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Gentz ; Leiden, Carl
An Carl Leiden, Wien, 10. September 1822, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. [?] 1822

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1737
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Leiden, Carl
LocationWien
Date10. September 1822
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. [?]
Size/Extent of item2 Bl., 4 eighd. beschr. Seiten
IncipitDeinen Brief, Mein lieber Carl
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Carl Leiden Wien, 10. September 1822 Wien den 10 September. 1822. Deinen Brief, Mein lieber Carl, vom 22ten August habe ich gestern erhalten. Ich sehe daraus, daß Du den meinigen vom 7ten empfangen hattest; hoffentlich werden nun auch die vom 21ten und 24ten Dir zugekommen seyn. Noch fehlt mir aber Dein Brief aus Cölln; wem Du dessen Bestellung übertragen hast, weiß der Himmel. Vielleicht erscheint er einst, wenn ich ihn gar nicht mehr erwarte. Ich freue mich außerordentlich, daß es Dir in England so gut geht. Ich segne den Gedanken dieser Reise; sie wird in mehr als einer Rücksicht entscheidend auf Dein Leben wirken. Nicht [xxx] nur durch die Kenntnisse die Du Dir dort erwerben wirst, sondern auch als eine große P a u s e in Deinem Uebergange zu einer weitern Bestimmung. Ich habe Dir nie verborgen, wie wenig der Plan den Du in der letzten Zeit entworfen hattest, mir gefiel; ich habe Dir auch die ungeheuren Schwierigkeiten vorgestellt, mit welchen die Erfüllung eines an und für sich nur so unbehaglichen Wunsches zu kämpfen haben wird. Durch Jahrelanges Bitten, Betteln, Nehmen, und Expostuliren etwas zu erlangen, worauf ich selbst so geringen Werth lege, und was noch obendrein Dir und mir eine Menge von Feindseligkeiten zuziehen würde, das quält mich mehr als ich sagen kan. Immer habe ich die geheime Hoffnung genährt, daß [uns] früh oder spät etwas solideres und erfreulicheres sich darbieten würde, welches uns b e y d e mehr befriedigte; diese Hoffnung lebe ich auch noch, und es <ist> mir ganz neuerlich von einem braven, und mir sehr // zugethanen Manne eine Idee mitgetheilt worden, die ich nicht so leicht wieder aufgeben werde. Deine Entfernung auf einige Zeit von Wien war nothwendig; in einem Gespräch, das ich vor etlichen Wochen mit Deiner Freundin hatte (die sich in dieser Sache schief genug benommen zu haben scheint) ist mir dieser Punkt erst recht klar geworden. Doch nicht bloß in dieser kleinlichen Beziehung, auch aus höhern Gründen wünsche ich jetzt, daß Du den ganzen Winter über in England bleibest. Ich wünsche, daß Du dort Deine Zeit sehr nützlich anwendest, daß Du so viel als möglich von Oekonomischen, Technischen, Praktischen Dingen Notiz nehmest, daß Du als ein Mann, den man zu praktischen Geschäften (nicht gerade Schreibereyen) zu Administrations-Geschäften brauchbar empfehlen kan, zurückkehrest. In der Zwischenzeit wird Dir vielleicht der schlechte Plan, von dem Du (wohl mehr aus dépit als aus Ueberzeugung) eingenommen warst, selbst leid werden. In jedem Falle würde ich diesen Plan nur als das letzte pis-aller betrachten. Mein eignes Interesse bringe ich bey diesen Fragen gar nicht in Anschlag. Ich entbehre Dich ungern, und es ist mir zuweilen sehr bange nach Dir. Wenn ich dann aber bedenke, in welchen Strudel von Geschäften ich für einen großen Theil dieses Herbstes und Winters verwickelt seyn werde, und wie wenig ich an Dir profitiren könnte, so erquickt mich wieder der Gedanke, Dich, Mein liebes Kind, in einem sichern, ruhigen, freundlichen // Hafen zu wißen, wo kein Sturm Dich treffen, und nichts als Gutes und Vorteilhaftes für die Zukunft Dir begegnen kan. Jetzt ein Paar Worte von dem hiesigen Stand der Dinge. Der Kayser Alexander ist vorigen Sonnabend, den 7ten hier angekommen. Eine Unzahl von Ministern, Gesandten, und andern bedeutenden Fremden hat sich hier versammelt. Die Reise nach Verona ist fast beschlossen; nur der Zeitpunkt läßt sich nicht genau bestimmen. Man erwartet den Herzog von Wellington nicht vor dem 20ten d. M. Alsdann wird die Frage entstehen, ob er mit uns nach Verona gehen will und k a n, oder nicht. Entschließt er sich dazu, so bricht wahrscheinlich der ganze Zug den 25 oder 26 auf. Geht er nicht mit, so muß man wenigstens 10 oder 12 Tage, ihm zu Gefallen, noch hier verweilen; und dann findet die Reise vor den ersten Tagen des Oktobers nicht Statt. Der Aufenthalt in Verona ist auf vier Wochen berechnet. Er kan sich etwas verlängern, und wird es wahrscheinlich. Mehrere Umstände aber machen es so gut als g e w i ß, daß es nicht länger als bis zu Ende November dauern kan. Du siehst wohl, daß es, theils aus den oben angeführten Gründen, theils in Rücksicht auf die Zeitberechnung, die Länge des dortigen Aufenthalts, und die ganze Gestalt der Dinge, die größte Thorheit wäre, Dich nach Italien zu berufen. Dies Projekt fällt also ganz in die Brüche; es könnte auch zu nichts vernünftigem führen, und hat gar keinen Reitz für mich. Ich hoffe, wenn mir Gott Leben und Gesundheit schenkt, im künftigen Jahre eine // bessre und angenehmere Reise mit Dir zu machen. Die nach Verona betrachte ich als einen harten Dienst, und sehne mich nur nach dem Augenblick, wo ich sie überstanden haben werde. Dein letzter Brief hat mir wahres Vergnügen gemacht, und ich bitte Dich, mir so oft als möglich, die detaillirtesten Nachrichten von Deiner dortigen Lebensweise zu geben. Du kanst sicher glauben, daß dies eine sehr interessante Lectüre für mich ist. Ueber den Punkt des Geldes schreibe ich Dir heute nichts, da ich Dir schon in meinem letzten Briefe darüber alles geschrieben habe, was Du zu wißen brauchtest. Auch reise ich nicht von hier ab, ohne Dir eine Rimesse gemacht zu haben. Denn, trotz Deiner mir bekannten strengen Oekonomie ist mir doch bey Deiner letzten Rechnung etwas Angst geworden.Der arme Rothschild hat gestern die Nachricht erhalten, daß sein Bruder James aus Paris in Petersburg auf dem Tode lag, und, nach einem Briefe der Gräfin Nesselrode, fast ohne Hoffnung. Er war in der letzten Zeit sehr glücklich, weil seine Frau, und seine Tochter - ein hübsches, wohl-erzognes, wirklich liebenswürdiges Mädchen seit 4 Wochen hier sind. Jetzt behüte Dich Gott, lieber Carl; ich schreibe Dir gewiß noch zweymal vor meiner Abreise. Gentz. H: Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien. Handschriftensammlung, Inv.-Nr. 2 Bl., F: ; 4 eighd. beschr. Seiten. Empfangsvermerk von Leiden: Received October the 15th in the afternoon. D: bisher ungedruckt.