"Gentz digital": Einleitende Bemerkungen

Die Transkriptionsentwürfe des Gentz-Sammlers Günter Herterich

Grundlage für "Gentz digital" sind die in Dateiform überlieferten Transkriptionsentwürfe der Korrespondenz des Friedrich von Gentz aus der "Sammlung Herterich" der USB Köln. Vorweg ist es erforderlich, explizit darauf hinzuweisen, was "Gentz digital" nicht ist, nämlich eine fertige Edition von Gentz-Korrespondenzen. Was mit "Gentz digital" abgebildet wird, ist letztlich der von uns in eine standardisierte Form gebrachte letzte Stand der unvollendeten Editionstätigkeit von Günter Herterich (1939-2014) ‒ nicht aber, um dies nochmals ausdrücklich zu betonen, eine historisch-kritische Edition!

Was hat uns dazu bewogen, die Transkriptionsentwürfe Herterichs dennoch mit "Gentz digital" der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen? Im Wesentlichen waren drei Gründe dafür ausschlaggebend. Erstens: Weit über 50 Prozent der in "Gentz digital" präsentierten knapp 2.700 Briefe sind bislang überhaupt noch nicht gedruckt worden. Hinzu kommt noch, dass zahlreiche der bereits bekannten Briefe bislang nur auszugsweise oder stark fehlerhaft abgedruckt wurden. In diesen Fällen hat Herterich mit seinen Transkriptionen wichtige Ergänzungen und Fehlerberichtigungen vornehmen können.

Zweitens: Stichproben haben ergeben, dass die Qualität der Herterich-Transkriptionen insgesamt gesehen außerordentlich hoch zu veranschlagen ist. Herterich hat sich jahrelang intensiv mit der Handschrift Gentz' befasst und war daher in der Lage, dessen Schrift ‒ von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht abgesehen ‒ fehlerfrei zu lesen.

Drittens: Da Herterich ursprünglich das Ziel verfolgt hat, selbst eine Edition der Gentz-Korrespondenz vorzulegen, ist er bei seinen Transkriptionen nach festen editionstechnischen Regeln vorgegangen. Hierzu zählen der standardisierte Aufbau seiner geplanten Präsentation der einzelnen Briefe mit Kopfregest, Quellentext und Fußregest sowie der Verzicht auf Eingriffe in die Orthografie und Interpunktion des Originals.

In summa: Man muss kein Gentz-Kenner sein, um schnell zu erkennen, dass hier ein phantastisches Brief-Corpus vorliegt, das von einem leidenschaftlichen Sammler auf hohem wissenschaftlichen Niveau bearbeitet wurde und jetzt im Kontext einer frei zugänglichen digitalen Plattform unter neuen Fragestellungen erschlossen und erforscht werden kann. Nicht nur die internationale Gentz-Forschung wird dadurch um wichtige Quellen bereichert, sondern auch die allgemeine Erforschung der Zeit um 1800. Wer sich für Gentz und seine Zeit interessiert, muss nun nicht mehr nach Berlin, Sankt Petersburg, Stockholm, Wien, Zagreb usw. reisen, sondern kann das "virtuelle Gentz-Archiv", das uns Herterich hinterlassen hat und das nunmehr mit "Gentz digital" zur Verfügung gestellt wird, zum Ausgangspunkt seiner Forschungen machen.

Hinweise zur Form der Erschließung und Präsentation

Um die Transkriptionsentwürfe und Regesten Herterichs in adäquater Form digital zugänglich zu machen, bedurfte es intensiver Vorarbeiten. Zunächst einmal musste anhand seiner auf Disketten überlieferten Dateien eine Bestandsaufnahme der dort erfassten Gentz-Korrespondenzen gemacht werden. Das bedeutete insbesondere, in einem ersten Schritt zu ermitteln, ob gegebenenfalls Doppelungen vorlagen, denn es stellte sich bald heraus, dass Herterich im Laufe der Jahre mitunter mehrere Dateien zu ein und demselben Brief erstellt hatte. Ergebnis dieses Arbeitsschritts war die Erfassung von insgesamt 2.675 Objekten, die nunmehr mit "Gentz digital" zur Verfügung gestellt werden. Hierzu wurde die Software CONTENTdm eingesetzt, welche die USB Köln seit mehreren Jahren für die digitale Aufbereitung ihrer Sammlungen verwendet.

