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Gentz ; Prokesch-Osten, Anton von
An Anton von Prokesch-Osten, Wien, 10. Juni 1831, HHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 31-40 1831

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id4081
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Prokesch-Osten, Anton von
LocationWien
Date10. Juni 1831
Handwritten recordHHStA, Wien. Nachlass Prokesch-Osten, Karton 27, [?], Bl. 31-40
Size/Extent of item18 ¼ eighd. beschr. Seiten
Places of printProkesch-Osten, Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II, 22-27 (tlw.)
IncipitIch habe Ihre drey Briefe
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Anton von Prokesch-Osten Wien, 10. Juni 1831 Wien den 10ten Juny 1831 Ich habe Ihre drey Briefe vom 29ten, 1ten und 3ten richtig erhalten, Mein lieber Prokesch, und nicht ohne Beklommenheit, doch mit dem lebhaften Gefühl, daß zwischen u n s nur unver-schleyert Wahrheit herrschen darf, werde ich sie beantworten. Diese Briefe, wie Ihre gleichzeitigen Berichte, zeugen von dem tief-bewegten Zustande Ihres Gemüthes, von Ihrer [xxx] Unzufriedenheit mit allem, was um Sie her vorgeht, und von finstern Besorgnissen über die Folgen des bisherigen Ganges. Ich bin weit entfernt, Sie deshalb zu tadeln; ich begreife vollkommen, wie ein Mann von // Ihren Grundsätzen, bey dem Schauspiel einer nur halb-unterdrückten, und täglich wieder auf-duckenden frevelhaften Revoluzion, bey den frechen Drohungen der unberufnen Beschützer derselben, bey den, nach Ihrer Ansicht, unzulänglichen Maßregeln der höhern Behörden, end-lich bey dem Besuch eines unverschämten Französischen Gauklers, Geduld, Lust, und Glauben verlieren mußte. Auch haben Sie Ihre Pflicht gethan, indem Sie die Sachen so vortrugen, wie sie sich Ihnen darstellten. - Und dennoch kan ich - täglicher Zeuge des Eindrucks, den Ihre Be-richte machen - nicht umhin, Ihnen zu gestehen, daß ich solche mehr als einmal, etwas weniger // schwarz, etwas weniger alarmirend gewünscht hätte. Ich will mich weder in eine Apologie, noch in eine Critik dessen, was in Rom, von Seiten der Conferenz, des Päbstlichen Hofes, und der Gesandten geschieht, einlaßen. Nur das muß ich bemerken, daß die Stellung zwischen einer an alten Mißbräuchen klebenden Regierung, einer aufgeregten Volks-Masse, und einem fremden Cabinet, welches durch seine eignen, innern Verlegenheiten zu Schritten, und zu einer Sprache gezwungen wird, die es insgeheim vielleicht eben so entschieden mißbilligt, wie wir - daß diese Stellung eine schwierige und peinliche ist, und daß man // Jene, welche sich darin befinden, nicht mit zu großer Strenge beurteilen darf. Die letzten Berichte aus Rom und Bologna haben hier, haben in meiner nächsten Umge-bung, eine Unruhe und Erbitterung veranlaßt, die der Sache des Friedens Gefahr bringen konn-te. Die Erscheinung französischer Schiffe vor Civita vecchia, die Drohung, Französische Trup-pen nach Ancona zu schicken, besonders aber, die Ankunft und das Benehmen des St. Priest in Bologna - ein unverantwortlicher Mißgriff der Französischen Minister, oder vielmehr ihres schwachen Königes, denn [das] die ganze Sendung des Menschen war nichts als eine elende Camarilla- und Familien-Protection - konnten // freylich nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Denken Sie Sich