These titles were already interesting to you:

Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 25. April-5. Mai 1824, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 31-41v, 43-44 1824

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4791
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Ottenfels-Gschwind, Franz von
LocationWien
Date25. April-5. Mai 1824
Handwritten recordHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 31-41v, 43-44
Size/Extent of item22 und 2 ½ eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Geschichte der orientalischen Frage, Nr. VI, 20-24 (tlw)
IncipitWir sind zwar noch weit
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 25. April-5. Mai 1824 Wien den 25ten April 1824. Wir sind zwar noch weit vom Abgange des Couriers entfernt. Ich [xxx] benutze aber gern, um nicht später wieder ins Gedränge zu kommen, einige freye Stunden, um mich mit Ihnen, Mein Vortreflicher Freund, über einige der Gegenstände zu unterhalten, die uns beyden so nahe am Herzen liegen. Ich führe noch immer die alte Klage, daß, a u ß e r m i r, Niemand in Wien (auch den Fürsten mit eingeschlossen) die Türkisch-Griechische Complication in ihrer vollen Wichtigkeit beherzigt. Nach meiner innigsten Ueberzeugung ist dies heute b e y w e i t e m die größte Sache, die uns vorliegt. Es mag in Spanien, in Portugal, im ganzen Umfange von Nord- und Süd-Amerika zuletzt geschehen, was da will; wenn wir uns bewußt sind, unsre Schuldigkeit gethan, und dem Siege des Schlechten mit aller Anstrengung entgegen gearbeitet zu haben, so können wir den Erfolg mit [xxx] Ruhe erwarten; Oesterreich wird in seinen Grundvesten nicht erschüttert, in seinen Haupt-Verhältnissen nicht gestört, wenn auch in jenen entfernten Ländern alles drunter und drüber ginge. Ganz anders ist es mit dem Gange und den Schicksalen unsrer östlichen // Nachbarstaaten beschaffen; hier gilt es Aufrechthaltung oder Untergang unsers politischen Systems; hier handelt es sich um Leben und Tod. Der Fürst betrachtet diese große Gegenstände zwar nicht aus einem von dem meinigen gerade abweichenden Gesichtspunkt; wir sind vielmehr einig, so oft wir darüber sprechen. Aber es beunruhigt und betrübt mich oft sehr, daß er ihnen nicht die Zeit und die Aufmerksamkeit widmet, [die] <womit> er [an] andre, weit weniger wichtige behandelt. Er theilt meine schweren, und doch wahrlich wohlgegründeten Sorgen, nicht lebhaft genug; er meynt zuweilen, ich sehe auf dieser Seite zu schwarz in die Zukunft. Er zählt auf das Glück, womit er bisher diese verwickelte Sache geführt - das heißt h i n g e h a l t e n hat; er beschäftigt sich ungern mit entfernten Gefahren; er liebt überhaupt alle die Dinge nicht, wobey er nicht unmittelbar eingreifen kan, und mögte Uebel, die er nicht zu bezwingen vermag, sich selbst, und Andern lieber völlig wegdemonstriren. Je mehr ich ihn in solcher Stimmung sehe, desto stärker glaube ich mich verpflichtet, meine Gedanken auf die kritischen Verhältnisse zu concentriren, aus welchen über kurz oder lang, nicht zu berechnende // Verlegenheiten für uns hervorgehen werden. Weder Sie, noch ich werden diese Verlegenheiten aufhalten. Aber laßen Sie uns wenigstens gemeinschaftlich alle unsre Kräfte aufbieten, um dem Augenblick der Gefahr nicht unvorbereitet entgegen zu gehen. Gewähren Sie mir wenigstens die Genugthuung, daß Sie meine Besorgnisse nicht für leere Träume ansehen, und daß ich vollkommen Recht habe, wenn ich die Sache, an welcher wir zu arbeiten berufen sind, hoch über jede andre stelle. Ich theile Ihnen heute, mit der Bitte der strengsten Geheimhaltung, das Russische Memoire über die Pacification Griechenlands, und unsre Antwort darauf mit. Der materielle Theil des Plans hat etwas so fabelhaftes, daß unsre Darstellung der Mittel zur Ausführung