besonders neuer Complicationen mit Frankreich entgehen wollte, das Werk nicht eher begonnen werden, als bis die Unterhandlungen, die den allgemeinen Europäischen Frieden sichern sollen, zu einer gewissen Reife gediehen wären. Alle diese Präliminarien werden freylich viel kostbare Zeit verschlingen; es verlohnt sich jedoch der Mühe, zu untersuchen, ob bey einer Aufgabe von so großem Belang, möglichste Beschleunigung, oder sichres und gründliches Vorschreiten das Wünschenswürdigere sey ? Vor allem muß die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines Entschlusses dieser Art bey sämmtlichen Deutschen Regierungen Eingang finden, und lebhaft gefühlt werden. Daß es in Wien an dieser Ueberzeugung nicht fehlt, glaube ich Ewr. Durchlaucht fest versichern zu können. Fürst Metternich hat bey jeder Gelegenheit von dem Bedürfniß, dem revoluzionären Unwesen, und dem Mißbrauch constituzioneller Formen in Deutschland Einhalt zu thun, in den kraftvollsten Ausdrücken gegen mich gesprochen, sich auch auf ähnliche Weise gegen Andre vertraulich erklärt. Ueber die Wahl des Zeitpunktes, und der Modalitäten mag Er noch manche Zweifel haben; diese werden sich am besten heben laßen, wenn erst ein bestimmter Entwurf des Ganges, den man einzuschlagen gedenkt, vorhanden seyn wird. Ich werde meiner Seits nichts verabsäumen, Gnädigster Herr, was die Sache befördern kan. Ich habe bereits dem Herrn Baron Münch, dessen Mitwirkung die unentbehrlichste ist, meine Wünsche eröfnet, und fordre ihn heute von neuem auf, dem Gegenstande seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn seine Meynung (wier ich fest voraussehe) dahin gehen sollte, daß die Bundes-Gesetzgebung, wie sie jetzt besteht, und die Autorität der Bundes-Versammlung, zur Einleitung und Ausführung einer so großen Reform, wie allerdings hier eintreten müßte, keine ausreichende Mittel darbiete, so bliebe nichts übrig, als die möglichst baldige Zusammenberufung einer mit ausgedehnten Vollmachten versehnen M i n i s t e r i a l - C o n f e r e n z, gleich der, welche im Jahre 1820 das zweyte Grundgesetz des Bundes abgefaßt hat, und welche, unter den jetzigen Umständen, die Retterin und Wohlthäterin des gemeinschaftlichen Vaterlandes werden könnte. Vielleicht wäre es am rathsamsten, diese letzte Idee vorzugsweise zur Sprache zu bringen. Ich erwarte durch Fürst Wittgenstein Ew. Durchlaucht weitre Befehle, werde mich höchst glücklich schätzen, mit Höchst Ihrem gnädigen Vertrauen in jeder Angelegenheit, der meine geringen Kräfte gewachsen seyn mögten, beehrt zu werden, und verharre in tiefster Ehrfurcht, Gnädigster Herr ! Ewr. Herzoglichen Durchlaucht untertänigster Diener Wien den 18ten April 1831. Gentz.