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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 17./18. Juni 1825, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 68-69v und Konvolut 1825.g., Bl. 72-75v 1825

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4673
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Ottenfels-Gschwind, Franz von
AusstellungsortWien
Datum17./18. Juni 1825
Handschriftl. ÜberlieferungHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 68-69v und Konvolut 1825.g., Bl. 72-75v
Format/Umfang11 ½ eighd. beschr. Seiten
IncipitVorgestern, Mein Vortreflicher Freund, bin ich
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 17./18. Juni 1825 Wien (Weinhaus) den 17 Juny 1825. Vorgestern, Mein Vortreflicher Freund, bin ich von meiner Italienischen Reise zurückgekommen. Ich mußte meinen Aufenthalt in Mayland noch um einige Tage verlängern, weil, durch eine eigne Fatalität, Baron Münch, gerade in dem Augenblick, wo der Fürst nach Genua abfuhr, dort anlangte, und ich nun, sowohl ihm, als den Geschäften, in welchen er kam, ein Opfer nicht versagen konnte. Dann war ich 12 Tage unterwegens. Mein Reiseplan erforderte Zeit. Ich wollte schlechterdings unsre neue, kaum noch vollendete Straße über das Wormser Joch sehen, die ohne allen Zweifel theils wegen ihrer wundervollen Construction, theils weil sie die berühmte Simplon-Straße um 2500 Fuß an Höhe übertrift, heute die merkwürdigste in der Welt ist. Zu diesem Ende mußte ich mich in Como einschiffen, den Comer See in seiner ganzen Länge befahren, und von Cotico aus durch das Valtelin über Sondrio, Tirano, nach Bormio (Worms) gehen, wo die neue Straße anfängt. In 6 Stunden gelangt man, und zwar auf einem Wege der // sich durch seinen kunstreichen Bau gerade so leicht und sanft fährt, als es die Gänge in meinem Garten thun würden, auf die Höhe des sogenannten Stilfser Joches (1500 Klafter d. i. 9000 Fuß über der Meeresfläche) und in 8 Stunden erreicht man, eben so sanft herabsteigend das Dorf Mals in Tyrol. Da in den vorhergehenden Tagen, wider alle Erwartung eine ungeheure Masse von Schnee in der obern Region des Gebirges gefallen war, so trafen mich bey dieser Fahrt manche sonderbare Fata, und ich würde mich nicht haben herausziehen können, wenn ich nicht die Begleitung von 2 Ingenieurs und 100 Mann gehabt hätte. - Von Mals ging ich durch das Ober-Innthal, eine himmlische Landschaft, über Finstermünz, Landeck, und Imst nach Inspruck, und dann etc. Die letzten 3 Tage, von Salzburg nach Wien wurden mir durch ganz abscheuliches Wetter so verbittert, daß ich nicht bloß ermüdet, sondern auch sehr unmuthig ankam. Der kurze Aufenthalt in Mayland war über alle Maßen lehrreich und interessant // für mich. Die gigantischen Lügen, die man über die Unzufriedenheit der Einwohner dieses Landes, ihren Haß gegen unsre Regierung, die Härte der letztern und den traurigen Zustand der Dinge in diesen so herrlichen Provinzen überall in Europa verbreitet hatte, und die selbst in Wien zuweilen mehr Glauben fanden, als sie gesollt hätten - diese Masse von Lügen auf einmal durch die Evidenz der unwiderstehlichsten Thatsachen in den Staub getreten zu sehen - das war ein großer Genuß ! - Daß das ganze Corps diplomatique von Wien dem außerordentlichen, unerwarteten Schauspiel, welches Mayland in dieser Zeit darbot, beywohnen mußte, war ein Umstand, zu dem wir uns nicht Glück genug wünschen können. Kein Mensch kan sich heute mehr verbergen - ich selbst hätte es in d e m Grade nicht geglaubt - daß die Lombardey dem Hause Oesterreich eben so gesichert ist, als das Erzherzogthum. Ich liebe die Italiener nicht; ich rechne es ihnen auch gar nicht zum Verdienste an; ich sage mir, was i s t, und was bisher so // wenig bekannt schien. Uebrigens darf nicht vergessen werden, daß die Reise des Kaysers nach Mayland, deren ersprießliche Folge - wäre es auch nur für die Berichtigung vieler gefährlicher Irrthümer - sich kaum berechnen laßen - das ausschließende Werk des Fürsten Metternich war. Zwey Jahre lang hat er mit jeder Art von Widerstand zu kämpfen gehabt; ohne ihn [hätte ich] wäre die Sache nie zur Ausführung gekommen. Der Kayser weiß und fühlt, daß er <ihm> die wahre B e s i t z - E r g r e i f u n g einer seiner wichtigsten Provinzen, so wie früher die Wieder-Eroberung derselben zu danken hat; und das ist wahrlich kein kleines Verdienst. Der Fürst wird in den letzten Tagen des Monats, wo