desselben, einer Persifflage ähnlicher sieht, als einem ernsthaften Gutachten. Die Pforte müßte in den letzten Zügen liegen, wenn sie d i e s e Vorschläge annehmen sollte; und w ä r e dies der Fall, w ä r e die Pforte zu diesem Grade von Ohnmacht herabgesunken - wie läßt sich denken, daß die G r i e c h e n einer Capitulation Gehör geben würden, die, obgleich mit der fernern Existenz der Türkei kaum vereinbar, doch in Substanz und Form, Unterwerfung und Tribut an der // Stirn trägt ? Wir haben, so viel es nur möglich war, im Sinne des Russischen Projekts gesprochen; aber eben dadurch, wie mir scheint, jedem denkenden Leser deutlich gemacht, was sich von diesem Projekt in der Wirklichkeit erwarten läßt. Weit beunruhigender aber, als das Materielle, war mir in dem Russischen Memoire, die Sprache, welche dieses Cabinet über seine Stellung gegen die Pforte führt; die wiederholten, herben Instanzen, womit [sie] es seinen Alliirten zu Gemüthe führt, der Friede zwischen den beyden Mächten könne ja offenbar nicht bestehen, wenn den Griechen nicht auf irgend eine Art geholfen würde; die nicht zweydeutige Voraussagung eines neuen, unvermeidlichen Bruchs, wenn diese Frage nicht nach Rußlands Wünschen entschieden werden sollte; endlich der entsetzliche Drang auf Erklärungen über ihre Vorschläge, nicht nur bey uns, sondern auch in Berlin, London, und Paris, gleich als ob die halsbrechende Verhandlung nicht schnell genug in Constantinopel angeknüpft werden könnte. - Sind das nicht höchst bedenkliche Symptome ? Und werden Sie mich tadeln, wenn ich unter solchen Aspekten, den Versicherungen eines Tatischeff und Andrer - "der Kayser kümmre sich wenig // um den Ausgang der Griechischen Unruhen, Er wolle sich nur Vorwurfsfrey <halten>, sey froh, wenn nur etwas geredet und geschrieben werde u.s.f." - allen Glauben versage ? Ich denke über die Sache anders. Der Kayser nimmt allerdings an dem Schicksal der Griechen sehr wenig wahren Antheil; das liebste wäre ihm, wenn er die ganze Griechische Insurrection auf einmal ungeschehen machen könnte, und von den Ansprüchen dieses heillosen Gesindels nichts mehr hören dürfte. Er hat auch keine feindselige Absichten, keine treulosen Plane gegen die Türken; er wünscht aufrichtig Frieden mit ihnen, und würde sich glücklich preisen, wenn er die alten vor 1821 bestehenden Verhältnisse zurückführen könnte. Er ist aber zugleich durchdrungen von dem Gefühl, daß er aus diesem Handel mit Ehren nicht scheiden kan, ohne etwas [etwas] entscheidend Günstiges zur Verbesserung des Zustandes der Griechen erreicht zu haben; und, was das schlimmste und gefährlichste ist, E r l e b t i n d e m W a h n, daß Er diesen Zweck, durch Mitwirkung der Alliirten, durch eine imposante Stellung, durch Beharrlichkeit, durch Drohungen, und durch Schrecken, erreichen w i r d und m u ß. Hier liegt nun der Grund alles künftigen Verderbens. Denn was wird geschehen, wenn die Pforte, wie sich doch fast mit Gewißheit (sie müßte denn in dem bevorstehenden Feldzuge aufs // Haupt geschlagen <werden>, und selbst auch alsdann noch) voraussehen läßt, der Zumuthung, Morea, Lavadien, Thessalien, Acarnanien, Epirus, und halb Albanien, Griechischen Fürsten, und einer unabhängigen, nur dem Nahmen nach ihr unterworfnen <Griechischen> Verwaltung zu überliefern, mit Hartnäckigkeit widerstrebt ? Wird die Russische Gesandschaft ruhig in Constantinopel bleiben ? Wird nicht die Pforte selbst, durch die täglichen Forderungen und Drohungen der vereinten Europäischen Missionen aufs Aeußerste gebracht, Veranlaßung zu neuen Strogonoffschen Szenen geben ? Mir scheint in diesem Falle - und das ist der wahrscheinlichste von allen - ein zweyter Bruch mit Rußland beynahe gewiß. Dieser zweyte Bruch <aber> wird den Kayser zum Kriege z w i n g e n - in so fern nicht d i e F u r c