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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 8. April 1786, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1786

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1487
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date8. April 1786
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 241mm x 183mm; 12 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 8, 67-78; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 17, 78-87; Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 57-63 (tlw.)
IncipitIch bin in einer großen Schuld
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 8. April 1786 Ich bin in einer großen Schuld bey Ihnen, meine liebe, theure Freundinn, und doch ist mir recht wol, daß ich drin bin, weil ich das süße Vergnügen vor mir habe, mich ihrer, in den Stunden die diesem Briefe gewidmet sind, zu entledigen. Ich sehe, meine beste Graunin, [daß] aus Ihren beyden letzten Briefen, daß Sie - ein einziges Verhältniß, oder vielmehr, eine einzige Seite dieses einzigen Verhältnißes ausgenommen - noch in allen Betrachtungen ohngefähr auf eben dem Punkte sind, auf dem ich Sie verließ. Sobald von persönlichem Intereße die Rede ist, so kan diese Bemerkung Keinem angenehmer seyn, als mir. Ich weis, daß ich damals eine nicht unbeträchtliche Stelle, in Ihrer Achtung, in Ihrer Freundschaft, in Ihrem Herzen hatte: ich weis es, und freue mich, wenn ich sehe und fühle, daß ich diesen unschätzbaren Vorzug nicht verlohren habe, wenn ich sehe und fühle, daß Sie mich noch, wie damals, für werth halten, der Vertraute einer so schönen Seele, und ihrer geheimsten Empfindungen zu seyn. Sie wißen, was mir Ihre Freundschaft von jeher gewesen ist, und daß sie allein mir das Leben werth machen konnte zu einer Zeit, wo es mir in allen andern Betrachtungen auf eine recht schrekliche Art gleichgültig zu werden anfieng. Wenn ich nun aber weniger auf mich, als auf Sie Selbst sehe, so stellt sich die Frage: "Ist es gut, daß sie ganz so blieb ?" schon viel bedenklicher auf, weil sich dann blos frägt: "Ist es i h r gut ?" Recht glücklich sind Sie nicht. Sie waren es damals nicht. Sie waren es einst - aber auf kurze Zeit. Diese wenigen Jahre die unter den Freuden und Hoffnungen des ersten Jugend-Traumes so schön - und so schnell - dahinfloßen, sollten sie die Summe aller Glückseeligkeit enthalten, die Ihnen auf der Welt beschieden war ? Sollten Sie in Zukunft nur leben, um jene frühen Tage zu beweinen ? - Nein ! // Sie sind viel zu sehr geschaffen, um glücklich zu seyn, als daß Sie, als daß ich es wagen wollte, diesen Frevel zu denken. Was bleibt also übrig ? Sie müßen schlechterdings suchen, glücklich zu w e r d e n. Die Natur hat - unendlich viel an Ihnen gethan. Unendlich viel ! - o ! Freundinn ! Dürfte ich das Ihnen erst vorrechnen ? Die Welt selbst nennt Sie eine schöne, eine liebenswürdige, eine verständige, eine gute Frau. O ! sie kennt noch das Wenigste. Nur der, der wie ich, in den Tiefen Ihres Herzens las, der diesen unerkäuflichen Reichthum der schönsten, wärmsten, edelsten Gefühle, für Alles was Gut und Liebenswerth ist, der diese Seele, offen durch ihre hohe Empfindsamkeit allen den Eindrücken, wofür Tausende gar nicht einmal eine Idee, vielweniger einen Sinn haben, gekannt, geliebt - und wäre das zu stolz ? - mit sich vereinigt gefühlt hat, nur der darf sagen: die Natur hat unendlich viel an Ihnen [kan] gethan. Fragen Sie Sich Selbst in Augenblicken, wo Ihr weiches, empfindsames Herz, Ihr