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Gentz ; Garve, Christian
An Christian Garve, Berlin, 5. Dezember 1790, Durch Kriegseinwirkungen zerstört 1790

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1439
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Garve, Christian
LocationBerlin
Date5. Dezember 1790
Handwritten recordDurch Kriegseinwirkungen zerstört
Places of printSchönborn, Briefe, Nr. VII, 56-72; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 41, 177-187
IncipitIhre Gütigkeit, mein teurer, unvergeßlicher Lehrer
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Chistian Garve Berlin, 5. Dezember 1790 Berlin, den 5. Dezember 1790. Ihre Gütigkeit, mein teurer, unvergeßlicher Lehrer und Freund ! mir so prompt auf jeden meiner Briefe zu antworten, verdoppelt natürlicherweise meine immer rege Lust an Sie zu schreiben. Durch eine der angenehmsten Beschäftigungen, die ich kenne, erkaufe ich mir einen der reellsten Genüsse, die es für mich gibt, zu lesen, oft und wiederholt zu lesen, daß, was mich angeht, Sie interessiert, und was ich Ihnen mitteilen kann, unterhaltend für Sie ist. Was ich nun freilich am liebsten in Ihren Briefen finden möchte, die Nachricht, daß Ihre Gesundheit, wo nicht ganz hergestellt, doch einer vollkommnen Herstellung recht nahe wäre, habe ich auch in Ihrem letzten Schreiben, leider, noch vergeblich gesucht. Im Gegenteil haben Sie über Ihren Zustand dort in Ausdrücken gesprochen, die mich äußerst betrübt hätten, wenn ich nicht voraussetzte, daß eine gewisse Mutlosigkeit, die im Augenblick der ungeteilten Aufmerksamkeit auf lange und hartnäckige Übel so natürlich ist, Sie nicht kontinuierlich, sondern nur in trüben Stunden beherrscht, und daß Sie vielleicht in bessern Stunden, mehr Kräfte fühlen, und eine heitrere Existenz genießen, als Sie in jenen Augenblicken selbst glauben. So wünscht sich mein Herz, dem der Gedanke, daß Sie leiden, so schwer zu ertragen ist, durch eine vielleicht unbescheidne Sophisterei von dem Drückenden in diesem Gedanken, so viel als möglich zu befreien, und sucht, wie man es so oft bei eigner Not tut, für fremde aber doch so nahe Übel Trostgründe in einem vielleicht ganz chimärischen Raisonnement. Ich weiß nicht, wie und warum ich die sonderbare Ahndung habe, daß Sie ganz genesen würden, wenn Sie sich in Berlin fixieren könnten. Vielleicht ist auch dies eine der gewöhnlichen Täuschungen, die uns zu blenden pflegen, wenn wir etwas recht lebhaft wünschen, wo wir uns dann immer sehr leicht einbilden, das Erwünschte sei das nützlichste, das weiseste etc. Indessen dünkt mich doch, Sie haben mir verschiedentlich eingestanden, daß Sie sich seit geraumer Zeit nicht so wohl befunden hätten, als in den letzten Wochen Ihres hiesigen Aufenthalts. Doch freilich, wenn dies auch wäre, über welche Umstände müßte ich Herr sein, um hier durchzusetzen, was ich so gern realisiert sehen möchte !Unterdessen will ich fortfahren, Sie, ohne Plan und Ordnung mit einigem, was hier um mich vorgeht, und mit Nachrichten von mir selbst // so gut zu unterhalten, als es mir möglich ist. Ich fange für heute damit an, Ihre beide Fragen zu beantworten. Zuerst, wegen der französischen Zeitschriften. Daß es in Ansehung dieses Punkts in Berlin v i e l tröstlicher sei, als in Breslau, bezweifle ich stark. Ich glaube wohl, daß einige vornehme Personen, mit denen ich in keiner Bekanntschaft oder Verbindung bin, die vornehmsten französischen Journale und Revolutionsschriften kommen lassen. Daß aber Leute vom Mittelstand, Gelehrte, und Buchhändler sie nicht haben und halten, davon bin ich, leider, vollkommen überzeugt. Indessen wird doch der Hunger nach Neuigkeiten aus Paris e i n i g e r m a ß e n gestillt, indem wir wenigstens eins der besten und ausführlichsten Journale, den Mercure de France haben. Der Buchhändler Schön