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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 4. August 1787, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1787

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id2097
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date4. August 1787
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item3 Bl., F: 226mm x 186mm; 6 eighd. beschr. Seiten
Places of printWittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 25, 105-108
IncipitNoch halb taumelnd vor Freude
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 4. August 1787 Noch halb taumelnd vor Freude, theure, einzige, göttliche Freundinn, halb rasend, möchte ich sagen, ergreife ich diese Feder, und schreibe, schreibe, was mir mein erhitzter Kopf, mein volles Herz eingeben wollen, was keine Worte eigentlich ausdrüken könnten ! O ! wie werde ich diesen Brief endigen ! Ihr Mann kömmt nach Berlin. Und Sie - eine Nachricht Ihrer Schwiegermutter, ein eigner Brief Ihres Mannes an meinen Bruder, sagt, daß auch Sie vermuthlich - vermuthlich ? - Nein das sagte meine kindisch furchtsame Freude - so gut als g e w i ß; nach Berlin kämen, und zwar in Zeit von 4 Wochen nach Berlin kämen. Sie kennen mich. Mein ganzes Wesen wurde aufgeschüttelt bey dieser ungeheuren Neuigkeit, die ich gestern in einer großen Gesellschaft von Ihrer Mutter vernahm. Noch jetzt bin ich in einer gewaltigen Bewegung; ich weis nicht wohin ich zuerst den Strom meiner Gedanken leiten soll: meine Empfindungen laßen kaum einem einzelnen Ausbruch Luft. Gott gebe nur, daß Ihres Mannes Brief, da er mit seinem ehmaligen Plan nicht übereinstimmt, nicht etwa ein bloßes Kunststück war, um seine Mutter auszuhorchen ! Dieser einzige Gedanke martert mich noch. Sonst ist es alles so wahrscheinlich. Er schreibt sogar, daß // er seine Wohnung schon aufgesagt, seinen Bedienten schon abgedankt hätte, daß er mit Ihnen und seinen drey Kindern, spätstens im Anfang des September in Berlin zu seyn dächte. Nein ! wäre das Täuschung, Sie wären nicht so unmenschlich grausam gewesen, mich nicht durch zwey Worte davon zu benachrichtigen, daß ich ihr auswich. Das hätten Sie sicherlich gethan. Also ist es wahr. Es ist wahr ? - Guter Himmel ! war das nicht der höchste Wunsch meines Lebens ? - Ich habe ihn erreicht. Ich werde jetzt - oder nie glücklich seyn. Daß ich Ihnen lange nicht geschrieben habe, und warum nicht - das sind jetzt nur Kleinigkeiten. Alles, wovon die Oberfläche meines Herzens bisher bedeckt gewesen seyn mag, es heiße Geschäft, Vergnügen, Thorheit oder Weisheit, alles, soll weichen: ich will jetzt nichts wißen, nichts fühlen, als das: Ich soll wieder m i t Ihnen, f ü r Sie und durch Sie leben. Ist das nicht genung ? In dem Augenblicke, da ich die Neuigkeit hörte, war es, als wenn tausend verschloßne oder verstopfte Canäle in meiner Seele wieder aufsprangen. Das ist die natürlichste Beschreibung meines gestrigen Zustandes. Meine Kräfte finngen an, wie von Neuem zu würken. Ich fühlte wieder Thränen in meinen Augen, die mir lange fremde gewesen waren. Es war ein sehr glücklicher Zustand. // Wenn ich mir vorher zuweilen den Gedanken, Sie in Berlin zu sehen, lebhaft dachte - und Gott weis es, der meine Seele richtet, ich habe noch keinen so unglücklichen Tag gehabt, der mir ganz ohne den Gedanken an Sie vorüber gewandelt wäre - so entstanden in meiner kleinmüthigen Seele, neben den Ausbrüchen der frohsten Vorempfindungen, doch allerley schwarze Besorgniße. - Wird dieses mein Ideal weiblicher Vollkommenheit in Berlin nicht von seinem Glanze einbüßen ? Oder wird Ihr hiesiger Aufenthalt nicht durch die Zerstreuungen des großen Orts, durch die tausend kleinen Eitelkeiten, die hier auch am Weisesten und Besten zupfen, unsre Freundschaft - a b k ü h l e n - das heißt: a u f h e b e n ? Wird nicht vielleicht, wenn wir Jahre und Jahre zusammen sind, Ihr Mann, oder die Welt, aus unserm e n g e l r e i n e n B u n d e, giftigen Verdacht schöpfen ? - So zog mein unglückseelger Scharfsinn mich aus einem Labyrinth ins andre. Alles das verschwindet jetzt vor dem Gedanken, der nahen, nahen Wiedervereinigung. Nein ! meine Graunin ! Sie dürfen, Sie können, mich aus Ihrem Herzen