feines, gebildetes Gefühl, Sie allen Leiden aussetzt, die nur ein solches Herz oder doch gewiß nur so stark empfindet, fragen Sie Sich, ob Sie, selbst in diesen Augen Blicken, dies Herz vertauschen wollten ? Nein ! für keinen Preis würden Sie die Quelle unsäglicher Freuden hingeben, wenn Sie der Tausch auch gegen hundert trübe Stunden auf ewig sicherte. Ziehen Sie daraus den untrüglichen Schluß, daß dies Herz mehr werth ist, als Alles was Sie gegen seinen Verlust gewinnen könnten, und daß Sie folglich wenigstens Einen unverliehrbaren Schatz mit sich tragen, der mehr werth ist, als alles, was die Welt Ihnen jemals zu geben vermag ! Hätten Sie bey diesem unaussprechlichen, mit Nichts zu vergleichenden Vorzuge, deßen hohen Werth nur der, und nur der allein fühlt, der ihn i n s i c h fühlt, nur von jeher einen weisen, guten und liebreichen Führer gehabt, so ist kein Zweifel, daß Sie eben so die glücklichste // Frau geworden wären, als Sie die liebenswürdigste geworden sind. Aber, das hat Ihnen von jeher gefehlt. Ihre vortrefliche Mutter, mit aller ihrer unaussprechlichen Liebe für Sie, mit allen den Vollkommenheiten, die mir sie, wenn sie auch nicht Ihre Mutter wäre, auf ewig ehrwürdig machen würde[n], hatte nur einen Fehler. Aber unglücklicher Weise für Sie, gute Graunin, unglücklicher Weise war es gerade derselbige, an dem Sie danieder lagen. Sie war zu weich. Um Sie zu erziehen, das heißt, um Sie zur G l ü c k s e e l i g k e i t zu bilden, mußte man Ihr weiches Herz, gegen die Übel die uns auf der harten Bahn des Lebens erwarten, s t ä h l e n, mußte man Ihre Leidenschaften die nie heftig sind, aber desto tiefer in der Seele liegen, ohnvermerkt beruhigen, Ihrem unüberwindlichen Hang zu allen Tugenden eine männliche Kraft geben; und, damit ich nur das ganze Geheimniß verrathe, man mußte Sie auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit glücklich, weniger reitzend, weniger bezaubernd für Alle, die sich Ihnen nähern, und desto zufriedner mit sich selbst machen. War Ihre Mutter das nicht im Stande, so war es von allen Andern, mit denen Sie je in naher Verbindung waren, vollends keiner. Ich kenne Ihren Vater fast gar nicht: aber mit aller Hochachtung, die der Vater einer solchen Tochter verdient, sey es gesagt: Eine solche Tochter überstieg seine ganze Erziehungs-Fähigkeit. Er konnte noch zehnmal feiner empfinden, noch zehnmal scharfsinniger beurtheilen, noch zehnmal richtiger Menschen-Werth fühlen, und doch war er noch nicht im Stande, eine s o l c h e Tochter zu erziehen.Die Freunde und Freundinnen Ihre ersten Jugend - O ! fürchten Sie nicht, daß ich sie tadeln, daß ich sie lästern werde. Ich weis, was es heißt, mit Ihnen umgehen, und Ihnen predigen wollen. Ich weis, wie Sie durch einen unwillkührlichen Blick, durch eine kaum überdachte Aeußerung einer Empfindung, den Tadel selbst stumm machen können. Ich verzeihe es also Ihren damaligen Freunden, // daß sie es nicht wagten, Fehler zu rügen, die selbst mit schimmerten in der Krone Ihrer Liebenswürdigkeit: Gern verzeihe ich es Ihnen, daß sie zu berauscht waren in dem Wirkungs-Kreise aller Ihrer Vollkommenheiten, um der Gottheit, nur recht ins Gesicht zu sehen, die sie anbeteten. - Wie oft habe ich selbst mit Ihnen geweint, wenn ich vor Ihnen moralisiren wollte ! Wer blieb übrig ? Ihr Mann. Sollte der das gekonnt haben, was Ihre Mutter nicht vermochte ? - Sollte er es noch können ? - Ich bin weit entfernt, hier, da es mir blos um die Ruhe und Glückseeligkeit Ihres Lebens zu thun ist, auf den Mann zu