Zur Vita des Friedrich von Gentz

Gentz

Friedrich von Gentz (1764-1832) zählt zu den herausragenden Intellektuellen und maßgeblichen politischen Akteuren der europäischen "Sattelzeit" (R. Koselleck). Geboren am 2. Mai 1764 in Breslau, rund ein Jahr nach den wegweisenden Friedensschlüssen von Paris und Hubertusburg, wuchs Gentz in einer bürgerlichen Familie auf, die im friderizianischen Preußen Fuß gefasst hatte. Sein Vater machte Karriere als hoher preußischer Münzbeamter, seine Mutter stammte aus der renommierten hugenottischen Einwandererfamilie Ancillon.

Nach einem abgebrochenen Studium in Königsberg, wo er mit Immanuel Kant in engen Kontakt gekommen war, schlug Gentz die preußische Beamtenlaufbahn ein und trat somit gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters. Nach Ausbruch der Französischen Revolution erfasste den jungen Gentz das Faszinosum "1789", wobei er anfangs als glühender Befürworter der Ideen der Revolution auftrat. Unter dem Eindruck der Arbeit an seiner nachfolgend viel beachteten deutschen Übersetzung der berühmten Schrift "Reflections on the Revolution in France" von Edmund Burke sowie angesichts der Gewaltexzesse, die Frankreich in den 1790er Jahren erschütterten, wandelte sich Gentz jedoch zu einem dezidierten Kritiker der Revolution und ihrer Folgen.

Da Gentz als Burke-Übersetzer für Aufsehen sorgte und nachfolgend durch weitere publizistische Aktivitäten an Reputation gewann ‒ bereits um 1800 galt er als "erste Feder Deutschlands" ‒, ergab sich ein immer stärkerer Gegensatz zwischen seiner subalternen Rolle in preußischen Verwaltungsdiensten einerseits und seinem stetig wachsenden internationalen Renommee andererseits. Die Folge seiner daraus resultierenden Unzufriedenheit mit seinem beruflichen Alltag war sein im Jahre 1802 erfolgter Übertritt in die Dienste Österreichs, des traditionellen Rivalen Preußens.

In den ersten Jahren seiner Tätigkeit in Österreich blieb Gentz ohne klar definierten Aufgabenbereich und vermochte es zunächst nicht, eine nennenswerte politische Rolle einzunehmen. Als konsequenter Gegner Napoleons, den er erbittert publizistisch bekämpfte ‒ Bonaparte bezeichnete ihn daher despektierlich als "homme sans honneur" ‒, erlangte Gentz erst dann größere politische Bedeutung, als es ihm in seiner Funktion als enger Mitarbeiter des Fürsten Metternich gelang, mit wichtigen Aufgaben betraut zu werden. Als Hauptsekretär und Koordinator der europäischen Kongresspolitik ("Sekretär Europas") im Zeitraum vom Wiener Kongress 1814/15 bis zum Kongress von Verona 1822 sowie als Architekt der Restauration erlangte Gentz eine Schlüsselposition, und zwar nicht nur im Deutschen Bund, sondern im europäischen Mächtespiel insgesamt, was für einen Intellektuellen seiner Zeit exzeptionell war. Er verfasste zahlreiche bedeutende Staatsschriften, wie zum Beispiel der Kriegsmanifeste Österreichs von 1809 und 1813, den Ächtungsbeschlusses des Wiener Kongresses gegen Napoleon oder auch die Karlsbader Beschlüsse von 1819.

Die Tatsache, dass Gentz im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil des "Systems Metternich" wurde, machte ihn bei vielen Zeitgenossen verhasst, was lange Zeit auch an Teilen der historischen Forschung nicht spurlos vorübergegangen ist. Allerdings geriet Gentz in seinen letzten Lebensjahren, insbesondere im Kontext der Julirevolution von 1830, aufgrund von politischen Differenzen in Gegensatz zu Metternich, was dazu führte, dass er de facto kaltgestellt wurde. Am 9. Juni 1832, nicht lange nach dem Tod Goethes, der ihn tief erschütterte, ist Gentz in Weinhaus bei Wien gestorben.

Gentz war ein ausgesprochener Lebemensch, dessen schillernde Persönlichkeit der Berliner und später dann der Wiener Gesellschaft ständigen Gesprächsstoff garantierte: Er war ein Spieler, trotz hoher finanzieller Zuwendungen chronisch verschuldet, und er hatte bis ins hohe Lebensalter zahlreiche Affären ‒ seine Beziehung zu der Tänzerin Fanny Elßler in seinen späten Lebensjahren ist die wohl berühmteste Liaison ‒, was nicht unwesentlich mit dazu beigetragen hat, dass sein Lebenswandel von einigen Zeitgenossen und auch von Teilen der nachfolgenden Forschung als anrüchig empfunden wurde. Dessen ungeachtet erlangte Gentz 1804 die Chevalierswürde des schwedischen Nordstern-Ordens und konnte sich seitdem "von Gentz" nennen. Zar Alexander I. bezeichnete ihn 1815 sogar ehrenvoll als "Ritter Europas". Gleichwohl gelang es Gentz letztlich nicht, in die hochadligen Führungskreise in Wien vorzudringen; hier blieben nach wie vor gewisse ständische Schranken bestehen, die ihm durchaus zu schaffen machten.

