Diese Titel interessierten Sie bereits:

Gentz ; Pilat, Joseph Anton von
An Joseph Anton von Pilat, Gastein, 20. September 1826, HHStA, Wien. Nachlass Pilat, Bündel 1825-1829, Bl. 62-65v 1826

Gentz digital

Transkriptionsentwurf Günter Herterich

id3101
Briefaussteller
Mashup mit Wikipedia  
Gentz
Briefempfänger
Pilat, Joseph Anton von
AusstellungsortGastein
Datum20. September 1826
Handschriftl. ÜberlieferungHHStA, Wien. Nachlass Pilat, Bündel 1825-1829, Bl. 62-65v
Format/Umfang8 eighd. beschr. Seiten
DruckorteGentz-Briefe an Pilat, II, 218-221 (tlw.)
IncipitDiesen Morgen empfing ich Ihre
BrieftypBriefe von Gentz
Digitalisat: TextAn Joseph Anton von Pilat Gastein, 20. September 1826 Gastein den 20 September Diesen Morgen empfing ich Ihre Sendung vom 15ten <und 16ten> d., von verschiednen andern interessanten Briefen begleitet. Das dringendste ist, daß ich mein Gewissen von der schweren Schuld reinige, die ich aus einem bloßen Irrthum, durch mein letztes Schreiben an Sie auf mich geladen hatte. Die Worte Ihres Briefes lauteten so unbestimmt, daß ich sehr leicht glauben konnte, die beyliegende Abschrift sey die des für den nächsten Tag bestimmten A r t i k e l s; mit wahrem Leidwesen f ü r m i c h, aber zu großer Satisfaction f ü r S i e, finde ich nun, daß es die Abschrift des O t t e n f e l s i s c h e n B e r i c h t e s war. Es versteht sich von selbst, daß hiemit meine ganze Kritik zu Boden fällt, in so fern sie nehmlich I h n e n hätte gelten können; denn daß der B e r i c h t ein gar erbärmliches Produkt war, und in seiner eigenthümlichen Nacktheit den Beobachter verunzirt haben würde, darüber sind Sie gewiß mit // mir einig. Sie hingegen haben aus diesem Mist so viel gesunde Körner gezogen, als nur irgend von Ihnen verlangt werden konnte. An Ihrem Artikel wüßte ich nicht ein Wort zu tadeln; auch enthält er alles, was ich (immer in meiner f a l s c h e n H y p o t h e s e) darin vermißte. - Ihrem nächsten Artikel im Beobachter vom 16ten laße ich ebenfalls die vollkommenste Gerechtigkeit widerfahren. Sie haben mit lobenswerther Geschicklichkeit den Styl unsers A d m i r a l s zu verbessern, und seine Thaten, ohne den geringsten Schein von Prahlerey, in das vortheilhafteste Licht zu stellen gewußt. - Es bleibt mir nichts weiter übrig, als Sie wegen meiner grundlosen Bemerkungen um Verzeihung zu bitten, obgleich der Umstand mich tröstet, daß Sie u n f e h l b a r beym ersten Anblick dieser Bemerkungen den fatalen Irrthum, worauf sie beruhten, inne geworden seyn werden. - Von meiner Seite klage ich Sie an, daß Sie mich durch Ihre z u große Dienstfertigkeit und [Rüstigheit] Rüstigkeit, in dies häßliche Qui pro quo gestürzt haben. Wozu, in // aller Welt, theilten Sie <mir> den Schund des Internuncius mit, da ich ja wenige Tage nachher, aus Ihrer vernünftigen und zweckmäßigen Redaction vollkommen belehrt worden seyn würde ? Allerdings scheinen die letzten Tage meines hiesigen Aufenthaltes, den bisherigen u n s c h u l d i g e n Charakter desselben etwas alteriren zu wollen; denn gestern mußte ich hier ein Gewitter erleben, und heute früh bekomme ich Briefe voll drohender Neuigkeiten. Zum Glück bin ich durch eine vierwöchentliche Abwesenheit von Wien - durch 22 Gasteiner Bäder - und durch die Gemüthsruhe, in welche meine hiesige einsame Studien mich versetzt haben, zu sehr gestärkt, als daß