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Gentz ; Sayn-Wittgenstein, Wilhelm Ludwig Georg Fürst zu
An Wilhelm Ludwig Georg Fürst zu Sayn-Wittgenstein, Verona, 5. Dezember 1822, GStA PK, Berlin-Dahlem. BPH, Rep. 192, Nachlass Wittgenstein: VII, B 1-2, Bl. 3-7 1822

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id167
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Sayn-Wittgenstein, Wilhelm Ludwig Georg Fürst zu
LocationVerona
Date5. Dezember 1822
Handwritten recordGStA PK, Berlin-Dahlem. BPH, Rep. 192, Nachlass Wittgenstein: VII, B 1-2, Bl. 3-7
Size/Extent of item6 Bl., F: 229mm x 188; 9 von Schreiberhand beschr. Seiten, Grußformel und Datum eighd.
IncipitIch erkenne mit lebhaftem Danke
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Wilhelm Ludwig Georg Fürst zu Sayn-Wittgenstein Verona, 5. Dezember 1822 Durchlauchtigster Fürst ! Ich erkenne mit lebhaftem Danke, daß Ew. Durchlaucht Sich auch während Ihrer Abwesenheit meiner gnädigst zu erinnern geruht haben. Da der Congreß sich seinem Ende nähert, und bey Seiner Majestät Rückkehr, allem Vermuthen nach, nur wenige Zeit übrig bleiben wird, um Ew. Durchlaucht noch einen oder den andern Gedanken mitzutheilen, so will ich mich lieber gleich schriftlich über einige Gegenstände erklären, welche ich Ihrer Aufmerksamkeit [besonders] nicht unwerth achte. Die Schrift von B u c h h o l z war mir eine höchst unwillkommne Erscheinung; // und ich habe mich nicht wenig gewundert, daß die Berliner Censur einer solchen Schrift den Umlauf gestatten konnte. Da der Wille Seiner Majestät des Königes in Ansehung der Landständischen Verfassungen bis jetzt noch nicht öffentlich ausgesprochen ist, so mögte es vielleicht rathsam seyn, Privaz-Ansichten über diesen wichtigen Gegenstand, wenn sie auch nicht ganz mit einander übereinstimmten, ja, wenn sie sogar in diesem oder jenem Punkte von dem Gange, welchen die Regierung zu befolgen gedenkt, abweichen (wie dies selbst bey der Schmalzischen Schrift der Fall ist) noch eine Zeitlang freyen Lauf zu laßen. Nie aber mußte diese Freiheit so weit ausgedehnt werden, daß politische Phantasten (um sie noch aufs gelindeste zu bezeichnen) dadurch veranlaßt wurden, Grundsätze und Meynungen, // die mit dem von den höchsten Behörden angenommnen System in förmlichem Widerspruch stehen, und Bemerkungen, die auf dies System zum voraus ein ungünstiges und treuloses Licht werfen, in censurirten Drukschriften zu verbreiten. Die Schrift des Buchholz ist in dieser Rücksicht eine der schädlichsten, die unter den gegenwärtigen Umständen zu Tage kommen konnte. Unter der Maske eines determinirten Royalisten (nachdem er früher ein eben so determinirter Demokrat war) hat dieser Mensch seit mehrern Jahren das Repräsentativ-System als das einzige Heil der Staaten, und Völker gepredigt, und, wie alle seines Gleichen, nie begriffen, oder nie begreifen wollen, daß das Repräsentativ-System, so wie sie meynen, früh oder spät - im Preußischen // Staate s o g l e i c h - den Tod des Monarchischen Prinzips herbeyführen muß. In seiner letzten Schrift hat er sich nun den arglistigen Kunstgriff erlaubt, Anfangs die Sache so darzustellen, als ob Landständische Verfassungen, und Repräsentativ-Verfassungen (im Geist der Demokraten) eins und dasselbe wären, nachher aber in der weitern Ausführung diejenigen Publizisten, welche beyde sehr wohl zu unterscheiden wißen, welche jene in der Monarchie für zuläßig, diese für unbedingt, verderblich halten, als seichte, inconsequente, eines aufgeklärten Zeitalters unwürdige Schriftsteller geschildert. Die Art, wie er den Professor Schmalz behandelt, hat mich um so mehr empört, als B u c h h o l z, in Berlin lebend, unmöglich g a n z ignoriren konnte, daß die Grundsätze der von Seiner Majestät zur Prüfung