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Schlesier, Gustav ; Brinckmann, Karl Gustav von
Gustav Schlesier an Karl Gustav von Brinckmann, Stuttgart, 25. April 1840, Archiv Brinckmann, Trölle-Ljungby (Schweden). Ausländ. Briefwechsel, Signatur [?] 1840

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4353
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Schlesier, Gustav
Addressee of letter
Brinckmann, Karl Gustav von
LocationStuttgart
Date25. April 1840
Handwritten recordArchiv Brinckmann, Trölle-Ljungby (Schweden). Ausländ. Briefwechsel, Signatur [?]
Size/Extent of item4 ¾ eighd. beschr. Seiten
IncipitSie werden nicht wenig erstaunt sein
Type of letterBriefe Dritter
Digital item: TextGustav Schlesier an Karl Gustav von Brinckmann Stuttgart, 25. April 1840 Stuttgart, 25. April 1840. Vir excellentissime ! Hochwohlgeborner, hochgeehrtester Herr Baron ! Sie werden nicht wenig erstaunt sein, hier von einem fremden Munde, von einer Haupstadt Süddeutschlands her angesprochen zu werden; allein ich hoffe mit Zuversicht, daß der Zweck dieses Briefes die Kühnheit entschuldigen soll und daß Sie den Schreiber bald als einen nicht mehr ganz Fremden betrachten werden. Und, wahrlich, das bin ich Ihnen nicht. Jahrelang gehört Alles, was sich auf Ihren Namen bezieht, in den Kreis meines lebhaftesten Interesses; ich verehre in Ihnen einer der Auserlesenen, die, obwohl politisch dem Ausland zugeworfen, dem Geist nach ganz deutsch sind; aus deutscher Bildung aufgesprossen unserm Geistesleben angehören; einen der Wenigen, die noch Zeugen einer großartigen, vielbewegten Vergangenheit, in Leben und Literatur waren; Einen, der selbst als Denker und Dichter unsere Sprache bereichert hat und dem in jedem Bezug ein Platz in unsern Annalen gebührt. Ich weiß aber auch von Ihrem Leben etwas mehr als das Conversationslexikon sagt. Ich verfolgte Ihre Spur in allen Theilen des Buches Rahel, und welche Stelle Sie in diesem hohen Lebenskreise hatten, davon liegen ja darin überall die sprechendsten [Leben] Zeugnisse am Tage. Aber dies Alles reicht nicht hin, meine heutige Ansprache zu erklären. Es ist noch ein anderes Interesse, das mich, wenn ich so sagen darf, an Sie knüpft, und um dessentwillen ich sogar eine Zumuthung an Sie zu stellen mich unterfange. Deutschland, Europa hat vor wenig Jahren einen Mann verloren, der, in verschiedenem Betracht, zu den wichtigsten, größten unserer jüngst verflossenen Zeit gehörte, und dessen Größe und Wirken dennoch der neuen Generation immer unbekannter ward und so für die Nachwelt immer // mehr in schnöde Vergessenheit zu wandeln drohte. Dieser Mann, dieser Mann ist Friedrich von Gentz. Ich brauche Ihnen nicht ins Gedächtniß zu rufen, was er war - als Staatsmann, als Schriftsteller und auch als Mensch. Sie waren ja innig befreundet, und wenn der Drang der Geschäfte ihn später von seinem alten Genossen abzog, vielleicht auch die Treue, mit der er - es war ja auch leicht in seiner Lage - und einseitig dem gestürzten Fürstenhause anhing, etwas entfremdete, sein Herz war Ihnen gewiß auch in späten Tagen noch mit stummer Anhänglichkeit zugethan ! Wer hätte nicht wünschen sollen, daß diesem Manne ein umfassendes Denkmal in unsrer Literatur, in der Geschichte Europas errichtet werde ! Wer aber sollte es thun ? Von Wien war das nicht zu erwarten. Es schien schon genug, wenn ein solches Unternehmen da nur schweigende Billigung fände. Einer unsrer geistreichsten Schriftsteller, ein Freund von Gentz, schrieb eine in kurzen Zügen meisterhafte Lebensskizze und gab eine Reihe Briefe von