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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 17. Dezember 1823, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 117-120 1823

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id517
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWien
Datum17. Dezember 1823
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 117-120
Format/Umfang7 eighd. beschr. Seiten
IncipitDie Post ist so spät gekommen
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 17. Dezember 1823 Wien den 17 December 1823. Die Post ist so spät gekommen, daß ich erst heute Ihr Schreiben, Mein Theuerster Freund, vom 26ten erhalte. Viel Zeit bleibt mir also nicht Ihnen dafür zu danken. An Strangford, dem ich auf 3 Briefe Antwort schuldig war, hatte ich zur Sicherheit schon vor ein Paar Tagen geschrieben; den Brief an ihn empfehle ich Ihrer Güte. Als ich Ihnen mit der letzten Post schrieb, war ich selbst nicht wenig leidend. Es war der schlimmste Tag, den ich seit einem Jahre erlebt hatte, und vielleicht hat mein Brief danach ge-schmeckt. Mein Lebenswandel ist der sonderbarste von der Welt. Die zwey oder drey Stunden die ich täglich zwischen 12 und 4 Uhr bey dem Fürsten zubringe, sind mein einziger Ausgang (sage Ausfahrt) und auch mein einziger Genuß. Uebrigens verlaße ich meine Stube nicht. Da-bey ist meine Thätigkeit bestimmt anhaltender und größer als je zuvor; und, was mir vor drey Jahren in Laybach, Vincent - unartig genug - sagte: Votre tête ne vieillit pas - bleibt wahr. // Der vortrefliche Hunter kam am 10ten d. hier an. Durch ihn erhielt ich Ihr Schreiben vom 6ten, über welches ich ernstlich erschrocken seyn würde, wenn ich nicht aus dem spätern vom 15ten früher schon gewußt hätte, daß es Ihnen besser ging. Laßen Sie nur dreist allen Gram fah-ren; der Fürst denkt gar nicht daran, Ihnen den geringsten Vorwurf zu machen. Auch stehen ja die Sachen, wenigstens diplomatisch betrachtet, ganz gut. Ihre Berichte vom 26ten die ich eben [so] gelesen habe, sind in d i e s e r Rücksicht sehr beruhigend, [xxx] obgleich höchst bedenk-lich in Ansehung des Zustandes, worin das Türkische Reich sich befindet. Dies ist ein Zusam-menfluß von Krankheiten, der nur zum Tod führen kan. Wo sollen diese Leute noch die Kräfte und die Mittel hernehmen, die Griechische Insurrection zu dämpfen ? Was ist das für eine La-ge, wo man es als ein Glück schildern muß, daß der Groß-Admiral d i e s m a l wenigstens nicht in die Luft gesprengt ward ? Hat sich ihre Stellung auch nur auf einem einzigen Punkte verbessert ? Und sah ich nicht seit länger als einem Jahr voraus, daß der dritte Feldzug noch schlechter ablaufen würde, als die vorhergehenden ? // Sollte es denn gar nicht möglich seyn, diesem von Gott verlaßnen Gouvernement, wenig-stens so grobe, so tödliche Mißgriffe, wie die fortdauernde Deteriorirung der Münzen zu ver-leiden ? Hat sich denn noch kein Speculant gefunden, der dem Sultan vorgeschlagen hätte, eine A n l e i h e zu versuchen ? Sie werden mich mit dieser Idee auslachen; und doch ist sie so lächerlich nicht. Die Wut nach Geschäften dieser Art ist heute in Europa so groß, daß ich Ihnen fast dafür stehen wollte, die Pforte brächte unter gewissen Modalitäten und Garantien ein Emprunt von einigen 100 Millionen Piastern zusammen. Schaffen Sie nur Empfänglichkeit für einen solchen Plan; ich will Ihnen Leute nach Constantinopel schicken, die ihn zur Ausfüh-rung bringen sollen. Wie die Pforte m i t und n e b e n der Unabhängigkeit der Griechen ferner bestehen könnte, begreife ich freylich eben so wenig, als, wie sie diese Unabhängigkeit rückgängig zu machen im Stande wäre. Meine Meynung ist aber, daß diese Frage auf eine oder die andre Art vor dem Ende des Jahres 1824 entschieden werden m u ß, und daß selbst der schlimmste Ausgang das Türkische Reich nicht sichrer und schneller aufreiben wird, // als die unbestimmte Fortdauer des Kampfes. Ich spotte über die Unwissenheit und Unbehülflichkeit derer, welche sich von Conferenzen in Petersburg Aufschlüsse versprechen; im Grunde aber mögte ich blu-tige Thränen darüber weinen. Denn die