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Gentz ; Pilat, Joseph Anton von
An Joseph Anton von Pilat, Salzburg, 2. September 1816, Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz. Neuerwerbungen, Schachtel 5, Nr. 2 1816

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3909
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Pilat, Joseph Anton von
LocationSalzburg
Date2. September 1816
Handwritten recordOberösterreichisches Landesarchiv, Linz. Neuerwerbungen, Schachtel 5, Nr. 2
Size/Extent of item4 Bl., F: 227mm x 186mm; 7 eighd. beschr. Seiten
Places of printGentz-Briefe an Pilat, I, 237-239 (tlw.)
IncipitFürs erste, Mein liebster Pilat, schicke ich
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Joseph Anton von Pilat Salzburg, 2. September 1816 Salzburg den 2ten September 1816. Fürs erste, Mein liebster Pilat, schicke ich Ihnen hier den Fouchéschen Brief zurück. Ich wundre mich nicht wenig, daß Sie Sich darüber geärgert haben; wenn ich Fouché so haßte, wie Sie ihn hassen (nicht daß ich ihn etwa l i e b t e !) so würde ich mich über diese Production sehr freuen; denn nur sein Feind hatte sie ihm eingeben können. Es sind einige gute und treffende Sachen darin; und darunter gehören gerade die m e i s t e n der - ich weiß nicht von wem - roth angestrichne Stellen. Aber alles, was ihn selbst angeht, ist von einer Ungeschicklichkeit, die oft an absolute Plattitüde gränzt. Es waltet durch das Ganze ein Mißgriff von so crasser Art, daß man erstaunen muß, wie ein so gewiegter Mensch ihn nicht fühlen und vermeiden konnte. Die Schrift bestätiget mir, was ich längst geglaubt hatte, daß Fouché weder ein Staatsmann, noch ein Weltmann, sondern, bey unleugbar großen Mitteln, doch // nur ein aufgeblasner Phantast ist. Zugleich ist sie, obgleich kurz genug, doch, durch Mangel an Ordnung und Klarheit, so weitschweifig und so ermüdend, daß mir vor den bevorstehenden Memoiren graut, wenn sie nicht ganz anders geschrieben sind. Eine gewisse Aehnlichkeit zwischen seiner, und Fievé's Manier, ist übrigens unverkennbar, obgleich der letztre e t w a s methodischer, und e t w a s gründlicher ist. Unwahr, geschraubt, diktatorisch, und theatralisch, sind sie beyde in gleichem Grade. Auch ist einer innerlich nicht mehr werth als der andre, wenn sie gleich ganz entgegen gesetzte Richtungen genommen haben. Ich bin nicht ganz gewiß, ob das Gedicht im Morning Chronicle von Lord Byron ist; einige Strophen tragen allerdings seinen Charakter; es scheint mir aber viel weniger gegen den E p i c u r e i s m u s, als gegen die H e r z 1 o s i g k e i t des Prinzen gerichtet zu seyn. In jedem Fall ist // es schauerhaft, daß so etwas gegen die erste Person im Lande öffentlich, und, leider, nicht ohne Grund gesagt werden darf. Schwarze, gewitterschwangre Wolken lagern sich von allen Seiten über England. Der Prozeß gegen die Polizey-Beamten, welche unschuldige Leute denunzirt haben, ist einer der fürchterlichsten, die mir je vorgekommen sind. Die Noth der arbeitenden Classen wird durch die Resultate der City Meeting nicht gehoben werden. Der Artikel im Wanderer ist auch nicht lieblich zu lesen. Wenn die Expedition gegen Alger (was doch immer möglich bleibt) fehlschlägt, so sehe ich dem Unheil kein Ende. Daß Schlegel in dem verdammten Deutschen Beobachter so gemißhandelt wird, thut mir wirklich recht leid. Ich glaube aber nicht, daß er <es> durch eine Amende honorable über die Luzinde vermieden hätte; Gegner von solcher Bosheit kehren sich an Vorreden pp nicht. Die Zügellosigkeit, die jetzt im ganzen Felde der politischen Litteratur // herrscht, bestärkt mich immer mehr in dem Vorsatz, ohne dringende Veranlaßung nicht wieder auf dieser Schandbühne zu erscheinen. Wenn ich je noch schreibe, so soll es sicher nur über Papiergeld, Banken, und ähnliche Gegenstände seyn, wo alle Persönlichkeit wegfällt. Mit Kirche und Staat will ich mich nie wieder öffentlich befassen. Dazu gehört, wie die Sachen jetzt stehen, mehr Muth, oder mehr Muthwille, als