Was macht Gentz nun so besonders? Aufgrund seiner charakteristischen Doppelrolle als herausragender Intellektueller und einflussreicher politischer Akteur ist sein Leben und politisches Wirken in idealer Weise dazu geeignet, paradigmatisch die Frage zu erforschen, wie die revolutionären Umbrüche der Transformationszeit um 1800 zeitgenössisch wahrgenommen und verarbeitet wurden. Denn seine Biografie ist die des Zeitalters: Der "Meteor am politischen Himmel" (K. A. Varnhagen von Ense) wandelte sich, wie bereits angedeutet, innerhalb weniger Jahre von einem Anhänger der Ideale von 1789 hin zu einem "deutschen Burke", also einem Exponenten des Frühkonservatismus, der unter dem Eindruck der fundamentalen Orientierungskrise seiner Zeit steuernd in die revolutionären Transformationsprozesse einzugreifen versuchte. Gentz steht somit stellvertretend für Aufbruch und Reaktion Europas im Gefolge der Ereignisse von 1789.

In diesem Forschungskontext kann zum einen auf Gentz' immenses politisch-publizistisches Œuvre und seine umfassende Korrespondenz zurückgegriffen werden. Zum anderen bietet sich gerade die außerordentliche Vielfalt der Themen, mit denen sich Gentz intensiv auseinandergesetzt hat, dazu an, sich ihm in interdisziplinärer Weise als einem quellenmäßig hervorragend greifbaren Repräsentanten der Zeitwende um 1800 zu nähern. Zudem liegt die unverminderte Aktualität seines politischen Denkens, das weit über Europa hinausging, auf der Hand. So hat sich Gentz unter anderem ausführlich mit dem Orient, Amerika, Fragen der Geldpolitik, dem Gleichgewicht der Kräfte, der Idee des ewigen Friedens sowie grundlegenden völkerrechtlichen Problemen (z.B. Interventions- und Seerecht) befasst.

Gerade der skizzierte Facettenreichtum seines Lebens und Wirkens ist in jüngerer Zeit zum Kern einer Neubewertung in der Forschung geworden: Gentz lässt sich, so Harro Zimmermann sinngemäß in seiner 2012 erschienen Gentz-Biografie, letztlich nicht auf einen Nenner bringen; zu unterschiedlich positionierte er sich im Laufe seines Lebens. Die jüngere Forschung reduziert ihn allerdings nicht mehr auf einen Opportunisten, der angeblich die Ideale seiner Jugendzeit verraten habe, wie dies noch einige Zeitgenossen in simplifizierender Weise mit Verve behauptet haben. Vielmehr ist zuletzt ein deutlich nuancierteres, tendenziell positiveres Bild gezeichnet worden, das Gentz insbesondere als pragmatischen Realpolitiker charakterisiert: "Bedenkt man, wie desaströs die nachfolgende deutsche Geschichte von der Versuchung des Absoluten (Hagen Schulze) geschlagen worden ist, dann gehört das ausgekühlte Politikpathos des Friedrich Gentz zum besten Bestand unserer demokratischen Tradition." (H. Zimmermann)

Angesichts der unverkennbaren außerordentlichen Bedeutung der Briefe und Schriften Gentz' für die Mentalitäts-, Intellektuellen-, Diplomatie- und Rechtsgeschichte des späten 18. und des 19. Jahrhunderts ist es erstaunlich, dass seine Korrespondenz und sein publizistisches Werk bislang nicht gründlich ediert worden sind. Dies gilt in besonderem Maße für seine umfangreiche, weit verzweigte Korrespondenz, die er mit nahezu allen "grands esprits" seiner Zeit geführt hat. Zwar sind schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert Gentz-Briefe gedruckt worden. Es kann aber nicht ansatzweise die Rede davon sein, dass seine Korrespondenz hinreichend erfasst, erschlossen und historisch-kritisch ediert ist. Diese Tatsache war gewissermaßen der Ausgangspunkt der "Sammlung Herterich" der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln.

Empfohlene Zitierweise:

Gudrun Gersmann / Michael Rohrschneider (2015): Zur Vita des Friedrich von Gentz, URL: http://gentz-digital.ub.uni-koeln.de/portal/info/vita.html?l=de (Datum des letzten Besuchs).

 
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