ein Paar Blitze, oder eine Russische Note, oder ein Portugiesischer Courier, mich sonderlich erschüttern könnten. Der Gang der Unterhandlungen in Ackerman war mir nicht ganz unerwartet. Ich hatte einige Zeit vor meiner Abreise ein Schreiben von Bombelles erhalten, welches mich darauf vorbereitete. Da mir dieses Schreiben auf einem besondern Wege, und unter ganz besondern Cautelen zugekommen war, so konnte und wollte ich gegen Niemanden Gebrauch davon machen. Ich besorge indessen kein ernsthaftes Unheil. Die Türken // sind im Nachgeben nun schon so weit gegangen, daß sie auch noch ein Paar Pillen mehr verschlucken werden; und was könnten sie in ihrer dermaligen Lage andres thun ? Die Russen werden ihrer Seits die Dosis bis auf einen gewissen Grad mildern. Nur wenn sie f ö r m l i c h e A b t r e t u n g des Asiatischen Littorals verlangt hätten (was aber, nach m e i n e n Notizen nicht der Fall seyn wird) [hätten die] würde die Sache, allen friedlichen Constellationen zum Trotz, noch sehr böse werden können. Aus Lebzeltern's Schreiben, und aus zwey Briefen von Moskau schließe ich, daß ein Courier von letzterm Orte in Wien angekommen seyn mußte. (Wahrscheinlich einen der D r e y, welche der Fürst in Salzburg vorgefunden hat). Da ich von diesem Courier nichts wußte, Sie auch dessen gar nicht erwähnt haben, so ist mir Verschiednes in jenen Briefen noch einigermaßen dunkel geblieben. Ich sehe unterdessen daraus, daß die Krönung glücklich vollzogen, daß der Groß-Fürst Constantin dabey gegenwärtig war, daß Tatischeff zum Botschafter ernannt ist ppp. // Was die Portugiesische Frage betrift, so wird Ihnen nicht entgangen seyn, daß ich sie von Anfang an ausweichend und schnöde behandelte, und Discussionen darüber möglichst vermied. Dies hatte seinen Grund in der Ihnen längst bekannten Präponderanz meiner Practischen Ansichten über jede müßige Speculation. Ich kan mit Wahrheit sagen, daß ich am ersten Tage, in der ersten Stunde, wo ich von dieser Sache unterrichtet ward, das Schicksal derselben, in so fern die C a b i n e t t e darauf wirken würden, und wirken konnten, klar vorausgesehen, mich in keinem Punkte geirrt habe. Daß wir allein nichts dagegen ausrichten konnten, lag am Tage; was aber in London, in Paris, in Madrid, und endlich in Petersburg geschehen würde, hätte ich, gleichzeitig mit meinen pragmatischen Artikeln, niederschreiben wollen. Wie hätte ich nun unter solchen Umständen, Zeit und Worte an die Kritik eines elenden Machwerkes verschwenden mögen, welches zu hintertreiben ich nirgends ein Mittel entdeckte ? Dies, Mein Werthester Freund, war und ist m e i n Gesichtspunkt; daß die Crisis in Portugal, uns noch lange unterhalten und beschäftigen wird, glaube ich, wie Sie; wenn aber einmal // ganz Europa will, daß Don Pedros Fabricat bestehe, so w i r d es bestehen; und anlangend den Widerspruch des Don Miguel, so ist das eine Gewissens-Frage, worüber ich mich hier nicht aussprechen mag. Ich komme auf die gestrigen Blitze zurück, das Wetter war bis 4 Uhr Nach-Mittag unbeschreiblich schön; die Luft um einige Grade wärmer, als in den vorhergehenden Tagen, doch immer noch so, daß ich mit Wohlgefallen in der Sonne sitzen konnte; der Thermometer höchstens auf 17, keine Spur von Schwüle. Um 4 Uhr machte ich eine kurze Spatzierfahrt in der Richtung von Böckstein, nach den obern Wasserfällen, und