schelten, mit dem Sie nun einmal bestimmt sind, es hinzubringen. Im Gegentheil habe ich Sie oft ermuntert, anstatt über seine schlimmen Seiten zu jammern, lieber seine guten aufzusuchen und zu nutzen. So viel ist indeßen ausgemacht: Er konnte Sie nicht lehren, glücklich <zu> seyn. Unter den tausend Ursachen, die Ihnen, so wie mir von dieser Wahrheit in die Augen springen, darf ich nur Eins für Alles anführen. Er kannte Sie nie. Er kennt Sie so wenig, daß er sogar einen Ihrer grösten Fehler darin zu finden glaubt, was doch in einem gewißen Grade unstreitig eine Vollkommenheit mehr an Ihnen seyn würde. Er hielt Sie und hält Sie für k a l t: und ahndet es nicht einmal, daß Sie glücklicher seyn würden, wenn Sie k ä l t e r wären, als Sie sind. Er kan Sie also schlechterdings nie in einen andern Zustand versetzen, weil er nicht einmal von Ihrem jetzigen eine richtige Vorstellung hat, und, was das Schlimmste ist, weil Sie aus tausend nur allzu gegründeten Ursachen auf seiner, und aus tausend nicht weniger gegründeten Ursachen auf Ihrer Seite, ihm auch nie eine richtige Vorstellung davon machen dürfen. In dem berühmten Trauerspiele des Corneille, sagt die Vertraute der Medea, da sie sieht, daß diese sich schlechterdings bis auf den letzten Augen Blick gegen ihr widriges Schicksal zur Wehr setzen // will, zu ihr: "Siehe ! dein Vater, dein Gemahl, dein Vaterland, die Welt selbst verläßt dich: was bleibt dir übrig ?" - Und - Medea antwortet stolz und erhaben: "Ich selbst." Erlauben Sie mir, beste Freundinn, daß ich den Ausspruch auf Sie anwende. Um recht glücklich zu werden, haben Sie nur noch eine einzige Quelle: und die liegt in Ihnen selbst.Alle allgemeine Maximen und Glükseeligkeits-Regeln, so schön und erhaben sie klingen, sind eben wegen ihrer Allgemeinheit in einer gewißen Betrachtung unfruchtbar und unnütz. Denn, sollten Sie es nicht auch gefunden haben, daß, sobald es darauf ankömmt, solche allgemeine Regeln bey sich selbst in Anwendung zu bringen, man immer gewiße besondre Umstände [finden], die in der ganz reinen Allgemeinheit nicht mit begriffen werden konnten, antrift, die uns bald dahin führen, daß wir glauben, die Vorschrift würde bey uns doch eine Ausnahme finden. Wenn Sie diese Bemerkung nicht schon gemacht haben sollten, so stehe ich Ihnen dafür, sie wird Ihnen bey gehöriger Aufmerksamkeit nicht entwischen. Der sicherste Weg zur Glückseeligkeit ist also das Studium unsers eignen Herzens. Keine beßern Arzneyen für alle Seelen-Uebel, als die, die wir uns selbst vorschreiben und zubereiten. Ein Mensch, der nur einiger Maßen geschickt ist, sich selbst zu beobachten, kennt immer seine Schwächen beßer, als jeder Andre: und wir müßten in einem ganz besondern Taumel seyn, wenn es uns nicht wenigstens alle Tage einmal einfallen sollte, welche Tugend wir am wenigsten ausüben. Ihre gröste Schwachheit ist die: daß Sie die Uebel des Lebens nicht muthig genung tragen; und Ihr gröster Fehler der, daß Sie Heilungs-Mittel suchen, die es schlechterdings nicht sind. (O wie gut ist es, daß ich in diesem Augen Blicke nicht neben Ihnen sitze !) Die drey grösten und wichtigsten Verhältniße, in denen Sie Sich // <befinden> sind: das mit Ihren Kindern, mit Ihrem Manne, und mit - leNoble. Sagen Sie dagegen, was Sie wollen: wäre dies dritte nicht wirklich eins Ihrer wichtigsten, so hätte ich Ihnen weiter Nichts zu sagen. Ueber den ersten Punkt habe ich schon neulich die Dreistigkeit gehabt zu sprechen. Dreistigkeit nenne ich das, weil ich von Erziehung erst nach - Jahren sprechen