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Gentz ; Müller, Adam
An Adam Müller, Wien, 9. Januar 1805, Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Gentz-Nachlass Günter Herterich II, Nr. 15 1805

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3873
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Müller, Adam
LocationWien
Date9. Januar 1805
Handwritten recordUniversitäts- und Stadtbibliothek Köln. Gentz-Nachlass Günter Herterich II, Nr. 15
Size/Extent of item4 Bl., F: 229mm x 186mm; 7 ¾ eighd. beschr. Seiten
Places of printBriefwechsel Gentz-Müller, Nr. 17, 21-24; Baxa, Lebenszeugnisse, I, Nr. 89, 154-157
IncipitIhr Brief vom 28ten August
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Adam Müller Wien, 9. Januar 1805 Wien den 9ten Januar 1805. Ihr Brief vom 28ten August war eine der erschütterndsten, entzückendsten, und wundervollsten Erscheinungen, die seit langer Zeit vor meiner Seele aufgingen. Von Ihren Klagen verstehe ich zwar nichts, weiß allerdings kein Wort mehr von dem, was ich Ihnen aus Teplitz geschrieben haben soll, und kan nur so viel, aber das auch mit felsenfester Zuverläßigkeit behaupten, daß es mir nie eingefallen ist, nie eingefallen seyn k a n irgend etwas, das mir von Ihnen kam, mit Gleichgültigkeit, mit Leichtsinn, oder gar mit Geringschätzung abzufertigen. Wie es mit d i e s e r Sache eigentlich zusammenhängt überlaße ich künftiger Auflösung. Daß ich aber nicht verdiente, als ein von Ihnen losgerissner betrachtet zu werden, daß ich die Erinnerung an die großen und heiligen Stunden, die ich mit Ihnen verlebte, nie irgend einem Zauber der Gegenwart aufopferte, daß ich mir zu allen Zeiten der charakteristischen Größe und Einzigkeit meines Verhältnisses mit Ihnen, deutlich und lebendig bewußt war - das würde, wenn ich Zweifel daran gehabt hätte, nur schon durch den Eindruck, den Ihr letzter Brief auf mich // gemacht hat, bis zur höchsten Evidenz erwiesen seyn. Dieser Brief ist freilich von der Art, daß er mich ergriffen haben müßte, wenn auch Ihre (eben so willkührliche als grundlose) Voraussetzung richtig wäre. Dann aber würde er anders auf mich gewirkt haben, als jetzt der Fall war. Ich würde etwas einem Sprunge, einer Revoluzion ähnliches gefühlt, das schnelle Zurücktreten in einen mit der Gegenwart allmächtig contrastirenden Zustand würde mich beunruhigt und niedergeworfen haben. Nichts von dem allem geschah. Ich las Ihren wahrhaft bewundernswürdigen Brief, so wie ich ihn am Tage meiner Abreise von Dresden im Jahre 1802 gelesen haben würde. Die Ideen und Empfindungen, die er in mir erregte, schlossen sich sanft und natürlich an das, was in meiner Seele vorging, an; es war nichts befremdendes, nichts peinliches, nichts zerrissnes oder zerreissendes in diesem Moment; es schien mir mit einem Worte, als hätten Sie mir alles, was ich hier las, erst g e s t e r n in andern Wendungen gesagt; ein Umstand, der Respekt von Ihnen verdient, wenn // Sie erwägen, daß denn doch d e r g l e i c h e n Stücke, wie Ihr Brief, mir jetzt nicht häufig geboten werden. - Die Basis unsrer Verbindung betrachte ich also, als unverletzt, und vollkommen unverändert.Ob Sie mir