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Gentz ; Pfeilschifter, Johann Baptist von
An Johann Baptist von Pfeilschifter, Wien, 15. August 1822, Wienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 6610 1822

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3577
Issuer of letter
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Addressee of letter
Pfeilschifter, Johann Baptist von
LocationWien
Date15. August 1822
Handwritten recordWienbibliothek im Rathaus, Wien. Handschriftenabteilung, Inv.-Nr. 6610
Size/Extent of item8 eighd. beschr. Seiten
IncipitEwr. Wohlgebohren gefälliges Schreiben vom 27ten v. M.
Type of letterBriefe von Gentz
Digital item: TextAn Johann Baptist von Pfeilschifter Wien, 15. August 1822 Wien den 15 August 1822. Ewr. Wohlgebohren gefälliges Schreiben vom 27ten v. M. ist mir zugleich mit dem ersten Heft Ihrer Zeitschrift zugekommen; die Broschüre über den Lovedayschen Vorgang hatte ich früher schon erhalten. Sie haben Ihre neue Laufbahn rühmlich begonnen. Bey der ersten Nachricht von der Erscheinung der Schrift über die Lovedaysche Sache war ich über die Wahl des Stoffes befremdet, und beynahe bestürzt. Ich konnte mir nicht erklären, wie Sie, nach so manchen früher geäußerten Besorgnissen und Skrupeln, den Feind gerade an der empfindlichsten Seite angreifen, und durch Behandlung einer religiösen Frage im katholischen Sinne (heute das g r ö ß t e aller Verbrechen in den Augen der Faction !) alle Ungewitter der Schmähung und Verfolgung auf einmal gegen sich herausfordern konnten. Ueberdies schien mir die Lovedaysche Sache nicht gerade in dem Kreise Ihrer Thätigkeit // zu liegen; sie war abgethan; sie war so ziemlich vergessen; über Loveday selbst waren so häßliche Data bekannt worden, daß Niemand sich mehr getraute, für ihn zu sprechen. Ich hatte wirklich Lust, Sie eines Mißgriffes zu beschuldigen. Sie haben aber durch die Schrift selbst alle meine Einwendungen geschlagen. Sobald Sie den Muth in Sich fühlten, s o l c h e Noten drucken zu laßen, war es edel, und ehrenvoll, und höchst verdienstlich, daß Sie es thaten. Ich kannte Sie von dieser Seite nicht; Sie sind mir jetzt von neuem schätzbar geworden, und haben mein Vertrauen auf immer gewonnen. Hier liegt die tiefste Wurzel der Krankheiten der Zeit. Die Ehrfurcht vor der Kirche - und es giebt nur eine, und k a n nur eine geben in der Christenheit - war das eigentliche Fundament aller unsrer politischen Institutionen; durch die Reformation sind sie alle erschüttert, durch die Freygeisterey unsrer Tage tödtlich untergraben worden. Die Sache der Religion gegen die Nattern-Brut, der sie aus guten Gründen ein Greuel ist, verfechten, betrachte ich als eins der ersten Verdienste, die ein Schriftsteller sich heute erwerben kan. Nicht jedem erlauben seine Verhältnisse, seine Stellung, sein Beruf, von dieser Seite wirksam auf<zu>treten; wer aber frey ist, wie Sie, von der Wahrheit erleuchtet wie Sie, und s o katholisch wie Sie, der erhebe // auch in diesen hohen und heiligen Fragen seine Stimme ! - Macte virtute tua ! Sie haben mit einer Unerschrockenheit und an vielen Stellen mit einer Beredsamkeit gesprochen, die mich alles von Ihnen erwarten läßt. Was könnten Sie jetzt noch scheuen, nachdem Sie den Kampf mit der Hölle auf diesem entscheidenden Punkte begonnen haben ? Das erste Heft des Staatsmannes ist ebenfalls von der glücklichsten Vorbedeutung. Ich bin durch die mir erzeigte