läßt ihn, vorzüglich für Ancillon und mich kommen, und b e h ä l t i h n nachher. Wollen Sie also diesen lesen, so dürfen Sie mir nur melden, v o n w a n n a n o h n g e f ä h r Sie ihn zu haben wünschen: alsdann würde ich mit dem Buchhändler das Nötige verabreden, und mit der ersten guten Gelegenheit das Paket an Sie abschicken. Ich habe, obgleich bloß unter der Anleitung dieses Mercure, seit einiger Zeit die französischen Begebenheiten wieder mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ich habe mir sogar aus den unzählbaren Reden für und wider die A s s i g n a t e Quintessenzen zu ziehen versucht, die alles, was man nur auf beiden Seiten der Frage sagen kann, konzentrieren, und in einen systematischen Zusammenhang bringen. Ich muß gestehen, daß ich keins der vielfältigen und zum Teil sehr scheinbaren Argumente g e g e n die Assignate unüberwindlich gefunden habe. Die allein gültigen setzten immer den M i ß k r e d i t dieser Papiere v o r a u s. Trifft diese Voraussetzung nicht zu - und, gottlob, es hat das Ansehen, als würde sie nicht zutreffen, so fallen auch alle Argumente gegen die Assignate zu Boden. Überhaupt bin ich noch nichts weniger als geneigt, an der guten Sache zu verzweifeln. Das Scheitern dieser Revolution würde ich für einen der härtsten Unfälle halten, die je das menschliche Geschlecht betroffen haben. Sie ist der erste praktische Triumph der Philosophie, das erste Beispiel einer Regierungsform, die auf Prinzipien und auf // ein zusammenhängendes, konsequentes System gegründet wird. Sie ist die Hoffnung und der Trost für so viele a l t e Übel, unter denen die Menschheit seufzt. Sollte diese Revolution zurückgehen, so würden alle diese Übel zehnmal unheilbarer. Ich stelle mir so recht lebendig vor, wie allenthalben das Stillschweigen der Verzweiflung, der Vernunft zum Trotz eingestehen würde, daß die Menschen nur als Sklaven glücklich sein können, und wie alle große und kleine Tyrannen dieses furchtbare Geständnis nutzen würden, um sich für das Schrecken zu rächen, was ihnen das Erwachen der französischen Nation eingejagt hatte. Sie haben Recht, daß die Nachrichten, die wir aus Frankreich erhalten, fast nichts als Torheit und Verwirrung aussagen. Aber zweierlei mildert in meinen Augen diesen ungünstigen Anschein: Erstlich, die unglaubliche Albernheit und Unzuverlässigkeit unsrer elenden Zeitungen. Zweitens, der Umstand, daß Deutschland überhaupt die meisten französischen Neuigkeiten von Leuten erhält, die der Revolution nicht wohlwollen, und daß die, welche diese Neuigkeiten uns vortragen, aus Furcht vor ihren Obrigkeiten fast durchgängig genötigt sind, das wahrhaft Große und Schöne, was sie noch etwa zu sagen hätten, zu unterdrücken, und uns Possen und Schlacken hinzuwerfen. Der Redakteur des Mercure de France ist ein äußerst parteiischer Gegner der Revolution. Anfänglich war er, ohngeachtet seiner Parteilichkeit, doch sehr gemäßigt und sogar billig. Von einem Stück zum andern wird er ungerechter, hitziger, und intoleranter. Er gibt das, was die herrschende Partei der Nationalversammlung sagt, im magersten Auszuge, und was die ihm gefallende Antagonisten sprechen, schmückt er mit sichtbarem Wohlgefallen aus. Alle diese Fehler hindern nicht, daß ich dieses Journal mit Vergnügen lese, weil es denn doch das einzige ist, welches ich, außer dem, was deutsche Papiere schwatzen, habhaft werden kann, und weil es wenigstens sehr gut geschrieben ist. Auch kann ich Sie versichern, daß alle Klagen und alle Sarkasmen dieser Schrift mich nicht im geringsten abhalten, zu sehen, daß die Nationalversammlung immer noch zweckmäßig und weise handelt, daß die Unruhen und Exzesse lange so groß nicht sind, als man sie hin und wieder // macht, daß die Aussichten für die Zukunft heitrer sind, als die Feinde sie schildern, und daß, wenn keine unvorhergesehene