sollte. Aber Sie wißen, wir Philosophen sprechen vom Himmel und von der Hölle, ob wir gleich in beyden Orten nicht gewesen sind. Genung, wenn Sie, was ich sagte, wahr fanden, so ist kein Zweifel, daß Sie in der Erziehung Ihrer Kinder Ersatz für alle verlohrne Lebens-Freuden finden können. Für a l l e, sage ich. Und habe ich Unrecht, süße, empfindungsvolle Mutter ? Ihr Mann - Sie wißen, wie ich über den Punkt denke. Es ist unendlich schwer, daß Sie mit Ihrem Mann glücklich leben sollen. Schwer: aber nicht unmöglich. Sobald es Ihnen im Ernst darum zu thun ist, glücklich zu leben, so werden Sie sicherlich Mittel entdecken gegen alle Hinderniße die Ihr Mann Ihren Bemühungen in den Weg legen könnte. Noch mehr: Gienge es nach Ordnung in der Welt, so hätten Sie den vortreflichsten, den ersten aller Männer verdient: aber im Reiche der Finsterniß kan ein wohlthätiger Engel des Himmels ja doch sein Licht v e r b r e i t e n, wenn er es auch nicht darin f i n d e t. Verständen Sie mich nicht ? O ! es muß ein hoher Triumph einer Frau seyn, ihren Mann selbst umzuschaffen. Sie sind seiner werth. Ich glaube Ihnen auf Ihre wiederholten Versicherungen, daß Ihr Umgang mit le Noble nicht mehr derselbige ist, der er zur Zeit war, als ich Sie verließ. Aber, sehn Sie, das ist die Schwachheit von Seelen unsrer Art: wir gehn immer auf einer Seite zu weit. Ich sehe aus leNobles ganzem Briefe, daß [le] er unzufrieden mit Ihnen ist, unzufrieden mit der Art, wie Sie mit ihm umgehen, - (nebenbey ganz vorzüglich unzufrieden mit mir, // den er für den Urheber dieses ganzen Betragens ansieht.) - Nun behaupte ich aber, und es wäre mir Leid um Sie, wenn ich mich hierin jemals irrte, ich behaupte, daß Sie nie glücklich seyn können, wenn es leNoble nicht ist. Beweisen darf ich Ihnen das nicht: aber Ihr Herz versteht mich, und muß mich verstehen, und mir Recht geben, weil ich sonst sogleich überzeugt wäre, daß ich Sie nie gekannt hätte. Sie müßen [also] schlechterdings dafür sorgen, daß leNoble glücklich, wenigstens so glücklich werde, als er jetzt noch werden kan. Sie müßen, ohne Rückhalt, mit freyem, ganzen, ofnen Herzen, und mit aller Zuversicht der Tugend und Unschuld, seine Freundinn seyn; Sie müßen Sich Mühe, recht sorgfältige Mühe geben, ein Herz zu beruhigen, worin Sie doch die erste Unruhe aufgeregt haben, und was doch wahrhaftig verdient, ruhig und glücklich zu seyn. Da muß denn aber auch jede Spur von anscheinender Kälte, jede unzufriedne mürrische Laune, jedes fremde, gleichgültige Betragen eben so wegfallen, als jede hinschmelzende, verderbliche Zärtlichkeit. Bisher haben Sie Alles damit verdorben, daß Sie einen Tag, Ihren Freund noch gar zu sehr fühlen ließen, wie wenig Sie es vergeßen können, daß er Ihnen einst mehr war: den andern Tag gereute Sie das wieder (vielleicht mit Recht) und Sie verfielen in Mißmuth, Stillschweigen und Kälte, und brachten den zur Verzweiflung, den Sie den Tag zuvor nicht hätten so hoch erheben sollen. Auf diesem Wege giebt es keine Ruhe für Sie beyde. Folgen Sie meinem Rath: Geben Sie ihm Ihre Freundschaft, wie er es verdient, machen Sie ihn zum Vertrauten Ihres Herzens - nur niemals der geringsten Schwäche gegen ihn, wo nicht alles verdorben seyn soll - leben Sie mit ihm in i m m e r g l e i c h e r, unschuldiger, fröhlicher, glücklicher Einigkeit: Sprechen Sie über Alles, selbst über Ihre vergangnen Schiksale, nur <ohne> // geheimnißvolle Verschwiegenheit, und ohne Vorwürfe. Denn diese beyden Abwege führen Sie gewiß vom Ziele, entweder in Kälte, oder