Sache geht uns allen an den H a l s, und an die S e e - l e. Das Schicksal der Türken ist in das Schicksal Europas so tief verwebt, daß n i c h t s auf seinem Platze bleiben kan, wenn die Türken gezwungen werden, den ihrigen zu verlaßen. Mit dieser einleuchtenden Wahrheit will bloß deshalb Niemand sich beschäftigen, weil man sich einbildet, die Zeit der Erfüllung sey doch wohl noch weit entfernt; sie ist vielleicht viel näher, als man es ahndet; einer Ihrer letzten Berichte enthält darüber einige Winke, die jedes Cabinet erschüttern sollten. - Unterdessen schieben die Höfe einander wechselseitig die Initiative für jene Conferenzen zu. Jeder, Rußland à la tête, bittet die andern höflichst, ihm doch [xxx] nur ja seine A n s i c h t e n, seine I d e e n mitzutheilen, seinem Minister recht vollständige I n - s t r u c t i o n e n zu geben; Keiner will zuerst erklären, daß er selbst keine Ansichten, keine Ideen, keine Instruction // aufzutreiben weiß, weil er mit Recht besorgt, es mögte das Echo dieser Erklärung von den vier übrigen zurückhallen. So, mein Freund, stehen wir heute in einer Sache, an welche ein großer Theil unsrer Zukunft geknüpft ist. Und in d i e s e r Sache - das bitte ich Sie wohl zu bedenken - kan das Genie des Fürsten Metternich uns nicht retten. Das fühlt er selbst, und dies Gefühl nimmt ihm, leider, alle Lust und allen Trieb, die Hand daran zu legen. Er schmeichelt sich - die Zeit würde Heilmittel herbeyführen, oder ein deus ex machina dazwischen schlagen, oder der wilde Strom sich von selbst verlaufen, at ille -Labitur et labatur in omne volubilis aevum ! Das übrige Europa macht mir keine große Sorgen. Die Revolution s t i r b t allenthalben ab. An politische Complicationen ist nicht zu denken. Mit der Colonial-Frage hat es auch nicht viel zu bedeuten. England ist in seinen eignen Colonien so schwer bedroht, daß es ihm nicht einfallen wird, über die der Andern absprechen zu wollen. Canning hat seit 4 Wochen seinen Ton auf die merkwürdigste Weise herabgestimmt; ich sehe ihn noch mit uns // andern in einem freundschaftlichen Congreß die fernern Schicksale von Amerika in Erwägung ziehen. Er ist auch in der Türkisch-Russischen Frage äußerst zahm, und Strangford hat bereits, oder wird unverzüglich neue Instructionen erhalten, v o r a n z u g e h e n im engsten Einverständniß mit Ihnen und Minciacki. Was wollen Sie mehr ? Ueber den fatalen Anstoß den der Sardinische Traktat <findet,> schweige ich, weil ich Ihnen darüber vor ein Paar Tagen ohnehin eine lange Depesche geschrieben habe. In Petersburg beschäftigt man sich ernsthaft mit der Ernenung eines Gesandten nach Constantinopel. Ich schließe sogar aus einer Depesche von Lebzeltern daß die Wahl bereits beschlossen ist. Auf wen sie gefallen, weiß ich nicht zu sagen; daß es aber Tatischeff n i c h t ist, glaube ich mit Sicherheit zu wißen. - Ich muß aufhören. Die Zeit ist abgelaufen; und die mir noch übrige Minute brauche ich dringend, um Ihnen den Wunsch vorzutragen, den Sie auf der untenstehenden Seite finden werden. Gott sey mit Ihnen Gentz. // [Auf eigenem Blatt:] N. S. Ich habe den Auftrag aus Berlin, einen ächten, und dabey schönen Ostindischen Shawl aus Constantinopel zu verschreiben. Mit dem Preise will man bis auf 150 Ducaten gehen; für rich-tige und promte Zahlung hafte ich. Es ist mir a u s n e h m e n d v i e l daran gelegen, diesen Auftrag auf eine Art zu vollziehen, die mir E h r e bringt. Es versteht sich, daß der Shawl n a g e l - n e u seyn muß. Ueber Farbe und Dessein ist mir nur so viel vorgeschrieben, daß er nicht s c h w a r z, und nicht d u r c h a u s [xxx] mit Blumen pp durchwirkt, sondern mit einem großen Spiegel und breiter Bordure versehen seyn soll. Ich appellire in dieser kritischen Sache an Ihre Güte, und an den Geschmack Ihrer Frau Gemahlin, bitte Sie überdies, so schnell als möglich zu diesem Geschäft zu schreiten, und wenn Sie finden sollten, was mir frommt, es mir ohne weitres durch den nächsten Courier zu übersenden. H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 117-120. x Bl., F: ; 7 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.