Bei der Objektbearbeitung sind wir nach dem Prinzip "Vereinheitlichungen ja, inhaltliche Eingriffe nein" vorgegangen. Im Einzelnen bedeutet dies: Für die Kopfregesten wurde weitgehend die standardisierte Form gewählt, die Herterich vorgesehen hat und die auch dem gängigen Prozedere in wissenschaftlichen Editionen entspricht. Die Kopfregesten enthalten daher einheitlich folgende Bestandteile: Nennung des jeweiligen Korrespondenzpartners Gentz', des Ausstellungsorts und des Ausstellungsdatums. Aufgenommen wurden zudem die aufs Ganze gesehen vergleichsweise seltenen Hinweise Herterichs in den Kopfregesten auf die Art der Überlieferung (Konzept, Abschrift, Interzept usw.). Bei allen diesen genannten Punkten waren Vereinheitlichungen erforderlich. Nicht aufgenommen wurden dagegen Hinweise Herterichs auf den oftmals unklaren Aufenthaltsort des Briefempfängers und aufgeführte Wochentagsnamen. Die Datierungen der Briefe finden sich nicht immer auf dem Brief-Original, sondern wurden gegebenenfalls von Herterich erschlossen. Insbesondere die Tagebucheintragungen Gentz' hat er zu diesem Zweck systematisch ausgewertet.

Die Brieftexte wurden von uns in aller Regel vollkommen unverändert gelassen, da es im Rahmen von "Gentz digital" nur ausnahmsweise möglich war, die Transkriptionsentwürfe Herterichs anhand der Brief-Originale selbst zu überprüfen. Diesen Arbeitsschritt muss der Benutzer letztlich selbst vornehmen, wenn er in wissenschaftlich redlicher Weise wörtlich oder sinngemäß aus den hier präsentierten Briefen zitieren will. Allerdings sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Qualität der Herterich-Transkriptionen sehr hoch zu veranschlagen ist. Auch die wenigen unvollständigen Briefe, zu denen Herterich Transkriptionen angefertigt und elektronisch überliefert hat, wurden daher aufgenommen (vgl. etwa den Brief an Prokesch-Osten vom 18.2.1832). Eine Ausnahme von der Regel des "Nicht-Eingreifens" in die Herterich-Transkriptionen stellt die Handhabung von gehäuften Fragezeichen, die sich Herterich erkennbar als internen Hinweis auf unklare Stellen gesetzt hat; sie wurden in aller Regel auf jeweils ein Fragezeichen reduziert und in eckige Klammern gesetzt. Streichungen im Original hat Herterich mit der Zeichenfolge "[xxx]" gekennzeichnet, unsichere Lesearten mit spitzen Klammern "<...>". Einige Briefe sind nicht im Wortlaut überliefert, sondern konnten von Herterich nur auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen Gentz' oder Auktions- bzw. Autografenkatalogen erschlossen werden (vgl. etwa den Brief an Heinrich Frölich vom 30. September 1800).

Die Fußregesten Herterichs wurden ebenso wie die Kopfregesten in eine vereinheitlichte Form gebracht. Aufgenommen wurden auch Schreiben, die kein Fußregest aufweisen und deren Provenienzen daher noch geklärt werden müssen. Nicht aufgenommen wurden in "Gentz digital" allerdings vereinzelte provisorische Hinweise Herterichs auf geplante inhaltliche Kommentierungen, da sie allenfalls fragmentarischen Charakter aufweisen. Dementsprechend wurden auch die von Herterich vorläufig gesetzten Anmerkungsziffern, welche die Notwendigkeit späterer Kommentierung signalisieren sollten, in den Transkriptionsentwürfen getilgt.