sich der Kayser aus der Lombardey in die Venetianischen Provinzen begiebt, nach Deutschland zurückkehren, und zwar gerade nach Ischl, woselbst er um den 10 July einzutreffen, und bis zum 10 August zu verweilen gedenkt. Ob ich mich zu dieser Zeit ebenfalls von hier aus nach Ischl begeben werde, ist noch unentschieden; ich glaube eher, ich werde zu Hause bleiben. // den 18ten Juny. Wir haben uns in Mayland viel, beinahe täglich, mit der Türkisch-Griechischen Frage beschäftigt. Tatischeff erhielt durch einen Courier aus Warschau eine lange Depesche voll bittrer Klagen über den armseligen Ausgang der Petersburger Conferenzen, und den von den Ministern der Alliirten (id est von Lebzeltern) gegen alle Russische Propositionen erhobnen Widerspruch. [Zugleich] Um endlich zum Ziel zu gelangen, verlangt das Russische Cabinet, daß seine Alliirten sich bestimmt erklären, "ob sie im Fall eines beharrlichen Widerstandes der Pforte gegen die Friedens-Vorschläge der Mächte, Zwangs-Maßregeln (gegen die Pforte nehmlich, denn man geht immer davon aus, daß gegen die G r i e c h e n keine m ö g l i c h sind) zu ergreifen geneigt wären ?" - Der Fürst, schon voll Indignation über das ganze miserable Benehmen des Russischen Cabinets während der Conferenzen, durch jene Depesche vollends aufgeregt, und der ewigen Plackereyen satt und müde, beschloß, d i e s m a l rein heraus, und so zu sprechen, daß man ihm sobald nicht wieder zu Leibe gehen könnte. Es wurde demnach eine Note an // Tatischeff als Antwort auf eine von ihm an den Fürsten erlaßne abgefaßt, und in derselben das Kapitel von den eventuellen Zwangs-Maßregeln erschöpfend [xxx] verhandelt. Wir erklären uns ein für allemal wider j e d e Maßregel dieser Art. Von K r i e g wollen wir eben so wenig wissen als der Kayser Alexander - wenigstens nach seinen fortdauernden und neusten Versicherungen. - Z u r ü c k b e r u f u n g d e r M i s s i o n e n von Constantinopel kan, nach unsrer Ansicht, n i e Statt finden; und [zu] t e m p o r ä r e O c c u p a t i o n d e r F ü r s t e n t h ü m e r, wovon zwar in den Conferenzen nicht die Rede gewesen war, wohl aber in den Privat-Discussionen zwischen Nesselrode und Lebzeltern - wird als ein zweckwidriger und dabey höchst gefahrvoller Schritt ebenfalls rein von uns verworfen. Außer den Griechen, die gegen jede dieser Maßregeln einzeln betrachtet streiten, wird in der Note das Argument welches sie alle umfaßt, ganz vorzüglich herausgehoben: daß nehmlich [durch] nicht nur durch jede wirkliche Feindseligkeit gegen die Pforte, sondern selbst durch jede ernsthafte Bedrohung derselben // die Opposition und der Trotz der Griechen aufs höchste gesteigert, mithin der Zweck der Höfe, die n i c h t die Unabhängigkeit der Griechen wollen, vereitelt, und die Pazification i m S i n n e d e r A l l i i r t e n unmöglich gemacht würde. In diesem Punkte liegt gegenwärtig unsre größte Stärke; und der Fürst hat mir, während wir an der erwähnten Note, die uns fast 14 Tage beschäftigt hat, arbeiteten, mehr als einmal gesagt, wie sehr er sich Glück wünsche, daß wir doch den Vorschlag, im äußersten Nothfall die Pforte mit Anerkennung der Griechischen Unabhängigkeit zu bedrohen, der Sache die [xxx] für uns günstigste Wendung gegeben hatten. Dies S t r a t e g e m, dessen Sinn und Absicht Sie vermuthlich gleich bey der ersten Lectüre der im Februar an Lebzeltern erlaßnen Instructionen nicht verkannt haben werden, war meine Erfindung; ich trug mich bereits seit dem vorigen Herbst damit herum; und als ich es zum erstenmahle aussprach, fand ich gleich den Fürsten völlig damit einverstanden. Durch nichts hätten wir dem Russischen Cabinet größern Schrecken einjagen können; was wir // längst vermuthet hatten, ward nun zur Gewißheit gebracht, und Rußland gezwungen zu erklären, daß es von Unabhängigkeit der Griechen schlechterdings nichts wißen, auch nicht einmal als [xxx] Negoziations-Mittel, oder als Drohung davon hören wollte. Daß es u n s ohnehin kein Ernst damit war, versteht sich von selbst. Jetzt aber haben wir so viel gewonnen, daß wir Rußland bey jedem neuen thörigten Antrage, der einen Bruch mit der Pforte zur Folge haben könnte, ad absurdum führen; Vous voulez donc l'indépendance des Grecs ? - Que Dieu nous en préserve ! - Eh bien, Messieurs, dans ce cas là, ne nous proposez plus de mesures dont cette indépendance seroit l'effet nécessaire et inévitable ! Die Antwort auf die Tatischeffsche