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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 2. Juni 1828, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 24-27v 1828

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4571
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date2. Juni 1828
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 24-27v
Size/Extent of item8 eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 127-131 (tlw.)
IncipitIhre höchst interessanten Berichte und
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 2. Juni 1828 Wien den 2ten Juny 1828. Ihre höchst interessanten Berichte und Briefe vom Monat März und April sind uns alle richtig zugekommen, der letzte (vom 29 April) durch eine gestern angelangte Staffette aus Constantinopel vom 19ten Mai. Die Geschichte Ihrer wohlgelungnen Expedition in Modon, Ihre lehrreichen Bemerkungen und scharfsichtigen Urteile über Ibrahim Paschas und Capodistrias wechselseitige Lage, das treue Bild, welches Sie von dem dortigen Stande der Dinge im allgemeinen und besondern entwerfen - dies alles ist, wie sich von selbst versteht, mit hoch-verdientem Beyfall aufgenommen worden; der Fürst wird Ihnen, wenn er Wort hält, dies nächstens selbst anzeigen, in jedem Falle aber unfehlbar von Seiner Majestät dem Kayser einen sichtbaren Beweis Seiner Zufriedenheit auswirken. Bey Empfang dieses Briefes werden Sie von den großen Begebenheiten unterrichtet seyn, die jetzt die Welt beschäftigen, und leicht dem Türkischen Reiche das Grablied singen könnten. Die Griechischen Angelegenheiten sind nun gewissermaßen in den Hintergrund gestellt; in m e i n e r // Politik sollten sie fortdauernd eine Hauptrolle spielen, wenn die Mächte aufgeklärt und entschlossen genug wären, ihren wahren Vorteil zu beherzigen, und die Pforte nicht durch ein blindes Verhängniß in ihren Untergang gezogen würde. Das einzige Mittel, die Tripel-Allianz de facto aufzulösen, und Rußland vor der Hand zu i s o l i r e n (wodurch schon viel, sehr viel gewonnen seyn würde) wäre eine umittelbare Uebereinkunft der Pforte mit England und Frankreich zur Annahme der Stipulationen des Londner Traktats, und - im Fall daß die Pforte, auch in ihrer heutigen tiefsten Noth durchaus nichts davon hören wollte (wie ich, leider, befürchte) - eine unmittelbare faktische Befreyung der Morea, allenfalls mit Vorbehalt der dem Sultan im Londner Traktat reservirten Rechte. In diesem Sinn haben wir zu Anfang des März, als der Ausbruch des Russischen Separat-Krieges noch nicht völlig entschieden war, ein Memoire an die drey Alliirten Höfe gesendet, welches Ottenfels Ihnen, nach meinem Wunsche, mittheilen mag, welches Sie nicht ohne innige Verwunderung, auch wohl nicht ohne Beyfall lesen // werden, und womit, wenn mich nicht alles trügt, selbst Capodistrias zufrieden seyn würde. - In dem nehmlichen Sinne sollten heute England und Frankreich, in ihrem eignen Interesse, im Interesse der Erhaltung des Türkischen Reiches, und Europas handeln. Wenn Ibrahim Pascha, dessen längrer Aufenthalt in Griechenland von nun an zu nichts als zum Verderben führen kan, Morgen gezwungen würde, nach Egypten zurück zu kehren (welches ich für ein überschwengliches Glück halten würde) wenn auf diese Weise, da an Türkische Krieges-Operationen auf dieser Seite gar nicht mehr zu denken ist, Griechenland de facto frey würde, so wäre der Tripel-Traktat e r f ü l l t - und eo ipso aufgelöset, und alle Rathschläge und Kräfte Europas könnten forthin ausschließend der großen Aufgabe, den Ueberrest der Türkey zu retten, gewidmet werden. Ich besorge, daß dies alles n i c h t geschehen wird. Der Sultan und seine Leute scheinen über keinen Punkt hartnäckiger fest zu halten, als gerade über den, der längst unwiderbringlich für sie verloren ist, und glauben sich an ihrem Gott zu versündigen, wenn sie in eine neue Verfassung einiger Provinzen und Inseln, selbst unter vorteilhaften // Bedingungen willigten. Ibrahim, der freylich pflichtgemäß verfährt, will lieber verhungern, als das Feld räumen, worauf doch nichts mehr, als Schimpf und Schande seiner wartet. England und Frankreich sind weder unter sich, noch mit sich selbst eins. Das Englische Ministerium ist, ungeachtet der vortreflichen Dispositionen seines Chefs, höchst unentschlossen, schwach, in seinen eignen Elementen getheilt, und folglich gelähmt, fürchtet Rußland, fürchtet Frankreich, fürchtet mehr als alles, kostspielige Unternehmungen und neue Anleihen. Das Französische - mit jedem Tage in seiner Existenz, und von einer neuen Revolution bedroht ! - hat nicht den Muth, einen selbstständigen Plan zu entwerfen, erwartet nicht viel , und fürchtet (leider, nicht ohne Grund) eben so wenig von England, will sich aber um keinen Preis mit Rußland verfeinden. Die Stimme Oesterreichs ist die eines Predigers in der Wüste. Daß Preußen sich an Rußland geschlossen habe, ist, Gottlob, ungegründet. Die Abberufung