dieser // Fragen ernannten Commission denen seines Gegners viel näher liegen, als den seinigen, und daß es daher eben so frech als boshaft war, die seinigen der öffentlichen Meynung und gewissermaßen selbst der Regierung aufdringen zu wollen. Das Uebel ist nun einmal geschehen; ich halte mich indessen fest überzeugt, daß es auf die Entscheidung der vorliegenden großen Frage durchaus keinen wesentlichen Einfluß haben wird. Wenn einmal Ständische Verfassungen auch in der Preußischen Monarchie bestehen sollen, so sind die von der Commission aufgestellten Grundsätze und Formen die einzigen, mit welchen die Sicherheit und das künftige Wohl der Monarchie als vereinbar gedacht werden kan; und im jetzigen Zeitpunkt, wo so manche divergirende Ansichten ver//stummen werden, besorge ich weniger als je, daß der mit so großer Ueberlegung und Weisheit entworfne Plan durch irgend einen unbefugten Widerspruch vereitelt werden könnte. Da ein Mißgriff der Censur die Veranlaßung zu gegenwärtigem Schreiben gab, so nehme ich mir die Erlaubniß, Ew. Durchlaucht noch einige Bemerkungen über einen hiemit verwandten Gegenstand mitzutheilen. Es ist dies die sonderbare Schonung mit welcher das bekannte C o n v e r s a t i o n s - B l a t t in Berlin behandelt wird. Obgleich Brockhaus überhaupt einer der schädlichsten unter den deutschen Buchhändlern ist, weil er alles, auch das verdammungswürdigste verlegt, wenn er nur glaubt, daß es Effekt machen und Geld bringen wird, so würde ich doch nicht dafür stimmen, das // Conversations-Blatt in Berlin ganz zu untersagen, da es einzig von der dortigen Censur abhängt, es in eine harmlose Lectüre zu verwandeln. Dieses Blatt ist eine seltsame Mischung von unschuldigen und verwerflichen Aufsätzen. Ich habe neuerlich, in hiesigen schlaflosen Nächten, 40 bis 50 Nummern desselben mit Aufmerksamkeit durchlesen. Ich habe darin Artikel gefunden, die im besten Sinne abgefaßt sind; (z. B. eine äußerst vernünftige Kritik einiger anstößigen Aufsätze des berüchtigten Dr. Lindner) andre, die rein-wissenschaftlichen Gegenständen, der Erdkunde, der Sprachkunde, der Litteratur u.s.f. gewidmet, keine Art von Schaden stiften können, dagegen aber wieder andre, worin der böseste Geist mit der größten Unverschämtheit sein Wesen treibt. // Man würde gewiß weder der Belehrung, noch der Unterhaltung des Publikums zu nahe treten, wenn man die Artikel der letztern Art - die sich doch nur etwa im Verhältniß von 1 zu 10 vorfinden - mit Strenge zurückwiese; und da dies so viel ich habe begreifen können, der Zweck der in Berlin angeordneten R e zensur der Brockhausischen Verlags-Artikel war, so käme es bloß darauf an, daß diese R e zensur - welche man bisher, und mit Recht als ein leeres Schreckbild betrachtet hat - mit Ernst und Gewissenhaftigkeit verwaltet würde. Bey einem Tagesblatt, wie diese Conversation Zeitung, würde hieraus auch noch das Gute entspringen, daß Brockhaus durch einige Erfahrungen gewitziget, sich bald bestreben würde, // der Preußischen Censur keine Aufsätze mehr anzubieten, auf deren Unterdrückung er gefaßt seyn müßte. Ich bitte Ew. Durchlaucht diese meine freymüthigen Aeußerungen, als Beweis meines immer regen Eifers für die Sache der Ordnung, und meiner herzlichen Theilnahme an allem, was das Wohl und die Würde der Preußischen Monarchie angeht, aufzunehmen, mir fernerhin Ihr Wohlwollen und Vertrauen zu schenken, und von den Gesinnungen der tiefsten Verehrung und Ergebenheit überzeugt zu seyn, womit ich unausgesetzt verharre, Ew. Durchlaucht ganz gehorsamster treuer Diener Verona den 5ten December 1822. Gentz H: GStA PK, Berlin-Dahlem. BPH, Rep 192, Nachlaß Wittgenstein: VII, B 1-2, Bl. 3-7. 6 Bl., F: 229mm x 188; 9 von Schreiberhand beschr. Seiten, Grußformel und Datum eighd. D: bisher ungedruckt.