Gentz an Rahel dazu. Das war ein Anfang, aber gewiß nicht genug. Das Persönliche wog zu sehr vor, auch die Schwäche, das Alter. Man mußte das Wirken des Mannes in seiner Breite, besonders in seiner Glanzperiode, man mußte den unerschöpflichen Geist und Schriftsteller, man mußte den Staatsmann weit mehr vorführen. So weit ich mich umsah, unter den zerstreuten Freunden des Verstorbenen, ich ersah keinen, der dies unternehmen zu wollen oder zu können schien. Und doch, dacht' ich, wird die Unterstützung von den verschiedensten Seiten nicht ausbleiben, wenn man nur daran geht und den Zweck nicht ganz verfehlt. Kurz ich, ein junger Literat, mit neuerer Geschichte und politischen Wissenschaften beschäftigt, und für den Gegenstand begeistert, faßte selbst den Muth Hand ans Werk zu legen. Ich erkannte, daß eine Sammlung seiner ältern gedruckten Werke zunächst nicht die erzielte Erinnerung gewähre, ich beschloß daher, die späteren zerstreuten kleinern Schriften und, so weit es erreichbar, Ungedrucktes zu sammeln, und daran in späterer Zeit womöglich eine umfangreichere Biographie zu fügen. Woher // aber das Ungedruckte nehmen und wie diesen reichen, zum Theil allerwärts zerstreuten Nachlaß öffnen ! Das war die größte Schwierigkeit. Sie schreckte mich aber nicht. Man mußte Schritt vor Schritt gehn. Und siehe da, ich habe bis jetzt schon mehr errungen, als ich nur wähnen durfte. Einige Freunde der Verewigten in Berlin begünstigten gleich das Unternehmen, und so konnte ich schon beim ersten Auftreten manche neue, werthvolle Reliquien mitgeben. An Sie, mein hochverehrter Herr, hätte ich mich sofort gewandt, bei Ihnen erwartete ich am ersten Förderung zu finden; allein ein unglückliches Verhängniß wollte, daß man mir sagte, Sie seien nicht mehr am Leben, und erst nach einiger Zeit erfuhr ich, daß das ein Irrthum war. Von Wien schrieb man mir - einer der intimsten spätern Freunde des Verewigten ! - ich dürfe vorerst von dorther keine Unterstützung erwarten, man müsse erst sehen, wie ichs angreifen werde. Nun, ich wagte mich doch daran. 1838 und 1839 erschienen 3 Bände, die ich Ihnen heute unfehlbar beilegen würde, wenn ich nicht so gut als gewiß annehmen müßte, daß dieselben längst in der Hand eines Mannes sich befinden, der sich so unausgesetzt mit allen neuen Erscheinungen deutscher Literatur beschäftigte. Der 1ste Theil enthielt - außer einer Einleitung des Herausgebers - Briefe an die nachmalige Frau Stägemann, an Rahel (vermehrt !), einige an Pauline Wiesel, an Varnhagen, eine Reihe an den jetzigen preußischen Generallieutenant Rühle von Lilienstern, endlich Briefe an Chateaubriand und Mackintosh, die ich aus ihren Werken und Memoiren enthob. Der 2te und 3te Band brachte gesammelte kleinere Schriften, Manifeste, Aufsätze etc. Darunter auch das vor einigen Jahren in englischer Übersetzung mitgetheilte, sehr berühmt gewordene Journal aus dem preußischen Hauptquartier von 1806, von dem ich das französische Original - leider ! - noch nicht habe können habhaft werden. Das Unternehmen hat sich Bahn gebrochen, trotz alles Geschreis eines pöbelhaften Liberalismus. Ja, ich darf mir einen vollständigen Sieg zuschreiben, seit mir (im Anfang dieses Jahres) von Wien her die wichtigsten Zuflüsse und Mittheilungen aus Gentz' Nachlaß zu Theil geworden sind - darunter auch Stücke aus der Periode von 1810, wie ich Ihnen nachher mit einigen // Exemples belegen kann. Ich will und darf die Quelle nicht namhaft machen; Ihnen jedoch kann über diesen Punkt kein Zweifel sein. Nunmehr bin ich in Stand gesetzt, noch eine Reihe Bände beinahe