h t v o r E n g l a n d ihn zurückhält. Jetzt, liebster Freund, erwägen Sie einen Augenblick unsre Lage in dieser greulichen, und doch sicher nicht muthwillig erdichteten Voraussetzung. England wird vielleicht, da es den Krieg sorgfältig zu vermeiden sucht, den ersten Feindseligkeiten Rußlands nicht offnen Widerstand leisten. Die Besetzung einiger Provinzen diesseits und jenseits der Donau wird es v i e l l e i c h t noch dulden. Nie und nimmermehr aber läßt es die Russen bis nach Constantinopel vorrücken, ohne // sich aller wichtigen Punkte in der Südlichen Türkey zu versichern, welches keine Macht auf Erden verhindern kan. Was wird nun aus uns ? Begünstigen wir England, auch nur stillschweigend, so ist unser Bruch mit Rußland entschieden. Schlagen wir uns, wie es wahrscheinlich geschehen [zu] würde, zu Rußland, und ziehen Frankreich, welches in diesem Falle unmöglich passiv bleiben könnte, auf unsre Seite, so zerstören wir v i e l l e i c h t das Türkische Reich; aber dann ist der längst gefürchtete, längst prophezeyte allgemeine Krieg, der Krieg zwischen England und dem Continent unausweichlich. Und, wenn Sie bedenken, daß in der heutigen Lage der Dinge dieser Krieg zugleich ein neuer Aufstand aller revoluzionären Parteyen in Europa seyn würde - so frage ich Sie, ob man Recht oder Unrecht hat, in der Griechischen Sache eine todesschwangre Wolke,eine wahre Büchse der Pandora zu sehen, deren Zerplatzen unnennbares Unheil über die Welt verbreiten kan ? Die Wiederkehr der Russischen Gesandtschaft wird im ersten Augenblick unter den Freunden des Friedens großen Jubel erregen. Ich zittre vor diesem Moment, seitdem es nun nicht mehr zweifelhaft ist, daß er das Signal zur Verhandlung der Griechenfrage seyn wird. Sollten die Türken in diesem Feldzuge geschickter und glücklicher // seyn, als in den vorhergehenden, so höre ich schon das Zeter-Geschrey über die Grausamkeiten und Blutbäder die ihre Siege begleiten würden; als wenn Barbaren gegen Barbaren ihre Rechte je anders als in dieser Manier geltend machen k ö n n t e n ! Geht es den Türken abermals schlecht, so wird man meynen, sie desto ungestrafter in die Enge treiben zu können; und wenn sie endlich nachgeben, in einen Plan willigen sollten, der ihnen wenigstens nur den h a l b e n Tod bereitet, so wird Niemand Lust haben, die Griechen zur Annahme desselben Planes zu zwingen, sondern man wird zuletzt - nach eben den Grundsätzen, die England in Ansehung der Spanischen Colonien aufgestellt hat - ihre faktische Unabhängigkeit, allenfalls als ein nothwendiges Uebel, anerkennen, und somit der Pforte den g a n z e n Tod - denn diese Begebenheit könnte sie kaum noch ein Paar Jahre überleben - decretiren. Rußland und Oesterreich würden sich allenfalls (wenn Frankreich und Preußen dazu schweigen wollten) in die Nördlichen Türkischen Provinzen theilen; E n g l a n d aber bliebe die Herrschaft über die Welt. // S o n n a b e n d d e n 1ten M a y. Als ich gestern Abend - nach einem in Weinhaus verlebten, äußerst schönen Tage - in die Stadt zurückkehrte, war Ihr Courier vom 10ten v. M. angelangt; der Fürst war so gütig, mir die ganze Expedition zu übersenden, so daß ich vor dem Schlafengehen alles gelesen hatte. Lord Strangford's Note ist stark und geschickt. Ich bewundre immer die Dreistigkeit die dazu gehört, von Rußlands so zweydeutigen, so undefinirten, so fabelhaften Rechten zu sagen: Rien de plus manifeste, de plus notoire de plus incontestable, que les droits de la Russie sur ce point. Les traités parlent, et parlent s a n s a m b i g u i t é. Les Articles, qui investissent la Cour de Petersbourg du droit d'une intervention tutélaire (F ü r s p r a c h e, aber nicht S c h u t z r e c h t) en faveur de c e s i n f o r t u n é e s p r o v i n c e s (Was heißt das ? Weil sie das Unglück