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Gentz ; Graun, Elisabeth
An Elisabeth Graun, Berlin, 10. Juni 1785, Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66 1785

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id1113
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Graun, Elisabeth
LocationBerlin
Date10. Juni 1785
Handwritten recordJagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66
Size/Extent of item2 Bl., F: 234mm x 187mm; 4 eighd. beschr. Seiten
Places of printSchlesier, Schriften, I, Nr. 5, 35-40; Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 9, 30-35
IncipitIch hoffe, daß es mir doch
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Elisabeth Graun Berlin, 10. Juni 1785 Verehrungswürdigste, Theure Freundinn ! Ich hoffe, daß es mir doch noch erlaubt ist, mich dieses schönen schmeichelhaften Nahmens zu erfreuen, den ein widriges Schiksal, was über uns zu schweben scheint, mir so gern entreißen möchte, den ich aber nicht fahren ließe, als bis die 4 Winde mein Herz zerrißen. Sagen Sie mir: wie ist es möglich, daß ich noch keine Zeile von Ihnen gelesen habe, so lange ich in Berlin bin, da ich doch mit jedem Post-Tage mich sehne, nach einem Briefe von Ihnen, wie nach einem Trunk aus der süßen, klaren Freundschafts-Quelle, der auch dem herzlich wol schmekt, der [xxx] sich in dem köstlichen Weine der Liebe berauscht ? - wie ist es möglich, daß ich von Ihrer lieben Schwester, von Ihrem Bruder und, außer diesen genauern Freunden von manchen gleichgültigern Personen aus Koenigsberg Briefe habe, nur von Ihnen nicht ? Eins von beyden, wenn die Schuld an Ihnen, und nicht etwa an äußerlichen Fatalitäten liegt, eins von beyden muß denn wahr seyn: Entweder S i e haben m i c h vergeßen, oder Sie bilden sich ein, daß i c h S i e vergeßen habe. Mein Herz w e i ß, daß das letzte falsch ist, und w ü n s c h t, daß das erste nicht wahr seyn möchte. Schon vor 3 Wochen erfuhr ich durch einen Brief Ihres Bruders, daß ich einen Brief von Ihnen zu erwarten hätte; hier sind seine eigne Worte am Schluß des Briefs: "Mit voriger Post, werden Sie wol einen Brief der Graunin durch leNoble erhalten haben." Das frappirte mich gewaltig; ich dachte indeßen, leNoble würde das Schreiben aufgeschoben, und mich also durch seine Nachläßigkeit um das Vergnügen, Ihren Brief 8 Tage früher lesen zu können, gebracht haben, und erwartete mit allen folgenden Posten die Ankunft dieser beyden so gewünschten Briefe. Da sie indeßen noch bis jetzt nicht angekommen sind, so bleiben mir nun zwey Fälle [abe] zur Erklärung dieser Erscheinung übrig: entweder, die beyden Briefe sind verlohren gegangen, oder: Sie beyde, meine Lieben, haben Sich noch bis jetzt zum Schreiben nicht entschließen können. Ich habe schon an meinen Bruder deshalb geschrieben, aber ebenfalls noch keine Antwort darüber. Es wäre doch wahrlich ein recht ausgezeichnetes Unglück, wenn gerade diese beyden Briefe, an denen mir so viel, so sehr viel gelegen ist, auf der Post verlohren worden wären; und auf der andern Seite wäre es doch kein sehr tröstlicher Gedanke für mich, daß Sie bis jetzt noch nicht Zeit gehabt hätten ein paar Worte an den ehrlichsten und aufrichtigsten Freund zu schreiben, den Sie vielleicht jemals gehabt haben. Dem sey aber wie