Hindernisse eintreten, wahrscheinlich ein glückliches Ende das größte Werk, was die Geschichte aufweisen kann, krönen wird. Außer dem Mercure läßt sich nun Ancillon, zwar nicht wöchentlich oder monatlich, sondern in ganzen Lieferungen den Courier de Provence schicken. Sie kennen die hinreißende, wenn gleich nicht immer genugtuende und zuverlässige Manier dieses Schriftstellers. Sie haben selbst noch die Briefe, die vor dem Courier de Provence hergingen. Könnten Sie sie bei einer guten Gelegenheit zurückschicken, so würde es Ancillon und mir lieb sein. Er hat jetzt den Courier de Provence bis zum August des Jahres einbinden lassen; und wird sich eine Freude machen, Ihnen davon einige Teile zu schicken. Was meinen Sie, daß ich ihn jetzt von Anfang bis zu Ende durchlese ?Noch ist hier das Journal Encyclopédique zu haben, worin das Journal der Nationalversammlung zwar sehr zuverlässig, und unparteiisch, aber sehr m a g e r, zu finden ist. Das herrlichste von allem ist nun freilich der P r o c è s v e r b a l der Nationalversammlung selbst, der aber schon ein ungeheures Werk ausmacht, und den nur (meines Wissens) ein einziger Mann in Berlin hat: dies ist der gewesne Geheime Finanzrat De Latres, den aber unglücklicherweise niemand von denen, die ich genauer kenne, kennt. Der Prediger Saunier, der den größten Teil dieser voluminösen Akten gelesen hat, hat mich versichert, daß besonders die Rapports der verschiednen Komitees, die darin befindlich sind, eine Sammlung der meisterhaftesten Aufsätze über alle Teile der Staatsverfassung ausmachen. Dieses Journal zu halten, ist ein Objekt von 80 bis 100 Taler jährlich. Ich kann, wie Sie sehen, von dem, was die französische Revolution angeht, nicht leicht wieder abkommen: aber ich weiß, daß auch // für Sie diese Materie viel Interesse hat. Ihr erleuchteter Geist und Ihr menschenliebendes Herz werden gemeinschaftlich dabei aufgefordert, und ein Versuch zur Menschenverbesserung im großen ist eine zu wichtige Erscheinung für einen praktischen Weisen. Ich will nun durch einen allmächtigen Sprung von einem der größten Gegenstände unter der Sonne zu einem der unbedeutendsten übergehen. Ich will Ihnen erzählen, womit i c h mich beschäftige, und wie ich mich diesen Winter durch zu beschäftigen und zu unterhalten gedenke. Ich habe kürzlich 2 große, aber nicht neue Lektüren geendigt. Erstlich habe ich Smith on national wealth zum drittenmal mit größter Aufmerksamkeit durchstudiert, und mir eine Analyse von 40 Bogen daraus gemacht. Ich erinnre mich, daß ich zuweilen, jedoch nur beiläufig, mit Ihnen über dieses Buch gesprochen habe: aber mich dünkt, Sie ließen sich nicht mit dem uneingeschränkten Lobe darüber aus, welches ich ihm von jeher beigelegt habe. Meines Erachtens ist es fürs erste, bei weitem das vollkommenste Werk, was je in irgend einer Sprache über diesen Gegenstand geschrieben ist, und ich kann nicht leugnen, daß Stewart, Forbonnais, Melon, Büsch etc. und alle die mir noch bisher in die Hände gekommen sind, in einer großen Entfernung hinter Smith zurückbleiben. Außer diesem spezifischen Verdienst aber, halte ich es überhaupt, in Ansehung der Methode und in Ansehung der Schreibart für eins der vollendetsten und musterhaftsten Bücher, die in irgendeiner Wissenschaft existieren mögen. So viel Klarheit mit so viel Tiefsinn vereinigt, eine solche, kalte, gelassne Untersuchung neben einem so warmen Eifer fürs Wohl der Menschheit, eine solche nie unterbrochne Ordnung bis in die kleinsten Abteilungen und Zweige eines so bewundernswürdigen Systems, und eine solche Einheit des Ganzen, findet man doch wirklich in äußerst wenigen philosophischen Untersuchungen. In Ansehung des Stils gestehe ich Ihnen, daß ich den Smith für den vollkommensten // englischen Prosaisten halte; weder Hume noch Ferguson, die am bequemsten mit ihm zu