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Gentz ; Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
An Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha, Wien, 15. Januar 1830, Ungarisches Staatsarchiv, Budapest. FA Esterhazy, P 136, Bl. [?] 1830

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1551
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Esterházy von Galántha, Paul Anton Fürst
AusstellungsortWien
Datum15. Januar 1830
Handschriftl. ÜberlieferungUngarisches Staatsarchiv, Budapest. FA Esterhazy, P 136, Bl. [?]
Format/Umfang8 eighd. beschr. Seiten
IncipitIch erhielt Ihr huldreiches Schreiben
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Paul Anton Fürst Esterházy von Galántha Wien, 15. Januar 1830 Wien den 15ten Januar 1830. Ich erhielt Ihr huldreiches Schreiben, Mein Gnädiger Fürst, vom 26ten v. M. am 6ten d. Umsonst hoffte ich seit diesem Tage auf eine Courier-Gelegenheit; ich sehe noch heute die nahe Wahrscheinlichkeit derselben nicht ab; und ich bediene mich daher weil die Beschleunigung der Sache mir zu nahe an die Seele geht, eines Canals den ich, in Ermangelung eines Couriers, für einen sehr sichern halte. Ueberdies ist das, was ich Ihnen schreibe, kein Verbrechen; und sollte mein Brief wirklich, ich weiß nicht wo, gelesen werden, so will ich den erwarten, der mich darüber anklagen sollte. Ich habe von dem Briefe, den Sie die besondre Gnade hatten mir zu übersenden, keinen Gebrauch gemacht. Einige der Gründe, die mich hiezu bewogen, sind in beygehendem Französischen Schreiben enthalten. Dieses habe ich aufgesetzt, damit Sie, wenn Sie es zweckmäßig finden, Herrn A. [Arbuthnot ?] solches mittheilen können. Nugent, der seit 8 Tagen hier ist, obgleich er mir die // Schwierigkeit, ohne Intervention des Botschafters zum Ziel zu gelangen, nicht geringer geschildert hat, als sie wirklich seyn mag, mußte mir dennoch zugestehen, daß es kaum practicable wäre, von Lord Cowley jetzt, nachdem die Sache bereits über ein Jahr durch Andre betrieben worden, eine Initiative zu verlangen; und erkannte ebenfalls die Gefahr, dadurch neue unabsehliche Zögerungen zu veranlaßen. Was mich aber vollends bestimmte, war die Hoffnung, daß Sie vielleicht in meinem Schreiben vom 16 Dezember, welches Sie am 26ten vermuthlich noch nicht hatten, und in den beyden folgenden vom 29ten Dezember und 4 Januar Veranlaßung gefunden haben könnten, mir auf einem kürzern Wege aus der Noth zu helfen. Wie dem nun auch sey, ich halte es für nötig, Ihnen zu erklären, was mir eigentlich gegen den Versuch, Lord Cowley die Sache vorzutragen, einen so lebhaften Widerwillen einflößt. Ich muß Sie zu dem Ende mit Details ermüden, die keinen sonderlichen Reitz für Sie haben // können, denen Sie jedoch, bey der mir bisher bewiesnen Güte, ein Paar Minuten Ihrer Zeit nicht versagen werden. Ich stand in den ersten fünf Jahren die Cowleys in Wien zubrachten, mit Ihm und seinem Hause in den besten, ich darf wohl sagen, vertrautesten Verhältnissen. Ich habe ihm zahlreiche und wesentliche Dienste geleistet, die Er auch nicht allein mit Worten, sondern mit Thaten, bey mehr als einer Gelegenheit anerkannte. Seine Gemahlin ist eine Frau von höchst schwierigem, unbeständigen, anspruchvollen, launigten, und dabey iraszibeln Charakter, an welchem die meisten Personen der hiesigen Gesellschaft längst scheiterten oder verzweifelten, den ich aber so glücklich zu meinem Vorteil gewendet hatte, daß ich bis zum Sommer 1828 mir mit allem Recht schmeicheln durfte, einer ihrer größten Favoriten zu seyn. Im Winter von 1828-1829 erlitt dies ganze Verhältniß - ohne irgend eine Veranlaßung von meiner Seite - denn Gott weiß, daß in mir sich nichts geändert hatte - einen // ersten empfindlichen Stoß. Die Ursach war so lächerlich, daß ich fast besorgen muß, Sie mögten sie unglaublich finden, wenn ich nicht das Bewußtseyn hätte, Ihnen die reine Wahrheit zu sagen. Sie erinnern Sich gewiß, Mein Fürst, daß ich mich durch eine Reihe von Jahren, wo meine Gesundheit nicht die beste war, und ich besonders an athritischen Beschwerden viel litt, von der Gesellschaft überhaupt, besonders aber von allen Abend-Gesellschaften zurück gezogen hatte. In diese Periode fielen meine erste Verbindungen mit der Cowleyschen Familie; sie waren fast die einzigen, die ich täglich sah; und, ob ich gleich im Winter ebenfalls nur selten zu ihnen kam, so war dafür, von May bis zum November, wo wir in Weinhaus nahe neben einander wohnten, unser Umgang desto beharrlicher. Im Laufe des Jahres 1828 trug sich mit meiner Gesundheit eine eben so unerwartete als glückliche Veränderung zu. Durch eine eigne Gunst des Himmels geschah dies gerade in dem nehmlichen Zeitpunkte, wo meine großen Geld-Bedrängnisse anfingen; denn im April // 