haben, unter der Pforte zu stehen ?) ne sont pas des articles d'une convention récente, mais des stipulations qui datent depuis un demi-siècle pp - Von dem allen glaubt Strangford vermuthlich kein Wort. Da aber selbst sein College, der Internuncius kein Bedenken trägt, in einer seiner letzten Depeschen zu schreiben: que la [Russie] Porte a fourni à la Russie // de nouveaux motifs de se plaindre d'une violation de privilèges et de franchises de ces provinces, d o n t l e m a i n t i e n f o r m e u n e d e s s t i p u l a t i o n s d u d e r n i e r t r a i t é d e p a i x d e B u c a r e s t - so muß ich am Ende wohl glauben, daß mir die w a h r e n Traktate zwischen Rußland und der Pforte, aller Nachforschungen ungeachtet, immer noch unbekannt sind, und Sie daher inständigst bitten, mir doch einmal, mit diplomatischer Präzision, die A r t i k e l anzuzeigen, aus welchen das Schutz- oder eigentlich Mit-Regentschafts-Recht Rußlands in den Fürstenthümern fließt. Besonders wäre ich sehr begierig, solche Artikel aus dem Traktat von B u c a r e s t zu sehen. Ich weiß wohl daß in diesem die Dispositionen des Traktates von J a s s y, und in diesem wieder die des Traktetes von L o v i n a r d y i bestätiget sind; wenn ich aber auf den letztern zurückgehe, so finde ich abermals nichts, und immer nichts. Ich bitte Sie, dies nicht als bloße Ironie zu behandeln; Sie leisten mir wirklich einen Dienst, wenn Sie mir über diesen intrikaten Punkt nur e i n i g e Aufschlüsse geben können. Denn ganz ohne allen Grund und Sinn, aus reiner Schmeicheley oder Furcht vor Rußland, [konnten] sollte man doch kaum ein Einverständniß aller // [xxx] Cabinetter über eine durchaus willkührliche Interpretation der Verträge für möglich halten. Lord Strangfords Note wird in Petersburg, das weiß ich zum voraus, sehr mittelmäßig aufgenommen werden. Die Sprache, die er in R u ß l a n d s Nahmen führt, [u bis dahin] überhaupt der ganze Schluß der Note wird den günstigen Eindruck der vorhergehenden Abschnitte großentheils dämpfen. Sie dürfen nur das Russische Memoire über die Pazification der Griechen mit Aufmerksamkeit lesen, um Sich hievon zu überzeugen. In Strangford's Worten liegt, wenn gleich nicht explicite, doch implicite die Versicherung, daß man von der Pforte, wenn sie einmal in die Räumung der Fürstenthümer gewilligt haben wird, n i c h t s m e h r fordern werde. La s e u l e condition - la p r e m i è r e et la d e r n i è r e condition - le Cabinet de Russie e n s e v e l i r a d a n s u n p r o f o n d o u b l i t o u s l e s d i f f é r e n s a n t é r i e u r e s etc. etc. Nein, wird Tatischeff, und Nesselrode, und ich fürchte noch ein Andrer, sagen: So haben wir nicht gewettet ! Wie könnte der Kayser die Griechen-Frage i n V e r g e s s e n h e i t b e g r a b e n ! Wie könnte zwischen ihm und der Pforte (mag auch zehnmal die Russische Gesandschaft zurückkehren) Friede bestehen, wenn den G r i e c h e n nicht geholfen wird ? Lesen Sie das Russische Memoire, und urteilen Sie, ob meine Bemerkung gegründet ist. //Nicht, daß i c h etwa Strangford über diese Erklärungen einen Vorwurf machen wollte; sie sind mir im Gegentheil das liebste Stück seiner Arbeit; und es freut mich von Herzen, daß er, der sich vor seinem eignen Minister nicht fürchtet, dem Russischen Cabinet diesen bittern Trank bereitet hat. Er war dazu auch vollkommen autorisirt; das Schreiben Bagot's vom 26ten Dezember v. J. war sein Leitstern; und zuletzt bleibt ihm - u n d Rußland - noch die sophistische Ausflucht, man habe nur la derniere condition du retour de la mission Russe, nicht das Ende aller Forderungen an die Pforte gemeynt. - Wie dem auch sey, Strangford, der die neusten Verhandlungen des Russischen Cabinets über die Griechenfrage zu ignoriren b e f u g t war - wenn ihm auch wirklich, wie ich doch kaum glaube, Canning das Memoire mitgetheilt haben sollte - hat äußerst klug, obschon sehr boshaft gegen die Russen, gehandelt, indem er sich so ausdrückte, wie diese es wohl nicht gewünscht, und vielleicht auch nicht erwartet hatten. <Unter andern ist auch in der Note eine Stelle, wo Strangford die Pforte, so zu sagen, darauf aufmerksam macht, daß sie t r a k t a t e n m ä ß i g e F o r d e r u n g e n gegen Rußland aufzustellen hat !