des Miltitz lag in persönlichen Verhältnissen; Preußen steht bis jetzt auf unsrer Linie, und wird auch darauf bleiben, so lange es nicht zu einem Europäischen Kriege kömmt, der nur von E n g l a n d ausgehen könnte, und deshalb (fürs erste wenigstens) nichts weniger als wahrscheinlich ist. // Bey dieser Constellation, und der absoluten Wehrlosigkeit der Türken sehe ich nicht ab, was die Russen hindern könnte, in drey Monaten Constantinopel zu erreichen. Sollte dann aber, oder auch in der Zwischenzeit [xxx] eine Unterhandlung eintreten - denn daß der Kayser j e t z t die Absicht hätte, große Eroberungen zu machen, glaube ich ganz bestimmt n i c h t - so wird die Griechische Frage, die heute noch England, Frankreich und Oesterreich allein entscheiden könnten, durch Rußlands unbeschränkten Willen festgesetzt, ein Artikel im Russisch-Türkischen Friedens-Traktat, und e i n e der Bedingungen, die den jetzigen Krieg, wenn er nicht der l e t z t e seyn sollte, wenigstens zum v o r l e t z t e n machen werden, den die Pforte noch in E u r o p a zu führen hat. Alles, was Sie von Capodistrias schreiben, trägt das Gepräge der Wahrheit, und hat für mich einen ganz besondern Reitz, weil ich den Mann, da ich von 1814 bis 1821 sehr viel mit ihm gelebt, gearbeitet, und gesprochen habe, ziemlich genau zu kennen glaube. Er hat, ohne irgend eine Tiefe, oder auch nur Gründlichkeit, viel Verstand, Gewandheit, und (ehmals wenigstens) sehr einnehmende Formen. Außer Maurocordato // giebt es gewiß Keinen in Griechenland, der ihm das Wasser reichte; et parmi les aveugles le borgne est roi. Er liebt zwar die Russen weit mehr als die Engländer (die er tödtlich haßt) und etwas mehr als die Franzosen; seyn Sie aber fest überzeugt, daß er sie am liebsten alle drey los seyn mögte, und daß sein ganzes Dichten und Trachten hierauf gerichtet ist. Es freut mich, daß Sie ihn näher kennen gelernt, und Sich, wie mir scheint, auf einen guten Fuß mit ihm gesetzt haben. Wir sind gegenwärtig nichts weniger als seine Feinde; und, wenn er die Ansichten unsers Cabinets genauer kennte, würde er uns auch sicher nicht dafür halten. Rigny ist in meinen Augen ein höchst unzuverläßiger Mensch, der, von rasender Eitelkeit besessen, bald das Beste, bald das Schlechteste wählt und befördert, je nachdem er seine, und der Seinigen Gloriole dabey zu befriedigen glaubt. Davon habe ich nun schon unzählige Beweise; und sein Benehmen in [xxx] Hinsicht auf Scio, und nun wieder auf Samos, läßt keinem Zweifel mehr Raum. Es gehört übrigens zu den unsinnigsten Verkehrtheiten, die der unsterbliche Canning - der // letzte Englische Redner vom ersten Range, und ein guter Dichter vom zweyten, aber ein gar erbärmlicher Minister - seinem Cabinet, und den mit demselben verbündeten hinterließ, daß bis auf diesen Augenblick noch Niemand auf Erden weiß, was man unter dem Nahmen G r i e c h e n l a n d zu verstehen hat. Die einen wollen es bis an den Vardar ausdehnen; die andern vom Catrina bis zum Ausfluß der Voiussa; die dritten vom Golf von Vola bis zum Ausfluß des Aspropotamos; die vierten bloß bis zum Isthmus. Ueber die Inseln ist nie gesprochen oder geschrieben worden. Wenn daher Rigny behauptet, Samos, das doch offenbar zu Asien gehört, sey in dem Londner Traktat begriffen, so spricht er wie ein Phantast, und hat nicht den Schatten einer Autorität für sich. - Uebrigens muß ich, in Bezug auf eine Stelle in Ihrem letzten Bericht bemerken, daß es keine Convention vom 14ten September (wie Rigny zu träumen scheint) und überhaupt keine Supplementar-Convention des Londner Traktates <giebt>; denn die in den Zeitungen so genannte vom 21 December v. J. war nichts als ein (verfälschter und verstümmelter) Auszug des Protokolls der Londner Conferenzen, der nie sanctionirt worden ist.Ich danke Ihnen für die Mittheilung des Briefes aus Alexandria, der mehrere merkwürdige Data enthält. Mich dünkt, es sey Acerbi noch nicht voller Ernst, diesen Posten zu verlassen, und ich wünsche, daß er noch eine Zeitlang aushalte, weil er, bey einigen schwachen Seiten, doch ein durchaus ehrlicher und edler Mann ist. Der Vice-König hat der Pforte durch seine ostensible Treue, und langen fruchtlosen Beystand mehr geschadet, als vielleicht eine offne Defection gethan hätte. Wenn Ibrahim Pascha, (um mit Macbeth zu reden) "Rhabarber und Sennisblätter findet, um d i e s e R u s s e n a b z u t r e i b e n" - so soll er mein Held werden. In jeder andern Beziehung kan ich ihm und den Seinigen nicht schnell genug eine glückliche Reise wünschen. Seyn Sie versichert, Mein Hochgeschätzter Freund, daß keine Lectüre mich mehr anzieht, als die Ihrer Briefe und Berichte, und laßen Sie Sich dadurch, neben so viel andern größern Motiven, bestimmen, nie in Ihrer rühmlichen Thätigkeit zu ermüden. Gentz H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, ; Bl. 24-27v. x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, I, 127-131(tlw.).