vergleichen sind, und die ihn in einzelnen Eigenschaften, in Witz, in Kraft, in Mannigfaltigkeit übertreffen mögen, finde ich so von allen Seiten betrachtet, korrekt und untadelhaft. Von deutschen Schriftstellern ist nur ein einziger, in dessen Schreibart ich eine Ähnlichkeit mit der seinigen, und zwar in vielen Punkten finde, und das ist Garve. Aber auch nur dieser: und vielleicht sind Sie selbst billig genung, um dies einzugestehen. Nach diesem habe ich denn abermals die K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t gelesen, und wirklich mit großer Anstrengung gelesen. Es ist Ihnen bekannt genung, daß die Schwierigkeiten bei diesem Buch von doppelter Art sind. Einmal muß man jede Stelle k r i t i s c h lesen, um nur (so weh m i r auch dies Geständnis tut) die Druckfehler, wovon alles noch wimmelt (ohnerachtet ich bei der z w e i t e n Korrektur einige tausende weggeschafft habe), auszustoßen, und nur grammatisch den Sinn zu erraten. Nachher kömmt dann erst die Dunkelheit der Sache. Es ist ein starkes, aber doch auch sehr belehrendes Unternehmen, sich an dieses Werk zu machen. Die neue Edition desselben, nach der Sie sich erkundigen, scheint, so nötig sie auch sein mag, noch weit im Felde zu sein. Es hieß, sie sollte auf Ostern erscheinen. Noch sind aber keine Anstalten da. Für diesen Winter soll das Studium der ersten Grundsätze der gesellschaftlichen Verbindung, und der Staateneinrichtung mein Hauptzweck sein. Ich habe darum den Montesquieu wieder mit wahrem Eifer vorgenommen, und will ihn recht kritisch durchgehen. Der Himmel schenke mir nur Zeit und Muße von meinen - ach ! Sie wissen es ja ! - mir so unangenehmen Amtsgeschäften ! Den chemischen Kursus bei Klaproth werde ich wiederholen. Und Petiscus, der diesen ganzen Winter in Berlin bleibt, und dicht neben mir wohnt, dient mir zu einer heilsamen Repetition der griechischen Literatur. Ich lese den Plato mit ihm. Sind das nicht starke Unternehmungen für einen geplagten, sklavisch belasteten Geheimen Sekretär ? // Mein vorzüglichster Umgang besteht noch immer in Ancillon. Nichts ist mir gewisser, als daß ich nie in meinem Leben, einen harmonischer zu mir gestimmten Menschen finden werde. Nach ihm habe ich jetzt einen sehr angenehmen Gesellschafter in Herrn von Humboldt erworben, den Sie mir selbst vor Ihrer Abreise empfahlen. Wir sind uns jetzt näher gerückt, und kommen sehr oft und vertraut zusammen. Er ist einer der scharfsinnigsten und besten Köpfe, die mir je vorgekommen sind. Er hat sowohl Witz, als Tiefsinn. Er ist besonders ein furchtbarer Dialektiker: nichts ist schwerer aber auch belehrender als einen langen Streit mit ihm auszuhalten. Ich nenne ihn gewöhnlich den W e t z s t e i n des Verstandes. Wenn ich eine Materie so durchdacht habe, daß ich glaube, nun könnte mich wohl kein Einwurf mehr erschüttern, so erstaune ich zuweilen über seine Kunst, Einwürfe gleichsam zu e r s c h a f f e n. Sie sollten unsern philosophischen Unterredungen beiwohnen: ich bin überzeugt, Sie würden mit uns zufrieden sein, Sie würden sich vielleicht belustigen. Wir haben auf jeden Freitag eine unwandelbare Zusammenkunft festgesetzt. Die erste und heiligste Regel dabei ist die: es darf niemand als Humboldt, Ancillon und ich in diesem ganz engen Kreise erscheinen. Es ist nur zu ausgemacht, daß man in Gesellschaften, die zahlreicher sind als drei, selten oder nie etwas lernen kann. Man streitet nicht mehr: man s c h r e i t. Man entwickelt nichts: denn man balgt sich ohne Zweck und Ziel, und ohne Erfolg über die ersten Grundsätze herum. Diese müssen feststehen, und noch mehr: die Progressen der Menschen, welche mit wahrem Nutzen über wichtige Gegenstände sprechen wollen, müssen durchaus ohngefähr gleich sein, wenn etwas herauskommen soll. Dies ist der Grund, weshalb dies Kleeblatt sich so eigensinnig selbst genung sein