> Von dem Lärm, der sich über die Verhaftnehmung der Moldauischen Bojaren in Petersburg erheben könnte, besorge ich nicht viel. Die Villarasche Geschichte ist zu ihrer Zeit nur dadurch so böse geworden, daß w i r uns einen so argen Mißgriff darin zu Schulden // kommen ließen. Solche Schikanen sind jetzt nicht mehr eben an der Tagesordnung. Man w i l l sich versöhnen - um nachher desto stärker auftreten zu können, wenn man die Sache der Rebellen führen wird. - Die Pforte hat, nach meiner Meynung, sehr wohl gethan, indem sie dem Hospodar, dessen sträfliches Benehmen ich wahrlich nicht entschuldigen will, nicht zu Leibe ging. Wenn sie die Deputirten pure et simpliciter zurückgeschickt hätte, wäre gar nichts zu sagen gewesen. Daß sie diese Leute einsperren ließ, war eine Türkische Dummheit und Brutalität, die w i r nicht weiter rügen wollen. Ich höre zwar, daß man Ihnen bereits vor ein Paar Wochen v o n d e r S t a a t s k a n z l e y a u s eine Depesche über diesen Vorgang adressirt hat, die mir bis jetzt nicht zu Gesicht gekommen ist; sollte sie aber in einem verkehrten Sinne abgefaßt seyn, so werden S i e hoffentlich keinen Gebrauch davon gemacht haben, und können solche sicher als non avenue betrachten. Denn der Fürst wünscht, und schmeichelt sich selbst, daß man diese Sache gänzlich fallen laßen wird. Aus Ihrem Privatschreiben ersehe ich schon, daß Sie mit der lobenswerthesten Behutsamkeit dabey zu Werke gegangen sind. Strangford's Note bleibt übrigens, bis zur Ankunft seines Couriers, ein Geheimniß. Bloß das Factum, daß er sie eingegeben hat, wird gegen Tatischeff, Wellesley, Hatzfeld etc. erwähnt; die Piece selbst aber Niemanden // gezeigt. Ich schließe aus verschiednen Ihrer Aeußerungen, daß Sie diesen Prozeß noch nicht für gewonnen halten; und auch ich denke so, trotz der imposanten Figur, welche die T ü r k i s c h - g e s c h r i e b n e Stelle in der Note spielt. Zuletzt aber wird der starrköpfige Sultan doch wohl nachgeben. Wellesley ist, zu meiner großen Beruhigung, der Meynung, die nächsten Instructionen aus London die er mit jedem Tage erwartet, würden Strangford's Stellung wesentlich verstärken, und verbessern. Die Berichte aus Ithaca kannte ich längst; Weiss hatte sie bereits vor zwey Monaten eingesendet. Ich habe keinen Gebrauch für den Beobachter davon machen können, weil der Fürst es damals, und zwar aus Gründen, die ich selbst richtig fand, nicht wünschte. Jetzt wäre es um so mehr zu spät, als der Englische Courier bereits am 10 Februar Auszüge aus diesen nehmlichen Berichten gemacht hat. Wenn Sie einen Blick auf den Beobachter vom 9 März werfen wollen, so werden Sie sehen, daß uns die wahre Geschichte jener greulichen Katastrophe sehr wohl bekannt war. Das Aufhören des Spectateur oriental ist ein schändlicher Streich der immer gleich treulosen Franzosen. Der Fürst ist darüber im höchsten // Grade indignirt, und hat mir aufgetragen, Ihnen vorläufig zu melden, daß er jedem Versuch, dieser Zeitung wieder auf die Beine zu helfen, die Hand zu bieten bereit ist. Er hofft auch, den Kayser zu einem Zuschuß von etlichen Tausend Gulden zu bewegen, und wird Sie, wenn dies geschehen ist, bestimmter instruiren. Thun Sie unterdessen, was Sie können ! Die größte Schwierigkeit mögte wohl die seyn, dem Tricon, der wie es scheint, von dem Französischen Consulat zu Smyrne