durchweg ungedruckter Stücke zu liefern, wodurch der Name Gentz in das strahlende Licht, das ihm gebührt, treten wird. Zunächst bringe ich den fast completten Briefwechsel zwischen Gentz und Johannes von Müller mit mancherlei Beilagen, zu denen ich wohl auch 2 Briefe von Ihnen an Gentz (Memel, 12. November 1807, Stockholm 13 September 1818) legen kann; ferner einen ganzen Band Mémoires et Lettres inédits, von denen ich Ihnen aus der frühern Epoche nur bezeichne: mehrere Denkschriften und Schreiben an den Grafen von Cobentzl von 1804 und 1805, eine projektirte Deklaration Ludwig des 18ten contre le titre impérial usurpé par Bonaparte, ferner Observations sur un Article du Moniteur de Paris du 14 Aout 1804 (den König Gustav IV Adolph vertheidigend), Lettre à Sa Majesté le Roi de Suède (le 25 Juin 1805), und einiges andere, was wohl nie aus seinen Händen kam. Dagegen scheint es, daß man in Wien Vieles aus jener Zeit, was ebenso unbeschadet nun mitgetheilt werden könnte, selbst nicht mehr besitzt, und dergleichen findet sich gewiß in den Händen einzelner seiner Freunde, in Abschrift oder Original, vorzüglich in England. Nunmehr wage ich mich mit verdoppeltem Vertrauen auch an Sie zu wenden und Sie geradezu zu bitten, mir, was Sie irgend vermögen, zu jetzigem oder zukünftigen Gebrauch, von dem mitzutheilen, was Sie Ungedrucktes, an Briefen und Aufsätzen von Gentz, besitzen. Ich weiß, in welchem innigen Verkehr Sie in jener Epoche mit Gentz standen, wie Sie gemeinschaftlich an der Befreiung Europa's von Bonapartischer Zwingherrschaft arbeiteten, ich weiß sogar, aus einem der bemerkten Briefe, mit welcher Sorgfalt Sie diese Brief und Aufsätze von Gentz bewahrten ! Gewähren Sie mir, daß ich Abschriften davon nehme und für den schönen Zweck meiner Sammlung gebrauchen darf. Rechnen Sie auf die größte Diskretion - ohne die ich von andern Seiten gewiß nichts erhalten hätte, und denken Sie, Verehrter, daß damit, ohne die Quelle, aus der mir es zufloß, öffentlich zu nennen, auch Ihnen zugleich ein neuer Denkstein unter den Deutschen gesetzt wird. Senden Sie mir gütigst - je schneller Sie sich entschließen, desto mehr beglücken Sie mich - diese Sachen, zusammengepackt und ohne sie erst mit Beschwerde copiren zu lassen, an Baron d'Olsson nach Berlin unter meiner Adresse (einfach: Dr. Gustav Schlesier in Stuttgart) und ersuchen Sie ihn, das Paket per Fahrpost an mich abgehn zu lassen. Ich werde dann so schnell als möglich meine Copien besorgen, und die Papiere, soweit Sie sie zurückverlangen, ich lege mein Ehrenwort dafür ein, sämmtlich und unversehrt in Ihre Hand zurückkehren lassen. Von meiner Dankbarkeit sage ich nichts; Sie verpflichten einen Ihrer jüngern Lebensgenossen für alle Zeiten und ich ersehne nur die Gelegenheit Ihnen öffentlich oder durch irgend welchen Privatdienst von meiner treuen Anhänglichkeit ein Zeugniß ablegen zu können. Jede Mittheilung, jede Notiz von Ihnen wird mir ein unschätzbares Geschenk sein ! Daß Ihnen der Abdruck dieser Sachen so wie der nächsten (?) Bände sofort zukommen soll, versteht sich dann ganz von selbst. Ich schließe mit den heißesten Wünschen für Ihr Wohlergehn. Nehmen Sie diese Zeilen mit der vertrauenden Gesinnung auf, mit der sie geschrieben sind, und genehmigen Sie den Ausdruck unveränderlicher Hochschätzung und Verehrung, mit der ich verharre Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenster Dr. Gustav Schlesier H: Archiv Brinckmann, Trölle-Ljungby (Schweden). Abt. Ausländische Briefwechsel x Bl., F: ; 4 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.