Ehre, meinen Nahmen an der Spitze dieser Zeitschrift zu sehen, nicht bestochen. Was ich in frühern Zeiten, ja selbst in spätern geschrieben, habe ich theils unter der Mannichfaltigkeit und Größe der politischen Geschäfte, woran ich Theil genommen, theils durch eine sonderbare Organisation meines Kopfes und Gedächtnisses, durchaus vergessen. Die Worte, welche Sie reproduziren, waren mir so fremd geworden, als ob ein Andrer sie geschrieben hätte. Die Anwendbarkeit derselben auf unsern jetzigen Zustand, frappirte mich, ohne alle Rücksicht auf den Autor; und sie ist freylich durch Ihre höchst zweckmäßigen Zusätze viel evidenter geworden. Die Uebersetzung des Galianischen Memoirs, und Ihre Bemerkungen dazu, - Ihre äußerst wohlgelungne historische Skizze der Regierung des Pascha von Aegypten (die zehnmal mehr werth ist als Düvents etwas seichter Panegyrikus) - und die Miszellen, an denen ich nur tadle, daß sie v i e l zu k u r z // sind - das alles habe ich mit dem größten Interesse gelesen. - Nur eine einzige Nummer, zum Glück die unbedeutendste, kan ich weder loben, noch auch nur billigen. Wenn Sie einmal eine Uebersicht der Ministerien geben wollten, so mußten Sie ganz andre Quellen zu Rathe ziehen, als welche Sie gehabt zu haben scheinen. Denn die jetzt gegebne ist <nicht> nur höchst unvollständig, und unbefriedigend, sondern auch in allen [Ihre] ihren Rubriken uncorrect; sie verfehlt ganz ihren Zweck. Daß Sie Sich wegen eines so unreifen Artikels mit der Russischen Gesandschaft zu Frankfurt öffentlich überwerfen mußten, bedaure ich lebhaft, weil es eben so unnütz als unpolitisch war. Mich dünkt, wenn man mit so offnen und großartigen Waffen, gegen die Neckar-Zeitung, gegen Murhard, gegen Müllner, gegen alle Götzen der Zeit zu Felde zieht - hat man fürs erste der Feinde genug, und muß sich sehr hüten, noch solche zu gewinnen, denen es nie eingefallen wäre, Ihnen schaden zu wollen, und die Ihnen doch wirklich schaden können. Sie werden in diesen freymüthigen Bemerkungen nur einen neuen Beweis meiner wahren Achtung, und meiner herzlichen Theilnahme am Erfolg Ihrer Unternehmungen finden. Mein Urteil über Ihre beyden ersten Versuche habe ich dem Fürsten in seinem ganzen Umfange mitgetheilt, und bin so glücklich gewesen, <von> diesem // großen Staatsmann die vollkommenste Bestätigung desselben zu vernehmen. Ich weiß, daß Ihnen dies zur nicht geringen Befriedigung und Ermunterung gereichen wird; und ich hoffe auch, daß es Ihnen für die Zukunft, wenn Sie nur Selbst auf der nun betretnen Bahn standhaft und consequent fortschreiten, wesentlichen Nutzen bringen soll. Der Fürst hat sich überzeugt, daß das Projekt einer täglichen Zeitung, für Sie, und vielleicht auch für uns, mit so viel Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten verknüpft ist, daß es, wenigstens vor der Hand, besser seyn wird, es ruhen zu laßen. Eine Zeitschrift, wie der Staatsmann, wenn sie nur oft genug - das heißt, zum wenigsten einmal im Monat erscheint, <kan> eben so große Dienste leisten, als ein Tagesblatt; sie hat mit weit weniger äußern Hindernissen zu kämpfen; sie scheint mir auch der Richtung Ihres Geistes, und Ihren gesammten Verhältnissen weit angemessner zu seyn. Es soll Ihnen dabey, nach der Erklärung des Fürsten, an pecuniärer Unterstützung nicht fehlen; und Herr von Handel, der es übernommen hat, Ihnen gegenwärtigen Brief auf sichern Wegen zukommen zu laßen, wird Sie hoffentlich zu gleicher