aber, liebster Freund, daß diese fatalen Neuigkeiten kaum 12 Stunden nach Absendung eines Couriers einliefen, durch welchen wir eine förmliche Einladung zu einer Conferenz in Paris über die große Frage des désarmement, d. h. der Befestigung des Friedens-standes, beantwortet, und, ich setze mit voller Ueberzeugung hinzu, im Sinne der Weisheit, und der einzig-nüzlichen gesunden Politik beantwortet hatten. Der Contrast zwischen dieser Expedition, und der, welche, nur einen Tag später, auf die Berichte aus Italien, und besonders auf die Ihrigen, erfolgte, war scharf genug, um einen Freund des Friedens mit Sorge und Un-muth zu erfüllen. - // Sie, lieber Prokesch, sehen den Stand der Dinge in Ihrer Nachbarschaft, aus einem n o t h w e n d i g - beschränkten Gesichtspunkte an; Sie klagen über Rückschritte und Concessionen; Sie ärgern sich, daß Oesterreich nicht sein Recht und seine Macht, im vol-len Umfange Ihrer Wünsche geltend machen will; Sie vergessen aber, daß der Kirchenstaat nicht Europa ist, und daß man, um einigen Mückenstichen zu entgehen, oder einige Imperti-nenzen zu bestrafen, nicht den Donner des Himmels herausfordern darf. Was ich Ihnen hier sage, ist nichts als der Ausdruck m e i n e s Urteils. Die, in deren Händen Lob und Tadel, Krieg und Frieden liegt, sind mit Ihnen unbedingt zufrieden. Dies mag S i e beruhigen, // ist aber für m i c h kein Grund, Ihnen zu verschweigen, was i c h denke, und wie Ihre Aeuße-rungen auf mich wirken. Ich habe nun einmal den festen Glauben, daß, wenn die jetzige Crisis nur mit einem einigermaßen vernünftigen Arrangement endigt, die Revoluzion in den Päbstli-chen Ländern n i c h t wieder ausbrechen, oder, wenn es dennoch geschehen sollte, mit leich-ter Mühe gedämpft werden wird; und ich sehne mich nach dem Augenblicke, wo unsre Trup-pen diese Länder verlaßen werden. In diesem Geständniß mögen Sie Schwäche, Muthlosigkeit, oder Kurzsichtigkeit finden; Blindheit liegt gewiß nicht darin; meine Augen aber streifen über einen weiten Horizont, und ein Winkel Italiens ist nicht meine Welt. // Andre furchtbare Aufga-ben erwarten, belagern uns; und ich zittre, wenn ich die Rodomontaden eines St. Priest, oder selbst die Umtriebe eines Sebastiani, als Gewichte in der Wagschale angeschlagen sehe, auf welcher unsre letzten Rettungs-Mittel gegen das von allen Seiten einbrechende Verderben ab-gewogen werden. Was den Artikel betrift den Sie am 29ten an die Allgemeine Zeitung gesendet haben, so ist mein Wunsch und meine Hoffnung, daß ihn die Redaction nicht aufnehmen wird. - Cotta und seine Leute sind zu klug, als daß sie den Verdacht, mit einem Correspondenten, der solche Nachrichten b o n a f i d e liefern könnte, in Verbindung zu stehen, auf sich laden sollten; der größre Theil des Publikums // aber - seyn Sie dessen fest versichert - würde die Ironie nicht verstehen, und nur die Aussicht auf baldige neue Insurrections-Versuche, das heißt, Wasser auf seine Mühle, daraus schöpfen. Ich verstehe nicht recht, in welcher Absicht Sie diesen Artikel geschrieben haben; denn, glauben Sie wirklich an nahe und dringende Gefahr, so weiß ich nicht, warum Sie die Maulaffen in Deutschland davon unterhalten wollten; sind Sie hingegen so ruhig, daß Sie mit den Projekten der Carbonari ungestraft Scherz [zu] treiben zu dürfen mey-nen, so sollten, dünkt mich, Ihre