in Hitze: und beydes ist nicht für Ihre Herzen. Wäre leNoble im Stande, mit dieser reinen, edeln, unschätzbaren Freundschaft nicht zufrieden zu seyn so wäre er nicht werth, Sie je geliebt zu haben, so müßte er nicht wißen und fühlen, daß der Rausch der Liebe verfliegt, immer einmal verfliegen muß, und daß Freundschaft ewig währt. Aber ich versichre Sie: fangen Sie es nur recht mit ihm an: er soll bald das Leben wieder lieb gewinnen: denn - zittern Sie nicht für unsern Freund ? - jetzt ist es ihm gleichgültig. Meine liebe Graunin ! Ich weis, daß Sie einst Rousseaus neue Heloise mit großem Vergnügen gelesen haben. Ich weis wol nicht, wie die deutsche Uebersetzung dieses unvergleichlichen Buchs, worin mehr Tugend wohnt, als in ganzen moralischen Bibliotheken, gerathen ist: denn ich habe mich nie entschließen können, sie zu lesen: so viel weis ich aber wol, daß sie unendlich viel verliehren, wenn Sie es nicht im Französischen lesen können. Indeßen auch der Schatten-Riß eines solchen Originals ist immer noch entzückend und lehrreich genung. Lernen Sie doch, liebenswürdige Julie, w e n n e s j e i n d e r w i r k l i c h e n W e l t e i n e g a b, lernen Sie doch von jener bewunderten Julie von Wolmar die Art, wie sie mit ihrem St. Preux umgieng, als er von seiner Reise um die Welt zurückkam. Ihre Schicksale haben viel Aehnlichkeit: und, vorausgesetzt nur, daß die deutsche Uebersetzung erträglich ist, so würde ich Ihnen in Ihrer jetzigen Lage vorschlagen, gar Nichts anders zu lesen, als den 3ten, 4ten und die folgenden Theile der Heloise. Bemerken Sie aber wol: nicht die beyden ersten. Ums Himmels willen nicht: und wenn Sie sie gar <im> Französischen [xxx] <besitzen>, so beschwöre ich Sie um Ihrer Ruhe und Glückseeligkeit willen, rühren Sie sie nicht an, werfen Sie sie weg - und laßen Sie die letzten Theile in Gold einbinden. // Zu dieser freundschaftlichen Offenherzigkeit mit leNoble, als dem einzigen Wege, zu Ihrer vollkommnen Ruhe, gehört denn, meines Erachtens auch, daß Sie ihm - erstaunen Sie nicht - aus meinen Briefen gar keine Geheimniße machen. Ich weis wol, daß Sie ihm nicht immer jedes Wort, was ich schreibe, werden zeigen können: aber daß Sie es, wie ich höre dahin gebracht haben, daß leNoble meine Briefe an Sie gar nicht mehr lesen w i l l, das gehört mit zu der falschen und e i n s e i t i g e n Verfahrens-Art, die ich an Ihnen tadle. Ich nenne sie nehmlich f a l s c h, weil sie Sie nicht zum Glück führt. Meinethalben könnten Sie ihm selbst diesen Brief zeigen: denn wäre er nicht mit mir zufrieden: verlangte er mehr, als Ihr Freund, als Ihr Freund in u n s r e r Bedeutung (worin es sich besonders sehr von dem Wort: B e k a n n t e r NB. unterscheidet) zu seyn, kurz wäre er mit dem, was ich Ihnen in diesem Briefe anrathe, nicht ganz einig, ja, dann hätte ich, bey Gott, mit ihm Nichts mehr zu theilen, und fienge, wenn es mir möglich wäre, auch an, sein B e k a n n t e r zu werden.Das ist also Ihr Weg: große, sanfte Beruhigung aller Leidenschaften: stille, friedliche Ertragung der Uebel, die Ihnen beschieden sind: Erholung davon in der edlen Bemühung, Ihren Mann glücklicher (das heißt allemal: beßer) <und> Ihre Kinder zu guten Menschen zu machen, in dem freyen, ungezwungnen Umgange mit Ihrem liebenswürdigen St. Preux, und mit Ihrer rechtschaffnen, lieben, guten Familie. Führt das Schiksal Sie nach Berlin, so finden Sie auch hier Menschen, die es werth sind, daß man das Leben liebt; und wenn Sie dann mit leNoble auf den Fuß sind, wie ich es wünsche, so