ich besitze. Meine eigne Ansicht von diesen Dingen war gewiß nie klarer als jetzt; das letzte Resultat derselben ist aber, daß alle Parteyen Unrecht haben; wie sollte ich nun Worte finden, um dies auszusprechen ? Professor Weissenbach lernte ich gleich bey meiner ersten Ankunft in Salzburg kennen. Er verrichtet bey dem Fürsten Schwartzenberg zu Aige die Geschäfte eines Dienstthuenden Kammerherrn, Hof-Poeten, Hof-Declamators pp führt die Fremden herum, ist ein Haupt-Patriot und Bayern-Feind, übrigens flach und schaal, doch nicht unbescheiden. Gerade gestern war ein Tag, wo sein d i c h t e r i s c h e s // Talent sich im höchsten Glanze zeigte; wie, werde ich Ihnen mündlich erzählen. Dieser Tag wäre [nicht] also zur Ausrichtung I h r e s Auftrages nicht sehr schicklich gewesen ! Ich erhalte so eben Ihr Schreiben vom 29ten. Ich bin völlig Ihrer Meynung, daß der Beobachter so interessant ist, als je, was auch Ihre Stockfische von Abonnenten davon halten mögen. Aber von meiner Seite setze ich hinzu, er hat, wie die öffentlichen Blätter dieser Zeit überhaupt, ein gewisses bittres und finstres Interesse; denn z.B. in den letzten vier Wochen, wo ich ihn mit mehr als gewöhnlicher Aufmerksamkeit gelesen habe, enthielt er auch n i c h t e i n e n e i n z i g e n A r t i k e 1, [der] <dessen Stoff und Gegenstand> einem vernünftigen Manne wahre Zufriedenheit gewähren könnte. Das ganze Gemählde der Zeit hat, für mich wenigstens, im Großen und im Kleinen, etwas so Widriges, daß ich mich über mich selbst wundre, wie ich einen Tag nach dem andern, zu diesem herben Trank zurückkehren kan ! Und doch habe ich die Englischen Zeitungen, // die nun erst die rechte Quintessenz geben, seit einem Monat nicht einmal gelesen. - Es versteht sich von selbst, daß ich Ihrer R e d a c t i o n volle Gerechtigkeit widerfahren laße. Ihr abermaliger Krieg mit der Allgemeinen Zeitung ist mir unangenehm; wie kan es jedoch anders seyn ? Das Feuer glimmt ja allenthalben unter der Asche, und m u ß von Zeit zu Zeit in Flammen aufschlagen, diese sogenannte Friedens-Epoche ist ein wahres bellum omnium contra omnes. Ich habe von Graf Stadion einen sehr interessanten Brief erhalten, woraus ich sehe, daß er meinen Meditationen aus Gastein [mit] seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt hat. Vergessen Sie nur nie, daß das große Problem der Theuerung nicht zum Ressort des Finanz-Ministers allein, ja sogar w e n i g e r zu diesem, als zu andern Ressorts gehört, und daß nicht allenthalben Stadions präsidiren ! Ihre Intention, mir entgegen zu kommen, freut mich, wie Sie wohl denken können, sehr. Ich werde mich nun in jedem Falle so // einrichten, daß ich Sonnabend Abend in St. Pölten ankomme. Mithin bin ich Sonntag bey guter Zeit, id est um Mittag in Burkersdorff. Sagen Sie dieses dem Fürsten. - Graf Stadion scheint meine Rückkehr sehr zu wünschen, und ich würde [mich] gewiß ein Paar Tage früher einzutreffen suchen, wenn ich nicht mit dem Fürsten Schwartzenberg eine Parthie verabredet hätte, der zu entsagen ich zu schwach bin. Ein oder zwey Tage können keinen großen Unterschied machen; und was [weiß] mir hier geboten wird, kömmt doch so bald nicht wieder. Mit geheimen Mißbehagen trenne ich mich von diesen schönen Ländern, als kehrte ich aus der freyen Luft in ein düstres Gefängniß zurück. "Die Welt ist schön überall, wo der M e n s c h nicht hinkömmt mit seiner Qual." Dies habe ich nie lebhafter gefühlt. Heute Abend werde ich vermuthlich noch etwas von Ihnen vom 30ten erhalten. (NB Die Wiener Zeitung vom 30ten ist jetzt -10 Uhr Vor-Mittag - schon hier !) Dann werde ich Ihnen noch ein Paar Worte schreiben, und [gegen] Morgen gegen Mittag Salzburg verlaßen. Das Wetter hat sich ziemlich aufgeklärt. Den heutigen Tag bringe ich in Aige zu. Leben Sie wohl, Theurer Freund ! Gentz H: Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz. Neuerwerbungen, Schachtel 5, No. 2. 4 Bl., F: 227mm x 186mm; 7 eighd. beschr. Seiten. D: Gentz-Briefe an Pilat, I, 237-239 (tlw.).