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Gentz ; Ottenfels-Gschwind, Franz von
An Franz von Ottenfels-Gschwind, Wien, 3. November 1824, HDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 125-127v 1824

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4585
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Ottenfels-Gschwind, Franz von
LocationWien
Date3. November 1824
Handwritten recordHDA, Zagreb. FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 125-127v
Size/Extent of item6 eighd. beschr. Seiten
IncipitIch bereue es sehr, Mein Theuerster Freund
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Franz von Ottenfels-Gschwind Wien, 3. November 1824 Wien den 3ten November 1824. Ich bereue es sehr, Mein Theuerster Freund, Ihnen beym Abgange des letzten Couriers einen so harten Brief geschrieben zu haben. Verzeihen Sie es dem Unmuth der mich ergriff, als ich mich durch Ihren Bericht vom 8ten October plötzlich, und mit einem Sprunge über ein Paar Wochen hinaus, aus der Hitze des Kampfes - der sogar nach Ihren vohergehenden Nachrichten eine <nicht> ganz ungünstige Wendung für meine Freunde zu nehmen geschienen - an das schmählichste Ende versetzt fühlte. Mein Zorn galt nicht Ihnen; ich schlug nur, wie ein ungezognes Kind, das sich am Lichte verbrannt hat, auf alles, was ich erreichen konnte, los. Selbst der Fürst entging meiner Wut bloß dadurch, daß er mit submissem Sinn die Wahrheit <des Uebels> und die Gerechtigkeit meiner Klagen anerkannte. Ihre Berichte vom 11ten und 14, so wie die Ihrer sämmtlichen Herren Collegen, sprechen Sie von dem Vorwurf, uns über die neusten Vorfälle im Finstern gelaßen zu haben, völlig los; und was noch mehr ist, Sie scheinen auch am 8ten, als Sie die mir so anstößige, fast wie Ironie klingende Phrase schrieben "L'entreprise c o n t r e S a m o s paroit être i n d é f i n i m e n t a j o u r n é e" // den Umfang des Verderbens selbst noch nicht [xxx] recht gekannt zu haben. Sie wißen, daß ich mehr oder weniger auf einen solchen Ausgang vorbereitet war. Wie oft haben Sie mir in sanften Worten meinen zu großen Unglauben verwiesen ! Was habe ich mit dem Fürsten, der noch vor wenig Monaten die Sache der Griechischen Banditen [xxx] wie ein elendes Luft-Gebäude betrachtete, über diesen gefährlichen Irrthum gestritten ! Als uns die Neuigkeit von der Einnahme von Ipsara, in Ischel erfreute, als Strangford seinem Hofe meldete: "nach diesem Schlage dürfte wohl die Insurrection bald ihr Ende erreichen", als der Fürst, vergnügt, wie auch ich es war, zugleich aber triumphirend, mit den Worten: "Ich werde mich wohl abermals nicht geirrt haben" - in meine Stube trat, - erwiederte ich nichts als - respice finem ! K e i n e Revolution zerfällt in sich selbst; alle, auch die anscheinend verächtlichsten, müßen mit Feuer und Schwert gedämpft werden. Das vermogten in Neapel, Piemont, Spanien, Mächte die Kanonen zu gebrauchen verstanden; die Türken verstehen es, leider, nicht mehr. Es ist eine der unbegreiflichsten Erscheinungen daß diese Leute b i n n e n d r e y J a h r e n noch kein Mittel, kein Manoeuvre, kein Kunststück zu erfinden // wußten, wodurch man sich gegen Brander schützt. Ich rede hier in Einverständniß mit allen Sachkundigen Militärs, und Artilleristen, die m i c h oft auffordern, ihnen diesen Grad von brütaler Unfähigkeit zu erklären. General Langenau, dessen manchmal ungestüme Beredsamkeit Sie vielleicht kennen, sagt, er würde Ihnen, Strangford, und allen gutdenkenden Diplomaten in Constantinopel, darüber d e n P r o z e ß m a c h e n l a ß e n, daß Sie so heillose Dummheit so ruhig und unthätig mit angesehen hätten. Und wenn sie sich wenigstens zu Lande gehörig benommen hätten ! Mich dünkt, nur mit h a l b e n Anstrengungen müßte doch heute kein bewaffneter Grieche mehr diesseits der Meerenge von Lepanto zu finden seyn ! Warum nicht dort zum wenigsten einen Ausrottungs-Krieg ? Alles niedergemacht, das an die Wand pißt ! So vergeht den Nachbarn die Lust, verödete Länder zu erobern. Auch d i e s e