ihm wolle: für mich, für meine Gesinnungen gegen Sie, für meine warme unwandelbare Freundschaft, ist es gleichviel, ob ich mit dem Schiksal, oder mit Ihrer Schreib-Scheue zu kämpfen habe. Sie können mich vergeßen, oder gleichgültiger gegen mich werden, aber daß i c h Sie vergeße, daß m e i n e Freundschaft auch nur um Einen Grad kälter werden sollte, als sie es bey meinem Aufenthalt in Koenigsberg war, dahin bringen Sie es nicht; und dahin bringt es auch keine Gewalt der Umstände, und // wenn alle Post-Aemter sich verschwören, mir keine Zeile von Ihrer Hand vor meine Augen kommen zu laßen. Nein ! meine Theure, liebe Freundinn ! Freundschaften von der Art, wie die unsrige war, schließt man nach meinem System, nicht auf halbe Jahre. Wie gern träumte ich mir in den frohen, stillen Stunden einer süßen Schwärmerey, daß dies Leben zu kurz wäre, um sie zu endigen - und jetzt sollten s e c h s W o c h e n sie zerstöhren ? Nicht also ! Eine Freundinn, wie Sie mir waren finde ich nicht wieder im ganzen Laufe meiner Jahre, und ich sollte Sie in derselbigen Welt wißen, und für mich verlohren sehen ! Helfen Sie mir: retten Sie mich von diesem verhaßten Zweifel ! Ich habe das Vertrauen was ich auf die Güte des menschlichen Geschlechts überhaupt baute, mit dem Vertrauen auf die unveränderliche Vortreflichkeit Ihres Charakters so fest zusammengehängt, daß ich wirklich Gefahr laufe, ein Misantrop zu werden, wenn ich es jemals für möglich zu halten anfange, daß auch Sie - S i e ! - dem kleinen jämmerlichen Loos der Sterblichkeit opfern, auch S i e, Ihren Freund v e r g e ß e n sollten. Ich habe in der Zeit meiner Abwesenheit, oft, unzählige Mahle an Sie gedacht; oder beßer, ich weis wenige Augenblicke, wo ich es n i c h t gethan hätte; ich hätte auch schon längst zum zweyten Mahle an Sie geschrieben, wenn mich nicht die falsche Hoffnung, die Ihres Bruders Brief in mir erweckte, immer betrogen hätte. Ein Gedanke quält mich aber Ihretwegen ganz vorzüglich, ob er gleich vielleicht <ganz> falsch, vielleicht nur wenig wahr seyn mag. Das ist der: ob nicht vielleicht Ihre Lage so unangenehm, der Umgang mit Ihrem Mann so verstimmt, und Ihre Seele so umwölkt, oder so betäubt ist, daß Sie nicht Kraft, oder nicht Lust haben, an mich zu schreiben. Wäre das der Fall, so bitte ich Sie, um unsrer ehmaligen großen, wahren, reinen Freundschaft, um Ihrer Ruhe und meiner Zufriedenheit willen: theilen Sie mir doch Alles mit was Sie härmt; seyn Sie doch mit Ihrem Kummer nicht geitziger als mit Ihrer Freundschaft, und bedenken Sie doch, gegen wen Sie Ihr Herz ausschütten, wenn Sie mich, wie sonst, zum Vertrauten Ihrer Empfindungen machen. Denken Sie Sich einmal, wie das mir, der ich Sie so liebe, so verehre, wie man nur einen Menschen lieben und verehren kan, der ich Sie so gern glücklich und zufrieden wißen, und wenn ich es nur durch <die> höchsten Aufopferungen zu Wege bringen könnte selbst glüklich machen möchte, wie das mir aengstlich und unerträglich seyn muß, daß ich nicht weiß, ob Sie vergnügt und mißvergnügt sind, ob Sie leNoble sehen, oder nicht sehen, mit ihm als mit einem Freunde, oder als mit einem Gleichgültigen, oder als mit einem unvergeßlichen Liebhaber umgehen, ruhig oder unruhig, ob Ihr Mann Ihnen erträglich begegnet, oder ob er