wird Sie Ihre Trennung von ihm betrüben, aber nicht z e r r e i ß e n. Rauschende Vergnügungen der Welt, rathe ich Ihnen, sparsam, sehr sparsam zu genießen. Sie sind verderblich für Sie. Wißen Sie warum ? - Weil ich fühle, daß sie es für mich sind. Und ich fürchte, // daß unsre Seelen sich auch hierin sehr ähnlich sind. Worin dieser schädliche Einfluß des Uebermaßes dieser Vergnügungen, auf empfindliche und höhere Gefühlen offne Herzen liegt, könnte ich Ihnen jetzt noch weitläuftig aus einander setzen, wenn ich nicht fühlte, daß es endlich einmal Zeit wird, Rechenschaft zu geben, wie ich mich denn unterstehen kan, und wodurch ich befugt, und berechtigt bin, Ihnen eine mehr als 2 Bogen lange moralische Predigt zu halten. Und diese Rechenschaft will ich nun noch ablegen. Sie haben mir in Ihrem letzten Briefe eine Probe von Freundschaft gegeben, die ich im Innersten des Herzens gefühlt habe, die mir, wenn ich sie von jedem Andern erhalten hätte, viel Freude gemacht haben würde, da sie mich, weil sie von Ihnen kam in das reinste und zärtlichste Entzücken versetzt hat. Was kan ich anders meynen, als Ihren aeußerst freundschaftlichen und gütigen Vorschlag, mir ein Journal Ihrer vorzüglichsten Gedanken und Empfindungen bey großen Vorfällen mitzutheilen ? Ich will es hier nicht wiederholen, was ich Ihnen so oft über den unbeschreiblich hohen Werth gesagt habe, den ich auf Ihre Freundschaft setze. Auch wäre es unnöthig, daß ich das wiederholte. Sie würden mich nicht auf eine so ausgezeichnete Art ehren, wenn Sie nicht überzeugt wären daß mein Herz im Stande ist, stolz auf meinen genauern Umgang mit Ihnen zu seyn. Eben diesen Vorschlag aber, der mich so herzlich erfreut hat, und der mir noch manchen frohen Augen Blick verspricht, eben der führte mir die Hand, als ich es wagte, Ihnen Ihren Lebens-Plan vorzuzeichnen. Großes Vertrauen erregt große Aufrichtigkeit; und weit schwächre Bewegungs-Gründe, als der, den Sie mir darboten, wären schon überwiegend gewesen, sobald mich der Gedanke begeisterte: zu I h r e r Glückseeligkeit etwas beyzutragen. Ich denke, wenn meine Predigt noch zwey Bogen länger gewesen wäre, so wäre sie hiedurch entschuldigt. Nun halten Sie aber auch Wort: Schreiben Sie mir jeden wichtigern // Vorfall in Ihrer Lebens-Bahn, zumal wenn er Ihnen Stoff zu Betrachtungen gab. Um aller Freundschaft willen aber bitte ich Sie: Schreiben Sie nicht an mich, als [xxx] an den Moralisten. Verzeihen Sie mir die kleine mistrauische Bedenklichkeit. Ich fürchte, Sie würden dann nicht ganz so schreiben, wie ich es wünschte. Nein ! Schreiben Sie an mich, als an den gutherzigen, redlichen - oft herzlich schwachen Freund. O ! meine Freundinn ! Glauben Sie nicht, daß ich allen den weisen Maximen, die ich Ihnen vorpredige, und, das weis Gott, mit innerm Gefühl ihrer Wahrheit, vorpredige, immer so getreu bin, als ich es Ihnen wünsche. Tugendhaft, weise, strenge sogar, in der Stunde der Betrachtung - schwach, thörigt, leichtsinnig in dem Rausch des Lebens, überspringe ich oft genung die Linie, die ich doch so gut kenne, die furchtbare, {feine} Linie, die das Gute vom Bösen trennt. Dreist und ohne Rückhalt, können Sie jede kleine Abirrung von dieser köstlichen Linie, jede kleine Schwachheit Ihres Lebens, in mein freundschaftliches Herz ausgießen: und wenn es mir an Kraft gebricht, Ihnen zu helfen, so wird es mir nie an Thränen fehlen, Sie zu beweinen. Einen neuen und nicht kurzen Weg könnte ich hier, gute, gute Graunin, einzige Vertraute meiner tiefsten Tiefen, einen neuen Weg