nicht vertreiben. Ich kan Sie nicht verliehren. Das wäre das letzte, bey Gott, das letzte, was ich verlöhre. Ich habe gar nichts verlohren, so lange ich Ihre Freundschaft besitze. Und Sie - Sie kommen nach Berlin ! Es fängt - glauben Sie mir dies - es fängt mit dieser Begebenheit eine neue wichtige Periode meines Lebens an; meines Daseyns eigentlich; denn ich kan das nicht: l e b e n // nennen, wenn man nicht fühlt, daß man lebt. Seitdem ich von Ihnen bin, habe ich in der Welt geschwebt, aber nicht das Leben genoßen. Kommen Sie, kommen Sie, um es mir wieder theuer zu machen ! Ihre Anwesenheit in Berlin, wird meinen Beschäftigungen eine neue Richtung, meinen Vergnügungen ein würdiges und schönes Ziel, meinem Bestreben nach Tugend und Weisheit eine Aufmunterung ohne Gleichen, meinem Leben einen wahren Werth geben. Es ist hohe Zeit, daß ich anfange, glücklich zu seyn, die Chimären der Welt hätten mich von dieser friedlichen Straße beynahe ganz abgezogen. Mein Verhängniß tritt zu und sendet mir meinen Schutz-Engel wieder. Ich trotze allen Gefahren mit Ihnen. Meine tugendhafte Verehrung, Liebe, Freundschaft gegen Sie, soll die Quelle meiner Weisheit und meiner Glückseeligkeit seyn.Diesen Brief erhalten Sie durch George spätstens künftigen Donnerstag. Freytag geht eine Post nach Berlin. Ich verlange keinen Brief: denn die Unruhe in der Sie Sich befinden kan ich mir denken. Aber schreiben Sie mir, wenn es auch nur e i n e e i n z i g e Zeile ist: ob die Nachricht gegründet ist, und zu welcher Zeit Sie hier anzukommen gedenken. Mehr verlange ich nicht. Aber darum laßen Sie mich auch, um Gottes und unsrer Freundschaft willen nicht umsonst gebeten haben. Und diese eine Zeile muß George mir ohnfehlbar mit der Freytags-Post schicken. Merken Sie hiebey noch, daß // ich eine Reise auf 14 Tage, die ich vorhabe, und wozu der Tag der Abreise auf übermorgen festgesetzt war, blos um Ihre Antwort abzuwarten, noch 10 Tage aufgeschoben habe. Gott vergebe es Ihnen, wenn Sie vielleicht in der Zeit meines langen Stillschweigens oft an mir mögen verzweifelt haben. Vielleicht glaubten Sie, daß meine Freundschaft erkaltet war. Nein ! Sie lebt, und wird leben, bis mein eignes Leben aus ist. So würde mein Herz nicht gestern geklopft haben, wenn ich kälter geworden wäre. Berlin selbst fängt mir an theuer zu werden. - O Gott - aber was werden Ihre armen Königsberger, was wird Ihre Mutter, Ihre gute Schwester sagen ! Der Gedanke thut mir im Innersten weh. Ich fühle was das heißen muß, Sie verliehren. Ich fühle ja was das heißt, Sie gewinnen. Die Geheimeräthinn Graun in Berlin ! - Ich kan den Gedanken noch gar nicht faßen. Er ist zu schön ! Aber - meine Freundinn Graun g l ü c k l i c h in Berlin ! Der Gedanke ist noch schöner ! O möchte er wahr werden ! Ich schreibe mit heutiger Post auch an Ihren Mann, theils um ihm Glück zu wünschen, theils um ihn über verschiedne Umstände, wegen seiner Anherkunft zu befragen, und ihm meine uneingeschränkten Dienste anzutragen. Alle die ihn kennen, freuen sich sehr über seine Versetzung. // Daß man sich auf I h r e Bekanntschaft nicht sehr freut, können Sie leicht denken, da in Gentzen Ihr geschworner Widersacher hier lebt - Ich schließe, wie ich angefangen habe. Mein Kopf ist ganz verwirrt. Ich hatte mich in dieser matten trocknen langweiligen Lebens-Zeit, auf dies Glück nicht gefaßt gemacht. Noch ist es mir zu fremde. Ich ertrage es noch nicht. Vergeßen Sie nur um Gottes willen nicht, daß ich Dienstag über 8 Tage durchaus die bewußte e i n e Z e i l e von Ihnen haben muß. Ich verlange im Ernst nicht mehr. Aber um dies zu erfüllen, muß sie Freytag früh abgehen. Täuschen Sie meine Hoffnungen um des Himmels willen nicht. Die Gewißheit, daß Sie nach Berlin kommen, von Ihrer Hand geschrieben, zu lesen - das fehlt jetzt nur noch zu meinem Glück.Leben Sie wol theure Freundinn ! So leicht, so wol ist mir lange nicht am Schluße eines Briefes gewesen. Bald werde ich Ihnen nicht <mehr> schreiben dürfen. O ! wenn doch die Zeit Flügel hätte. Berlin den 4ten Aug. 1787. Gentze. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 3 Bl., F: 226mm x 186mm; 6 eighd. beschr. Seiten. D: Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 25, 105-108.