Ihnen das Leben schwer macht, ob Sie bey Ihrer Sommer-//Wohnung die Freuden des Landlebens genießen oder in stillen, versteckten Thränen, und unglücklicher, gepreßter Sehnsucht verschmachten. Warum schreiben Sie mir das nicht ? Wißen Sie denn nicht mehr, daß ich mich eben so gut <mit Ihnen> freuen, als mit Ihnen weinen kan ? Wären Sie auch nicht die Frau, die Sie sind; m i t Ihren Fehlern, das Ideal Ihres Geschlechts, der Sich Jedes Frauenzimmer nähern muß, wenn sie m i r gefallen will; wären Sie das auch nicht, so würde schon die sonderbare Aehnlichkeit, die eine Zeitlang über unsern Schiksalen lag, und die vielen merkwürdigen Lagen und Umstände, in denen wir uns befunden haben mich auf ewig an Sie anschließen, und auf Ihr Schiksal ein beständiges und nieabnehmendes Intereße für mich werfen. Die H e r v o r b r i n g u n g der Freundschaften ist selten unser Werk; auch die edelsten Seelen werden durch Umstände und Verhältniße zuerst v e r b u n d e n; aber das ist eben der Vorzug nicht gemeiner Seelen, daß Umstände und Verhältniße sie nicht wieder t r e n n e n können. Sie werden wißen wollen, wie's m i r geht ? - Gut, liebe Frau, Recht gut ! - Und das ist wahrlich genung ! Ich nähere mich beständig meinem Ziele; alle meine jetzige Beschäftigungen gehen nahe oder entfernt, auf die Erreichung meines erwünschten Zwecks aus; und es ist als wenn Alles sich vereinigt hätte, um mein Glück zu befördern. Dabey bekomme ich alle Wochen einen oder zwey Briefe von meinem lieben Mädchen, habe das Vergnügen, die Personen, die mir hier in Berlin die liebsten sind, im Hause zu haben, und sehe mit ihnen einer heitern und frohen Zukunft entgegen. Kan die Unzufriedenheit selbst mehr wünschen ? Auch können Sie Sich von meiner ruhigen, heitern Seelen-Stimmung keine Vorstellung machen. Ich sehne mich freylich oft, sehr oft nach Koenigsberg, aber nur sehr selten, wird aus dieser Sehnsucht, der melancholische Drang, der die Unglüklichen, besonders die Unglüklich-Liebenden charakterisirt, d e n w i r b e y d e k e n n e n - !Sehr oft denke ich an alle Ihre Lieben Geschwister, an Ihre gute, gute Mutter, an unsre Dengeln, an leNoble, an alle die glüklichen Stunden, die wir da zusammen genoßen; überdenke mir, wie wir uns zuweilen, in einsamen 3, 4 Stunden langen Unterredungen, an der Freundschaft b e r a u s c h t e n, so kühn dieses Wort auch klingt. Neulich dachte ich an den Morgen, wie Sie mir die Briefe Ihrer Mutter vorlasen, und ich im eigentlichen Verstande vor Thränen der Rührung und der heiligsten Empfindungen nicht reden konnte ! Erinnern Sie Sich das wol ? Uns war beyden so wohl; als wenn wir im Himmel wären. - Ein AnderMahl fiel mir die spaßhafte Scene ein, wie ich so lange an Ihrem Flohr zog und zupfte, bis Sie mir endlich den Zipfel Ihrer Enveloppe in die Hand streckten, und in der aller lächerlichsten zum Scherz angenommnen Hitze, zu mir sagten: Da ! Da ! - Alles das ist vergänglich ! sage ich, wie Werther, aber keine Ewigkeit soll das Andenken an diese Zeit auslöschen, wo ich unter den Qualen einer unglüklichen, und doch unüberwindlichen Liebe versunken wäre, und den mannichfaltigen Stürmen, die damals über meinem // Haupte tobten sicherlich untergelegen hätte, wenn ich nicht in Ihrer Freundschaft meinen Hafen, meine