könnte ich jetzt mit Ihnen durchlaufen, wenn es mir vergönnt wäre, diesen Brief noch zu verlängern. Ich könnte Ihnen m e i n e Schwachheiten, m e i n e Verirrungen - m e i n e trübe Stunden ausmahlen. Aber wozu auch ? Sie haben Mühe und Last genung auf Ihrem Rücken, ich, ich will mit Ihnen theilen; warum sollte ich Ihnen noch mehr finstre Seiten zeigen, an der hellen, und herrlichen Welt Gottes ? - Fragen Sie mich nicht über diese Stelle: ich kan Ihnen nie eine s c h r i f t l i c h e Auskunft darüber geben: und Sie sehen wol, daß das soviel heißt als: ich kan sie Niemand in der Welt geben. Aber mündlich, will ich sie Ihnen aufklären. Nur soviel muß ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung, und meiner Rechtfertigung sagen: Ich bin nie zum Verräther an der Tugend geworden: Ich liebe Coelestinen, wie ich sie am Tage meiner Abreise liebte; und - ich bin noch immer werth, Ihr Freund zu seyn. // Seelen von gewißer Art fallen selten oder nie über eine gewiße Gränze hinaus. Die grösten Vergehungen, deren wir, liebe Freundinn, nur fähig sind, sind immer blos die, daß wir uns auf kurze oder lange Zeit um den rechten Lebens-Genuß, und um das volle Gefühl menschlicher Glückseeligkeit bringen. Für die Ruhe des Gewißens ist das vielleicht sehr wenig: für die Ruhe des Lebens ist es schon allzuviel.Ich danke Ihnen noch ganz besonders für das kleine Geschenk, das Sie mir durch le Noble geschickt haben. Mancher große Brief, und manches prächtige Praesent, wären meinem Herzen unendlich gleichgültiger gewesen, als diese wenigen Fäden Baumwolle, die Ihre Hand berührt, und Ihr freundschaftliches Andenken an mich, geheiligt hatte. Weil ich Ihnen doch nun aber ein Gegen-Geschenk machen muß, und besonders, weil sich le Noble in seinem Briefe über Ihre Baumwolle sehr lustig gemacht hat, so schicke ich Ihnen hier ein Büschelchen von der Feder, mit der ich den grösten Theil dieses Briefs geschrieben. Zeigen Sie es ihm - sonst aber um aller Welt willen keinem: denn Sie wißen, daß sehr viele Leute in solchen Kleinigkeiten, Nichts weiter sehen, als was sie sind. Und die sehen dann freylich - herzlich wenig. Tausend tiefe, unsäglich große, herzlich gefühlte Wünsche zu Ihrem GeburtsTage, der in diese Woche fällt. O ! möchten Sie mit diesem Tage ein glückliches LebensJahr, und mit diesem glücklichen Jahre eine Reihe glücklicher Jahre anfangen, die nicht eher abbräche, als [mit] an dem späten, weit entfernten Ende Ihrer Tage ! Sagen Sie leNoble, ich würde ihm auf seinen reichhaltigen und mir sehr werthen Brief nächstens antworten. Sie aber - erfüllen bald Ihr Versprechen. Die frühe Rückkehr des goldnen Sommers verspricht mir viel Gutes. Freuen Sie Sich mit mir: ich weis, daß Sie es ungebeten thun. Denken Sie, daß Sie jedesMahl, wenn Sie Sich hinsetzen an mich zu schreiben, einem Menschen, den Sie sonst gern froh machten, eine sehr glückliche Stunde bereiten, und daß ich, wenn es mir nur in diesem unruhigen Berlin erlaubt wäre, gern mein tägliches Geschäft daraus machte, an Sie zu schreiben, theuerste, unschätzbare Freundinn meiner besten Tage ! Berlin den 8ten April. 1786. Gentze. Ihr Mann schimpft auf mich: ich höre es bis in meine Stube, und will dem Uebel abhelfen. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 241mm x 183mm; 12 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 8, 67-78. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 17, 78-87. Olfers, Margarete von: Elisabeth v. Staegemann. Lebensbild einer deutschen Frau 1761-1835, Leipzig 1937, 57-63 (tlw.).