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Gentz ; Müller, Adam
An Adam Müller, Wien, 13. Juli 1805, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Gentz-Nachlass Günter Herterich II, Nr. 19 1805

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id441
Issuer of letter
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Gentz
Addressee of letter
Müller, Adam
LocationWien
Date13. Juli 1805
Handwritten recordUniversitäts- und Stadtbibliothek Köln. Gentz-Nachlass Günter Herterich II, Nr. 19
Size/Extent of item4 Bl., F: 253mm x 202mm; 6 ¾ eighd. beschr. Seiten
Places of printBriefwechsel Gentz-Müller, Nr. 29, 46-49 (tlw.); Baxa, Lebenszeugnisse, I, Nr. 119, 201-203 (tlw.)
IncipitEinen Brief vom 19ten Juny
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Adam Müller Wien, 13. Juli 1805 Einen Brief vom 19ten Juny erhielt ich nicht; seit dem vom 15ten, welchen Ihre trefliche Freundin geschrieben hatte, keinen; bis diesen Augenblick, wo ein göttlicher vom 2ten July mich anlacht. Solche Zaubergewalt übt kein Mensch mehr über mich aus. Sie singen mir durch Ihre harmonischen Schmeicheleyen gleichsam die Seele aus der Brust, und ich sehe mich selbst vor und neben mir stehen, und fange "mitten in der schwülsten Angst über meinen oder der Welt Untergang" und mitten "unter den faulsten Morgen-Gedanken" an, mich zu lieben, und fast zu bewundern, weil Sie so meisterhaft vorgehen, und mich durch Ihre alles-umfassende und alles-durchdringende Poesie so ganz mit Sich fortreißen. Unter den hundert tausend Ursachen, aus welchen ich Sie bei mir haben will, und haben muß, ist eine der wichtigsten die, daß ich gar nicht mehr im Stande bin, an Sie zu schreiben. Wo soll ich anfangen ! Sie kennen die Mannichfaltigkeit von Gegenständen, die Tag vor Tag bei mir vorübergehen, und zum Theil in mir sich bewegen. Ihnen, scheint es mir, gehört nun einmal alles; die Wahl wird mir unendlich sauer; und doch reicht meine von allen Seiten so beengte Zeit // (Sie kennen ja meine rasenden Geschäfte, so lächerlich das auch andern klingen mag) nicht hin, um nur den zwanzigsten Theil von dem, was ich so gern sagen mögte, aufs Papier zu bringen. Ihr Urteil über Müller Johannes ist fast buchstäblich auch das Meinige. Es ist fast unbegreiflich, wie man mit so viel ursprünglicher Kraft, mit so ächter Liebe zum Alten, mit so tiefer Kenntniß der m e i s t e n Gegenstände, deren Vereinigung den Charakter der modernen Welt, oder besser, der Christenheit, constituirt, mit so merkwürdiger Erhabenheit über den Schmutz und die Lumpen des Zeitalters - doch so hartnäckig protestantisch seyn kan; protestantisch bis zum Liebäugeln mit den Aufklärern, trotz vieler energischer Erklärungen gegen die Aufklärung. Dies, und dann, daß die Elendesten der Zunft ihn beständig i h r e n Johannes Müller nennen, - ein Schimpf, für welchen man, nach meiner Ansicht, immer verantwortlich bleibt, - sind die beiden einzigen Vorwürfe, die <ich> ihm zu machen weiß. Aber welche Gedanken sich aus diesem Kopfe entwickeln, und welche Worte ihm zu Gebote stehen ! Mehrere Stellen in der Adresse, (die ich in der That noch nicht gelesen hatte, weil mein 4ter Theil // noch auf der Censur liegt) sind niederbeugend groß. Wenn mir in m e i n e r Art (denn ich kan nicht Müller seyn wollen) je etwas s o gelänge, so wäre ich für ein Jahrtausend beruhigt. Ihre Kiste will ich Ihnen nicht eher schicken, als bis die Sachen aus England hier sind. Sollte sich dies indessen noch sehr verzögern, so werde ich doch dafür sorgen, daß sie abgehe. Von meiner Composition sollen Sie nächstens etwas erhalten. Gott ! wenn nur das Mechanische der Arbeiten, einer Seits, und die vielen Störungen, anderer Seits, nicht wären ! Fast jede Woche gehe ich mit einem neuen Werke schwanger, und nichts kömmt zu Stande. Ich glaube doch, wenn Sie bei mir wären, es würde besser. Weh Ihnen, wenn Ihr Brief vom 19ten nicht etwas über diesen Hauptpunkt enthält. - Ich habe übrigens den Mann nicht errathen können, den Sie über den Adel unterhielten. Heute früh würden Sie mit mir zufrieden gewesen seyn. Ein gewisser Herr Chennevix, ein Englischer Chemiker und Naturforscher, der aber seit einigen Jahren auf Reisen ist, [und] viel mit Franzosen, und Deutschen verkehrt, 15 Monate in Freyberg zubrachte, jetzt Ungarn durchreisen, und dann den Winter in Wien bleiben will, hat in die Pariser Annales de Chymie zwei sehr gut // geschriebne, und von vielen Kenntnissen zeugende Aufsätze über "den