bemerkte, daß plötzlich der Himmel sich von allen Seiten mit Wolken bedeckte. Eine Stunde nachher brach er aus. Das eigentliche Gewitter kam von Süd-Ost, und strich über die Thales-Oeffnung nach Westen und Nordwesten. Ich schätzte die Entfernung desselben auf ungefähr drey Stunden; dies hinderte aber nicht, den ganzen Zug desselben nebst vielen Blitzen und Schlägen deutlich zu verfolgen; und als es hinter die westliche // Berg-Kette gezogen war, donnerte es einige Mahle so stark, daß ich fast besorgte, es mögte bis zu uns herauf rücken. Dazu kam es aber nicht; bald nach 6 Uhr war alles vorüber; der Himmel klärte sich auch ziemlich wieder auf. Diesen Morgen lagen dünne Nebel lange über dem Thal; jetzt (um 2 Uhr) ist es wieder sehr schön; und obschon auf einer, in der Wahrheit mehr als 10 Stunden von hier entlegnen Bergkette, die aber das Thal im Süden zu schließen s c h e i n t, einige sehr verdächtige Gesellen ruhen, so denke ich doch, es wird mit dem gestrigen Besuch abgethan seyn. Abends um 6 Uhr Es ist alles ruhig geblieben. Unser guter Thermometer steht wieder auf 14, und wir hatten einen herrlichen Tag. Eckstein hat das Desideratum eines Etat major de l'intelligence et de la pensee - im f i g ü r l i c h e n Sinne genommen, mit Bezug auf eine feste Direction der öffentlichen Meynung. In diesem Sinne soll er es lange umsonst suchen. Sie wünschten eine p o s i t i v e Anstalt dieser Art; // und dann haben Sie Recht. Kein großer Monarchischer Staat, nahmentlich kein Departement der Auswärtigen Angelegenheiten sollte ohne ein solches Institut seyn. Der Fürst erzeigte mir eines Tages die Ehre, mich den Chef seines General-Stabes zu nennen; ich wünschte mir nie einen bessern Posten, noch einen würdigern Collegen dabey, als Sie. Aber z w e y Individuen bilden kein Institut; und dann, - ja, und dann - - caetera desunt ! Was Ekstein meynt, ist ein Unding; und er weiß es selbst recht gut, da er so häufige und bittre Klagen über die intellectuelle und moralische Anarchie des Zeitalters führt. Den wahren Schlüssel zu dieser Krankheit hat ein größrer als Eckstein (den ich übrigens sehr schätze) gegeben: Il y a trop de liberté, trop de mouvement, trop de volontés déchainées dans le monde. Grace à l'orgueil immense, qui s'est emparé de toutes les classes, tout homme veut se battre, juger, écrire, administrer, gouverner. L a m o i t i é d u m o n d e e s t e m p l o y é e à g o u v e r n e r l' a u t r e s a n s y r e u s s i r. Ich muß aufhören. Vielleicht schreibe ich Ihnen noch von Salzburg, wo ich Sonntag eintreffen will. Mein Wunsch und meine Hoffnung ist Freytag den 29ten zu Mittage in Wien zu seyn. Da ich mich jedoch, wie Sie wissen, in meinen Reise-Projekten nicht gern binde, so kündige ich auch dies nicht mit absoluter Bestimmheit an. Ich will, wenn das Wetter günstig ist, den kleinen Umweg über Kremsmünster und Freyer machen, weil ich diesen schönen Theil des Landes nie gesehen habe. - Der Fürst wird vermuthlich h e u t e in Wien ankommen. Vale te fave G. Wenn Sie Graf Lebzeltern begegnen, so sagen Sie ihm doch, ich wäre äußerst dankbar für sein öftres freundschaftliches Andenken, und seine Briefe, und freute mich zum Voraus ihn wieder in Wien zu finden. H: HHStA, Wien. Nachlaß Pilat, Bündel 1825-1829, Bl. 62-65v. x Bl., F: ; 8 eighd. beschr. Seiten. D: Gentz-Briefe an Pilat, II, 218-221 (tlw.).