gleich Ihre Schrift nicht zugeschickt hatten, so habe ich sie dennoch gelesen, und wieder gelesen, und mit möglichstem Fleiße studirt. Daß sie mich b e f r i e d i g t hätte, kan ich, ohne mich an Ihnen und der Wahrheit zu versündigen, nicht sagen. Es versteht sich von selbst, daß von einzelnen hellen, hohen, genialischen, zum Theil göttlichen Gedanken, u n t e r u n s in einem gründlichen Urteil nicht die Rede seyn kan. Denn, wäre Ihnen um Huldigung zu thun, so könnte ich leicht auf Ihre Schrift eine Lobrede schreiben, die doppelt so stark wäre, als Ihre Schrift. Wir gehen auf Totalität aus, und begnügen uns mit nichts geringerm. Und da muß ich Ihnen denn gestehen, daß in d i e s e r Rücksicht, mir jede Ihrer Unterredungen lieber war, als Ihr Buch. Wie, und warum es sich so verhielt, k a n ich Ihnen schriftlich schlechterdings nicht nachweisen, und bin fest entschlossen, es nie zu thun. Ueber diese Sache m u ß gesprochen werden. Ihre Schrift ist mir selbst der überzeugendste // Beweis davon. Wenn Sie, so wie ich, die Unmöglichkeit auf dem von Ihnen gewählten Wege Andre für Ihre Ansichten zu gewinnen (und das wollen Sie doch) gefühlt hätten, so hätten Sie nicht geschrieben, oder nicht s o geschrieben. Gott bewahre mich, zu behaupten, oder auch nur zu meynen, daß der Gegensatz mit Ihrer Schrift steht oder fällt. Ich leugne es Ihnen nicht daß ich Zweifel, und starke Zweifel wider den Gegensatz selbst nähre; ein neuer Beweis, daß ich Sie, und Ihre Werke, und Ihre großen Bestrebungen nicht aus den Augen verlor. Aber stände auch der Gegensatz in meiner Seele so fest, als er in der Ihrigen steht, mit Ihrer S c h r i f t wäre ich dennoch nicht einig. Ich bekenne Ihnen sogar, und sollte dies auch aufs neue Sie kränken, daß mir die fragmentarische Behandlung eines so großen Gegenstandes, die Sie Sich in dieser Schrift erlaubt haben, mehr als einmal den Zweifel, ob Sie jetzt (z. B. indem ich dies schreibe) auch wol noch Selbst über die gewählte Methode mit Sich zufrieden seyn mögten, erzeugt hat. Kurz tausend Ursachen für Eine (Ihr letzter Brief enthält deren wenigstens Drei) bestimmen mich, in eine schriftliche Verhandlung über diese schwere und wichtige Materie mich unter keiner Bedingung einzulaßen. // Wir müßen uns sehen und sprechen; und dies hängt ausschließend von Ihnen ab. Ist es Ihnen mit dem, was Sie mir in Ihrem Briefe sagten, wahrer, und besonders b e h a r r l i c h e r Ernst, so kommen Sie nach Wien. Sie sind frei, wie die Luft, sobald Sie wollen. Pekuniäre Schwierigkeiten können Ihnen nicht im Wege stehen; denn ich halte Sie in allem schadlos, ohne, wie Sie wißen, darauf auch nur mehr Werth zu legen, als etwa auf die Frage, wer, wenn wir an einem Orte wohnten, den andern am ersten besuchen sollte und der gleichen. Belohnt werden Sie für Ihre Reise gewiß; denn, wäre auch alles, was Sie sonst hier finden könnten (selbst Kurnatowski mit eingeschlossen, welches doch viel gesagt ist) in Ihren Augen von keinem großen Werthe, so darf ich es doch nach Ihren letzten Erklärungen, gegen Sie geltend machen, daß Sie m i c h wieder finden, und zwar so empfänglich, so lernbegierig, so unbefangen, so wahr, und