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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 1. Juli 1831, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 43-44v und 47-50 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id595
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Prokesch-Osten, Anton von
AusstellungsortWien
Datum1. Juli 1831
Handschriftl. ÜberlieferungHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 43-44v und 47-50
Format/Umfang10 ¼ eighd. beschr. Seiten
DruckorteProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II, 37-40 (tlw.)
IncipitSeit 8 Tagen brennen mir
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 1. Juli 1831 Wien den 1ten July 1831 Seit 8 Tagen brennen mir täglich die Finger, Ihnen zu schreiben. Und länger kan ich es nun nicht aufschieben, obgleich ich vorher weiß, daß mir kaum eine halbe Stunde zu diesem lieben Geschäfte vergönnt seyn wird. Ich besitze Ihre Briefe bis zu dem vom 22ten v. M. So lange unsre Correspondenz noch dauern wird, werde ich mich stets des Canals von Reymond bedienen, nachdem Sie mich aus dem Irrthum, daß die Militär-Behörden schneller expedirten, gezogen haben. Ich respectire die Gründe die Ihnen Ihre äußerst alarmirenden Berichte in den ersten Juny-Tagen // zur Pflicht gemacht hatten, und wiederhole Ihnen auch, daß Sie Sich dadurch keinesweges geschadet haben. Nur müßen Sie m i r jetzt die kleine Satisfaction gönnen, daß ich vollkommen Recht hatte, wenn ich Ihre Farben zu schwarz fand. Wir besitzen nunmehr alle Erklärungen des Französischen Cabinets über jene beunruhigende Incidens, welche die heftige Courier-Expedition vom 4ten Juny veranlaßte. Alles läuft auf leere Demonstrationen und eitles Geschwätz hinaus. Es war nie von einer Truppen-Sendung nach Ancona die Rede; St. Priest sprach, wie ein Polisson, ohne Auftrag. Als man ihm in Paris seine propos vorhielt, spielte er den // Erstaunten, leugnete alles ab, und - was das lustigste ist - behauptete, er habe mit den Oesterreichischen Behörden, und nahmentlich mit Ihnen, in den freundschaftlichsten Verhältnissen gestanden, und könne nicht genug loben, wie gut die Oesterreicher mit ihm umgegangen wären. Auf seinem ganzen Wege nach Paris hat er allenthalben ausgesagt, unsre Truppen dürften Bologna n i c h t verlaßen, wenn die Insurrection nicht gleich wieder ausbrechen sollte. Verbinden Sie diese data mit den wichtigern, daß die Französische Regierung sich bereit erklärte, die von uns verlangte Declaration beym Abzug unsrer Truppen zu geben, und daß sie unsern Rückzug nur vor dem // 20ten July verlangt, - und Sie werden mir gestehen, daß ich e i n i g e Ursach hatte, Ihre Berichte für übertrieben zu erklären. Das Bild, welches Sie von den Päbstlichen Staaten entwerfen, ist freylich niederschlagend genug; und ich begreife, wie Ihnen bey dem täglichen Anblick alles dessen, was Sie so treffend schildern, zu Muthe seyn muß. Aber - sommes-nous donc sur des roses ? Ich habe längst geglaubt, und glaube fester als je, daß über I t a l i e n, wenn sogar die Insurrection von neuem ihr Haupt erheben, und wir genötigt seyn sollten, [in] die Päbstlichen Staaten zum zweytenmahle zu besetzen, der K r i e g n i c h t ausbrechen wird. Ich bin kühn genug, dasselbe von B e l g i e n // zu sagen weil die (in andrer Hinsicht höchst bedenkliche und gefahrvolle) Intimität zwischen Frankreich und England es coute qui coute, nicht dazu kommen läßt. Wohl aber [kan] wird das gebrechliche Gerüst, worauf der Frieden steht, nach aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nächstens mit seinem H a u p t - P f e i l e r - dem Perrierschen Ministerium zusammen stürzen; denn so wie die Sache h e u t e stehen wäre es ein wahres Wunder, wenn dieses den Monat August überlebte. Und selbst, wenn dieses Wunder geschähe, droht uns immer noch eine fürchterliche Constellation; denn Frankreich