will. Außerdem ist alle Dienstage eine recht angenehme Gesellschaft entstanden, welche der D a m e n t e e heißt. Sie versammelt sich einmal bei der Demoiselle Hainchelin, einmal bei Madame Herz, einmal bei der Kriegsrätin Eichmann, und einmal bei Mademoiselle Dietrich. Zu diesem Tee sind folgende junge Mannspersonen ein für allemal geladen: // Spalding, Humboldt, ein sehr artiger und wohlunterrichteter Graf Dohna, der seit einiger Zeit hier ist, Ancillon und ich. Außer diesen bittet aber jede Dame, bei welcher der Tee ist, noch wen sie will. Dieses Institut hat der jetzt nach Schweden zurückgekehrte Brinkmann kurz vor seiner Abreise zustande gebracht: und es ist wirklich ein recht schätzbares Vermächtnis, was er seinen Freunden hinterlassen hat. Sie können glauben, wie tief wir es alle fühlen, daß unsre gute Frau von Phul in diesem Zirkel nicht erscheinen kann. Das Schicksal dieser trefflichen Person ist schrecklich. Sie ist jetzt in Potsdam, und ihre Kur wird unter Selles Direktion getrieben. Hoffnung zu ihrer Genesung ist noch immer da: sie hat Intervalle von Vernunft: aber die Perioden, in denen sie ihres Verstandes beraubt ist, sind lang und traurig. Sie können sich vorstellen, was der arme Mann dabei leidet. Bis zum späten Herbst ist sie in Lichterfelde gewesen: ich habe einige der traurigsten Wochen mit ihrer Familie da zugebracht; ich habe sie täglich gesehen: aber damals war sie so von Sinnen, daß sie mich durchaus nicht erkannte, da sie sich doch, wie ihre Kammerjungfer versichert, in Pyrmont, im Anfange ihrer Verrückung beständig nach mir gesehnt hat. Selle will sie bloß durch kalte Bäder heilen: mir mißfällt seine ganze Kurart, und tausendmal habe ich mich schon an Ihre so gegründete Äußerung: I c h m a g k e i n e n m e t a p h y s i s c h e n A r z t - bei dieser Gelegenheit erinnert. Von gelehrten Neuigkeiten weiß ich nicht viel. Man sagt, daß Reinhold diesen Winter, und Schiller für beständig nach Berlin kommen wird. Herr Schwabe aus Stuttgart hat neulich einen Versuch ge//macht, die Kantsche Philosophie m i t e i n e m H i e b e zu vertilgen. Er hat durch Herrn Merian ein fürchterliches Mémoire in der Akademie vorlesen lassen, welches schon vorher soviel Aufsehen erregt hatte, daß verschiedne Fremde (d. h. aus Berlin) der Session diesen Tag beiwohnten. Der Ausgang ist sehr unbedeutend gewesen. Im ersten Teil seines Mémoire bewies Herr Schwabe mit viel Witz und Beredsamkeit weiter nichts, als daß er seinen Gegner nicht verstanden hatte. Im andern führte er - horribile dictu - gar ein ganz neues System auf. Gestehen Sie: schlechter kann man einen kritischen Zweifler nicht widerlegen. - Herr Selle arbeitet ebenfalls an einem großen Sturm auf das Kantsche System; und Merian freute sich schon im Geist, wie vor Ablauf eines Jahrs seine beiden Todfeinde: die Kantsche Philosophie, und die französische Revolution, in den Abgrund gestürzt liegen werden. Warum soll uns das Unglück drohen, gegen alle diese streitsüchtige Helden und ihre Gefechte, nicht mehr auf eine süße Erholung in einem Produkt Ihrer sanften, der Wahrheit und der Schönheit allein geweihten Feder hoffen zu dürfen ? Warum soll ich das traurige Geheimnis mit mir herumtragen, daß Garve vielleicht für die Literatur seines Vaterlandes verstummen will ? Nein ! meine Stimme ist schwach: aber diese Stimme soll doch ohne Unterlaß gegen einen solchen Vorsatz tönen. Bringen Sie uns um nichts von dem, was wir einst ohne Ersatz werden entbehren müssen. Kein Wechsel in den Systemen, keine Mode in der Bücherschreibekunst kann je den eigentümlichen Reiz Ihrer Schriften verdunkeln. Sie werden immer interessant, immer neu bleiben. Von Ihrem Werke über den König sage ich nicht einmal etwas. Über dieses werde ich ungestüm in Sie dringen. Aber auch die Schrift vom Dasein Gottes, und den Aristoteles schenke