ernsthaften Berichte etwas gemäßigter lauten. Die Freymüthigkeit meiner Critik wird hoffentlich bey Ihnen keiner Entschuldigung bedür-fen. Es kan seyn, daß ich in allem Unrecht habe; wer ist heute noch klug genug, // um immer die richtige Linie zu treffen ? Aber ich liebe Sie viel zu sehr, um Ihnen aus meinen Meynungen, wenn sie Ihnen auch mißfallen sollten, ein Geheimniß zu machen. Auch gewinne ich dabey nä-here Aufschlüsse von Ihnen, die ich nicht nur mit Unbefangenheit, sondern mit großer Dank-barkeit annehmen werde. Ihr letztes Schreiben das vom 3ten, habe ich dem Fürsten, aus guten Gründen, nicht ge-zeigt. Um mein Gewissen zu decken, theilte ich es jedoch dem Grafen Senfft, der jetzt die Ita-lienischen Angelegenheiten bearbeitet, mit, und fand ihn völlig damit einverstanden, keinen weitern Gebrauch davon zu machen. Auf einer Seite von den Franzosen geneckt, // auf der an-dern vom Römischen Hofe getadelt zu werden, ist nun einmal unser unseliges Schicksal, das gewöhnliche aller Vermittler, wie gerecht und geschickt sie auch zu Werke gehen mögen. Da-bit Deus hic quoque finem ! So eben lese ich einen Bericht aus Rom vom 3ten, aus welchem sich ergiebt, daß der Päbst-liche Hof einige s e h r p o s i t i v e Maßregeln zu w e s e n t l i c h e r Verbesserung der innern Administration seiner Provinzen ergriffen, und der Conferenz angezeigt hat. Diese, mir höchst erwünschte Nachricht hat, Gottlob, die finstern Wolken, die seit 8 Tagen über unserm Cabinet hingen, etwas zerstreut; und da sich auch die Belgischen // Angelegenheiten einer friedlichen Auflösung zu nähern scheinen, etwas frisches Blut in meine Adern gegossen. Wir werden morgen auch, bey Gelegenheit eines Artikels der Turiner Zeitung, die Leser des Beob-achters mit einem kleinen F r i e d e n s - M a n i f e s t erquicken. Ich gehe jetzt auf persönliche, das heißt, auf angenehmere Gegenstände über.Vor einigen Tagen besuchte mich Graf Paar, den ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte, da ich nirgends mehr hinkomme, wo er mir begegnen könnte. Die Absicht seines Besuches war, mit mir in Ueberlegung zu nehmen, wie Ihre gegenwärtige Mission für Ihr künftiges Avancement auf eine vortheilhafte Weise benutzt // werden könnte. Wie bereit er mich fand, in dies Gespräch einzugehen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen; und seine, wenn gleich noch un-reife Ideen sollen bey mir nicht verloren seyn. Es hat mich aber gerührt und gefreut, bey einem Ihrer ältern Freunde, so viel rege Theilnahme, so viel treue Ergebenheit für Sie zu finden, und mich zu überzeugen, daß Er, und andre, die er mir citirte, Ihren Werth zu schätzen wissen, wie ich. Daß Ihre jetzige Sendung nicht spurlos vorüber gehen wird, davon bin ich überzeugt. Ich danke Ihnen, daß Sie Sich, mitten in Ihrer starken Bewegung, meines stillen Glückes so liebreich erinnerten. Ja, Mein Theurer Freund, der Himmel hat // Großes an mir gethan, in-dem er mir einen Engle an die Seite gestellt hat, den Sie, mit allem Recht, eine l e u c h t e n - d e S o n n e nennen, die jedes trübe Gewölk in meiner Seele wohlthätig überstrahlt. Jeder Tag schließt mich fester an dieses geliebte Wesen, das mich, in schönern Stunden als sie mir je in meiner Jugend zu Theil wurden, die Welt und alle ihre Sorgen vergessen läßt. Daß Sie ihr Gerechtigkeit angedeihen laßen, daß