abhängt, eine unabhängige Stellung zu verschaffen, wogegen ein solcher Haupt-Halunke, wie David, gewiß alle Cabalen aufbieten wird. In Smyrne m u ß die Zeitung bleiben; und mit bessern Lettern als bisher muß sie gedruckt werden. Es würde mich unendlich kränken, wenn wir auch in dieser Sache den Jakobinern das Feld räumen sollten. Für mich persönlich ist der Abgang dieser Zeitung ein unersetzlicher Verlust; und ich subscribire gleich aus meiner Tasche 500 Piaster, wenn wir sie retten können. Sagen Sie Lord Strangford, ich rechnete ganz auf ihn, und bäte ihn angelegentlich, diesem Gegenstande seinen ganzen Einfluß zu widmen. // Ich will mir über den bevorstehenden Feldzug noch kein Urteil erlauben. Ich sehe viel guten Willen, und e i n i g e ernsthafte Maßregeln, aber ein großes décousu, und bis jetzt noch keine Concentration wirksamer Streitkräfte auf irgend einem Punkte. Ihr Freund Cuosreis Pascha ist mein Mann nicht; er hat sich im vorigen Jahre gar zu erbärmlich gezeigt. Wenn er wirklich das Projekt hat, Samos oder Ipsara anzugreifen, so schwindelt mir vor seinem Operations-Plane. Nur ein Hauptschlag gegen Morea, eine Landung, von 25000 Mann der besten Truppen des Pascha von Egypten (die andern 25000 will ich ihm gern schenken) ernsthaft unterstützt, kan eine gute Wirkung thun. Dort muß der Schlange der Kopf zertreten werden; mit den Inseln hat es weniger Eile. Den Angriff auf Samos halte ich für ein höchst gewagtes Unternehmen. Auf die Uneinigkeit unter den Moreoten rechne ich nicht gar viel; solch Lumpenpack zankt und verträgt sich von einem Tage zum andern. Da [sie] indessen gegenwärtig die Spannung unter den Factionen sehr lebhaft ist, so wäre dies ein Grund mehr, ohne Zeitverlust zu handeln. Eine Armee von 30,000 Mann - mit Geld und Proviant gehörig versehen - die zwischen Coron und Moclen landete, müßte in einem Zeitraum von wenig Wochen die ganze Halbinsel // wieder erobern, und die von den Insurgenten besetzten Plätze in den Rücken nehmen. Die Griechen werden Nauplia und Corinth wahrhaftig nicht so lange behaupten, als es die unglücklichen, durch ihre eigne Regierung verrathnen und ausgehungerten Türkischen Garnisonen gethan haben. Dies wäre m e i n Operations-Plan; und wenn dabey 50,000 Griechen ins Gras beissen müßten, so mögen Capodistrias und Strogonoff ihnen die Leichenrede halten. Da noch 4 Tage bis zum Abgang der Post vor mir sind, so breche ich für heute hier ab, und [werde] verschiebe bis dahin den Schluß meines Briefes. D i e n s t a g d e n 4 M a i Gestern langte die Estaffette vom 16ten hier an. Der erste Akt naht also seinem Ende. Denn so ängstlich sich Strangford auch anstellt (und diesmal hat er ganz recht, seinen Leuten die Hölle heiß zu machen) sehe ich doch aus Ihren Berichten deutlich, daß die Sache so gut als gewonnen ist. W a r u m aber laßen diese Menschen es aufs äußerste kommen ? - W a r u m zogen sie nicht vor 2 oder 3 Monate ihre Truppen freywillig zurück ? - W a r u m sind sie so hartnäckig // gegen u n s, ihre unveränderlichen Freunde und Wohlthäter, und so nachgebend gegen England, das ihnen zwar auf einer Seite große Dienste leistet, auf der andern aber zugleich so viel Schaden und Herzeleid zufügt ? - W a r u m war selbst Villara zuletzt en considération de Lord Strangford losgelaßen ? - Sie werden mir antworten, weil sie T ü r k e n sind. Aber das befriedigt mich noch nicht; sie haben unläugbar, bey vieler Barbarey, viel praktischen Verstand, und wißen ihr Interesse oft sehr richtig zu berechnen. Die Note verbale des Großveziers über das Benehmen der Engländer mit den Griechen ist ein Aktenstück, wovor alle Europäische Cabinette erröthen sollten.Ich habe von Strangford einen etwas hastigen, aber sehr vertraulichen Brief. Ich werde ihm, wenn es mir möglich ist, morgen noch antworten. Ich