Mißbrauch, welcher in Deutschland mit Anwendung der sogenannten Transcendental-Philosophie auf die Natur-Wissenschaften" getrieben wird, drucken laßen. Der eine [ist] dieser Aufsätze ist gegen den Dr. Weiss (vermuthlich Ihren ehmaligen Freund), oder eigentlich gegen K a r s t e n gerichtet, der einer Uebersetzung von Haouy's Mineralogie einen (nach meinem Dafürhalten völlig tollen, und nur einem Wahnsinnigen zu verzeihenden) Aufsatz hat beifügen laßen, und hiedurch, nach Chennevix, einen nie-abzubüßenden Frevel beging. Dieser Chennevix verleitete mich heute zu einer Unterredung, von der er mir nachher sagte "für diese Stunde gebe er alle Minen von Ungarn und Siebenbürgen hin". Ich setzte ihm nehmlich auseinander, wie man bei Beurteilung Deutscher Bücher, und Deutschen Verdienstes überhaupt, in 99 Fällen unter 100, von dem, was classisch, allgemein-geltend, für alle gebildete Nazionen brauchbar, ja selbst oft noch von dem, was nur recht eigentlich nazional seyn mögte, abstrahiren, und nichts als die I n d i v i d u a l i t ä t vor Augen haben müßte; wie man aber, wenn man diesen Gesichtspunkt einmal mit Deutschem Auge, und Deutscher Kraft gefaßt, dann auch aus Büchern und von Menschen, die // jedem Ausländer eine Thorheit sind, und seyn müßen oft mehr lernte, als aus aller classischen Weisheit der alten und neuen Welt; wie sehr man sich daher hüten müße, selbst anscheinende Extravaganz zu verdammen, ehe man sie auf d i e s e Kapelle gebracht hätte; und, wie oft ich selbst es erfahren, daß mir Menschen, die ich von meiner classischen Höhe herab, kaum citiren mögte, durch [Ihre] <ihre> Originalität, durch [Ihre] ihre Irrthümer, und selbst durch ihre Ausschweifungen ungeheure Dienste geleistet hätten; u.s.f. Das Beste schreibt sich immer nicht. Ich wollte ihm eigentlich zeigen, wie wenig <die> Fremden im Stande sind über Deutschland zu urteilen, indem bei uns, da es uns an eigentlicher Nazionalität i n a l l e m fehlt, jedes Individuum eine Welt für sich ist, und als solche studirt werden muß. Was mich in Ihrem Briefe außerordentlich frappirt hat, ist Ihr Urteil über die beiden neusten Produkte von Göthe. Ich kenne sie beide, hätte es aber nie gewagt, so davon zu sprechen. Daß ich so, und noch etwas weniger gut, davon denke, will ich nicht leugnen. Die Noten zum Rameau sind bloß trivial und platt; über Voltaire und d'Alembert heute noch s o zu [sprechen] faseln, ist doch wirklich einem Göthe nicht erlaubt. Die Aufsätze über Winkelmann sind gottlos. Einen so bittern, tückischen Haß gegen das // Christenthum hatte ich Göthen nie zugetraut, ob ich gleich von dieser Seite längst viel Böses von ihm ahndete. Welche unanständige, cynische, Faun-artige Freude er bei der glorwürdigen Entdeckung, daß Winkelmann eigentlich "ein geborner Heide", und d a r u m gegen alle christliche Religions-Parteyen so gleichgültig gewesen sey, empfunden zu haben scheint. Nein ! Von diesen beiden Büchern, steht selbst Göthe sobald nicht wieder bei mir auf ! Solche hatten wir von Schiller nie zu besorgen ! Dieser starb in dem Augenblick, wo seine bessre Laufbahn erst angefangen hätte; sein Tod hat mich bis ins Innerste ergriffen. Sie h ö r t e n ihn nie; sonst theilten Sie sicher meinen Schmerz. Lesen Sie doch, ich bitte Sie, das erste Stück von W o l t m a n n' s Journal für 1805; und nahmentlich den Aufsatz [vom]: Das Jahr 1804. Etwas schändlicheres sah ich nicht, seitdem die Friedens-Preliminarien des seligen H u b e r aufhörten. Wenn dies Stück Sie nicht electrisirt, so erwarten Sie keine bessre Eingebung. Und so etwas wird unter Johannes Müllers Augen geschrieben ! Paget spricht oft von Ihnen, und nahm großen Antheil an Ihrer Krankheit. Er ist wieder in Revoluzionen begriffen, und ich muß ihm // viel Zeit widmen. Ach ! wenn doch nur die 24 Stunden doppelt werden wollten ! Das Verfließen der Zeit ist doch unter allen Uebeln das Gröste. So eben fühle ich es wieder, denn ich muß aufhören. Hiebei ein Brief von Kurnatowski. Suchen Sie ihn doch durch alle Ihnen mögliche Mittel zu bewegen, daß er das Geld zahlt; ich komme in große Verlegenheit durch die Sache; schreiben Sie mir doch auch, w i e es eigentlich mit ihm steht, und ob Sie denn ganz Ihre Hand von ihm abgezogen haben. Gott behüte SieGentz den 13 July H: In Privatbesitz. 4 Bl., F: 253mm x 202mm; 6 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: Gentz-Müller-Briefwechsel, Nr. 29, 46-49 (tlw.); Baxa, Lebenszeugnisse, I, Nr. 119, 201- 203 (tlw.).