Note ist in den letzten Tagen des May [xxx] nach Warschau abgegangen. Diese Antwort ist eine E p o c h e in der Geschichte dieser unseligen Verhandlungen. Der Kayser wird daraus sehen, daß er von u n s (und folglich auch von Preußen // und Frankreich) bey keinem gewaltsamen Schritt [xxx] gegen die Pforte, irgend eine Mitwirkung zu erwarten hat, und daß er also entweder in u n s e r System eingehen, oder seine eigne Straße wandeln, sich von der Allianz trennen, und [es] allein voranschreiten muß. Daß Er diesen Entschluß je fassen sollte, glaubt der Fürst nicht; und auch ich, obgleich weniger muthvoll, finde es überaus unwahrscheinlich. Doch mag ich es nicht als schlechthin unmöglich betrachten. Denn die moralische Attitüde des Russischen Hofes ist durch seinen fehlerhaften und elenden Gang in den letzten vier Jahren so compromittirt, seine Verlegenheit so groß, sein Einfluß auf alle Levantische Verhältnisse so gesunken, und seine [xxx] Furcht, mit Schimpf und Schande aus dem Handel zu treten, so gegründet, daß Niemand vorher sehen kan, zu welchen Schritten früher oder später die V e r z w e i f l u n g (nicht der U e b e r m u t h) den Kayser bewegen kan. Der Erfolg unsrer Mayländer Note wird uns in jedem Fall über die fernern Plane - in so fern man solchen Leuten Plane zuschreiben kan - großes Licht geben. - // Uebrigens - dum deliberatur Romae perit Saguntus ! Ihr Schreiben vom 25 May, Mein Theurer Freund, Ihre Berichte von diesem Tage, und besonders die fatale Erzählung des Major Rottiers - hatten mich schon mit den bösesten Ahndungen über die Lage der Dinge in Morea erfüllt. Berichte aus Corfu, ebenfalls vom 25 May, hatten mich einigermaßen, doch nur wenig, beruhigt. Seit gestern aber sind hier Griechische Briefe, einer sogar, wie man versichert, aus Navarin selbst vom 23 May im Publikum, denen ich zwar nicht unbedingten Glauben beymesse, die jedoch äußerst alarmirend lauten. Nach diesen wäre nicht nur die ganze Operation gescheitert, sondern Ibrahim Pascha selbst in der halsbrechendsten Situation, und sogar ohne alle Mittel, nach Candia oder Egypten zurück zu kehren ! Wenn auch nur ein Theil dieser bösen Nachrichten gegründet ist, so wird die Pforte vermuthlich dadurch bewogen werden, die Eröfnungen der Höfe mit Anstand und Mäßigung zu beantworten; und in so fern könnte ihr Unglück auf der andern Seite ihr e i n i g e n Vorteil stiften. Indessen können // w i r, Mein Freund, uns keine Illusionen machen. Wenn heute auch die Pforte sich mit der größten Bereitwilligkeit auf Friedens-Vorschläge einließe. Die Sache ist so weit gediehen, daß sie auf diesem Wege nie mehr zu einem erwünschten Ziele gelangen kan. Die Griechen capituliren nicht mehr. Die Gewalt allein muß entscheiden; und auf welcher Seite das Uebergewicht in diesem Kampf liegt, kan nun nicht weiter zweifelhaft bleiben. Wäre die Pforte eine Macht, bey welcher Vernunft-Gründe und politische Raisonnements gälten - ich weiß wohl, was man [hier] <ihr> heute zu rathen hätte. So aber [unsre] kan ich nur zittern, wenn ich bedenke was diesen Leuten, die sich kaum in guten Tagen mehr zu behaupten wußten, unter großen Widerwärtigkeiten zu thun übrig bleibt. Ich sehe Ihren nächsten Briefen und Berichten mit wahrer Seelenangst entgegen. Rothschild hat das bewußte Projekt gänzlich aufgegeben. Er meldete uns dies, gleich nach unsrer Ankunft in Mayland, und der Fürst, der die Sache anfänglich etwas weniger // ungünstig betrachtet hatte, als ich, fand sehr bald, daß Rothschild vollkommen Recht habe. Ich mußte mich heute auf das Nothwendigste beschränken; es bleibt mir aber noch viel, sehr viel, worüber ich mich mit Ihnen zu unterhalten wünschte; und ich verspreche Ihnen, daß mein nächster Brief in jedem Falle, selbst wenn ich in der Zwischenzeit das Schlimmste von Ihnen erfahren sollte, zusammenhängender und befriedigender seyn wird, als dieser, bey welchem ich zehnmal unterbrochen worden bin. Gott erhalte Sie gesund ! Ihre letzten p o l i t i s c h e n Depeschen wird der Fürst gewiß mit großem Beyfall lesen, und ich habe nicht ermangelt, ihn besonders darauf aufmerksam zu [manch] machen, mit welcher Klugheit und Geschicklichkeit Sie die Schritte bey der Pforte vorbereiteten und einleiteten. Ihr treu ergebner Gentz. H: HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1823.g., Bl. 68-69v und Konvolut 1825.g., Bl. 72-75v. x Bl., F: ; 11 ½ eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.