hoffe, morgen früh bey Wellesley noch einen Theil seiner Depeschen, und das Uebrige, si diis placet - bey u n s zu lesen. Er erhebt Sie nun wieder in den Himmel. Wie sollte er das auch nicht ? Wo fände er einen zweyten Collegen, der so mit ihm umgeht ? Sie haben seine leidenschaftlichen Ausschweifungen, seine wilden Sprünge, seine // Tücken, seine Treulosigkeiten, mit einer Gelassenheit und Mäßigung ertragen, die auf Ihren eignen Charakter das liebenswürdigste Licht wirft. Mit wahrer Bewunderung - ich kan es Ihnen nicht bergen - habe ich oft Ihre Berichte gelesen, worin doch auch nie eine Spur feindseliger Gesinung, die er doch so häufig an Ihrer Seite verdient hatte, zu finden war. Während seiner schwersten Vergehungen haben Sie mit immer gleicher Milde, Wahrheits- und Gerechtigkeits-Liebe von ihm gesprochen. Macte virtute tua ! Was wird aber fernerhin aus diesem Jünger werden ? Der Fürst ist überzeugt, und ich mit ihm, daß er auf einen ehrenvollen Rückzug denkt, und daß <er>, nach vollbrachter Wiederherstellung des Friedens mit Rußland, je eher je lieber einen Schauplatz verlaßen wird, wo ihn dann nichts als böse Tage und endlose Complicationen mehr erwarten. Ganz aufrichtig zu sprechen, könnte ich ihn über diesen Plan nicht sehr tadeln. Mit seinen laut ausgesprochnen Grundsätzen, unter einem Minister wie Canning, neben Alliirten wie Frankreich und Rußland, plaider la cause des Grecs - das einzige was in der Zukunft seiner wartet - dies ist kein Geschäft für Strangford. Ich ginge in seiner Stelle ebenfalls durch, der Himmel // müßte mir denn irgend ein tüchtiges Verbrechen inspiriren, wodurch ich mich zu gleicher Zeit an Russen, Engländern, Franzosen rächen, und alle Griechen vertilgen könnte. Seine Stellung wird natürlich auch zugleich schwächer und kritischer, sobald ein Russischer Minister, und ein Französischer Botschafter dort auftritt. Der Russische wird wahrscheinlich (wobey ich mich nicht zu compromittiren bitte) Ribeaupierre seyn, ein in der diplomatischen Laufbahn ziemlich unbekannter Mann, Director der Russischen Banken, ein guter Financier, Liebling des Kaysers, und, wie man versichert, von sehr verträglichem Charakter. Dies mögte noch angehen. Der Franzose ist [wahrs] allem Vermuthen nach ein anmaßungsvoller Kerl, ein Held des Liberalismus, Freund der Griechen, Schmeichler der Russen, giftiger Feind von Oesterreich und England. Ich sehe zwar, Gottlob, nicht ab, wie bey dem jetzigen Stande der Dinge ein Französischer Botschafter in Constantinopel viel vorstellen könnte; die Türken wißen sehr wohl, wen sie zu schonen und zu fürchten haben, und achten Frankreich für nichts. Dennoch kan ich diesen Guilleminot nicht genügsam Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen. Die Eitelkeit und der Hochmuth des Französischen Cabinets verdaut es nicht, daß sie bisher in den Türkischen Angelegenheiten eine so ganz // stumme und elende Rolle gespielt haben. Seit einiger Zeit scheint in a l l e Französische Journale, royalistische wie revoluzionäre, der Teufel gefahren zu seyn, wenn von der Griechischen Insurrection die Rede ist. Und wenn England (wie ich denn doch immer noch hoffe) auf der guten Linie bleibt, so werden Sie sehen, welche schändliche, wenn gleich unwirksame Cabalen die Franzosen bey den Insurgenten anzetteln werden. Der Fürst hat indessen ganz recht. Die beste Art einen Guilleminot (wenn er wirklich so prozedirt wie wir befürchten) zu behandeln, ist die, wenig Notiz von ihm zu nehmen, ihm mit scheinbarer Gleichgültigkeit und Kälte zu begegnen, unter der Hand aber alle seine Schritte zu bewachen. M i t t w o c h 5ten M a i Ich hatte mir noch verschiedne Punkte notirt, worüber ich Ihnen heute schreiben wollte. Aber es geht nicht mehr. Ich habe 4 Stunden zwischen Wellesley und dem Fürsten zugebracht, um