Ihr Herz, noch scharfsinniger als Ihr Verstand, erkannt und begriffen hat, was ich an ihr besitze, ist eine der glücklichsten Bürgschaften der Gleichför-migkeit und Verwandschaft unsrer Gemüther. Denn die Behauptung, daß Ihre Jugend zu Ende sey, ist nichts als ein leerer Wahn; und // Ihre häufigen Sendungen an Kiesewetter [xxx] bewei-sen mir hinlänglich, daß Sie Irene nicht vergessen haben, welches auch [eine] nach dem was Sie Selbst von ihr sagen, eine himmelschreyende Sünde wäre. Weinhaus sehe ich selten. Das Wetter war seit 4 Wochen höchst elend bey uns; und wie sollte ich an einem Orte w o h n e n, wo Fanny nicht ist ?... Vor einigen Tagen war sie drau-ßen, und machte Bekanntschaft mit Baron Münch, der sie sehr bewundert. Ich muß noch einmal zu trüben Gedanken zurück kehren. Ich schicke Ihnen das beyliegen-de Journal, nicht sowohl wegen des Artikels über die Schrift von Valery (obgleich auch // die-ser nicht ganz ohne Merkwürdigkeit ist), als wegen des letzten, furchtbaren, von Nodier. Die Wahrheit dieses Gemähldes hat mich tief ergriffen; und ich muß I h n e n gestehen, was ich wohl nicht leicht einem Andern gestehen würde, daß ich einige Züge desselben sogar in mir selbst wieder finde. Le besoin, de s e r é f u g i e r d a n s l e f o y e r d e l a v i e, et d'honorer d'une espèce de culte le signe des jouissances passagères, qui l e u r a d o u c i s - s e n t quelques jours encore l a p e r s p e c t i v e d e s o n t e r m e i n é v i t a b l e - ist mir nicht ganz fremde; denn die Hoffnung, in dieser Welt noch etwas Gutes zu stiften, ist verschwunden; und mit dem Glauben an eine andre sieht es übel genug aus. Ich fürchte sogar, daß Nodier das allgemeine Verderben deshalb so treffend schildert, weil auch Er sich // darein verwickelt fühlt; denn wo giebt es denn heute noch einen wahrhaft guten Kopf, der nicht am Skepticismus und an der Hoffnungslosigkeit litte ? Ich bin gewiß, daß Sie bey der Lectüre des Artikels mit mir sympatisiren werden. Ihr Projekt, nach abgethanem Geschäft, Rom und Neapel zu besuchen kan ich nicht anders als billigen, so herzlich ich auch wünschte, Sie bald wieder bey uns zu haben. Die Fürstin empfiehlt sich Ihnen. Sie hatte einige Anfälle vom Fieber, ist aber jetzt frey da-von. Die Fürstin Hohenzollern hat seit einiger Zeit zusehends abgenommen, und ihre Freunde sind in großer Angst über ihren Zustand, den sie selbst, obschon sie fortdauernd // ausgeht, für gefährlich zu halten scheint. Ich sehe sie, und ihre Schwestern, selten; wir sind aber, nach wie vor, auf dem zärtlichsten Fuße. Ich bitte Sie, mir das beyliegende Journal, mit Ihrem nächsten Briefe zurück zu senden, auch künftig, wenn Sie mir schreiben, die von mir empfangnen zu c i t i r e n; welches Sie bis-her unterlaßen haben, so daß ich nicht einmal weiß, ob sie Ihnen zugekommen sind. Leben Sie wohl, und bleiben Sie mir gut ! Sie haben keinen treuern Freund, als Ihren Gentz Fanny wollte diesem Briefe einige Zeilen hier beyfügen, // um Ihnen für Ihre schmeichel-haften Worte zu danken. Ich mag aber durch Hin- und Her-Schicken den Abgang meines Brie-fes nicht verzögern, und grüße Sie also in Ihrem Nahmen. H: HHStA, Wien. Nachlaß Prokesch-Osten, Karton 27, ; Bl. 31-40 x Bl., F: ; 18 ¼ eighd. beschr. Seiten. D: Prokesch-Osten: Briefwechsel mit Gentz und Metternich, II, 22-27 (tlw.).