so ächt, als ich nur je gewesen seyn mag. Gefällt Ihnen das Ding nicht, so reisen Sie (mit Kurnatowski !) im Frühjahr zurück, und sehen unterdessen einige der schönsten Natur-Gegenstände, die Ihnen nur je zu Augen kommen können. H i e r leben Sie so ruhig, wenn Sie wollen, als im tiefsten Südpreußen. // Was haben Sie für Einwürfe gegen d i e s e s Projekt ? Haben Sie etwa das Recht, Sich zu Schulden kommen zu laßen, was Sie mir in Ihrem Briefe, nicht ohne einige Bitterkeit, obschon ohne allen Grund, vorwerfen - nehmlich in den Schlingen gemeiner Gegenwart befaßt, die Vergangenheit und die Zukunft zu vergessen ? Sie können und sollen in Ihrer jetzigen Sphäre nicht fortleben; das werde ich Ihnen beweisen, wenn Sie (um Ihren alten Ausdruck zu brauchen) Sich mit mir e i n l a ß en wollen; gewännen Sie auch durch Ihre Reise nach Wien nur das, mit mir ein vernünftiges Wort über Ihre Lage und Bestimmung zu sprechen, so hätten Sie, nach meiner Meinung, viel gewonnen. Und für s o v i e l gewiß, als nötig ist, um Sie für eine Fahrt im Winter zu entschädigen, s t e h e i c h m i t L e i b u n d L e b e n. Erklären Sie Sich hierauf unverzüglich; fällt Ihre Erklärung bejahend aus, so werden Kurnatowski, und ich, das Unmöglich thun, um Ihnen die Ausführung auf alle Weise zu erleichtern und zu versüßen. Von meiner Sehnsucht, Sie auf einige Zeit zu besitzen, sage ich Ihnen nichts. Ich // will gar nicht interessirt bei dieser Sache erscheinen, ob ich gleich gestehe, daß ich es in einem nicht zu berechnenden Grade bin, und daß Ihre bejahende Antwort mir einen der frohsten Augenblicke verschaffen würde, die ich seit vielen Jahren gehabt haben mag. Der gegenwärtige Brief ist zu einfach, als daß ein Mißverständniß dabei auch nur möglich wäre. Verwerfen können Sie meinen Plan, aber meine Absicht verkennen, schlechterdings nicht. Zum Ueberfluß mag Kurnatowski Zeuge seyn, ob es mir mit dem hier ausgedrückten Wunsche ein Ernst ist, ob ich es verdiene, von Ihnen geliebt zu werden, und ob ich Ihrer Aufmerksamkeit noch werth bin. Das Andre wird die Zeit aufklären, wenn Sie Sich nur s t e l l e n wollen. Als dieser Brief eben geschlossen werden sollte, erschien Kurnatowski um mit mir zu Mittag zu essen. Wir freuten uns im Geiste auf die Zeit, wo Sie bei dergleichen Mahlzeiten u n s e r D r i t t e r seyn würden. Könnten Sie grausam genug seyn, um solche Hoffnungen zu Schanden werden zu laßen ? Gentz //Um allen Zeitverlust zu vermeiden, haben wir ausgerechnet, daß es offenbar das Beste seyn würde, wenn Sie sofort von Ihrem Wohn-Orte durch Schlesien nach D r e s d e n gingen. Dort werden Sie den Baron Buol völlig instruirt finden, Ihnen den zu Ihrer Reise nach Wien erforderlichen Paß zu geben. Wenden Sie Sich nur gleich an ihn; da Sie aber unmöglich die Reise ganz in einem Zuge machen können, so ruhen Sie einige Tage in Dresden aus, und melden Sie uns unterdessen Ihre dortige Ankunft und den Tag Ihrer Abreise, damit wir die gehörigen Maßregeln zu Ihrem Empfange treffen können. H: In Privatbesitz. 4 Bl., F: 229mm x 186mm; 7 ¾ eighd. beschr. Seiten. D: Gentz-Müller-Briefwechsel, Nr. 17, 21-24; Baxa, Lebenszeugnisse, I, Nr.89, 154-157.