Folgende Siglen aus den Fußregesten Herterichs wurden aus Gründen der Platzersparnis dort und im Rahmen der Erfassung der Brief-Metadaten nicht aufgelöst: "GStA PK" (= Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem), "HDA" (= Hrvatski Državni Arhiv, Zagreb) und "HHStA" (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien); ferner "H:" (=Handschrift), "D:" (= Druckort) und "F:" (= Format).

Darüber hinaus wurden folgende Metadaten der Gentz-Korrespondenzen erschlossen und verzeichnet: Titel des Objekts, Brieftyp (Briefe von Gentz, Briefe an Gentz, Briefe Dritter), Ausstellungsort, Datum, Jahr, Monat, Briefaussteller, Briefempfänger, Präsentatvermerk, Handschriftliche Überlieferung, Druckorte, Format und Umfang, Art der Überlieferung (Konzept, Abschrift, Interzept usw.) und Incipit (Textanfang des Briefes). Zusätzlich hat jedes Objekt eine eigene Kennung (ID) erhalten. Wurden mehrere Briefe vom gleichen Datum an ein und denselben Korrespondenzpartner erfasst, dann wurde aus Unterscheidungsgründen hinter den Datierungsangaben zusätzlich Buchstaben eingefügt.

Bei der Metadatenerfassung sind erhebliche Vereinheitlichungen und punktuell Aktualisierungen (z.B. im Hinblick auf die Signaturen aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und der USB Köln) vorgenommen worden. Nicht vereinheitlicht wurden allerdings in der Regel Herterichs schwankende Bezeichnungen von Archivsignaturen (z.B. bei der uneinheitlichen Verwendung der Begriffe Karton, Schachtel, Faszikel und Bündel), denn entsprechende Modifikationen und Aktualisierungen wären nur nach aufwändige Archivrecherchen möglich gewesen. Offenkundige (Flüchtigkeits-)Fehler Herterichs, die im Zuge von Recherchen zutage traten, wurden dagegen im Zuge der Metadatenerfassung korrigiert. Gleichwohl gilt auch für diesen Arbeitsschritt insgesamt gesehen: Im Rahmen von "Gentz digital" konnten die in der Regel sorgfältigen Angaben Herterichs nur punktuell nachgeprüft werden. Bei größeren Diskrepanzen zwischen den Angaben im Fußregest Herterichs und den Angaben in den von uns verzeichneten Metadaten wurde unter der Metadatenkategorie "Anmerkungen" ein entsprechender Hinweis gesetzt.

Insgesamt gesehen lässt sich konstatieren, dass die mit "Gentz digital" präsentierten 2.675 Objekte zwar die bis heute fehlende historisch-kritische Edition der Gentz-Korrespondenz nicht ersetzen können; ein solches Editionsvorhaben ließe sich aufgrund der großen Materialmenge ‒ aktuell schätzen wir, dass ca. 6.500-7.000 Briefe von und an Gentz insgesamt überliefert sind ‒ nur im Rahmen eines großen, langfristigen Forschungsvorhabens realisieren. Das in "Gentz digital" versammelte umfangreiche Quellenmaterial wäre aber eine hervorragende Ausgangsbasis für ein solches Editionsprojekt und dokumentiert eindrucksvoll, dass die Aussagekraft der Gentz-Briefe im Hinblick auf die Erforschung der vielgestaltigen Transformationsprozesse des späten 18. und der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts kaum zu überbieten ist.

Empfohlene Zitierweise:

Gudrun Gersmann / Michael Rohrschneider (2015): "Gentz digital": Einleitende Bemerkungen, URL: http://gentz-digital.ub.uni-koeln.de/portal/info/einleitung.html?l=de (Datum des letzten Besuchs).

 
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