Depeschen aus London, Paris pp und auch einige der neusten Strangfordschen Berichte zu lesen. Da der Botschafter diesen Abend einen eignen Courier bis Constantinopel schicken will, so finde ich // v i e l l e i c h t noch die Zeit, Ihnen ein Paar Worte zu schreiben. Strangford wird von seinen neusten Instructionen nur sehr mittelmäßig erbaut seyn. Der Kayser ist diesen Morgen abgereiset, und bleibt bis zu Ende des Monats in Böhmen. Der Fürst verläßt Wien zwischen dem 21 und 23ten d. und geht über Tegernsee nach Johannisberg. Doch das weitre über diese Projekte kennen Sie ja schon aus meinem letzten Briefe. Es bleibt mir nichts übrig, als mich Ihrem freundschaftlichen Gedächtniß zu empfehlen Gentz Schreiben Sie mir nur i r g e n d e t w a s über Raznovano; ob man ihn kennt; w i e man ungefähr über ihn denkt; ob sein Wunsch eine reines Hirngespinst ist, oder irgend eine M ö g l i c h k e i t des Gelingens für sich hat. Ich weiß wohl daß jetzt gerade g a r n i c h t davon die Rede seyn kan; aber ich mögte nur Sakellario, der mich mit dieser Sache unendlich quält, e i n i g e r m a ß e n befriedigen.Auf besonderem Blatt. Sie erhalten hiebey: 1. Das Russische Memoire über die Pacification. 2. Die Oesterreichische Antwort, die zwar eigentlich [xxx] meine Arbeit, aber durch Tatischeffs Einfluß an verschiednen Stellen sehr verstümmelt ist. 3. Eine kleine Piece die ich lange vorher redigirt hatte, um in den allereinfachsten Worten darzustellen, welche R e i h e schwieriger Operationen man zu durchwandern haben würde, wenn man <sich> ernsthaft mit dieser Sache befassen sollte. 4. Einen Auszug aus einer Depesche von Lebzeltern. Um diesen zu verstehen, müßen Sie wissen, daß der erste Entwurf des Russischen Memoirs, obgleich in materialibus dasselbe, die Beziehung der Frage auf das I n t e r e s s e R u ß l a n d s in weit schroffern, anmaßendern Worten aussprach, daß der Entwurf i n d i e s e r H i n s i c h t - auf Lebzeltern's dem Kayser selbst mitgetheilte Bemerkungen - abgeändert wurde, so daß in der jetzigen // Fassung die anstößigste Seite des Memoires zwar nicht verschwunden, doch möglichst m a s k i r t ist, indem viele Stellen, die früher nur von R u ß l a n d sprachen, jetzt auf die A l l i i r t e n bezogen, und einige sehr unanständige Ausfälle gegen die Pforte gestrichen sind. [Ich begreife xxx] Ich thue vielleicht etwas ganz unnützes, indem ich Ihnen das Russische Memoire mittheile; denn da ich jetzt (durch Wellesley) mit Gewißheit weiß, daß Bagot es Ihrem Collegen im Vertrauen übermacht hat, so scheint es mir kaum möglich, das Sie es nicht ebenfalls kennen sollten. Doch haben Sie dessen nie gegen mich erwähnt; ich verfahre also, als wenn ich Sie noch in ignorantia glaubte. Was die Antwort betrift, so ist solche nun bereits 4 Cabinetten mitgetheilt worden, und würde folglich auch Ihnen und Strangford nicht lange verborgen bleiben. Wenn Sie daher für gut finden, [Sie] diesem Kenntniß davon zu geben, so habe ich nichts dagegen. // Ich werde mich dieser Piece wahrhaftig nicht sehr rühmen; aber a u s d e m S t a n d p u n k t u n s e r s C a b i n e t s (nicht aus meinem persönlichen), glaube ich die Nothwendigkeit einer s o l c h e n Erklärung allenfalls verteidigen zu können. Rußland herbe Wahrheiten sagen - das haben wir v e r l e r n t; es bleibt uns nichts mehr übrig als unsre stille Opposition mit Schmeicheleyen zu verkleistern, wenn jenes Cabinet auch den Unsinn seiner Prätensionen noch so weit treibt. Vergessen Sie nicht diese Argumente zu seiner Zeit gegen Strangford geltend zu machen, der unsre Antwort gewiß, und nicht [mit] ohne Grund, hart angreifen wird. H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 31-41v, 43-44. x Bl., F: ; 22 und 2 ½ eighd. beschr. Seiten. D: Geschichte der orientalischen Frage, 20-24 (tlw).