Zeit von dem, was dieserhalb vorläufig beschlossen worden, unterrichten. B e y t r ä g e sind freylich eine der Versprechungen, die man leicht giebt, und oft [xxx] schwer genug erfüllen // kan. Indessen zweifle ich nicht, daß, sobald nur Ihr Journal eine gewisse Consistenz erhalten hat, auch von dieser Seite manches dafür geschehen werde. Wäre es mir selbst noch möglich, schriftstellerische Arbeiten zu liefern, ich würde sicher keinen andern Gebrauch mehr davon machen, als sie Ihnen zu überlaßen. Und in jedem Falle werden Augenblicke kommen, wo wir [Sie] dieses Ihr Journal als ein brauchbares Archiv zur Niederlegung von Wahrheiten und Aktenstücken benutzen werden, für welche es gegenwärtig oft nicht leicht ist, eine schickliche Stelle zu finden. Ich empfehle Ihnen zunächst, und ganz vorzüglich die M u r 0h a r d s c h e n A n n a l e n, als eine wahre hohe Schule revoluzionären Frevels. Sie könnten Sich ein großes Verdienst erwerben, wenn Sie dies Journal recht ex professo zur Zielscheibe Ihrer Polemik wählten, und es, so zu sagen, auf jedem Schritt verfolgten. Lange habe ich nicht so schmerzhaft bedauert, daß es mir an Zeit gebricht, mich mit diesen platten Teufeln herum zu schlagen, als bey der Lectüre der beyden Lindnerschen Aufsätze über das Englische (sogenannte, vom Ministerium nie anerkannte) Ministerial-Pamphlet. Mit meiner genauen Kenntniß von allen // in diesen Aufsätzen verhandelten Gegenständen, wäre es mir ein leichtes, das Lindnersche Gewäsch zu p u l v e r i s i r e n. Es sollte nicht ein heiler Fetzen daran bleiben. Aber ich kan nicht. Vielleicht gelingt es Ihnen, durch die Kraft Ihres Raisonnements, Ihrer Logik, und Ihres Witzes, eben so weit zu kommen, als ich [es] durch den Vorteil, die Sachen zehnmal besser zu wissen, vermogt hätte. - Und, wenn Sie Sich an die größern Aufsätze (wie sehr ich es auch wünschte) nicht machen wollen, so schenken Sie doch d e n Miszellen eines Hirzel, eines Almendingen etc. Ihre Aufmerksamkeit. Welch ein Stoff zur endlichen, gründlichen Beurteilung des angebeteten Repräsentativ-Systems bieten nicht die neusten Vorfälle in Spanien, und mehr noch als diese die neusten Discussionen in Frankreich dar ! Wenn die gesammte Opposition täglich versichert, wenn ein Matador wie Royer Colard erklärt, "die M a j o r i t ä t der Kammer sey nichts mehr und nichts weniger als eine F a c t i o n" - was soll man von den constitutionellen Oppositionen - oder was von den Verfassungen denken ! Ich muß hier abbrechen, und hoffe bald zu erfahren, daß es mit Ihren fernern Planen gut steht. Auf s c h n e l l e n Succeß dürfen Sie nicht rechnen; Ihr Publicum ist an und für sich klein; und Legionen von // Feinden werden Sie auf jeden Schritt zurück zu halten suchen. Aber Sie sind des Beyfalls der Bessern gewiß; und wenn Sie mit uns leiden, werden Sie mit uns auch siegen; Sie aber erleben den Sieg. Mit wahrer Hochachtung Gentz. Mit dem Worte C i v i l i s a t i o n wird jetzt ein eckelhafter Mißbrauch getrieben. Der elende Pradt - ein Orakel unsrer Reformatoren - hat das Beyspiel gegeben. In einem Aufsatz von nicht voll drey Seiten im neusten Heft der Murhardschen Annalen (von Lindner über Rußland) kömmt das Wort wenigstens z w a n z i g m a l vor. Schon als Lächerlichkeit verdient das einige Rüge. H: Stadt und Landesbibliothek, Wien. Handschriftenabteilung, Inv. Nr. 6610. x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: bisher ungedruckt.