1828 verlor ich jene Correspondenz, die mich seit dem Jahr 1813 in sorgenlosem Wohlstand erhalten hatte. Theils das Gefühl meiner physischen Wiederherstellung, theils aber auch, wie ich Ihnen nicht bergen will, das Bedürfniß, mich in einer von andern Seiten nichts weniger als erwünschten Lage zu zerstreuen, bewog mich, die Welt wieder aufzusuchen; und da man mir allenthalben mit schmeichelhaftem Wohlwollen entgegen kam, so wurde ich nun bald, und zuweilen mehr als ich wünschte, in Mittags- und Abend-Gesellschaften verwickelt, und man betrachtete mich, nicht ohne ein gewisses Wohlgefallen, als einen vom Tode erstandnen. Von dieser Erscheinung wurde gesprochen. Sie kennen die Welt, ihre Annehmlichkeiten, und ihre Unarten. Da ich von jeher ein Freund der Weiber gewesen war, so durfte ich jetzt nur zwey oder dreymal mit einer der Frauen in der Gesellschaft etwas anhaltend sprechen; und ohne alle Rücksicht auf meine Jahre, und den Ernst meines Lebens war ich zu ihrem bestimmten Anbeter gestempelt. Vom Metternichschen Hause - Sie kennen den dort wohnenden Hang zu Mystificationen - ging der Scherz aus, und verbreitete sich weiter. Es wurden Listen // von meinen angeblichen Favoritinnen gemacht, und Nahmen darauf gesetzt, die ich aus Respekt hier nicht zu nennen wage, obgleich sie Ihnen alle mehr oder weniger bekannt sind. Die Personen, die mir wohl wollen, haben ihre Lust an diesem kleinen Spiel, welches (pour le dire en passant) immer noch fortdauert, weil sie darin die Bestätigung meines Wohlbefindens sehen, und weil man gütig genug gegen mich ist, sich über meine Rückkehr zur Geselligkeit zu freuen. Auf Lady Cowley wirkte dies alles aber ganz anders; sie fand darin eine Art von Untreue, von Rebellion gegen ihre Alleinherrschaft, von strafbarer Emanzipation. Im Anfange des Jahres 1829 brach ihr Unwille gegen mich in helle Flammen aus. Da ich mir durchaus nichts gegen sie vorzuwerfen hatte, auch alles beobachtete, was nur die strengste Pflicht von mir fordern konnte, so hätte ich mich über ihre grundlose Unzufriedenheit hinweggesetzt. Zum Unglück aber wurde ihr Mann, der für ihre Meynungen, ihre Klagen, ja ihre ärgsten Launen eine in der That beyspiellose Deferenz hat, in diesen elenden Krieg mit hinein gezogen; und auch Er gab dem thörigten Wahn Raum, daß // ich ihn, und die Seinigen v e r n a c h l ä ß i g t e. Dies führte zu verschiednen Explicationen, wobey ich zwar jedesmal meine absolute Unschuld aufs siegreichste beweisen konnte, die jedoch, zumal da die Lady immer fortfuhr mich anzuklagen, und meine treuste Freundin im Hause eine höchst liebenswürdige und vortrefliche Person, die jetzt in Ihrer Nähe ist, mich nicht verteidigen d u r f t e, auch zwischen dem Lord und mir, ohne daß es je zu einem eigentlichen Bruch gekommen wäre, eine gewisse Kälte und Spannung zurückließen, wovon unser Verhältniß sich nicht wieder erholen konnte. Jetzt, Mein Fürst, werden Sie einigermaßen begreifen, warum ich so sehr danach strebte, die, ohne Cowley angefangnen Schritte auch ohne ihn zu vollenden, besonders aber, warum es mir so schwer wird, ihn zu einer Initiative a u f z u f o r d e r n, die er vielleicht, nach allem was einmal geschehen ist - zwar nie mit deloyauté, deren er ganz unfähig ist - aber mit Lauigkeit und nie ohne Empfindlichkeit über Verspätung des ihm geschenkten Vertrauens übernehmen, ja wohl gar, in dieser letzten Hinsicht, ablehnen würde. Wenn Sie es also durch Ihren, wie ich weiß, und von Nugent aufs neue vernommen habe, sehr großen Credit in London, dahin bringen // können, daß die Sache sich brevi manu, und wenigstens, wenn Lord Cowley einmal darum wissen m u ß, ohne vorhergehende Rücksprache mit ihm abgethan werden könnte, so würden Sie den an und für sich höchst wesentlichen Dienst, den Sie mir leisteten, noch um hundert Prozent erhöhen. Was ich Ihnen in dem ostensibeln Briefe schreibe, ist alles buchstäblich wahr; Sie begreifen daher auch, daß ich die Antwort auf den gegenwärtigen mit unbeschreiblicher Sehnsucht erwarte; und ich rechne zuversichtlich darauf, daß Sie mich nicht // in der Ungewißheit laßen werden. Ueber öffentliche Angelegenheiten sage ich diesmal nichts. "Der im Irrgarten der Liebe taumelnde diplomatische Cavalier" wird endlich wohl - doch schwerlich vor Ende des Monats - vom Stapel gelaßen werden. Durch diesen werde ich mich über einige Traurige Themata der Zeit aussprechen. Vergeben Sie, Mein Theurer Fürst, daß ich Sie heute von nichts als meinen persönlichen Sorgen unterhielt; der ennui meines Briefes kan Ihnen nur [durch] die Freude die Sie an dem glücklichen Erfolg Ihrer Bemühungen haben werden, vergelten. Gentz. H: Ungarisches Staatsarchiv, Budapest. FA Esterhazy, P 136, x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.