ich Ihnen nicht. Verzeihen Sie mir meine wilde Zudringlichkeit. Das Vertrauen, womit Sie mich beehrt haben, rechtfertigt sie. Mein Herz spricht so warm, als mein Verstand hiebei klar sieht: ich gönne andern meine schönsten Empfindungen: und ich weiß, wie glücklich mich die Erscheinung dieser // Schriften machen wird. Geben Sie mir in Ihrem nächsten Briefe bessre Hoffnungen ! Wie gern, wie herzlich gern, möchte ich Ihnen manche Stunden des für Sie gewiß traurigen Winters hinbringen helfen. Wie gern vertauschte ich augenblicklich meine ganze hiesige Lage gegen den Aufenthalt in Breslau, wenn mir auch vorgeschrieben wäre, daß ich nichts da genießen sollte, als - Sie, und die Freiheit. Vielleicht würde Sie meine Anwesenheit manchmal erheitern. Meine Seele gefällt sich wohl in diesem Gedanken. Von Veränderungen, die sich neuerlich in Breslau zugetragen haben, habe ich keine interessantre erfahren, als die Heirat der Mademoiselle Müllendorf. Sie hat mich einigermaßen befremdet. Nicht etwa, weil der junge Mann, wie man sich auszudrücken pflegt, n i c h t s i s t: dieser Grund wäre wirklich weit unter mir: aber, weil er, wie mich dünkt das nicht hat, was ein Mädchen, wie dieses, eigentlich ernsthaft gewinnen kann. Doch in diesem Teil der Seelenlehre sieht es gar dunkel aus. Ein weibliches Herz ist ein tiefres Rätsel, als das Problem der Isochrone. Gegenwärtiger Brief kömmt Ihnen zu durch den Leutnant von Bardeleben von hier. Zugleich erhalten Sie die beiden längst versprochnen Teile des Hénault. Sie kosten 2 Reichsthaler 14 Groschen. Herr von Bardeleben geht in vier Wochen von Breslau wieder ab. Wollen Sie diese Gelegenheit nützen, mir die Lettres de Mirabeau zurückzusenden, so wird er gern den Auftrag übernehmen. Biester dankt Ihnen nochmals sehr für den Aufsatz, der allen Lesern der Monats Schrift gewiß sehr angenehm gewesen ist. Die Fortsetzung würde es nicht minder sein. Ich möchte besonders (für mich specialiter) wohl über die Quaestiones Juris in dieser Sache Ihre Meinung wissen, weil ich zeither viel darüber gedacht habe. Ancillon muß ich sehr dringend bei Ihnen entschuldigen. Ihre Güte, an ihn zu schreiben, hat ihn in der Tat innig gerührt und beschämt. Er ist tagtäglich im Begriff zu antworten, und wollte es mit der gegenwärtigen // Gelegenheit ohnfehlbar tun. Aber - er macht Predigten: und es ist unglaublich, wie sehr dies den Menschen verstimmt. Sie kennen ihn, meines Bedünkens, hinreichend, um wenigstens allgemein zu begreifen, wie dieses Phänomen auseinandergeht. Er liebt seinen Stand nicht: und er hat doch Ehrgeiz, und zwar selbst Standesehrgeiz: er will, da er einmal predigen m u ß, doch gern vortrefflich predigen. Ich bin um die Hälfte glücklicher: ich liebe meinen Stand vielleicht weniger als er den seinigen: ich habe dazu wirklich außer den meinem Individuo eignen, auch allgemein geltende, solide Ursachen: aber dafür besteht meine qualvolle Arbeit in Sachen, die man fast nicht schlecht machen k a n n, sobald man den Menschenverstand hat. Mich drückt nichts, als die Notwendigkeit, auf diese mir verhaßte mit meinem ganzen Wesen nicht harmonierende Art zu arbeiten. Die Ausführung der Arbeit selbst ist mir ein Kinderspiel. Übrigens denkt er oft und mit aller der Verehrung und Zärtlichkeit an Sie, die der, welcher in so vielen Betrachtungen der Freund meiner Seele ist, durchaus kennen und fühlen muß. Ich schließe diese - ach ! gewiß z u lange Epistel mit der Bitte, mich Ihrer würdigen Frau Mutter aufs beste zu empfehlen, und mir Ihr Andenken und den Anteil an Ihrer Freundschaft zu erhalten, den ich unter die Bedingungen meiner Glückseligkeit rechne. Leben Sie wohl und denken Sie an Ihren aufrichtig ergebensten Gentz. H: Durch Kriegseinwirkungen zerstört. D: Schönborn, Briefe, Nr. VII, 56-72. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 41, 177-187.