Krieges-Manier sollte ein Asiatisches Heldenvolk ganz verlernt haben ? In der jetzigen kategorischen Stellung der Dinge graut mir zum voraus vor dem Diplomatischen Gewäsch unsrer sämmtlichen Cabinette. Ich sage, sämmtlichen, denn die klügern müßen hurler avec les loups. Es gilt heute nur ein Paar sehr entscheidende Fragen, die, mit Beyseitesetzung aller leeren Phraseologie verhandelt werden müßen. Ich bitte ums Wort. // Die erste heißt: "Kan das Ottomannische Reich in Europa neben einem (größern oder kleinern) unabhängigen Griechenland bestehen ?" Die Cabinette müßen Ja ! oder Nein ! antworten. "Ja ! es k a n bestehen" - Gut ! so sucht diese Ueberzeugung der Pforte beyzubringen ! Durch Gründe nehmlich, nicht durch Drohungen, Ihr müßtet denn unsinnig genug seyn, diese Drohungen erfüllen zu wollen, mit andern Worten, unsinnig genug, um die Pforte, die Ihr e r h a l t e n wolltet, zur Anerkennung ihres eignen Heils durch ein Mittel zu zwingen, welches ihren Untergang beschleunigen, und besiegeln würde. In diesem Falle, nehmlich, wenn Ihr die Existenz des Türkischen Reiches mit der Unabhängigkeit der Griechen v e r e i n b a r glaubt - bleibt nichts übrig als r e i n e N e u t r a l i t ä t. Ueberlaßt es den Griechen, der Pforte das Thema zu beweisen. "Nein ! Es kan n i c h t bestehen !" - Wohlan, wenn das Eure Meynung ist, so legt Euch eine andre Frage vor: Wollt Ihr das Türkische Reich, oder ein unabhängiges Griechenland ? Denn wenn sie erweißlich u n v e r e i n b a r sind, so müßt Ihr w ä h l e n.Ihr wählt das l e t z t e ? - "das Türkische Reich muß ja doch zerfallen, - halb verfaulter Leichnam - barbarische Ausgeburt - Pestbeule etc. etc." // So viel elende Gemeinplätze als Euch beliebt ! - Ich aber frage weiter: Wollt Ihr es mit eigner Hoher Hand zerstören ? Habt Ihr das Recht dazu ? Und wenn die schändlichen Theorien des Jahrhunderts es Euch zusprechen - habt Ihr berechnet, was auf Eure Heldenthat folgen wird ? - Laßt [es] wenigstens die Türken kämpfen so lange sie können, und f a l l e n, wenn sie nicht mehr können, da es Euch einmal gleichgültig ist d a ß sie fallen. Von Verlängerung des Blutvergießens, Länder-Zerstörung, und andern solchen Schnacken sprechen nur noch alte Weiber, oder listige Betrüger. Also auch in diesem Falle - Passivität. Ihr wählt das e r s t e ? - Das Türkische Reich ist Euch zuletzt denn doch wichtiger, als die Freiheit der Griechen ? Dann - s a p e r e a n d e ! Das Türkische Reich ist nicht mehr zu retten, wenn ihm nicht aktiver Beystand geleistet wird. Nur Rebellen-Freunde, und Russen - beyde ungefähr von gleichem Werth auf meiner Wage, können das Gegentheil lehren. Ihr wagt es nicht ? Die sogenannte M e y n u n g erhebt sich gegen Euch ? Die Journalisten thun Euch in den Bann ? - Geht zu Bette, vergrabt Eure Kunst, und überlaßt Gott Euer künftiges Schicksal ! // Das, mein Freund, ist der Stoff zum Protokoll einer Conferenz, worin die große Frage des Augenblicks, nicht im Sinn einer diplomatischen Intrigue, sondern einer ungeheuren W e l t - B e g e b e n h e i t verhandelt würde ! Werden wir eine solche Conferenz erleben ? Schwerlich. Ich freue mich auf Strangford außerordentlich. Sollte er auch (welches ich ihm zutraue) nur Comödie mit uns spielen wollen, lernen müßen wir doch etwas von ihm. Irre <ich> mich etwa auch hierin - und ich halte jetzt alles für möglich - so weiß ich wenigstens, daß ich nun in d i e s e r Sache von Niemanden mehr lernen werde. Ich muß abbrechen, weil arge Schmerzen in den Beinen mich nicht weiter schreiben laßen. Es ist eine der kurzen Crisen, die mich manchmal, Gottlob nur auf ein Paar Tage, heimsuchen. Denn im Ganzen bin ich mit meiner Gesundheit sehr zufrieden, und hoffe, Sie noch oft genug mit meinen scharfen Diatriben zu unterhalten. Bleiben Sie mir nur gewogen, und fest überzeugt, daß ich Sie unverändert hochschätze, und zärtlich liebe. Gentz H: HDA, Zagreb.FA Ottenfels, Karton 14, Konvolut 1824.g., Bl. 125-127v. x Bl., F: ; 6 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.