Zuflucht und meine Rettung gefunden hätte. Und daß aus demselbigen Munde, deßen tröstlicher Zuspruch mich vom Tode, vom physischen oder moralischen, gleichviel - rettete, auch das erste Wort was mich ins Leben, ins neue, glükliche Leben zurückrief, erschallen mußte - Unbegreiflich sonderbares Schicksal ! Mein Glück sollte mir von der Person angekündigt, gerade von der Person bereitet und befördert werden, der ich es unter Allen am liebsten zu verdanken haben wollte. Sehn Sie, Liebe, Beste, was das für eine Menge <von> Bewegungs-Gründen sind, um unsre Freundschaft fest und ungeschwächt zu erhalten ! Sehn Sie, unter wie vielen Titeln Sie verbunden sind mir zu schreiben, als meine Freundinn, als Freundinn von einer solchen Art, wie man selten, oder nie mehr als Eine auf Erden findet, als meine Trösterinn, als mein treuer Arzt im Unglück, als meine Wohlthäterinn, als meine liebenswürdige Gefährtinn im Glück. Schreiben Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, und wie es Ihnen geht; ich will mich mit Ihnen freuen, wenn Sie glüklich sind, Sie herzlich bedauern, und nach meinen Kräften trösten, wenn Sie leiden, Ihnen gratuliren, wenn Sie stark, Sie aufmuntern und mit Rath unterstützen, wenn Sie schwach sind; kurz, ich will versuchen, in wie fern das, was ich gern für Sie thun möchte, dem Verhältniß meiner Kräfte nach mit dem zusammen treffen wird, was ich wirklich für Sie thun kan. Nur noch Eins, ehe ich schließe. Unter uns sind Komplimente einer gewißen Art längst verbannt. Sagen Sie mir also gerade heraus, warum hat mein Bruder so wenig Umgang mit Ihnen ? Liegt die Schuld, an ihm, oder an Ihnen, oder an Ihrem Manne ? Sie können Sich wol vorstellen, daß er es mir geschrieben hat, und wie sehr mir das aufgefallen ist, kan ich Ihnen nicht sagen. Unter allen Ursachen, die ich mir davon denken kan, wäre mir aber keine empfindlicher, als die: wenn ich selbst durch irgend einen Fehler in meinem Betragen dazu Gelegenheit gegeben hätte, das heißt wenn ich Ihren Mann durch irgend Etwas beleidigt hätte. Denn für Sie bürgt mir der Ausspruch Ihres eignen Mundes: "Daß Sie nie auf mich b ö s e werden können" Die Bitte, womit ich schließe, ist die: Lesen Sie diesen Brief doch zuweilen durch, wenn Sie lange nicht an mich geschrieben haben, und erinnern Sie Sich dabey der Versprechungen, die wir einander so oft, und so feyerlich wiederholt haben. Ihren Mann darf ich nicht grüßen laßen; denn der muß diesen Brief nicht sehen; aber desto herzlicher grüßen Sie mir leNoble: meine Klagen fallen auf ihn auch; ein Brief von ihm wäre mir eine so angenehme Erscheinung, daß er sich, glaube ich, den Augenblik hinsetzte und schriebe, wenn er sich das recht lebhaft denken könnte. Grüßen Sie mir Ihre liebe Geschwister tausendmal; auch meine Coelestine, wenn Sie sie sehen, und Dengels. Denken Sie, daß mein Geist sehr oft an den Fenstern jener unvergeßlichen g r ü n e n S t u b e schwebt; und daß mein Körper das Einzige ist, was 84 Meilen von Ihnen entfernt bleibt. Berlin. den 10ten Juny. 1785. Ihr unveränderlich ergebenster Freund Gentze. H: Jagellonische Bibliothek, Krakau. Sammlung Varnhagen, Karton 66. 2 Bl., F: 234mm x 187mm; 4 eighd. beschr. Seiten. D: Schlesier, Schriften, I, Nr. 5., 35-40. Wittichen/Salzer, Briefe, I, Nr. 9, 30-35.