u n d England (beyde sind heute überhaupt in jeder Beziehung eins) scheinen durchaus entschlossen, P o h l e n nicht fallen zu laßen; // und werden in j e d e m Falle - die jetzt beginnende Operation der Russen gegen Warschau mag endigen w i e sie will - solche Schritte gegen Rußland thun, daß [es] es eines zweyten Wunders bedarf, dem allgemeinen Kriege zu entgehen. Ich schließe aus verschiednen Aeußerungen Ihres letzten Briefes, daß Sie diese letzte Extremität weniger fürchten, als ich. Es giebt Augenblicke des Unmuthes, und der Verzweiflung, wo auch ich den Krieg beynahe wünsche; meine Vernunft aber mahlt mir die Folgen desselben nicht um ein Haar weniger schrecklich, vielmehr noch weit furchtbarer als vor 3 oder 4 Monaten. Sehen Sie denn nicht, was in D e u t s c h l a n d vorgeht ? Sie haben wohlgethan, // die Correspondenz mit der Allgemeinen Zeitung ganz abzubrechen; der Fürst billigt es ebenfalls. Es war neulich von Ihrem Wunsche, Rom und Neapel zu sehen, die Rede; dabey wurde bemerkt, daß dies sehr leicht auszuführen seyn würde, weil Sie ohnehin nach Beendigung Ihrer Geschäfte in Bologna, nach Rom werden gehen müßen, und sich von dort mit dem ersten besten Auftrage als Courier nach Neapel schicken laßen könnten. Jetzt zu Gegenständen, die uns am nächsten liegen ! Ich bin unaussprechlich erfreut, daß nicht nur Ihre Liebe zu Irene sondern auch alle Ihre frühern Wünsche und Plane wieder in voller Blüte prangen. Ihre eignen Geständnisse, und die öftern Bestellungen, die // Sie an Kiesewetter gelangen laßen, und die ich stets mit gewissenhafter Pünktlichkeit befördre, beweisen mir daß es so ist. Warum klagen Sie nun fortdauernd Sich Selbst und Ihr Schicksal an ? Ich leugne Ihnen alles, was Sie von Sich [haben] sagen, ins Gesicht. Wien hat Ihren Geist n i c h t gebrochen; auch sind Ihre Aussichten keinesweges so düster, als Sie, in eitler Selbst-Qual, sie mahlen. Ihre eignen Briefe, Mein lieber Freund, zeugen wider Sie. Wenn man so schreibt, wie Sie m i r schreiben, giebt man das Leben und die Zukunft nicht auf. Sie wollen der Poesie abgestorben seyn; und in dem nehmlichen Briefe, wo Sie die Gottes-Lästerung aussprechen, liefern Sie mir das // Fragment Frau F. - die schönsten Dichterischen Zeilen die ich je von Ihnen las ! Ich hätte meinen mögen, daß sie so kurz waren. Für Ihre Worte über Fanny kan ich Ihnen nicht innig genug danken; sie selbst ist davon, nicht bloß geschmeichelt, sondern wahrhaft gerührt; sie hat neuerlich, als Künstlerin, solche Fortschritte im Beyfall des Publikums gemacht, daß in allen Theater-Zeitungen nur Eine Stimme über sie ertönt, die ihr den ersten Rang in ihrem Gebiet anweiset. Dabey verliert jedoch der Reitz ihres persönlichen Umganges nichts, und alle die treflichen Eigenschaften die Ihr richtiger und durchdringender Blick von [ersten] jeher an ihr erkannte, bestätiget und verklärt // mir jeder Tag von neuem. Mein eigentliches, mein lebendiges Leben concentrirt sich in ihr; nichts ist einfacher, als das Gemählde meiner Tage: die großen, traurigen Welt-Geschäfte auf einer Seite, Fanny auf der andern; alles was mitten innen oder rund herum lag, ist ein für allemal ausgewischt. Ich habe allen Ihre Grüße bestellt. Mit der Schwangerschaft der Fürstin scheint es mir noch nicht gewiß zu seyn. Pauline Hohenzollern war vor acht Tagen gefährlich krank, und ist überhaupt in einem Zustande von Entkräftung und Verfall, der keine lange Dauer ihres Lebens mehr verspricht. Ich sehne mich nach Ihren Briefen, und Sie können Sich nicht vorstellen, mit welchem // Interesse ich sie verschlinge. Sie haben Recht, wenn Sie mir gut sind. Niemand versteht Sie besser, und Niemand kan Sie mehr lieben, als Ihr treuer Gentz. H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, , Bl. 43-44v. und 47-50. x Bl., F: ; 10 ¼ eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II, 37-40 (tlw.).